mini|hochkant=1.3|Der bekannteste Personen­wagen, den die Carrozzeria Paolo Fontana eingekleidet hat, der Ferrari 166/212 MM Fontana Berlinetta „l’Uovo“ mit der Chassis­nummer 024MB von 1950 nach einem Entwurf des Bild­hauers Reggiani

Carrozzeria Paolo Fontana, kurz Carrozzeria Fontana oder nur Fontana, ist ein ehemaliges italienisches Karosseriebauunternehmen aus Padua. Bekannt ist es vor allem durch seine einzelgefertigten Sportwagen-Karosserien auf Ferrari-Chassis Anfang der 1950er-Jahre.

Unternehmensgeschichte Das Unternehmen Carrozzeria Paolo Fontana aus Padua hat eine lange Familientradition, die bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreicht.

Im Jahr 1858 gründete Antonio Fontana in Padua einen Betrieb zur Herstellung von Fuhrwerken und Kutschenaufbauten. Mit seinem Tod ging das Unternehmen 1872 auf seine Söhne Pietro und Francesco über; letzterer zog sich aber bald darauf aus dem Betrieb zurück. Schon Pietro Fontana leitete den Übergang von Fahrzeugen, die durch Tiere gezogen wurden, zu motorbetriebenen ein. Der Unternehmer starb jedoch früh; der Betrieb ging zunächst auf seine Ehefrau über und kurz darauf auf den einzigen Sohn Antonio. Er fokussierte sich auf den Karosseriebau und änderte die Firmierung im weiteren Verlauf zu Carrozzeria per Automobili A. Fontana. Das Unternehmen überstand die wirtschaftlich schwierigen Zeiten während der beiden Weltkriege. Im Betrieb arbeiteten auch die beiden Söhne von Antonio Fontana, Paolo und Pietro. Der ältere übernahm den Betrieb, firmierte ihn in Carrozzeria Paolo Fontana um und führte ihn bis in die 1980er-Jahre fort.

Bekanntheit erlangte der Karosseriebaubetrieb kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Paolo und Pietro Fontana kamen in Kontakt mit den vier rennfahrenden Brüdern der Unternehmerfamilie Marzotto, die durch Bekleidungsunternehmen in Italien (heute: Marzotto Group) zu Reichtum gelangt war. Enge Beziehungen entstanden insbesondere zu Conte Giannino Marzotto (1928–2012) und Vittorio Marzotto (1922–1999), die zeitweilig als Werksfahrer für das Ferrari-Werksteam Scuderia Ferrari fuhren und vorübergehend das eigene Motorsportteam Scuderia Marzotto SpA in Valdagno in der Provinz Vicenza unterhielten. Zwischen Ende 1949 und August 1952 kleidete die Carrozzeria Fontana im Auftrag der Brüder Marzotto insgesamt vier Ferrari-Rennsportwagen mit verschiedenen neuen, zumeist offenen Karosserien ein, eines davon gleich viermal binnen 17 Monaten.

Den Fontana-Ferraris kommt unter mehreren Gesichtspunkten eine besondere Bedeutung in der Motorsportgeschichte zu. Sie gewannen Rundstrecken- sowie mehrfach Bergrennen und erzielten vordere Platzierungen bei traditionsreichen Rennen wie der Mille Miglia, der Coppa delle Toscana und dem Giro delle Calabrie, der Coppa d’Oro delle Dolomiti, der Targa Florio und dem Giro di Sicilia; ferner traten sie auch bei verschiedenen Großen Preisen mit internationaler Beteiligung an, so denen von Rom, Modena, Pescara und Bari, von Paris, Monaco, Portugal und auf der AVUS. Besondere Aufmerksamkeit erlangten einzelne Fahrzeuge auch durch die Zusammenarbeit mit dem Bildhauer und Designer Franco Reggiani, namentlich bei dem ungewöhnlichen Ferrari 166/212 MM Berlinetta „l’Uovo“ mit der Chassisnummer 024MB. Ferner schuf Fontana den ersten bekannten Ferrari Shooting Break mit kombiartigem Heck. Im Einzelnen arbeitete Fontana an folgenden Ferrari-Rennsportwagen:

