Kelle – Teufelskanzel ist der Name eines Naturschutzgebiets im westlichen Eichsfeld in Thüringen. Es erstreckt sich an dem steilen Westabfall des Höhebergs, eines Höhenzugs des Unteren Werraberglandes an der Landesgrenze zu Hessen. Mit der Ausweisung zum Naturschutzgebiet im Jahr 1996 sollten die aus der ehemaligen Bewirtschaftung als Niederwald hervorgegangenen Waldgesellschaften geschützt werden. Sie gelten als reich strukturiert und naturnah und als ein wichtiges „Vernetzungselement“ im überregionalen Biotopverbund des „Grünen Bandes“. Die Zugehörigkeit als ein Flora-Fauna-Habitat-Gebiet und Teil eines EU-Vogelschutzgebiets in dem länderübergreifenden Netz von Schutzgebieten „Natura 2000“ sowie als Teil eines Landschaftsschutzgebiets zeigt die besondere Schutzwürdigkeit der Flächen unterhalb der Teufelskanzel.
Lage Das Naturschutzgebiet befindet sich innerhalb des Buntsandsteingebiets des Höhebergs, dessen Scholle im Übergangsbereich der Eichenberg-Saalfelder Störungszone in den Leinegraben emporgehoben wurde. Den höchsten Punkt bildet mit ein Bereich an der Junkerkuppe. Der tiefste Punkt mit liegt an der Werraschleife bei Lindewerra.Holm Wenzel, Werner Westhus, Frank Fritzlar, Rainer Haupt und Walter Hiekel: Die Naturschutzgebiete Thüringens. S. 448 f. An seine westliche Seite grenzt das hessische Naturschutzgebiet „Harthberg“ unmittelbar an. Administrativ gehört das Schutzgebiet zu den Gemarkungen der Gemeinden Lindewerra und Bornhagen der Verwaltungsgemeinschaft Hanstein-Rusteberg im thüringischen Landkreis Eichsfeld, innerhalb des Naturparks Eichsfeld-Hainich-Werratal.
Nach der naturräumlichen Gliederung Deutschlands des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg liegt das Schutzgebiet in der Untereinheit Höheberg (358.6). Dieser Bereich geht im Südwesten in die Lindewerra-Werleshäuser Schlingen (358.32) und im Süden in die Allendorfer Weitung (358.31) im Sooden-Allendorfer Werratal (358.3) über. Östlich grenzt die Fretteröder Keupersenke (358.7) an. Sie gehören alle als Einheiten des Unteren Werraberglands (358) zu der Haupteinheitengruppe des Osthessischen Berglands.Hans-Jürgen Klink: Blatt 112 Kassel. In: Naturräumliche Gliederung nach der Geographischen Landesaufnahme des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg. Das innerthüringische, nur landesweit einteilende System der Landesanstalt für Umwelt und Geologie ordnet die Gegend den Werrabergland-Hörselbergen (3.3) in der Landschaft Muschelkalk-Platten und -Bergländer zu.Die Naturräume Thüringens. In: Webseite des Thüringer Landesamtes für Landwirtschaft und Ländlichen Raum; abgerufen am 26. November 2022.
Das Schutzgebiet Kelle Das Kelletal ist eines von zwei Tälchen an den Steilhängen zur Werra. Es grenzt an das kleinere Lindewerratal. Beide Täler besitzen großes Gefälle und weisen Neigungen zwischen 18° und 36° auf. Ihre steilen Talflanken werden durch zahlreiche Dellen und Furchen gegliedert. An den oberen Hangkanten treten Felsklippen und durch Erosion geprägte Rippen auf. Das Kelletal ist anfangs ein Kerbtal, das in ein Kerbsohlental mit temporärem Wasserabfluss übergeht. Im unteren Abschnitt vertieft sich der Hauptbach zu einer bis acht Meter tiefen Schlucht. Der Höhenunterschied beträgt zwischen dem höchsten Punkt an der Junkerkuppe und dem tiefsten Punkt am Talausgang, auf einer Distanz von nur 1400 Metern, etwa 365 Meter. Beim Lindewerratal sind es 210 Meter. Als bemerkenswert angesehen wird das hochgelegene Quellgebiet der Kelle, bei dem am Steilhang aus den plattigen Sandsteinen Quellen austreten, deren Wasser kaskadenartig zu Tale stürzt.
Teufelskanzel mini|Trockenwald auf Buntsandstein im Bereich der Teufelskanzel Die auf einer Höhe von rund liegende Teufelskanzel und die sie umgebenden unterschiedlich großen Einzelfelsen bilden als Härtlinge die rund fünfundzwanzig Meter hohe, fast senkrecht abfallende Hangkante des Höhebergs zum Werratal. Sie bestehen aus Schichten des Mittleren Buntsandsteins und rotbraunem bis graubraunem Mittelsandstein.Von Lindewerra auf die Teufelskanzel und zu Aufschlüssen am Werra-Ufer. In: Adalbert Schraft: GeoTouren in Hessen - Geologische Streifzüge durch die schönsten Regionen Hessens. S. 608 f.
