mini|Mettlacher Staurothek, Vorderseite, aufgeklappter Zustand mini|St. Lutwinus (Mettlach), Ausstellungsnische der Mettlacher Staurothek (geöffneter Zustand), links der heilige Lutwinus (Mettlacher Klostergründer), rechts der heilige Dionysius von Paris (Patron der ersten Mettlacher Kirche), Gemälde der Innenseite der Türen von Franz Michael Ronge (Regensburg bzw. München), Holzschnitzereien von der Bildhauerwerkstatt Mettler in Morbach im Stil der Neoromanik mit Anklängen an das Art déco, 1924 mini|Ausstellungsnische der Mettlacher Staurothek, geschlossener Zustand, links der legendarische Adler, der den heilige Lutwinus zur Mettlacher Klostergründung bewegt haben soll, rechts das Martyriumsschwert des heiligen Dionysius von Paris und sein Siegespalmzweig, Der Text „Die Leiber der Heiligen wurden im Frieden begraben und ihr Name lebt von Geschlecht zu Geschlecht“ bezieht sich auf das Buch Jesus Sirach (), Ornamentschnitzereien im Stil des Art déco, Holzschnitzereien der Außenseite der Türen von der Bildhauerwerkstatt Mettler, 1924 mini|Katholische Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Lutwinus in Mettlach, Ausstellungsort der Staurothek Eine Staurothek (von „Kreuz“ und „Behälter, Kiste“) ist ein Behälter, in dem Teile vom Kreuz Christi aufbewahrt werden. Die Mettlacher Staurothek entstand um das Jahr 1228 in Trier; sie ist 38 cm hoch und in geöffnetem Zustand 58 cm breit. In geschlossenem Zustand misst die Breite 29 cm. Der Kern dieses Reliquiars besteht aus Holz. Die Umhüllung ist getriebenes und feuervergoldetes Silber mit gegossenen Teilen. Andere Teile sind aus getriebenem, gegossenem, ziseliertem, gravierten und vergoldetem Kupfer. Die mittlere Tafel ist mit Grubenschmelztechnik und Filigranarbeit sowie Steinschmuck und Perlen verziert. Die Staurothek gehörte der im 7. Jahrhundert durch den heiligen Lutwinus gegründeten Abtei Mettlach und befindet sich heute in der Lutwinuskirche in Mettlach an der Saar.

Die Mettlacher Staurothek zählt zu den herausragendsten Goldschmiedearbeiten ihrer Zeit.Clemens Jöckle: Kath. Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Lutwinus Mettlach, Regensburg 2004, S. 31–34. Sie ist ein besonderes Beispiel für die intensive Reliquienfrömmigkeit des Mittelalters und auch dessen Kunstfertigkeit. Einer umfangreichen Reliquienansammlung, wie sie die Mettlacher Staurothek bot, wurde höchste Heilswirksamkeit zugesprochen. Mit der Aufbewahrung der kostbaren Reliquien sollte darüber hinaus auch der innere Zusammenhang zwischen der „Gemeinschaft der Heiligen“ und der irdischen Kirche versinnbildlicht werden. Bildübergreifendes Thema der Mettlacher Staurothek ist ein theologischer Spannungsbogen von der Verkündigung des göttlichen Kindes, über dessen Präsentation vor den Weisen dieser Welt sowie die Erlösung des Kosmos durch Jesu Kreuzestod bis hin zur universalen Herrschaft Christi und seiner Heiligen in einer Endzeit, die bereits angebrochen ist und somit Heil für jeden frommen Betrachter der Mettlacher Staurothek ermöglicht. Die besondere ikonographische Einbindung der Mettlacher und Trierer Schutzpatrone Lutwinus, Dionysius von Paris, Petrus sowie der Gottesmutter Maria unterstreicht die Bedeutung des Klosters Mettlach und des (Erz-)Bistums Trier im göttlichen Heilsplan. Die dargestellten frommen Stifter und Gönner des Klosters und deren lokale Stiftungen werden innerhalb der Ikonographie der Staurothek der besonderen Fürsprache der Heiligen empfohlen.

Geschichte Ein nicht näher bekannter Peter von Merzig soll im Jahr 1212 die Partikel von der Kreuzreliquie der heiligen Helena nach Mettlach gebracht haben. Die byzantinisch beeinflusste Arbeit stammt aus der Zeit des auf der Rückseite eingravierten Mettlacher Abtes Johannes (1220–1228) und wurde vermutlich in einer Goldschmiedewerkstatt aus dem Kreis der Schüler des Nikolaus von Verdun in Trier gefertigt.Die Zeit der Staufer, Geschichte – Kunst – Kultur, Katalog der Ausstellung im Württembergischen Landesmuseum, Stuttgart 1977, Band I (Katalog), hrsg. von Reiner Hausherr, 6. verbesserte Auflage, Stuttgart 1977, S. 431–432.Clemens Jöckle: Kath. Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Lutwinus Mettlach, Regensburg 2004, S. 31–34.

