mini|Das Kernkraftwerk Neckarwestheim vor dem Bau von Block II aus der Luft von Norden (1979) mini|hochkant=0.5|Block I mit Maschinenhaus (links) und Abluftkamin Das Kernkraftwerk Neckarwestheim (Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar, GKN) in Neckarwestheim in Baden-Württemberg, Deutschland mit zwei Druckwasserreaktoren wurde vom EnBW-Tochterunternehmen EnBW Kernkraft GmbH mit Sitz in Obrigheim betrieben. Es war bei seiner Abschaltung am 15. April 2023 das letzte aktive Kernkraftwerk in Deutschland.Die letzten Atommeiler sind abgeschaltet. Tagesschau.de, Stand: 16.04.2023, 00:33.

Standort Beide Anlagen wurden rund 1 km südwestlich von NeckarwestheimTopographische Karte 1:25 000. Blatt 6921 Großbottwar. 5. Auflage. Landesvermessungsamt Baden-Württemberg, Stuttgart 2005, ISBN 3-89021-070-8. auf dem Gelände eines ehemaligen Steinbruchs errichtet, 15 km südlich von Heilbronn. Das Kraftwerk befindet sich zu einem kleinen Teil auch auf der Gemarkung der Nachbargemeinde Gemmrigheim.

Geologische Situation Die Anlage steht auf zerrüttetem, verkarstetem Muschelkalk, unter dem mächtige Gips- und Anhydritschichten liegen. Anhydrit quillt bei Wasserkontakt auf und nimmt im Volumen bis zu 60 % zu, wodurch es zu schweren Schäden an Gebäuden kommen kann, wie es beispielsweise bei den Hebungsrissen in Staufen im Breisgau passiert ist. Durch Sickerwasser wurden Teile dieser Schichten ausgewaschen, wodurch metertiefe Hohlräume entstanden sind, deren horizontale Ausbreitung unbekannt ist. Es kam dadurch zu Senkungen der Bodenoberfläche, die am Kühlturm bis zu 14 cm betrugen. Da das Kraftwerk in einem ehemaligen Steinbruchgelände, 6–8 m unter dem Niveau des Neckar steht, müssen pro Sekunde 120 bis 170 Liter Grundwasser abgepumpt werden, wodurch pro Jahr weitere 700–1000 Kubikmeter Gips ausgespült werden.Hermann Behmel, Reinhold Leinfelder: Geologie von Baden-Württemberg: Teil 1: Landschaftsgeschichte – Landesplanung. 15. September 1996; letzte Änderungen durch Reinhold Leinfelder am 20. Januar 1997. userpage.fu-berlin.de; abgerufen am 27. Februar 2016.

Geschichte Die Planungen für Block I gehen bis ins Jahr 1970 zurück. Hierfür gründeten die Neckarwerke Elektrizitätsversorgungs-AG Esslingen, die Technischen Werke der Stadt Stuttgart AG (TWS), die Elektrizitätswerke Heilbronn und die Deutsche Bundesbahn (DB) die Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar GmbH. Nachdem der ursprünglich geplante Bau eines Kernkraftwerkes in der benachbarten Stadt Lauffen am Neckar nicht zustande gekommen war, einigte man sich im Januar 1971 auf den Bau eines Kernkraftwerks im Neckarwestheimer Steinbruch des Lauffener Unternehmens Portland-Cement-Werk (später ZEAG), das später auch einen Anteil an der Betreibergesellschaft erwarb.

Zunächst wurde das Kraftwerk für eine Leistung von 600 Megawatt konzipiert. Es gab einen Entwurf mit einem Siedewasserreaktor und einen mit einem Druckwasserreaktor. Man entschied sich für letzteren, da dieser Reaktortyp schon in Obrigheim in Betrieb war und so Erfahrungen aus dessen Betrieb genutzt werden konnten.

1971 wurden die Planungen geändert und die Leistung auf 840 MW erhöht. Der Grund hierfür war, dass die damalige Deutsche Bundesbahn nur über ein einziges kleines Bahnstromkraftwerk verfügte, das für die geplante Elektrifizierung des Streckennetzes nicht ausgereicht hätte.Geschichte und Geschichten rund um das GKN – 25 Jahre GKN. Herausgeber: Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar GmbH, Neckarwestheim, 1996, Seite 28.

Im Januar 1972 begannen die Bauarbeiten; während der Bauphase (1973/74) wurden die Planungen abermals geändert. Anstelle eines 160 Meter hohen Naturzug-Nasskühlturms entschied man sich für die Zellenkühler. Diese waren kostengünstiger und beeinträchtigten auch das Landschaftsbild weniger.Geschichte und Geschichten rund um das GKN – 25 Jahre GKN, Herausgeber: Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar GmbH, Neckarwestheim, 1996, S. 39. Am 26. Mai 1976 wurde der Reaktor kritisch, und am 1. Dezember 1976 erfolgte die Übergabe an den Betreiber.