In der an Märchen und Sagen reichen Regionen des Eichsfeldes und Nordhessens hat alter Volksglaube den Buntsandsteinfelsen mit dem Hauptgott der germanischen Mythologie, Odin und seinen Walküren in Verbindung gebracht. Später wurde er als Teufelswerk angesehen: „Der Teufel rühmte sich einst auf einer Hexenvolksversammlung auf dem Brocken seiner großen Kräfte. Nach seiner Rede fragten einige, ob er auch einen so großen Felsblock wie seine Kanzel auf den Meißner in Hessen tragen könne, ohne sich auch nur ein einziges Mal auszuruhen. Der Teufel meinte, das sei ihm ein leichtes, packte den Block auf und zog los. Der Weg war aber sehr anstrengend und den Teufel ärgerte es nun dem Volkswillen Rechnung getragen zu haben. Als er in die Nähe der Burg Hanstein kam, war es dort so still und menschenleer, dass er dachte, hier sieht dich niemand, hier kannst du ausruhen. Die Ruhe dauerte aber nicht lange, eine Hexe kam auf ihrem Besenstiel vom Blocksberg und sah den Teufel liegen. Erschrocken und zornig zugleich, sich auf diese Weise ertappt zu sehen, fuhr er in die Luft ohne sich weiter um den Felsen zu kümmern.“ Ludwig Bechstein hat in seinem, im Jahr 1853 erschienenen Deutschem Sagenbuch das Märchen von der Entstehung der Teufelskanzel nacherzählt.Des Teufels Kanzel aus Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853. In: SAGEN.at, der deutschsprachigen Sagensammlung im Internet; abgerufen am 30. August 2021.
Die Teufelskanzel ist ein beliebter Aussichtspunkt der einen Blick zur hufeisenförmigen Werraschleife mit den Dörfern Lindewerra und Oberrieden und in das hessische Bergland bietet. Theodor Storm, der in den Jahren 1856 bis 1864 eine Anstellung als Richter am Kreisgericht im eichsfeldischen Heiligenstadt, das damals zu Preußen gehörte, erhalten hatte, soll die Teufelskanzel mehrmals besucht haben und vom Blick in das Tal der Werra so begeistert gewesen sein, dass er in seiner 1867 erschienenen Novelle „Eine Malerarbeit“ davon schwärmte: „Sie war nicht unbefugt, diesen Namen zu führen; lotrecht schoss der Fels über hundert Klafter in die Tiefe, wo sich unten im Sonnenglanz die lachendste Landschaft ausbreitete. Durch grüne Wiesen, an Dörfern und Wäldern vorbei, floss in vielen Krümmungen ein glänzender Strom, dessen Rauschen in der Mittagsstille zu uns heraufklang, und drüber her, in gleicher Höhe mit uns, standen die Lerchen flügelschlagend in der Luft und mischten ihren Gesang in die Musik der Wellen. Wer dessen noch fähig war, der musste hier von Lebens- und Liebeslust bestürmt werden.“Theodor Storm: Eine Malerarbeit. In: Sämtliche Werke. Dritter Band. Novellen. Insel-Verlag zu Leipzig. 1919. Auf der Webseite Projekt Gutenberg-DE; abgerufen am 30. August 2021.
Natur mini|Streuobstwiese am Fuß des Höhebergs Zu dem geschützten Bereich gehören das Laubwaldgebiet an den zerklüfteten Steilhängen mit Silikatfelsen und vorgelagerten Schotterhalden, trockene Heiden sowie die Streuobstwiesen, die sich entlang des Westrandes erstrecken.
Wälder Vor allem die, aus der historischen Nutzungsform als Niederwald hervorgegangenen Laubwälder, prägen das Schutzgebiet. Die Niederwälder um Lindewerra wurden seit den 1830er Jahren durch das im Ort ansässige Stockmachergewerbe genutzt. Sie dienten teilweise auch als Eichenschälwald zur Gewinnung von Gerberlohe für die Lederproduktion im nahen Eschwege. Wie in den vielen anderen Wäldern des Werratals auch, wurden die Triebe der Eichen etwa alle zehn bis zwanzig Jahre kurz über der Wurzel gekappt und entrindet. Die Bäume trieben wieder neu aus und bildeten so den vielstämmigen Niederwald. Die geschälten Stämmchen konnten zu Spazierstöcken weiterverarbeitet werden, ein Handwerkszweig der in Lindewerra bis in die Gegenwart überlebt hat. In dem als das „Stockmacherdorf Deutschlands“ weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Lindewerra entwickelte sich das Stockmacherhandwerk bis in die vierziger Jahre zu einem blühenden Gewerbe, so dass es bald keine Familie im Ort gab, die nicht wenigstens teilweise mit dem Stockmachen beschäftigt war.
