mini|hochkant=1.2|Michelangelo: Die Erschaffung Adams
Die Gottebenbildlichkeit (; und ) ist eine religiöse Überlieferung, siehe z. B. die Bibel, wonach der Mensch als „Gottes Ebenbild“ sowie als Mann und Frau geschaffen ist. Diese Überlieferung nimmt in mehreren Religionen eine zentrale Stellung ein.
Im Verlauf der Wirkungsgeschichte entwickelten sich viele Deutungsansätze. Eine Schwierigkeit christlicher Theologie lag darin, die Lehre der Gottebenbildlichkeit mit der des menschlichen Sündenfalls zu verbinden. So wurde in der theologischen Tradition seit der Patristik von einer verlorengegangenen Ähnlichkeit mit Gott, zugleich aber vorhandenen, innerseelischen Gottebenbildlichkeit ausgegangen. In der Reformation hingegen wurde die Gottebenbildlichkeit als infolge des Sündenfalls „korrumpiert“ betrachtet. Seit dem Renaissance-Humanismus wird bis heute die Gottebenbildlichkeit häufig als theologische Begründung der Menschenwürde betrachtet. In der Moderne kam es infolge der Säkularisierung zu einem „Abstieg“ der Vorstellung der Gottebenbildlichkeit.
Die moderne Theologie geht aufgrund der Verwandtschaft der göttlichen Ebenbildlichkeit im Menschen mit dem „elterlichen“ Gott von einer Wesensaussage aus. Die Gottebenbildlichkeit befähige den Menschen, über die Natur zu herrschen, siehe Dominium terrae.
Heftige Kritik erfuhr, in Auflehnung gegen die kirchlichen Erklärungsmodelle, die Gottebenbildlichkeit als erstes durch Ludwig Feuerbach. Er vertrat im Rahmen seiner Projektionstheorie die Ansicht, der Mensch schaffe sich einen Gott nach seinem Ebenbild. Im 20. Jahrhundert wurde von einigen Naturalisten die Ursache für die Naturausbeutung in dem eng mit der Gottebenbildlichkeit verbundenen Herrschaftsauftrag gesehen. Demgegenüber steht eine Aussage der Theologie, wonach sich der Mensch überhaupt keine Fantasie von einem Gott schaffen könne, ohne selbst, durch seine innere Gottebenbildlichkeit, Anteil am „elterlichen“ Gott zu haben.
Altorientalische und ägyptische Königsideologie In Mesopotamien In akkadischen Texten ist die Vorstellung einer Gottebenbildlichkeit des Königs mehrfach belegt. Der älteste Beleg dafür findet sich in der mittelassyrischen Siegeshymne auf Tukulti-Ninurta I. (1244–1208 v. Chr.). Diese bezeichnet den König als „bleibendes Abbild des (Gottes) Enlils“.Vgl. Die meisten Belege aber stammen aus der neuassyrischen Zeit, aus dem 7. Jahrhundert v. Chr.
Im Gilgamesch-Epos vollzieht sich die Erschaffung des Menschen Enkidu folgendermaßen: Die Muttergöttin Aruru bildet in ihrem Herzen ein Ebenbild des Gottes Anu und zeichnet dieses dann in Lehm. Es ist das Geschöpf also das Ebenbild einer Gottheit, nach welcher er geschaffen wurde.
In Ägypten Im Alten Ägypten wird besonders der König sowohl als Gottes Sohn als auch als Gottes Abbild bezeichnet. Die vielen verschiedenen Begriffe, die sich dabei für „Abbildung“ finden lassen, können in zwei Hauptgruppen eingeteilt werden.
Der König als konkretes Abbild Gottes
mini|Großer Tempel von Abu Simbel
Zum einen wird der König als konkretes Bild Gottes, sein passiver Repräsentant und Herrschaftsausüber bezeichnet. Für dieses konkrete Abbild stehen die Worte twt.w, ḥntj und šzp. Dabei bezeichnen die Wörter in ihrem Kontext jeweils ähnliche Sachverhalte. Diese Wörter können einerseits Königsstatuen in Tempeln, Statuen, die bei Prozessionen getragen und verehrt wurden, Statuen von Privatpersonen im Tempel sowie Grabstatuen von Privatpersonen darstellen.Ockinga 1984 S. 10. Die durch die Statue dargestellte Person wird am Ort der Statue gegenwärtig.Ockinga 1984 S. 19. So heißt es auf einer in Nubien aufgestellten Statue Ramses II.:
Der König ist also, obwohl er sich in Nubien nicht aufhält, dennoch dort gegenwärtig.