Beschreibung Vorbild mini|Limburger Staurothek (ohne Deckel) Das Reliquiar ist in der Form eines Triptychons gestaltet. Es gleicht mit geschlossenen Flügeln einer flachen Lade. Ursprünglich konnte es, wie die Reste einer Aufhängevorrichtung an der Oberkante der Mitteltafel zeigen, an der Wand aufgehängt werden. Die Mitteltafel der Mettlacher Staurothek orientiert sich in ihrer Gestaltung stark an der sogenannten Limburger Staurothek, einem um das Jahr 964 in Byzanz entstandenen kaiserlichen Kreuzreliquiar, das sich ursprünglich neben anderen zentralen christlichen Reliquien der Passion Christi in der kaiserlichen Pharos-Palastkapelle im Großen Palast Konstantinopels befand. Als Ergebnis der Eroberung und Plünderung Konstantinopels im Jahr 1204 während des Vierten Kreuzzuges brachte der Ritter Heinrich von Ulmen (ca. 1175–1234) unter vielen anderen Stücken auch die Limburger Staurothek nach Deutschland. Als seine Stiftung kam das Reliquiar in das Augustinerinnenkloster Stuben bei Bremm an der Mosel. Nach der Auflösung des Klosters im Jahr 1802 im Rahmen der Säkularisation wurde es auf die Festung Ehrenbreitstein bei Koblenz gebracht, von wo es in Besitz des Herzogs Wilhelm von Nassau gelangte. Dieser schenkte es im Jahre 1835 dem Bistum Limburg. Das Reliquiar wird heute im Diözesanmuseum in Limburg an der Lahn aufbewahrt. Die Limburger Staurothek wurde Vorbild von mehreren Kreuzreliquiaren, von denen sich die Mettlacher Staurothek am engsten anschließt.Die Zeit der Staufer, Geschichte – Kunst – Kultur, Katalog der Ausstellung im Württembergischen Landesmuseum, Stuttgart 1977, Band I (Katalog), hrsg. von Reiner Hausherr, 6. verbesserte Auflage, Stuttgart 1977, S. 431–432.Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler – Rheinland-Pfalz / Saarland, bearbeitet von Hans Caspary, Wolfgang Götz und Ekkart Klinge, München/Berlin 1972, S. 574.

Mitteltafel Vorderseite Wie im Limburger Vorbild ist auch in Mettlach ein herausnehmbares Doppelkreuz (Patriarchenkreuz) in eine Reliquientafel eingelassen. Das Kreuz ist an der Vorderseite sehr reich mit Filigran und Edelsteinen in Cabochon-Schliff und geschlossener Fassung verziert. Vermutlich war die Kreuzreliquie ursprünglich für den Betrachter sichtbar. Um das Jahr 1400 wurde sie durch ein aus Silber gegossenes gotisches Kruzifix überdeckt. Das Patriarchenkreuz ist mit 83 Perlen und Edelsteinen geschmückt, der Rahmen der Mitteltafel weist 50 Edelsteine auf. Insgesamt ist die Staurothek mit 133 Perlen und Edelsteine besetzt. An Edelsteinen wurden verarbeitet: Amethyst, Mondstein, Citrin, Bergkristall (teilweise mit farbigem Material unterlegt), Almandin (Granat), Türkis, Koralle sowie Chrysopras.

Die Kreuzreliquie ist von zwanzig kleinen Reliquienkammern mit aufklappbaren, einfach umrahmten Deckeln aus Grubenschmelz umgeben. Die mit Ringöffnungen versehenen Deckel zeigen gravierte Darstellungen von Figuren, die einzeln beschriftet wurden. Jede Figur ist in ausgespartem Metall auf blauem, weiß gerandetem Schmelzgrund graviert; die Innenzeichnung ist nicht ausgeschmolzen. Die Namen sind in senkrechter und waagrechter Buchstabenfolge beigefügt. Die Darstellungen nehmen nicht unbedingt auf den ehemaligen Reliquieninhalt Bezug.Clemens Jöckle: Kath. Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Lutwinus Mettlach, Regensburg 2004, S. 31–34.

