Perversion – Die erotische Form von Hass (original: Perversion – The erotic form of hatred) ist der Titel eines anthropologischen und sexualwissenschaftlichen Sachbuches des Psychoanalytikers Robert Stoller. Es ist erstmals 1975 in New York erschienen, vier Jahre später in deutscher Übersetzung publiziert und 2014 in dritter Auflage herausgegeben worden.
Mit dieser Arbeit legte Stoller sein viertes Buch über die Entwicklung der menschlichen Geschlechtsidentität vor, die zur Zeit der Erstveröffentlichung in der Sexualwissenschaft und darüber hinaus noch binär aufgefasst wurde. Zuvor hatte sich Stoller mehr als 20 Jahre lang mit der Frage beschäftigt, wie sich Männlichkeit und Weiblichkeit entwickeln, ehe er sich nun der Frage nach den möglichen Folgen einer unsicheren Geschlechtsidentität vertiefend zuwandte.
Historische Einordnung Die Sexualwissenschaft gehört zu den jungen wissenschaftlichen Disziplinen. Ihre gut 150 Jahre währende Geschichte fasste Volkmar Sigusch im Jahr 2008 in seinem Buch zur Geschichte der Sexualwissenschaft zusammen.
Abgesehen von frühen Vorläufern begannen im 18. Jahrhundert die Dichter, leibliche Vorgänge der Sexualität zu benennen. Berühmtester Vertreter dieser Zeit war Marquis de Sade. Im 19. Jahrhundert begannen Ärzte, sich dieses Themas anzunehmen. Sie legten Beschreibungen und Bestandsaufnahmen, Inventarisierungen und Klassifizierungen vor, während ethische Gesichtspunkte bestimmend waren. Im Jahr 1886 veröffentlichte Richard von Krafft-Ebing, Protagonist dieser Zeit, seine Psychopathia sexualis. Sie gilt als erste sexualmedizinische Gesamtdarstellung, ist aber nahezu ausschließlich eine Studie sexueller Perversionen.
Im 20. Jahrhundert wurden – nun von Sexualwissenschaftlern verschiedener beruflicher Herkunft – Institute gegründet, Theorien entwickelt, Forschung betrieben und Fachzeitschriften herausgegeben. Vorausgehend hatte Freud Im Jahr 1905 seine Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie veröffentlicht. Auch wenn diese Schrift zu ihrer Zeit einen „wissenschaftlichen Skandal“ verursachte, war mit ihrem Versuch, sexuelle Reaktionen und Ausdrucksformen zu verstehen, doch der Weg zur Entwicklung von Theorien geebnet, mit deren Hilfe sich Sinn und Gehalt sexueller Erlebnisweisen im Allgemeinen und sexueller Perversionen im Speziellen verstehen lassen.
Nachdem in Deutschland 1933 das erste Institut für Sexualwissenschaft von den Nationalsozialisten zerschlagen worden war, gründete Hans Giese nach 1945 in Frankfurt am Main ein privates sexualwissenschaftliches Institut und gründete 1950 die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung und damit die älteste der Fachgesellschaften in Deutschland, die später als ihr wissenschaftliches Organ die Beiträge zur Sexualforschung herausgab. Später wurde er Leiter des Instituts für Sexualforschung an der Universität Hamburg und beschrieb 1973 das Erscheinungsbild der Perversionen differenziert mit sieben Leitsymptomen.
Im Rahmen eines grundlegenden Wandels der Sexualmoral, der mit der 68er-Bewegung verknüpft war, kam es zu gesellschaftlichen Veränderungen, die zunächst in dem Begriff der sexuellen Revolution gefasst und, ihr nachfolgend, als neosexuelle Revolution bezeichnet wurden. Stoller veröffentlichte sein Buch mitten in der Zeit der sexuellen Revolution.
Der Begriff
Mit diesen Kriterien befasst sich Stoller in seinem Buch und hält für diese Fälle, wie auch Sigusch, an dem Begriff der Perversion fest, der den modernen Begriff der Paraphilie für verharmlosend hält, weil es „um Risiken und Katastrophen und nicht selten um Leben und Tod“ gehe.