Andererseits wird auch der König selbst als „Abbildung Gottes“ bezeichnet. Der früheste Beleg hierfür findet sich in der Zweiten Zwischenzeit, ca. 1648–1550 v. Chr. Dabei wird der König als Abbild der Götter Re, Aton, Amun und Chepre bezeichnet.Ockinga 1984 S. 7 f. Alle diese Götter sind eine Form des höchsten Sonnengottes. Auch der erste Bestandteil des Königsnamens Tutanchamun, twt, kann von twt.t abgeleitet werden, was für die Gottebenbildlichkeit des Königs spricht.
Das genannte Verhältnis einer Statue zu dem Abgebildeten wird auf das Verhältnis des Königs zum Gott übertragen: Obwohl der Gott „fleischlich“ nicht anwesend ist, ist er durch die Abbildung gegenwärtig: Es ist also der Gott im König auf Erden gegenwärtig.
Die Funktion dieser Gottebenbildlichkeit besteht in der Herrschaftsausübung des Königs auf Erden. Dieser göttliche Auftrag zur Herrschaftsausübung kommt beispielsweise an einer Stelle Amenophis’ III. zum Ausdruck. Dort spricht der Gott Amun-Re-Kamutef zum König:
Ein weiterer Begriff für Bild, sšm.v betont die Verborgenheit Gottes. Dabei wird wiederum der König als „lebendes sšm.w-Bild des Herrn der Götter“ bezeichnet. Der König vollzieht seine Regierungsgeschäfte in der Abgeschiedenheit des Palastes.Ockinga 1984 S. 44 Gleichzeitig erteilt der König als sšm.w-Bild Orakel, wie es in der Lobrede eines Königs heißt:
Als Gott ähnlich Weiterhin wird der Mensch und besonders der König als Gott in seinem Handeln ähnlich betrachtet. So bezeichnet eine weitere Reihe von Wörtern, znn, mi.ti, mi.tt und ti.t den König weniger als konkretes Bild des Gottes, sondern vielmehr als dem Gott in seinem Wesen und Handeln ähnlich. Als Gottähnlicher besitzt er die nötige Voraussetzung dafür, ein Abbild Gottes zu sein. Dabei kann auch ein Privatmann als Gottähnlicher bezeichnet werden. Allerdings besteht ein graduell sehr starker Unterschied zwischen König und Privatmann: Der König ragt als dem Sonnengott Wesensähnlicher unter allen Menschen hervor.
In der hebräischen Bibel mini|Detail aus Michelangelos „Erschaffung Adams“
In der hebräischen Bibel finden sich Aussagen zur Gottebenbildlichkeit an zentraler Stelle, nämlich im Buch Genesis an den Stellen
Ansonsten werden im Tanach keine weiteren Aussagen zur Gottebenbildlichkeit des Menschen gemacht.
Literarischer Kontext Die priesterschriftlichen Aussagen über die Gottebenbildlichkeit fallen jeweils in den Kontext einer Aussage über die Erschaffung des Menschen durch Gott:Vgl. Schellenberg 2011, S. 72 : Erschaffung des Menschen und Herrschaft des Menschen über die Tiere : Erinnerung an den Tag, als Gott den Menschen schuf : Erschaffung des Menschen durch Gott als Begründung für das Mordverbot
Sprachliche Beobachtungen Besonders die Stelle stellt vor das lexikalische Problem der Bedeutung der Substantive ṣäläm und demût. Während ṣäläm eine konkrete plastische Nachbildung – ein Porträt, ein Standbild oder eine Statue – meint (z. B. ), bedeutet demût eher „Gleichheit“, auch wenn es als Ausdruck für Form und Äußeres verwendet werden kann (z. B. ). Letztlich sind beide Wörter fast bedeutungsgleich.Vgl. Jacob Jervel, TRE, Art. Bild Gottes I. Biblische, frühjüdische und gnostische Auffassungen, S. 492 Dabei sind beide Begriffe mit Präpositionen versehen, nämlich austauschbar mit be oder mit ke ( und ). Beide zielen auf einen Vergleich. Die vorfindliche Lehre ist deshalb sprachlich kaum systematisierbar.
Auffällig ist weiterhin die Verwendung des Plurals „Lasset uns …“ (). Die heutige Exegese sieht hier drei Möglichkeiten:Vgl. beispielsweise Die „himmlischen Wesen JHWHs Hofstaat“ werden miteingeschlossen.So Da der Hofstaat jedoch keine Schöpfungsmacht hat, kann hier auch ein Verweis auf die Dreieinigkeit gesehen werden. Es handelt sich um einen Hoheitsplural – den Pluralis Majestatis. Ein Pluralis Deliberationis ist gemeint, also ein Plural der Absichtsbekundung im „Stil der Selbstaufforderung“.So beispielsweise
Im Neuen Testament Neben den Schriftbelegen im Alten Testament finden sich für das Christentum relevante Aussagen im Neuen Testament. Dieses bezieht Aussagen über Gottebenbildlichkeit – hierfür wird der Begriff verwendet – besonders auf Jesus Christus, außerdem wird der Begriff auf die Eschatologie ausgedehnt.