Unten sieht man in Gold vor blauem Hintergrund die zwölf Apostel Simon Petrus, Andreas, Jakobus den Älteren, Johannes, Philippus, Bartholomäus, Thomas, Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, Thaddäus, Simon Kananäus und Matthias mit den Hinrichtungswerkzeugen ihres Martyriums.

Über dem größeren Kreuzarm schwingen zwei kniende Engel Weihrauchfässer. Über den kurzen Kreuzarmen erscheinen die Halbfiguren der Allegorien der Sonne (links „Sol“ als emporschauender Jüngling mit einem Flammenbündel) und des Mondes (rechts „Luna“ als sich verhüllende Jungfrau, die die Mondsichel mit verdeckten Händen trägt). Links oben sind die Jungfrau Maria und unter ihr Johannes der Täufer mit dem Lamm Gottes dargestellt. Rechts oben befinden sich Darstellungen der heiligen Agatha von Catania und darunter des ursprünglichen Mettlacher Kirchenpatrons Dionysius von Paris. Gerahmt wird die Tafel durch eine zweifach abgestufte Leiste aus gestanztem Blech mit Filigranarbeit und Edelsteinen. Die Zierleisten weisen ein Palmettenornament auf.

Die Reliquienkästchen sind heute leer, auch die ursprüngliche Kreuzreliquie fehlt. Sie wurde zu einem unbekannten Datum entwendet. Eventuell sind die ursprünglichen Inhalte der Reliquienkästchen aktuell in den beiden spätgotischen Mettlacher Armreliquiaren enthalten.Roman Koll: Mettlach in seinen Heiligtümern aus alter und neuer Zeit, 2., erweiterte Auflage der Ausgabe von 1923, Mettlach 1948, S. 23–24. Der Mettlacher Pfarrer Roman Koll ergänzte in den 1950er Jahren einen Kreuzespartikel als Reliquie, den er zuvor in Metz als Geschenk erhalten hatte. Im unteren Teil des Kreuzes fertigte man dazu eine kleine Kapsel für die neue Kreuzreliquie an. Bei der Restaurierung durch die beiden Trierer Goldschmiede Kerstin Biesdorf und Hans Alof im Jahr 2004 wurde eine neue kleine Kapsel in Kreuzform für die Kreuzreliquie angefertigt und angebracht. Die Kreuzesholzreliquie wurde in die Kapsel eingelegt, versiegelt und wieder in die Staurothek eingesetzt. Damit befindet sich aktuell wieder eine Kreuzesreliquie in der Staurothek; allerdings wesentlich kleiner als die ursprüngliche im Mittelalter eingelegte Reliquie.

Rückseite Die Rückseite der Mitteltafel, eine vergoldete Kupferplatte, ist in Gravurtechnik gestaltet. Der Goldschmied hat dem kleineren Maßstab entsprechend auf das Ausstechen und Schraffieren des Grundes verzichtet, wodurch die Wirkung der Zeichnung etwas flacher erscheint. Der Faltenwurf ist sorgfältig gezeichnet und die Gesichter sind ausdrucksvoll durchbildet.

Im Zentrum ist Christus als Pantokrator auf dem himmlischen Thron dargestellt (Majestas Domini). Während er mit der Rechten segnet, hält seine Linke eine stilisierte Darstellung des Kosmos. Christi Kreuznimbus, das Symbol seiner Heiligkeit und seines Opfertodes, flankieren die apokalyptischen Buchstaben Alpha und Omega, der erste und der letzte Buchstabe des klassischen griechischen Alphabets. Sie sind ein Symbol für Anfang und Ende, damit für das Umfassende, insbesondere für Christus als den Ersten und Letzten. Langes Haupthaar und Vollbart umrahmen ein ernstes Gesicht, das auf den Betrachter gerichtet ist. Mit Untergewand und Toga wird die Kleidung eines Herrschers zitiert. Umgeben wird die Darstellung Christi durch einen schlichten Quadratrahmen, der die himmlische Sphäre andeutet.

In einem abgeteilten Feld zu Christi Füßen sieht man zwei Kleriker, die gemeinsam ein Patriarchenkreuz emporheben und es damit dem Weltenherrscher symbolisch darbringen. Im Quadratrahmen sind die beiden Geistlichen inschriftlich als Benedict(us) Custos und Wilhelm(us) Cler(icus) bezeichnet. Man darf vermuten, dass es sich hierbei um die beiden Stifter der Kreuzreliquie und des dazugehörigen Reliquiars handelt. Der Custos und Prior Benedictus wird unter dem Mettlacher Abt Johannes I. in einer Urkunde des Jahres 1488 für das Jahr 1220 genannt.