mini|Gebäude der Anastasiasiedlung Korenskije Rodniki im Rajon Schebekinski, Oblast Belgorod, Russland Die Anastasia-Bewegung (auch Anastasiabewegung) ist eine Neue religiöse Bewegung, die mit Biolandbau verbundene völkische Siedlungsprojekte verfolgt. Sie entstand 1997 in Zentralrussland durch die Anastasia-Schriften von Wladimir Nikolajewitsch Megre und verbreitet sich seitdem weltweit. Ihre Ideologie, die Anastasia-Lehren oder der Anastasianismus, wird der rechten Esoterik und dem Neopaganismus zugeordnet. Sie transportiert teils verschwörungsideologische, rassistische und antisemitische Inhalte. Deutsche Verfassungsschutzbehörden stufen die Bewegung als rechtsextremen Verdachtsfall ein; der Staatsschutz in Österreich beobachtet sie.

Ideologie

mini|Wladimir Megre (2013) Gründer der Bewegung ist der russische Geschäftsmann Wladimir Megre. Er verfasste von 1997 bis 2010 das zehnbändige Romanwerk Anastasia – Die klingenden Zedern Russlands. Es enthält Ideen und Ansichten zu Gott und der Schöpfung, zum Verhältnis des Menschen zur Natur, zum Geschlechterverhältnis, zur Kindererziehung und anderem.Rasa Pranskevičiūtė: The “Back to Nature” Worldview in Nature-based Spirituality Movements: The Case of the Anastasians. In: James R. Lewis, Inga Bårdsen Tøllefsen (Hrsg.): Handbook of Nordic New Religions. Brill, Leiden 2015, ISBN 90-04-29246-2, S. 441–456, hier S. 442

Der Autor stellt seine Fantasiegestalt, die blonde junge Anastasia, als reale Person dar, die ihm ihr Wissen mitteilt und mit ihm eine Familie gründet. Er beschreibt sie als gottähnliche, allwissende, mit „paranormalen“ Fähigkeiten ausgestattete Botschafterin einer fiktiven Urkultur von „Wedrussen“. Er behauptet, deren Nachkommen würden heute noch in der sibirischen Taiga leben. Von ihnen sollen Asiaten, Europäer, Russen und Amerikaner abstammen.Matthias Pöhlmann: Die Anastasia-Bewegung verbreitet antisemitisches Gedankengut: Ahnenwissen und Zedernprodukte. Herder-Korrespondenz, Juli 2018 Die fiktive Rasse der „Wedrussen“ erfand der rechtsextreme russische Philosoph Alexander Dugin, Vertreter des Eurasismus, als Gegensatz zur vermeintlich unter jüdischer Vorherrschaft stehenden liberalen Zivilisation.Andrea Röpke: Anastasia-Bewegung: Arier- und Ahnenkult. Endstation Rechts, 6. April 2023

So stellt Megre der urbanen technisierten Zivilisation ein naturnahes, spirituell hochstehendes Dasein gegenüber. Grundzüge seiner von Band zu Band veränderten „Lehre“ sind: Die Religionen, besonders Judentum und Christentum, seien von finsteren und habsüchtigen Priestern erfundene manipulative Systeme zur Versklavung der Menschen. Ihre Zentralfiguren (Mose, Jesus, Buddha und Mohammed) seien nur Anastasias ältere Brüder, von denen keiner vollkommene irdische Liebe erlangt habe. Im „Wedismus“ der Urzeit habe es ein „gefühlsmäßiges Wissen“ gegeben. Das folgende dunkle Zeitalter des Okkultismus sei nun zu Ende. Heute könne man ein himmlisches Paradies auf Erden erschaffen. Als göttliche Erlöserfigur habe Anastasia die Menschheit von der Dunkelheit zum Licht geführt.

Eingestreut in Megres Werk sind Verschwörungsmythen: Der Zusammenbruch der Sowjetunion (1990) sei durch eine ideologische Manipulation erfolgt; „eine gewisse Organisation“ beherrsche die Russisch-Orthodoxe Kirche und diffamiere weltanschauliche und religiöse Gruppen wie die Anastasianer als „Sekten“; die Demokratie sei die „gefährlichste Illusion der Menschenmassen“, geschaffen vom ägyptischen Hohepriester „Dämon Kratie“, um die Herrschaft einer „Priesterorganisation“ über Staaten und Regenten zu festigen; die westlichen Demokratien seien dekadent und deformiert; ihre Journalisten würden unter anderem „die Brisanz der jüdischen Frage“ unterdrücken. Die Juden sähen sich als auserwähltes Volk; die Christen versuchten, den Menschen klein und sündig zu halten. Die jüdischen Priester hätten die frühchristliche Lehre umgedeutet und ihnen hörige Sklavenmenschen („Bioroboter“) geschaffen. Drahtzieher des Weltgeschehens seien ein levitischer Oberpriester mit fünf ihm helfenden Priestern. Sie seien Anastasias aktuelle Gegenspieler.