Ende 1949: Ferrari 166 Inter (012I), Austausch der Ansaloni Spyder Corsa- gegen eine Barchetta-Karosserie, modifiziert und restauriert bis heute erhalten; 1950 (2. Jahreshälfte): Ferrari 166 MM (024MB), Austausch der Touring Barchetta- gegen eine von Reggiani entworfene Berlinetta-Karosserie, restauriert bis heute erhalten; März 1951: Ferrari 212 Export (0086E), Spyder-Karosserie „Carretto Siciliano“ (Erstausrüstung); nicht erhalten (im Mai 1951 durch eine Vignale Spyder-Karosserie ersetzt); Herbst 1951: Ferrari 212 Export (0086E), Umbau der Vignale Spyder-Karosserie zu einem „Shooting Break“; nicht erhalten; 1951/52: Ferrari 212 Export (0086E), Austausch der Shooting-Break- gegen eine Spyder-Karosserie mit eingezogenen Flanken; nicht erhalten; 1951/52: Ferrari 275S/340 America (0030MT), Austausch der Touring Barchetta- gegen eine Spider-Karosserie, nicht erhalten (1954/55 durch eine Scaglietti Spider-Karosserie ersetzt); August 1952: Ferrari 212 Export (0086E), Austausch der Spyder-Karosserie mit eingezogenen Flanken gegen eine konventionelle Spyder-Karosserie; modifiziert und restauriert bis heute erhalten.

Die Carrozzeria Paolo Fontana gehörte damit zu den zahlreichen unabhängigen Karosserieherstellern, die Anfang der 1950er-Jahre in die Fertigungsprozesse einbezogen wurden, als Ferrari die Serienproduktion von Personenwagen ausweitete. Die Fokussierung auf leichte kompakte Aufbauten für den Motorsport in weitgehender Handarbeit ähnelt derjenigen der Carrozzeria Motto von Rocco Motto aus Turin, wo in etwa zur gleichen Zeit vier Motto-Ferraris als Einzelstücke entstanden. Mit der Auflösung ihres Rennstalls durch die Brüder Marzotto und der Einstellung ihrer Motorsportaktivitäten Mitte der 1950er-Jahre verlor die Carrozzeria Paolo Fontana ihren maßgeblichen Auftraggeber. Den Platz von Motto und Fontana nahm ab 1954 Sergio Scaglietti mit seinem Unternehmen Carrozzeria Scaglietti aus Modena ein, der ab der Chassisnummer 0440M zu Ferraris bevorzugtem Karosseriebauer für Rennsportwagen-Aufbauten wurde.

Die Carrozzeria Fontana spezialisierte sich im weiteren Verlauf auf die Serienfertigung von Leichtmetall-Hardtops für verschiedene zeitgenössische Personenwagen mit Faltverdeck wie den Lancia Aurelia B24 Spider und den Fiat 1500 Spider. Zuletzt lag der Tätigkeitsschwerpunkt auf Unfall-Reparaturen und der Restaurierung älterer Fahrzeuge.

Eine Verbindung zu den Karosseriebaubetrieben Carrozzeria Baldassarre Fontana (1891–1929) bzw. dem Nachfolger Fontana e Pietroboni (1929–1939), jeweils in Bassano del Grappa, sowie zu Fontana Pietro (seit 1956 in Calolziocorte) ist nicht bekannt.

Alle vier von Fontana bearbeiteten Ferrari haben in aufwendig restaurierter Form bis heute überdauert, in einem Fall seit vielen Jahrzehnten mit einer Scaglietti-Karosserie. Drei der vier Fahrzeuge erzielten bei Auktionen im 21. Jahrhundert Verkaufserlöse in Höhe von rund einer bis knapp acht Millionen Euro; für das vierte sind bislang keine aktuellen Verkaufspreise bekannt geworden.

Paolo Fontana als Motorsportler Vereinzelt trat Paolo Fontana auch als Motorsportler in Erscheinung.

Am 23. April 1950 war er der Beifahrer des Fahrzeugeigners Vittorio Marzotto bei der Mille Miglia. Es war der erst zweite Renneinsatz des Ferraris mit der Chassisnummer 012I, nachdem er durch Paolo Fontana zum 166/195 Inter Fontana Barchetta umgebaut worden war. Mit der Startnummer 722, ein Hinweis auf die Startzeit um 7:22 Uhr, erreichte das Duo den 6. Platz in der Klasse der Sportwagen über 2,0 Liter Hubraum und den 9. Rang im Gesamtklassement.

Am 1. April 1951 war Paolo Fontana Copilot beim XI. Giro di Sicilia, erneut im Team mit Vittorio Marzotto. Es war der erste Renneinsatz des Ferrari 212 Export mit der Chassis- und Motornummer 0086E, zugleich der einzige mit der als „Carretto Siciliano“ bezeichneten Spyder-Karosserie von Fontana. Beiden gelang nicht nur der Klassensieg bei den Sportwagen über 2,0 Liter Hubraum, sondern sogar der Gesamtsieg.

Für den Zeitraum 1947 bis 1953 sind weitere sechs Motorsportauftritte Fontanas auf Fiat, Ferrari und Lancia dokumentiert.Paolo Fontana als Rennfahrer auf dem Webportal racingsportscars.com, abgerufen am 16. August 2019 (englisch).