Block II wurde im Juni 1975 von der Betreibergesellschaft beantragt. Ursprünglich sollte GKN II ein „Zwillingsbruder“ von GKN I, also ein zeichnungsgleicher Block, auch mit 840 Megawatt elektrischer Leistung und Zellenkühlern werden. Um die Jahreswende 1979/80 wurden, wohl angesichts der zweiten Ölpreiskrise, die Pläne geändert und ein Reaktor mit 1300 Megawatt elektrischer Leistung sowie einem 160 Meter hohen Naturzug-Nasskühlturm konzipiert.Geschichte und Geschichten rund um das GKN – 25 Jahre GKN, Herausgeber: Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar GmbH, Neckarwestheim, 1996, S. 40.

Höhe und Ausführung des Kühlturmes wurden – auch aus Gründen des Landschaftsbildes – mehrfach geändert: erst auf 100, dann auf 80 und zuletzt auf 56 Meter und in Ausführung als Hybridkühlturm. Diese Ausführungsvariante aus dem Jahre 1981 wurde letztendlich auch realisiert.Geschichte und Geschichten rund um das GKN – 25 Jahre GKN, Herausgeber: Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar GmbH, Neckarwestheim, 1996, S. 41. Im Jahre 1982 war Baubeginn für Block II, am 29. Dezember 1988 wurde die erste Kritikalität erreicht und am 13. April 1989 wurde das Kraftwerk der Betreibergesellschaft übergeben. GKN II ist damit das vorletzte deutsche Kernkraftwerk, das ans Netz ging; lediglich der Block 5 des Kernkraftwerks Greifswald ging ein halbes Jahr später (für nur 23 Tage) ans Netz.

Abschaltungstermine und Rückbau Die Betreibergesellschaft EnBW Kernkraft plante im Zuge des im Jahre 2000 unter Rot-Grün eingeleiteten Atomausstiegs, eine Reststrommenge von 46,9 TWh vom jüngeren Block II auf den älteren Block I zu übertragen. Wegen der geringeren Leistung von Block I hätte sich dessen Laufzeit bis ins Jahr 2017 verlängert, während sich gleichzeitig die Laufzeit für GKN II von 2021 auf 2017 verkürzt hätte, so dass beide Blöcke gleichzeitig vom Netz gegangen wären.

Das Bundesumweltministerium unter Minister Gabriel lehnte 2006 einen Antrag der EnBW auf Reststrommengenübertragung vom Block II auf Block I im Juni 2008 ab.Neckarwestheim I darf nicht länger laufen. Spiegel Online, 12. Juni 2008. Das wichtigste Kriterium dafür war der geringere bauliche Schutz gegenüber Flugzeugabstürzen von GKN I im Vergleich zu GKN II. Die EnBW klagte gegen den Bescheid und betrieb Block I mit verminderter Leistung, so dass der Reaktor (ohne längere Stillstandszeiten und ohne Stromübertragungen) voraussichtlich Ende 2009 bis Anfang 2010 seine Reststrommenge von 10,25 TWh (Stand 1. Januar 2008) erzeugt hätte, so dass er vom Netz genommen werden hätte müssen. Der Betrieb mit verminderter Leistung soll laut Greenpeace dazu gedient haben, den Reaktor nicht vor der Bundestagswahl am 27. September 2009 abschalten zu müssen. swr.de, 13. Oktober 2009.

CDU/CSU und FDP hatten im Wahlkampf 2009 eine Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke angekündigt, die sie im Herbst 2010 auch in die Tat umsetzten und nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima (März 2011) revidierten.

EnBW betrieb vor dem Atomausstieg vier der 17 deutschen Reaktoren mit einer Nettoleistung von 4.372 MW; Neckarwestheim I mit 785 MW.

Am 21. Januar 2010 fanden erstmals nach dem Regierungswechsel 2009 Gespräche zwischen der Bundesregierung und den vier KKW-Betreibern (EnBW, EON, RWE, Vattenfall) statt. Bis zu einer endgültigen Entscheidung über eine Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke sollte auch GKN I am Netz bleiben. Dies wurde durch eine Leistungsminderung erreicht. So lief GKN I im Mai 2010 mit einer durchschnittlichen Leistung von 19 Prozent seiner Kapazität (150 MW von 785 MW).

Am 28. Oktober 2010 verabschiedete der Bundestag ein Energiekonzept, das auch eine Laufzeitverlängerung aller 17 deutschen Reaktoren erlaubte. Ältere Reaktoren durften 8 Jahre länger am Netz bleiben, neuere Reaktoren 14 Jahre. Block I hätte demnach bis 2019, Block II bis 2036 Strom produzieren können. Das Gesetz trat am 13. Dezember 2010 in Kraft.