Den Holocaust und das jahrtausendalte Leid der Juden erklärt Megre damit, „dass sie Verschwörungen gegen die Macht anzettelten. Sie versuchten alle zu betrügen, vom jungen bis zum alten. Von einem, der nicht sehr reich sei, versuchten sie wenigstens etwas wegzunehmen, und bei einem Reichen sind sie bestrebt, ihn ganz und gar zu ruinieren. Das bestätigt die Tatsache, dass viele Juden wohlhabend sind und sogar auf die Regierung Einfluss nehmen können.“ In der Buchreihe repräsentieren Juden immer wieder „das Böse“, „die Moderne“, „die Demokratie“ und „die Dunkelmächte“. So will der jüdische Oberpriester Anastasia töten, weil sie seine angebliche Verschwörung aufgedeckt habe.Kira Ayyadi: Die esoterische Anastasia-Bewegung: Der Traum der arischen Öko-Gemeinschaft. Belltower.News, 9. Februar 2019

Weiter behauptet Megre, die Juden hätten die Presse verschiedener Länder unter ihre Kontrolle gebracht, das Fernsehen sei von Grund auf jüdisch, und Juden kontrollierten größtenteils auch den Geldfluss. Grund dafür sei: „Die Juden sind einfach zu dieser Sonderstellung verpflichtet, und wir sind verpflichtet, uns ihnen zu unterwerfen, und zwar ist dies gesetzlich abgesegnet.“ Dann fordert die Romanfigur von allen Nichtjuden, denen ihr angeblich untergeordneter Zustand missfällt: „… lassen Sie uns gemeinsam versuchen, einen Weg zu finden, um dieses Problem zu lösen.“ An dieser Suche könne sich jeder beteiligen; Kleingärtner seien die Retter des Planeten.Silvio Duwe: Anastasia – ein völkisch-esoterischer Siedlungskult. In: Matthias Pöhlmann (Hrsg.): Verborgene Wahrheit? Berlin 2020, S. 52–61, hier S. 53.

Megre begründet sein Ideal der Einehe weißhäutiger heterosexueller Partner mit der widerlegten genetischen Theorie der Telegonie, wonach der erste männliche Sexualpartner einer Frau Gestalt und Phänotyp auch ihrer späteren, von anderen Männern gezeugten Kinder präge. Er behauptet, weißen Ehepaaren werde gelegentlich ein schwarzes Kind geboren, „weil seine Oma oder die gebärende Mutter sexuellen Kontakt zu einem schwarzen Mann hatte“.Matthias Pöhlmann: Rechte Esoterik, Freiburg 2021, S. 181

Die Erzählung von der mythischen wedrussischen Kultur beruht laut dem Theologen Vladimir Martinovitsch auf den Lehren verschiedener russischer Sekten und Kulte, die Megre zu einer neuen Glaubenslehre zusammengestellt hat.Franz Moor: Was ist die Anastasia-Bewegung? 990 000 Jahre mit Gott im Paradies. WOZ, 27. Oktober 2016 Zudem bedient Megre mit dem Ideal der „Wedrussen“ die in der Neuen Rechten gängige Begeisterung für Russland und dessen als starken Herrscher gefeierten Staatspräsidenten Wladimir Putin.

Kern der Ideologie sind Familienlandsitze nach Megres Vorgaben: Auf mindestens einem Hektar Land sollen jeweils ein Wohnhaus, ein Teich, Wiesen, Beete und ein Wald stehen, umgeben von einer dichten Hecke. Moderne Technik wie Strom, Internet, fließendes Wasser und moderne Medizin werden abgelehnt. Pflanzen sollen Menschen über ihren Gesundheitszustand informieren. Kontakte mit Fremden, auch anderen Anastasianern, gelten als schwierig, da man deren fremde „Schwingungen“ danach erst wieder in Ordnung bringen müsse. Die Bewohner glauben, mit Anastasias Gedankenstrahl in ständigem Kontakt zu sein. Die eigene, autarke Scholle ist ihr Ideal. Folglich streben sie eine eigene Schulform für ihre Ideologie an: die Waldschule nach der von Megre beschriebenen Schetinin-Pädagogik. Dort sollen sich die Kinder ohne Lehrer, nur mit anwesenden Lernbegleitern, gegenseitig unterrichten. Ihren Betreuern werden ein starker Patriotismus und paramilitärischer Drill abverlangt. Die von Anastasianern mancherorts aufgebauten LAIS-Lerngruppen wurden aus dem Schetinin-Konzept entwickelt.

