Das Gendersternchen oder der Genderstern (von englisch gender [ˈdʒɛndɐ] „soziales Geschlecht“) ist ein Sternchen (Asterisk), das als Mittel der gendersensiblen Schreibung im Deutschen und Luxemburgischen verwendet wird.Für das hier nicht weiter behandelte Luxemburgische siehe: Caroline Döhmer: Gendern im Luxemburgischen – aber wie? In: Sprachwissenschaft, Jg. 47 (2022), Heft 2, S. 189–211 (Abstract). Als Platzhalter soll der Asterisk in Personenbezeichnungen neben männlichen und weiblichen auch nichtbinäre, diversgeschlechtliche Personen typografisch sichtbar machen und einbeziehen. Er ist damit ein Instrument der sozialen Inklusion oder des Diversitätsmanagements.
Das Schriftzeichen * wird hierbei genutzt zur Vermeidung von generischen Maskulinformen (Künstler), um in der verkürzten Paarform (Künstler/-innen) den Schrägstrich zu ersetzen und die Bedeutung zu erweitern: Künstler*innen. Im Singular kann auch eine Person bezeichnet werden, die nicht männlich oder weiblich ist: Alex ist ein*e Künstler*in. Als unpassend kann das Sternchen empfunden werden, wenn sich nicht zwei einzeln lesbare Ausdrücke ergeben, beispielsweise bei „Kolleg*in“ (Kollege fehlt), bei Umlautungen wie „Ärzt*in“ (Arzt fehlt) oder bei nicht übereinstimmenden grammatischen Bezügen beider Formen: „ein*e Abgeordnete*r“ (siehe Problemfälle bei Kurzformen).
Nachdem in den 1990er-Jahren die Schreibweise trans* aufgekommen war, um mit dem Sternchen Transgeschlechtlichkeit zu symbolisieren, wurde das Zeichen 2009 als Genderstern vorgeschlagen, als Weiterentwicklung der 2003 vorgeschlagenen Schreibweise mit Gender-Gap (Künstler_innen). Das Wort „Gendersternchen“ wurde 2018 zum Anglizismus des Jahres gewählt. Beim Vortragen können Genderzeichen zu einer Beidnennung aufgelöst (Künstler und Künstlerinnen) oder mit einer kurzen Sprechpause zum Ausdruck gebracht werden: Künstler-innen [ˈkʏnstlɐʔɪnən], was einem Glottisschlag entspricht und „Gender-Pause“ genannt wird. Der Gebrauch eines Sternchens im Wortinneren ist allerdings nicht Bestandteil der amtlichen Rechtschreibung.
2020 führt der Rechtschreibduden das Sternchen als „vom amtlichen Regelwerk nicht abgedeckte“ Möglichkeit des „geschlechtergerechten Sprachgebrauchs“ auf. 2021 empfiehlt der Rat für deutsche Rechtschreibung zwar nicht die Aufnahme des Gendersterns ins offizielle Regelwerk, beobachtet ihn und andere mehrgeschlechtliche Schreibweisen jedoch weiterhin. Die Gesellschaft für deutsche Sprache erkennt das Sternchen, andere Genderzeichen oder Gender-Pausen nicht als geeignete Mittel an, um diskriminierungsfreie Sprache umzusetzen. Neben dem ZDF nutzen auch andere Medien das Sternchen häufig zum Gendern; einige Behörden und Verwaltungen im deutschsprachigen Raum empfehlen in ihren Sprachleitfäden seine Verwendung für die interne und externe Kommunikation (siehe Liste von Einrichtungen, die Genderzeichen nutzen). Anstelle des Sternchens wird seit 2016 zunehmend der Gender-Doppelpunkt genutzt (Mitarbeiter:innen).
Geschichte
Vorgeschichte
Frühe Vorkommen von Doppelnennungen finden sich beispielsweise im Jahr 1478 in einer Nürnberger Polizeiverordnung, die verfügt, „dass kein Bürger oder Bürgerin, Gast oder Gästin in dieser Stadt Nürnberg […] betteln soll“ (das kein burger oder burgerin, gast oder gestin in diser stat Nuremberg .. peteln sol).Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Gästin, gastin (f.) In: Deutsches Wörterbuch. Band 4. 1878, Spalte 1482. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich für paarige Personenbezeichnungen eine verkürzende Schreibweise mit Klammern, bei der die weibliche Wortendung eingeklammert an die männliche Bezeichnung angehängt wird: Lehrer(innen). Ab den 1940ern verbreitete sich die Schreibweise mit Schrägstrich plus Bindestrich: Lehrer/-innen. Im Rahmen der zweiten Frauenbewegung ab den 1960ern wurde der Schrägstrich verstärkt eingesetzt, um Frauen sichtbar zu machen, während allgemein noch der Gebrauch von rein männlichen Personenbezeichnungen zur geschlechtlichen Verallgemeinerung üblich war (generisches Maskulinum: alle Lehrer).