Im November 2010 gab EnBW Überlegungen bekannt, Block I früher vom Netz zu nehmen. Ob EnBW dies tatsächlich beabsichtigte oder ob man damit die zum 1. Januar 2011 beschlossene Brennelementesteuer kritisieren wollte, blieb unklar.Stuttgarter Nachrichten vom 14. November 2010: Altreaktor auf der Kippe. Zitat: „Energieexperten nehmen die Pläne ernst und betrachten sie nicht allein als politisches Druckmittel. ‚Natürlich steckt auch ein bisschen Kalkül dahinter‘, sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Vermutlich wolle der Konzern so gegen die finanziellen Auflagen angehen. Allerdings sei Neckarwestheim I tatsächlich eines der wenigen Kernkraftwerke in Deutschland, die auf der Kippe stehen – auch deshalb, weil es eines der kleinsten ist. Zuletzt lag der Umsatz von Block I bei 300 Millionen Euro im Jahr.“

Nach einem „Atomgipfel“ unter dem Eindruck der Nuklearkatastrophe von Fukushima und ihren Folgen verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel am 14. März 2011 ein dreimonatiges Atom-Moratorium.Erste Atomkraftwerke gehen vom Netz. Zeit Online, 14. März 2011 „Für die Sicherheitsüberprüfungen sollen die Betreiber die vor 1980 ans Netz gegangenen Kernkraftwerke stilllegen. Alle übrigen werden bei laufendem Betrieb überprüft – ergebnisoffen, wie die Kanzlerin, der Bundesumweltminister und Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle betonten.“ bundesregierung.de, 15. März 2011

Am 15. März 2011, zwölf Tage vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg, gab der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) die dauerhafte Stilllegung des Blocks 1 bekannt.stuttgarter-nachrichten.de Mappus wollte zu der Zeit für 4,67 Milliarden Euro die 45 % EnBW-Anteile von der EDF zurückkaufen, eine der größten Verstaatlichungen in der Bundesrepublik (EnBW-Affäre). Von der EnBW wurde die „freiwillige“ Absicht zum Abfahren von Neckarwestheim I bekanntgegeben,EnBW vom 15. März 2011: außerdem gab Hans-Peter Villis, Vorstandsvorsitzender der EnBW, bekannt, „dass ein dauerhaft wirtschaftlicher Betrieb von GKN 1 und damit ein Wiederanfahren des Kernkraftwerks voraussichtlich nicht mehr darstellbar ist.“Pressemitteilung der EnBW vom 15. März 2011 () Am 16. März 2011 wurde GKN I nach Anordnungen der zuständigen Atomaufsichtsbehörde (Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr Baden-Württemberg) abends abgefahren und ging in der Nacht, zusammen mit Block I des Kernkraftwerk Philippsburg (KKP 1), vom Netz. „Begründet wird der Schritt damit, dass nach dem Atomgesetz (§ 19 Absatz 3) ein Gefahrenverdacht vorliege, der eine einstweilige Betriebseinstellung rechtfertige. Ein derartiger Verdacht sei nach geltender Rechtslage bereits dann gegeben, wenn sich wegen begründeter Unsicherheiten im Rahmen der Risikovorsorge Schadensmöglichkeiten nicht völlig ausschließen lassen.“

Am 15. April 2023 wurden die drei verbliebenen Reaktoren Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 endgültig abgeschaltet, damit hatte Deutschland den Atomausstieg vollzogen. Als letztes der Drei ging Neckarwestheim 2 nach 34 Jahren um 23:59 Uhr vom Netz.Die letzten Atommeiler sind abgeschaltet. Tagesschau.de, Stand: 16.04.2023, 00:33.

Der Rückbau umfasst eine Masse von 331.000 Tonnen. Die Rückbauarbeiten an Block 1 begannen faktisch im März 2017, ein symbolischer Beginn fand am 10. April 2017 statt.Rückbau-Start am Kernkraftwerk Neckarwestheim EnBW geht davon aus, dass Neckarwestheim I zwischen 2030 und 2035 „formal aus dem Atomrecht entlassen werden kann.“ Dann werde über die Nachnutzung oder den Abriss der verbliebenen Gebäude entschieden.

Sicherheit und meldepflichtige Ereignisse (Auswahl)

1977 kommt es beim Anfahren von Block I zu einem Störfall, Bundesminister des Innern, 22. Mai 1979 ein Dampferzeuger des Sekundärkreislaufs dampft aus, dabei gelangt heißer, nicht radioaktiver Dampf ins Freie.