Die einzelnen von Fontana karossierten Fahrzeuge Ferrari 166 Inter Fontana Barchetta, 012I mini|hochkant=1.2|Der Ferrari 166 Inter Fontana Barchetta, ausgestellt 2012 auf der Messe Techno-Classica in Essen

Der erste von Fontana karossierte Ferrari hatte die Chassisnummer 012I. Die Fontana-Karosserie erhielt er Ende 1949 und er trägt sie in modifizierter sowie restaurierter Form bis heute.

Vorgeschichte: 1948/49 als Ansaloni Spyder Corsa der Scuderia Ferrari sowie unter Bracco Im Mai 1948 hatte Ferrari das Fahrzeug mit der Chassisnummer 012I als 166 Inter Ansaloni Spyder Corsa an die hauseigene Rennsportabteilung Scuderia Ferrari ausgeliefert, also als zweisitzigen Rennsportwagen mit freistehenden Rädern und schmalen, motorradartigen Kotflügeln. Zwischen Juli 1948 und April 1949 absolvierte er sechs Werkseinsätze unter den Fahrern Bruno Sterzi, Giovanni Bracco und Umberto Maglioli. Größte Erfolge waren der zweite Gesamtrang von Sterzi bei der Coppa Acerbo in Pescara im August 1948 sowie der Klassensieg von Bracco bei dem Bergrennen Coppa Gallenga von Vermicino auf den Rocca di Papa im November 1948. Im April 1949 startete Bracco mit dem zweisitzigen Spyder sogar beim Großen Preis von San Remo, der auch für Formel-1-Rennwagen ausgeschrieben war, und wurde Sechster im Gesamtklassement; hingegen waren Bracco und Maglioli im Monat zuvor beim IX. Giro di Sicilia ausgeschieden. Für die weitere Saison 1949 erwarb der Rennfahrer Bracco den Spyder Corsa von der Scuderia Ferrari und gewann schließlich die Italienische Meisterschaft. Zwar war er mit seinem Copiloten Maglioli im April bei der Mille Miglia ausgeschieden, sicherte sich die Meisterschaft jedoch mit Siegen bei den Bergrennen Varese – Brinzio, Como – Lieto, Varese – Campo dei Fiori und Pontedecimo – Giovi.

Erwerb durch Marzotto, Umbau durch Fontana und Renneinsätze 1949–52 Noch 1949 erwarb Vittorio Marzotto das bereits mehrfach modifizierte und nach einem zwischenzeitlichen Rennunfall wieder instand gesetzte Fahrzeug; er ließ es von Paolo Fontana mit einer rot lackierten zweisitzigen Barchetta-Karosserie im Pontonstil neu einkleiden und 1950 mit einem neuen Zwölfzylinder-V-Motor mit gut 2,3 statt 2,0 Liter Hubraum ausstatten. Der erste Renneinsatz mit Fontana-Karosserie war am 2. April 1950 der X. Giro di Sicilia, zugleich die 34. Targa Florio unter Giannino Marzotto und Marco Crosara; sie gaben das Rennen jedoch auf, um dem kurz zuvor gestarteten und verunglückten Fahrer Fabrizio Serena zu helfen. Zwei Wochen später schloss sich der erfolgreiche Einsatz bei der Mille Miglia unter Vittorio Marzotto und Paolo Fontana an, ferner Siege von Bracco bei den Bergrennen Parma–Poggio di Berceto und Susa–Moncenisio sowie von Vittorio Marzotto bei Treponti–Castelnuovo.

Für die Saison 1951 ließ Vittorio Marzotto einen Motor mit 2,5 Liter Hubraum montieren und ein Leichtmetall-Hardtop aufsetzen. In dieser Konfiguration steuerte Eugenio Castellotti mit einem Copiloten den Fontana-Ferrari beim XI. Giro di Sicilia auf den 5. Platz seiner Klasse. Da das Marzotto-Team inzwischen über den neueren Ferrari-Rennsportwagen mit der Chassisnummer 024MB verfügte, erhielt letzterer im August den 2,5-Liter-Motor und der Fontana-Ferrari 012I einen mit 2,1 Liter Hubraum. Bei weiteren Rennen der Saison war ein Start der Brüder Fernando und Alfredo Mancini zu verzeichnen, unter Bracco ein Gesamtsieg beim Bergrennen Fasano–Selva di Fasano und ein Start beim Grand Prix von Pescara, am 9. September ein Gesamtsieg unter Franco Comotti auf dem Grenzlandring im Rheinland sowie unter José Froilán González ein 6. Platz im Gesamtklassement des Grand Prix’ von Modena. In der Saison 1952, der inzwischen fünften des Rennsportwagens, folgten noch zwei Starts von Franco Comotti und ein weiterer, möglicherweise von Carlo Mancini.

Die Fontana-Barchetta von 1953 bis heute