Ab den späten 1970er-Jahren entwickelte die Feministische Linguistik das Konzept der „geschlechtergerechten Sprache“ und passende Formulierungsmöglichkeiten, um Frauen auch sprachlich gleich zu behandeln. Befördert wurde diese Entwicklung durch die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau im Jahr 1979 und den von den Vereinten Nationen 1987 veröffentlichten Guide to Non-Sexist Language (Leitfaden für einen nicht-sexistischen Sprachgebrauch).
1981 war der Vorschlag aufgekommen, den Schrägstrich mit dem nachfolgenden kleinen „i“ zum Großbuchstaben „I“ zusammenzuziehen, als „Binnen-I“ bezeichnet: LehrerInnen. Daran kritisierte in der Folge die Queer-Theorie, dass mit dem Binnen-I nur die Zweigeschlechtlichkeit betont werde, aber nichtbinäre Geschlechtsidentitäten und intergeschlechtliche Personen sprachlich ausgeschlossen blieben (vergleiche Gender).
Im Jahr 2003 wurde vorgeschlagen, die zweigeschlechtlichen Kurzformen mit Schrägstrich oder Binnen-I durch einen Unterstrich zwischen der männlichen Wortform beziehungsweise dem Wortstamm und der weiblichen Endung zu erweitern, um „einen anderen Ort von Geschlechtlichkeit“ zu öffnen: Lehrer_innen. Diese genderinkludierende Schreibweise wurde im Anschluss als Gender-Gap oder Gendergap („sprachliche Geschlechter-Lücke“) bezeichnet.
Trans-Sternchen
Das Schriftzeichen Sternchen (Asterisk *) wird seit den 1960er-Jahren in der Informatik als Platzhalter (Wildcard) für eine beliebige Zeichenkette verwendet. Beispielsweise listet eine Suchanfrage nach *.txt alle vorhandenen Textdateien, wobei der hochgestellte Stern beliebige Dateinamen repräsentiert. In Suchfeldern würde die Eingabe A* alle Ergebnisse anzeigen, die mit dem Buchstaben „A“ beginnen.
Die früheste Nutzung des Sternchens (englisch asterisk oder star) als Bestandteil eines Wortes findet sich in den 1990er-Jahren in der Bezeichnung trans* in englischsprachigen LGBT-Communities, benannt als trans asterisk oder trans star. Das erklärte der britische Lexikograf Jonathan Dent 2018 zur Aufnahme des Worts in das Oxford English Dictionary; die Bedeutung lautet:Katy Steinmetz: The Oxford English Dictionary Added “Trans*.” Here’s What the Label Means. In: Time.com. 3. April 2018, abgerufen am 17. März 2021 (englisch).
2002 schrieb Alexander Regh in seinem Buchbeitrag Transgender in Deutschland zwischen Transsexuellen-Selbsthilfe und Kritik an der Zweigeschlechterordnung: Quo vadis, Trans(wasauchimmer)?, dass sich die Bezeichnungen trans* und Trans*-Mensch in selbstbestimmten Trans-Communities in Deutschland seit Mitte der 1990er-Jahre zu etablieren begannen.Alexander Regh: Transgender in Deutschland zwischen Transsexuellen-Selbsthilfe und Kritik an der Zweigeschlechterordnung. Quo Vadis, Trans(wasauchimmer)? In: polymorph (Hrsg.): (K)ein Geschlecht oder viele? Transgender in politischer Perspektive. Querverlag, Berlin 2002, ISBN 978-3-89656-084-1, S. 185–203, hier S. 191–192.Persson Perry Baumgartinger: Die staatliche Regulierung von Trans: Der Transsexuellen-Erlass in Österreich (1980–2010). Eine Dispositivgeschichte. Transcript, Bielefeld 2019, ISBN 978-3-8376-4854-6, S. 56; Zitat: Der von Regh und anderen im Mai 1999 in Köln gegründete Selbsthilfeverein TransMann e. V. nutzt die beiden Schreibweisen Trans* und adjektivisch trans* seit dem Jahr 2000 auf seiner Website.Alexander Regh, Henrik Haas, Tim Klein: . In: transmann.de. Köln, Juli 2000, abgerufen am 17. März 2021 (Website von TransMann e. V.): .