Aufbau Eingebettet in eine Einführung, eine 155 Titel umfassende Bibliografie und ein Namens- und Sachregister strukturiert Stoller sein Buch mit drei Teilen und insgesamt zwölf Kapiteln. Im ersten Teil mit der Überschrift Definition setzt er sich in vier Kapiteln mit dem Begriff auseinander. Im zweiten Teil – Dynamik: Trauma, Feindseligkeit, Risiko und Rache – entfaltet er in fünf Kapiteln den Kern seiner theoretischen Überzeugungen über die Perversion. Der dritte Teil trägt den Titel Soziale Fragen und widmet sich in drei Kapiteln eher allgemeinen und teils philosophischen Betrachtungen zu ausgewählten Aspekten des Themas.
Inhalt Obwohl seine theoretische Basis die Psychoanalyse ist, verzichtet Stoller in seinem Buch weitgehend auf deren Fachbegriffe oder erläutert sie, falls unvermeidbar. Eine vollständige Theorie der Perversion wolle er nicht vorlegen. Er versteht seine Mitteilungen als vorläufig:
Definition Abweichung, Variante und Perversion Den ersten Teil seines Buches widmet Stoller zunächst der definitorischen Unterscheidung der drei Begriffe Abweichung, Variante und Perversion, wobei er es erklärtermaßen bevorzuge, sich eher auf klinische Daten denn auf Theorien zu stützen.
Dabei stellt Stoller Abweichung als Oberbegriff vor, unter den er die beiden weiteren subsumiert. Unter Varianten versteht er Abweichungen, die niemandem schaden und zu denen er beispielsweise aus Neugier oder unter Drogeneinwirkung vollzogene sexuelle Experimente rechnet, wie auch jene abweichenden sexuellen Verhaltensweisen, zu denen es aus sexueller Not, nicht jedoch vorzugsweise komme. Bei der Perversion dagegen handele es sich um eine bevorzugte, gewohnheitsmäßige Abweichung, die an die Stelle des Sexualaktes trete und nötig sei, um volle Befriedigung zu erlangen.
Die Auswirkungen der neueren Sexualforschung auf die psychoanalytische Theorie Im zweiten Kapitel setzt Stoller fünf Konzeptionen der Sexualtheorie, die Sigmund Freud im Laufe seines Lebens entwickelt hatte, in ein Verhältnis zu den Ergebnissen der neueren Sexualforschung. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass noch immer zu wenig bekannt sei „über die Faktoren, die im Anschluß an die determinierenden Einflüsse von Vererbung, Konstitution und früher Umwelt auf die Entfaltung der Sexualität einwirken“.
Varianten: Abweichungen, die keine Perversionen sind Im dritten Kapitel widmet sich Stoller den von ihm so bezeichneten Varianten als Abweichungen, die nach seinem Verständnis keine Perversionen sind. Das gelte für von gesellschaftlichen Normen abweichendem Sexualverhalten, das keinen feindseligen Phantasien entstamme. Hierzu rechnet Stoller zunächst erbliche Faktoren ebenso wie konstitutionelle. Beispielhaft nennt er hier Abweichungen, wie sie bei einem „Androgenresistenzsydrom“ bei Frauen oder dem Klinefelter-Syndrom bei Männern zu beobachten seien. Weiterhin benennt er in der Literatur selten beschriebene Abweichungen, die auf Störungen der Hirnfunktion zurückzuführen sind. Hinzu kämen die ebenfalls seltenen Fälle von Hermaphroditismus. Auch rechnet Stoller männliche Transsexualität zur Gruppe der Varianten. Da die Ätiologie der weiblichen Transsexualität sich anders darstelle, nimmt er diese Fälle aus. Daneben werden Varianten beschrieben, die kulturell bedingt seien, da in verschiedenen Epochen und an verschiedenen Orten je unterschiedliche Kriterien an die Beurteilung gelegt werden müssten. Schlussendlich erwähnt Stoller Fälle, in denen sich Menschen „in Ermangelung eines Besseren mit Ersatzlösungen zufrieden“ geben, die perversen Handlungen ähneln oder gleichen mögen und doch nur eine Variante seien, weil ihnen die für eine Perversion spezifisch feindselige Komponente fehle.
Perversionen: Abweichungen, die keine Varianten sind Im vierten Kapitel geht es um Perversionen als Abweichungen, die Stoller nicht zu den Varianten zählt. Sie zeichnen sich durch Spezifika aus, die jede Perversion charakterisiere: Feindseligkeit, Rache und Triumph und ein entpersönlichtes Objekt.
