Kirchengliedschaft ist ein Ausdruck des Kirchenrechts bzw. der Theologie der christlichen Kirchen auf Grund ihres Selbstverständnisses. Die Kirche wird in Anlehnung an Paulus als Leib Christi aufgefasst und als (auch/im Kern/nur) übernatürliches Phänomen. Der Ausdruck Kirchengliedschaft bezeichnet die Zugehörigkeit zur „Kirche Jesu Christi“. Die einzelnen christlichen Konfessionen setzen unterschiedliche Akzente.
Kirchengliedschaft und Kirchenmitgliedschaft Der Ausdruck Kirchengliedschaft ist aus der Binnensicht der christlichen Kirchen von dem Begriff der Kirchenmitgliedschaft oder Kirchenzugehörigkeit zu unterscheiden.
Evangelische Perspektive Nach evangelischem Verständnis ist die Kirchengliedschaft „die auf die Taufe gegründete Zugehörigkeit zur Kirche Jesu Christi im Sinne der einen wahren Kirche des dritten Glaubensartikels“.Heinrich de Wall, Stefan Muckel: Kirchenrecht. 5. Auflage. C. H. Beck, München, 2017, ISBN 978-3-406-66168-6, § 26 Rn. 1 Als „geistliche Beziehung“ sei sie einer rechtlichen Regelung nicht zugänglich. Die Mitgliedschaft sei hingegen „die Zugehörigkeit zu einem konkreten, rechtlich organisiertem Kirchenwesen, etwa einer Deutschen Evangelischen Landeskirche.“Heinrich de Wall, Stefan Muckel: Kirchenrecht. 5. Auflage. C. H. Beck, München, 2017, ISBN 978-3-406-66168-6, § 26 Rn. 1
Katholische Sicht Auch in katholischer Sicht bezeichnet die Kirchengliedschaft die „Eingliederung in die Kirche Jesu Christi“.Heinrich J. F. Reinhardt: Kirchengliedschaft. In: Stephan Haering, Heribert Schmitz: Lexikon des Kirchenrechts. Freiburg i. Br., Herder, 2004, ISBN 3-451-28522-3, Sp. 508. Der Ausdruck „Kirchengliedschaft“ wird dem Ausdruck „Kirchenmitgliedschaft“ vorgezogen, um zu vermeiden, dass die (katholische) Kirche nach dem Modell eines Vereins verstanden wird.Ludger Müller, Christoph Ohly: Katholisches Kirchenrecht. Ein Studienbuch. Paderborn. Schöningh 2018 (UTB; Nr. 4307), ISBN 978-3-8385-4307-9, S. 233 Fn. 36
Gleichwohl wird auch im katholischen Kirchenrecht schlicht von Kirchenzugehörigkeit gesprochen.Rüdiger Althaus: Zugehörigkeit zur Kirche. in: Stephan Haering, Wilhelm Rees, Heribert Schmitz (Hrsg.): Handbuch des katholischen Kirchenrechts. 3. Auflage. Pustet, Regensburg 2015, ISBN 978-3-7917-2723-3, S. 268–288: "Zugehörigkeit zur Kirche"
Römisch-katholische Kirche Die Auffassung der römisch-katholischen Kirche zur Kirchengliedschaft hat sich durch das Zweite Vatikanische Konzil gewandelt.
Vorkonziliare Ekklesiologie In der vorkonziliaren katholischen Kirchenlehre (Ekklesiologie) wurde die „Kirche Jesu Christi“ mit der „Katholischen Kirche“ gleichgesetzt („est“). Dies hatte zur Folge, dass getaufte nichtkatholische Christen nicht der Kirche Jesu Christi angehörten. Bellarmin stellte drei Zugehörigkeitskriterien auf (sogenannter apologetischer KirchenbegriffRüdiger Althaus: Zugehörigkeit zur Kirche. In: Stephan Haering, Wilhelm Rees, Heribert Schmitz (Hrsg.): Handbuch des katholischen Kirchenrechts. 3. Auflage. Pustet, Regensburg 2015, ISBN 978-3-7917-2723-3, S. 269.): (1) Gemeinschaft im Glauben (2) Gemeinschaft in den sieben Sakramenten (3) Gemeinschaft mit der kirchlichen Leitung.Vgl. Heinrich J. F. Reinhardt: Kirchengliedschaft. In: Stephan Haering, Heribert Schmitz (Theologe, 1929): Lexikon des Kirchenrechts. Freiburg i. Br., Herder, 2004, ISBN 3-451-28522-3, Sp. 508.
Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils Das Zweite Vatikanische Konzil (insbesondere in Lumen gentium, Nr. 8) hat das „est“ durch ein „subsistit in“ ersetzt (die katholische Kirche ist nicht identisch mit der Kirche Jesu Christi, die Kirche Jesu Christi ist aber in der katholischen Kirche „verwirklicht“, vgl. auch c. 204 § 2 CIC). Nach dem Anspruch der katholischen Kirche bedeutet das zum einen, dass die römisch-katholische Kirche „institutionell die volle Verwirklichung dieser einen und einzigen Kirche Christi“Heinrich de Wall, Stefan Muckel: Kirchenrecht. 5. Auflage. C. H. Beck, München, 2017, ISBN 978-3-406-66168-6, § 17 Rn. 6 darstellt, zum anderen aber auch, dass die „Angehörigen der anderen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ... durch die Taufe der einen Kirche Christi“Heinrich de Wall, Stefan Muckel: Kirchenrecht. 5. Auflage. C. H. Beck, München, 2017, ISBN 978-3-406-66168-6, § 17 Rn. 7 angehören. „Somit ist die Zugehörigkeit zur Kirche Christi von der zur katholischen Kirche zu unterscheiden“.Rüdiger Althaus: Zugehörigkeit zur Kirche. in: Stephan Haering, Wilhelm Rees, Heribert Schmitz (Hrsg.): Handbuch des katholischen Kirchenrechts. 3. Auflage. Pustet, Regensburg 2015, ISBN 978-3-7917-2723-3, S. 272.
Kirchengliedschaft zur „Kirche Christi“ durch Taufe Nach dem zentralen Canon 96 1. Halbsatz CIC wird durch „die Taufe .. der Mensch der Kirche Christi eingegliedert“. Dabei ist mit „Kirche Christi“ nicht nur die römisch-katholische Kirche, sondern die „Kirche Christi“ gemeint.Heinrich de Wall, Stefan Muckel: Kirchenrecht. 5. Auflage. C. H. Beck, München, 2017, ISBN 978-3-406-66168-6, § 17 Rn. 6
Da nach katholischer Sicht das Sakrament der Taufe einem getauften Menschen eine unzerstör- und unverlierbare übernatürliche Beziehung zu Gott vermittelt, kann die Kirchengliedschaft zur „Kirche Christi“ letztlich durch einen Kirchenaustritt nicht beseitigt werden.Vgl. Heinrich J. F. Reinhardt: Kirchengliedschaft. In: Stephan Haering, Heribert Schmitz: Lexikon des Kirchenrechts. Freiburg i. Br., Herder, 2004, ISBN 3-451-28522-3, Sp. 508 (509): "unverlierbar"
Zugehörigkeit zur katholischen Kirche Nach dem Selbstverständnis der katholischen Kirche liegt eine volle Gemeinschaft (communio plena) mit der katholischen Kirche nur dann vor, wenn die Bellarmin’schen Kriterien erfüllt sind. Im Canon 205 CIC heißt es:
Literatur Heinrich de Wall, Stefan Muckel: Kirchenrecht. 5. Auflage. C. H. Beck, München 2017, ISBN 978-3-406-66168-6, § 17 Rn. 4–13 (katholisch); § 26 Rn. 1 (evangelisch) Rüdiger Althaus: Zugehörigkeit zur Kirche. In: Stephan Haering, Wilhelm Rees, Heribert Schmitz (Hrsg.): Handbuch des katholischen Kirchenrechts. 3. Auflage. Pustet, Regensburg 2015, ISBN 978-3-7917-2723-3, § 16, S. 268–288. Heinrich J. F. Reinhardt: Kirchengliedschaft. In: Stephan Haering, Heribert Schmitz: Lexikon des Kirchenrechts. Herder, Freiburg i. Br. 2004, ISBN 3-451-28522-3, Sp. 508–511 (m.w.N.)
Einzelnachweise
Kategorie:Kirchenrecht Kategorie:Ekklesiologie