Auf den, durch die ehemalige Bewirtschaftung beeinflussten Teilen, wachsen heute meistens Labkraut-Eichen-Hainbuchenwälder. Dieser Waldtyp erhielt seinen Namen von den charakteristischen Baumarten Traubeneiche, Stieleiche und Hainbuche sowie von dem in der Krautschicht vorkommenden Wald-Labkraut. Bereiche, die durch die frühere Nutzung weniger geformt wurden, werden von dem Hainsimsen-Buchenwald, mit der Rotbuche als dominierender Baumart eingenommen. Im Schutzgebiet besitzt er den größten Flächenanteil. An steilen, felsigen Hängen mit groben Untergrund hat sich ein Spitzahorn-Sommerlinden-Hangschuttwald ausgebildet und in den Bachtälern wächst auf feuchtem Boden der Hainmieren-Erlen-Bachwald. Entlang der Waldränder erstrecken sich Streuobstwiesen.
Flora mini|Roter Fingerhut auf einer kleinen Lichtung am Höheberg Bei den Untersuchungen Anfang der 1990er Jahre für das Schutzwürdigkeitsgutachten zum geplanten Naturschutzgebiet, konnten über zweihundert Pflanzen nachgewiesen werden, unter ihnen Stattliches Knabenkraut, Gift-Lattich und Spießblättriges Tännelkraut. Aus naturschutzfachlicher Sicht wird das Vorkommen des Prächtigen Dünnfarns als wertgebend angesehen. Das polsterbildende Hautfarngewächs galt bereits als ausgestorben, bevor es wiederentdeckt wurde. Die streng geschützte immergrüne Art vermehrt sich in Deutschland nur vegetativ und ist vermutlich ein Relikt früherer Wärmeperioden. Im Schutzgebiet wurden Dauerstadien der Gametophyten als grüne, watteartige Überzüge in engen Spalten von Sandsteinfelsen gefunden.
Fauna Das Naturschutzgebiet ist der Lebensraum der Wildkatze. Sie braucht, wie einige andere der hier lebenden Tierarten auch, als Lebensstätte die Strukturen alter Wälder mit Bäumen in allen Alterungs- und Zerfallsphasen, die einen hohen Anteil von stehendem und liegendem Totholz sowie von Höhlenbäumen besitzen. Zu den sogenannten wertgebenden Arten mit großen Raumansprüchen gehören die im Anhang I der Vogelschutzrichtlinie gelisteten und als besonders schutzbedürftig geltenden Arten Schwarz-, Mittel-, und Grauspecht, Zwergschnäpper, Raufußkauz, Eisvogel, Uhu, Schwarzstorch, Wanderfalke, Neuntöter, Rotmilan und Wespenbussard sowie Baumfalke, Waldschnepfe und Wendehals, die als Zugvogelarten nach Artikel 4 Abs. 2 der Vogelschutzlinie ebenfalls unter besonderem Schutz stehen. Sie sind Vögel, die aufgrund geringer Bestände, kleiner Verbreitungsgebiete oder wegen ihrer speziellen Habitatsansprüche als vom Aussterben bedroht angesehen werden.Fachbeitrag Wald zum Managementplan für die Natura 2000-Gebiete FFH-Gebiet „NSG Kelle - Teufelskanzel“ und einer Teilfläche vom EG-Vogelschutzgebiet „Werrabergland südwestlich Uder“ vom Juli 2014, S. 15 f.
Unterschutzstellung Naturschutzgebiet mini|Blick von Lindewerra auf das „Grüne Band“ zwischen den Schutzgebieten „Hardtberg“ (links) und „Kelle-Teufelskanzel“ (rechts) Nach einer einstweiligen Sicherstellung, in den Jahren von 1990 bis 1995, wurde mit Verordnung vom 12. April 1996 des Thüringer Landesverwaltungsamtes in Weimar der Bereich unterhalb der Teufelskanzel zum Naturschutzgebiet erklärt.Thüringer Verordnung über das Naturschutzgebiet „Kelle-Teufelskanzel“ vom 12. April 1996. In: Thüringer Staatsanzeiger, Ausgabe: Nr. 17/1996 vom 29. April 1996, S. 927–929. Der geschützte Bereich besitzt eine Größe von 200,2 Hektar, hat die thüringeninterne Kennung 194 und den WDPA-Code 164048.„Kelle-Teufelskanzel“. In: Weltdatenbank zu Schutzgebieten; abgerufen am 30. August 2021. Mit der Ausweisung sollten die Laubwälder, Felsenbereiche und Streuobstwiesen mit ihren artenreichen Lebensgemeinschaften erhalten und nachhaltig gesichert werden.
FFH-Gebiet