Die Anastasialehre kombiniert parawissenschaftliche und neureligiöse mit antidemokratischen, antisemitischen und rassistischen Motiven. Sie ist anschlussfähig für verschiedene alternative Milieus und wird in der Esoterik, der Permakultur, in sozialutopischen Gemeinschaftsprojekten und bei neuheidnischen Gruppen rezipiert.Matthias Pöhlmann: Rechte Esoterik, Freiburg 2021, S. 206 Die Bewegung ist weitgehend unorganisiert und erscheint als loses Netz von Einzel- oder Gruppeninitiativen, die Familienlandsitze gründen und für ökologische Themen werben.Matthias Pöhlmann, Johannes Goldenstein: Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, Gütersloh 2021, S. 18.

Russland Im Anschluss an Megres Publikationen bildeten sich ab 1996 in Russland Leserkreise, die sich ab 2001 als Vereine etablierten und Konferenzen zum Diskutieren der Anastasialehren organisierten. Dafür wurde durch Zeitschriften, Audios und Videos sowie Zedernöl ein Markt geschaffen. Megre ließ den Produktnamen „Die klingenden Zedern Russlands“ rechtlich schützen. Ab 2010 wurden zunehmend Familienlandsitze gegründet. Bis 2011 sollen schon 700 in Russland bestanden haben. Durch erste Übersetzungen der Anastasiabücher wurde die Bewegung internationalisiert.Matthias Pöhlmann, Johannes Goldenstein: Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, Gütersloh 2021, S. 20

Seit 2016 können Russen nach einem Gesetz Putins im fernen Osten Russlands gratis bis zu einem Hektar Land aus Staatsbesitz erwerben. Das gab der Anastasiabewegung enormen Auftrieb. In einigen schwach besiedelten Regionen Russlands gaben Lokalregierungen den Anhängern kostenlos Land. Der frühere Staatspräsident Dmitri Medwedew lobte 2008 die Familienlandsitze. Im Gegenzug rief Megre die Anastasia-Anhänger stets zur Unterstützung Putins auf.Tobias Eßer: Die Anastasia-Bewegung in Deutschland: Putins braune Bauern. T-online, 9. Mai 2023

Nach russischen Medienberichten bestanden 2016 schon 337,Nikita Afanasjew: Quer durch Russland – 11: Russlands grüner Exodus. Tagesspiegel, 15. August 2016 laut Megres Eigenangabe rund 370 Anastasia-Siedlungen in Russland. Bis 2021 listete ein offizielles Register mehr als 230 Anastasia-Siedlungen in Russland auf. Ihre genaue Zahl ist unbekannt, da sie keine zentrale Verwaltung haben.Stephan Trüby: Extreme völkische Rechte: „Ewiger Wald und ewiges Volk“. Frankfurter Rundschau (FR), 17. März 2021 Nach verschiedenen Schätzungen leben in diesen Siedlungen 10.000 bis 50.000 Menschen.Moritz Ablinger: Anastasia: Was die russische Öko-Sekte in Österreich treibt. Profil.at, 30. Juli 2023

Die Bewegung ist auch politisch aktiv und hat sich in einer Reihe lokaler oder regionaler Organisationen konstituiert, die locker zusammenarbeiten. So bestehen personelle, ideologische und strukturelle Verbindungen in rechtsradikale Szenen.Einordnung der Anastasia-Bewegung im rechtsesoterischen Spektrum. infoSekta.ch, 10. November 2016 (PDF, 424 kB)

Deutschland Siedlungen Bis 2022 entstanden mindestens 20 deutsche Standorte der Anastasiabewegung.Maximilian Brose: Völkische Siedlungen: Die extreme Rechte und ihr Ökologie-Verständnis. DLF, 8. März 2022 Sie hatten 2021 nur etwa 50 Mitglieder, doch an Anastasiafestivals nahmen bis zu 800 Personen teil. Das „Familienlandsitz & Siedlungsforum“ auf Telegram, das die Anastasiabewegung in Deutschland vernetzt, hatte im Dezember 2020 mehr als 3300 eingeladene Mitglieder.Sebastian Leber: Wo die Anhänger der Rassenlehre am Lagerfeuer feiern. Tagesspiegel, 20. Dezember 2020 Insgesamt wuchsen die deutschsprachigen „Anastasia-Kanäle“ laut einem Bericht bis März 2023 auf rund 250.000 Abonnenten.Momir Takac: Russische Sekte macht sich in Deutschland und Österreich breit – „hunderte Familien“ sollen folgen. Merkur.de, 29. März 2023