Die Textbelege lassen sich dabei in drei Typen einteilen.
Christus als Ebenbild Gottes Solche christologischen Aussagen über Christus als das Bild Gottes finden sich an den folgenden Stellen: Im 2. Korintherbrief : Im Kolosserbrief : Im Hebräerbrief :
Gott- bzw. Christusebenbildlichkeit des Menschen Ebenso finden sich anthropologische Aussagen über den christlichen Menschen als Ebenbild Gottes oder Christi, nämlich an den folgenden Stellen: Im Ersten Korintherbrief : Im Zweiten Korintherbrief : Im Kolosserbrief : Im Zweiten Petrusbrief :
Der natürliche Mensch als Bild Gottes Vereinzelt finden sich auch Aussagen über den natürlichen Menschen als Ebenbild Gottes: Im 1. Korintherbrief : Im Jakobusbrief :
Wirkungsgeschichte im Judentum Vor- und Außerrabbinisches Judentum Ethisch-anthropologische Auslegung Die vor- und außerrabbinische Auslegung sieht in der Gottebenbildlichkeit des Menschen die Erkenntnis von Gut und Böse sowie die Möglichkeit zum ethischen Leben mitgegeben.Jesus Sirach 16,24 f., 17,7, Äthiopisches Henochbuch 65,2. Vgl. Jervell 1960, S. 27. Weil der Mensch nach der Ordnung Gottes geschaffen sei, sei er auch fähig, Abbild dieser Ordnung zu sein und nach ihr gesetzesgemäß zu leben.Siehe z. B. Testament des Nephtali 2,3; Äthiopisches Henochbuch 72,2. Vgl. Jervell 1960, S. 30. Die aus einer solchen geistig-ethischen Auslegung resultierende Verantwortung des Menschen führt dazu, dass der Mensch seine Werke auch vor einem göttlichen Endgericht zu verantworten habe.So beispielsweise Jesus Sirach 16,26; 4. Buch Esra 7,70–72. Vgl. Jervell 1960, S. 31. Fernerhin wird die Gottebenbildlichkeit in besonderem Maße als Israels Erbe von Adam her verstanden.4. Buch Esra 6,56 f. Vgl. Jervell 1960, S. 34 f.
In den hellenistisch-jüdischen Schriften – insbesondere dem in Alexandria entstandenen Buch der Weisheit – verbindet sich diese ethische Auslegung mit der griechischen Vorstellung der unvergänglichen Seele, indem die Gottebenbildlichkeit mit der Unsterblichkeit der Seele gleichgesetzt wird.Sap Sal 2,23b. Der eigentliche Wesenszug der Gottebenbildlichkeit des Menschheit ist seine Ewigkeit, vgl. Jervell 1960, S. 28. So resultiere das ewige Leben aus einem „Leben mit Gott“.Entsprechend sei ein materielles Götterbild Götzenverehrung, „Trugbild“, und führe, wie auch die Abkehr des Menschen von der göttlichen Gerechtigkeit, zum „spirituellen Tod“, vgl. Lorenzen 2006, S. 25 ff. Die Unvergänglichkeit der Seele sei infolge des Sündenfalls eine eschatologisch-transzendenten Gabe, die nur demjenigen zustehe, der ein Gott gemäßes Leben führe. Wer im Jenseits „wahres Leben“ erhalten wolle, müsse sich im diesseitigen Leben bewähren. Dabei existiere die Gottebenbildlichkeit unabhängig vom körperlichen Zustand des Menschen und finde ihre endgültige Erfüllung erst im Sein bei Gott nach dem körperlichen Tod. Trotzdem sei die Ebenbildlichkeit vom menschlichen Verhalten abhängig, insofern die Unsterblichkeit kein Besitz des Menschen ist, sondern durch tugendhaftes Leben erworben werden kann.Sap Sal 3,15; 4,1. Vgl. Jervell 1960, S. 28. Dabei sei der Mensch auf eine „göttliche Weisheit“, welche die Funktion der „Mittlerin“ zwischen Gott und den Menschen einnimmt, angewiesen.Lorenzen 2006, S. 74 f.
Abbild des göttlichen Logos + Schema der Abbildungsverhältnisse nach PhilonNach Jervell 1960, S. 55. Gott Logos Mensch Urbild ← Repräsentation nach dem Bild ← Abbild Vorbild →Urbild →