2012 verdeutlichte der US-amerikanische Autor und Aktivist Sam Killermann in einer online verbreiteten Grafik, welche Bedeutungen das Sternchen am Wort trans habe: Es stehe für ein Spektrum von Transgender-Geschlechtsidentitäten im Unterschied zu Cisgender-Frauen und -Männern (die sich mit ihrem Geburtsgeschlecht identifizieren). Killermann nennt nichtbinär, genderqueer („quer zu den Geschlechtern“), bigender („beidgeschlechtlich“), Two-Spirit („Zweigeist“), androgyn („zwitterhaft“), drittes Geschlecht und neun weitere Varianten.Sam Killermann: What does the asterisk in “trans*” stand for? In: ItsPronouncedMetrosexual.com. Erschienen Mai 2012, aktualisiert September 2018, abgerufen am 17. März 2021 (englisch); Zitat: 2014 stellte ein US-amerikanischer Artikel unter dem Titel Asterisk fest, dass die Schreibweise trans* ab 2010 in Online-Gender-Communities gebräuchlich geworden sei, nachdem sie in den Jahren zuvor nur gelegentlich online oder in Druckwerken aufgetaucht war.Avery Tompkins: Asterisk. In: TSQ: Transgender Studies Quarterly. Jahrgang 1, Heft 1–2, 1. Mai 2014, S. 26–27 (englisch; Volltext: doi:10.1215/23289252-2399497).Persson Perry Baumgartinger: Die staatliche Regulierung von Trans: Der Transsexuellen-Erlass in Österreich (1980–2010). Eine Dispositivgeschichte. Transcript, Bielefeld 2019, ISBN 978-3-8376-4854-6, S. 55.
Genderstern
mini|„*innen“-Aufkleber auf einem Hinweisschild in Kiel an der Hörnbrücke (2015)
2009 wurde der Asterisk als Genderzeichen vorgeschlagen im Leitfaden zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch von Beatrice Fischer und Michaela Wolf am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien, gedacht für Lehrveranstaltungen und wissenschaftliche Arbeiten: „Das Gender Gap kann auch mit einem Sternchen * zum Ausdruck gebracht werden.“ Hierbei wurde der bis dahin verwendete Unterstrich (Akademiker_innen) ersetzt durch den hochgestellten Stern: Akademiker*innen.
2010 erwähnte ein Gutachten der deutschen Antidiskriminierungsstelle des Bundes die Schreibweise mit Sternchen in Zusammenhang mit intergeschlechtlichen und Transgender-Personen: „Trans* ist ein recht junger, im deutschsprachigen Raum inzwischen verbreiteter, weit gefasster Oberbegriff für eine Vielfalt von Identitäten und Lebensweisen. Dabei dient der Stern * als Platzhalter für diverse Komposita“ (Wortzusammensetzungen).
Zunächst wurde die Schreibweise von Kurzformen mit Sternchen (Student*innen) von einigen Gleichstellungsbeauftragten in Hochschulverwaltungen aufgegriffen, so arbeitete die Philosophin Gudrun Perko 2012 einen Sprachleitfaden für die Fachhochschule Potsdam aus, in dem neben dem Gender-Gap (Unterstrich) auch der Stern als „queere Schreibweise“ empfohlen wurde zur Inklusion von weiteren Geschlechtern neben Männern und Frauen.Gudrun Perko: Sprache im Blick: Leitfaden für einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch. Herausgegeben vom Gleichstellungsrat der Fachhochschule Potsdam, 2012, ISBN 3-934329-53-5, S. 18–19: Empfehlungen ( auf fh-potsdam.de). 2013 enthielt der Leitfaden der Freien Universität Berlin eine gleichlautende Erklärung und Empfehlung.Freie Universität Berlin, Zentrale Frauenbeauftragte (Hrsg.): Geschlechtergerecht in Sprache und Bild. 20. November 2013, S. 8 (PDF: 560 kB, 9 Seiten auf fu-berlin.de). Die Universität Köln führte Genderstern und Unterstrich 2014 ein.Universität zu Köln, Gleichstellungsbüro: ÜberzeuGENDERe Sprache: Leitfaden für eine geschlechtersensible Sprache. 6., überarbeitete und erweiterte Auflage. 19. Februar 2020, S. 19 ( auf uni-koeln.de; Infoseite).
Während das Sternchen zunächst nur im hochschulischen Umfeld gebräuchlich wurde, trat es ab 2015 zunehmend auch in anderen Bereichen in Erscheinung, etwa in öffentlichen Verwaltungen und Institutionen. In Dokumenten der deutschen Partei Bündnis 90/Die Grünen ist der Genderstern seit einem Parteitagsbeschluss von 2015 der „Regelfall“, um inter- und transgeschlechtliche Personen nicht zu diskriminieren.