Perversion sei „in die Tat umgesetzte Phantasie“. Weil er der Phantasie eine besondere Bedeutung beimisst, definiert er diesen Begriff zunächst als „jene Kraft, die Hoffnung birgt, Wunden heilt, vor Realität schützt, Wahrheit verschleiert, Identität festigt, Gelassenheit herstellt und die Seele reinigt“. Perversion werde nicht weniger als durch physiologische Abläufe und Umweltfaktoren durch Phantasie bestimmt. Ohne Kenntnis ihrer Funktion, ihrer Inhalte und Abläufe bleibe die Bedeutung der Perversion unverständlich. Im Zentrum der Phantasie stehe die Feindseligkeit, die sich zum Teil unverhohlen im perversen Akt zeige – wie beim Sadismus – oder aber nicht vorzukommen scheine, wie beispielsweise beim Fetischismus.
Feindseligkeit wird verstanden als der Wunsch, „einem anderen überlegen zu sein, ihm Schaden zuzufügen und über ihn zu triumphieren“ oder, wie im Fetischismus, die Person im Objekt der Begierde auszulöschen. Auch wenn der Körper des Geschlechtspartners nicht im Dienst der Erotik stehe, sondern beispielsweise seiner Entwürdigung oder der Machtausübung diene, sei an das Vorliegen einer Perversion zu denken. Doch ob eine Handlung Ausdruck einer Perversion sei, hänge nicht davon ab, „welche Körperteile wie und wozu verwendet werden“, sondern davon, „was sie für den einzelnen bedeutet“.
Dynamik: Trauma, Feindseligkeit, Risiko und Rache Der zweite und umfangreichste Teil des Buches macht den Kern der Darlegungen Stollers aus. Hier entfaltet er seine zentrale These, der Perversion liege ein in der Kindheit erlittenes akutes, chronisches oder kumulatives Trauma zugrunde, das Feindseligkeit heraufbeschworen habe, die sich schließlich im Rahmen einer Perversion in der illusionären Hoffnung entlade, die frühen Wunden mögen heilen.
Pornographie und Perversion Zunächst befasst sich Stoller im fünften Kapitel mit der Pornografie, die gemeinhin nicht mit dem Begriff Perversion in Verbindung gebracht wird, ihm aber der einleitenden Klarifikation dient. Er hält pornografische Produkte für überlegene „Hilfsmittel zur statistischen Untersuchung der Psychodynamik“ einer Perversion, weil jene, die damit Geld verdienen, den Kern der Wünsche ihrer Käufer treffen müssten. Das Produkt müsse „genau genug“ sein, „um zu erregen, und allgemein genug, um viele zu erregen“. Seine Definition lautet:
Die Konsumenten könnten, so Stoller, in zwei Gruppen eingeteilt werden, jene, die sexuell erregt werden und andere, bei denen dies nicht der Fall ist. Pornografie sei eine „Sache der Ästhetik“ und nicht jeder lasse sich durch dasselbe Material ansprechen. Aus den zahlreichen pornografischen Gattungen wählt Stoller beispielhaft den von ihm so genannten „perversen Transvestitismus“, den er auf Fälle beschränkt wissen will, bei denen das Tragen der Kleidung des anderen Geschlechts fetischistischen Charakter habe und sexuelle Erregung erzeuge. An einem auch durch anamnestisches Fremdmaterial besonders gut dokumentierten Fall eines seiner Patienten weist Stoller im Detail und Schritt für Schritt nach, wie sich das in der Kindheit erlebte Trauma in den einzelnen Szenen des vom Patienten bevorzugten pornografischen Materials, das er Stoller zur Verfügung gestellt hatte, wiederfindet. Er schließt dieses Kapitel mit einigen allgemeineren Betrachtungen zur Pornografie.
Feindseligkeit und Geheimnis der Perversion In der Perversion werde, so Stoller in seinem sechsten Kapitel, das in Kindertagen erlittene Trauma in einen Triumph umgewandelt. Das Trauma habe sich entweder gegen den Geschlechtsapparat des Kindes oder – häufiger – gegen seine Geschlechtsidentität gerichtet. Deshalb liege der Perversion stets ein bewusstes oder unbewusstes Gefühl der Bedrohung der eigenen Geschlechtsidentität zugrunde.
Eine sichere Geschlechtsidentität bringe keine Perversion hervor. Sie entstehe aus dem Versuch, die Bedrohung der eigenen Geschlechtsidentität zu bewältigen.
Damit das Trauma im perversen Akt in einen Triumph verwandelt werden könne, bedürfe es verschiedener Voraussetzungen. Dazu rechnet Stoller Risiko und Feindseligkeit.