Großer Austausch (; ) ist ein politischer Kampfbegriff der Neuen Rechten. Damit führen sie Einwanderung von Nichtweißen und Muslimen auf eine angebliche Verschwörung mit dem Ziel zurück, die weißen Mehrheitsbevölkerungen in westlichen Staaten zu ersetzen. Der Begriff schließt an die im Rechtsextremismus und Rechtspopulismus übliche Ausdrücke wie Bevölkerungsaustausch, Umvolkung, Überfremdung, Volkstod oder Volksmord an und beschwört wie diese einen vermeintlichen Untergang der Weißen oder einen Genozid an ihnen. Als Urheber des angeblichen Plans werden etwa „die Globalisten“, „die Eliten“, „die Privatwirtschaft“, „die Juden“, „Multikulturalisten“ oder supranationale Organisationen wie die Europäische Union oder die Vereinten Nationen genannt. Dies gilt als rassistische und antisemitische Verschwörungstheorie.

Der französische Autor Renaud Camus machte sie 2011 mit seinem Werk Le grand remplacement bekannt. Die Identitäre Bewegung übernahm und verbreitete sie in Europa und in Nordamerika. Medien der Alt-Right und Fox News verbreiteten sie im ganzen englischsprachigen Raum. Etwa seit dem Jahr 2000 rechtfertigen Rechtsterroristen ihre Mordanschläge häufig mit dieser Vorstellung.

Ideologischer Kontext Der „Große Austausch“ ist Kern der neurechten Ideologie und eng mit deren Konzept des Ethnopluralismus verbunden: Mit dem Anspruch, die Vielfalt und Eigenart verschiedener Kulturen zu bewahren, wird deren „Vermischung“ durch den Multikulturalismus abgelehnt. Dabei ersetzt der Begriff Kultur den der Rasse, wird aber wie im biologistischen Rassismus als ethnisch homogenes, in sich stabiles völkisches Kollektiv verstanden, dem sich das Individuum und die Menschenrechte unterzuordnen hätten. Die Kulturen sollen demnach zwar gleichgestellt sein, doch die Gleichstellung von als fremd wahrgenommenen Menschen innerhalb der eigenen Kultur wird abgelehnt. Folglich wird der durch Zuwanderung mitbeeinflusste demografische Wandel negativ als „großer Austausch“ der einheimischen durch angeblich fremde Kulturen aufgefasst.Sebastian Henke: AfD, Pegida und der Untergang des Abendlandes: Mythen, Symbole und Narrative der Neuen Rechten in Deutschland. Cuvillier, Göttingen 2018, ISBN 3-7369-9932-1, S. 35 und Fn. 58. Diese Theorie steht in der Tradition der nationalsozialistischen Ideologie der Volksgemeinschaft und stellt mit oder ohne Rassentheorie ein kollektives „Wir“ gegen ein „sie“, die als „die Anderen“ einem für das eigene Gemeinwesen bedrohlichen, fremden Block zugeordnet und so ausgegrenzt werden.Thomas Pfeiffer: „Wir lieben das Fremde – in der Fremde“. Ethnopluralismus als Diskursmuster und -strategie im Rechtsextremismus. In: Jennifer Schellhöh, Jo Reichertz, Volker Heins, Armin Flender (Hrsg.): Großerzählungen des Extremen: Neue Rechte, Populismus, Islamismus, War on Terror. transcript, Bielefeld 2018, ISBN 3-8376-4119-8, S. 36–55, hier S. 51 f.

Die geforderte kulturelle und ethnische Homogenität würde durch massenhafte Abschiebungen verwirklicht werden. Schon das bloße Dasein von Migranten in der eigenen Gesellschaft soll die These vom Großen Austausch beweisen.Armin Pfahl-Traughber: Rechtsextremismus in Deutschland: Eine kritische Bestandsaufnahme. Springer VS, Wiesbaden 2019, ISBN 3-658-24275-2, S. 174 f. Der Ausdruck dient im ganzen heutigen internationalen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus zur Mobilisierung und wird als nicht hinterfragbares Faktum ausgegeben. Er findet Zustimmung erheblicher Bevölkerungsteile, die Zuwanderung nichtweißer Nichteuropäer als Strategie zur Abschaffung des eigenen Volkes und Plan ansehen, Muslime zur Mehrheit werden zu lassen. Diese Behauptung wird auch als Bevölkerungsaustausch, Umvolkung oder Islamisierung bezeichnet, von Renaud Camus ebenso wie von der Identitären Bewegung, die sich auf sein Werk beruft, und vom Demonstrationsbündnis Pegida. Schon dessen Name „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ behauptet eine Bedrohung des eigenen Kulturraums durch Muslime.Katharina Nocun, Pia Lamberty: Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Quadriga, Köln 2021, ISBN 3-404-07002-X, S. 164 f. Dabei wird der Islam ahistorisch vereinheitlicht und zur Ursache eines angeblichen genetischen Andersseins von Muslimen stilisiert. Diese werden mit Verweis auf islamistische Anschläge pauschal als gefährliche Kriminelle dargestellt, um Vernichtungsangst zu schüren und ihren angestrebten Ausschluss aus Europa plausibel zu machen.Carolin Mehnert: Kompromisslose Räume: Zu Rassismus, Identität und Nation. transcript, Bielefeld 2021, ISBN 3-8394-5895-1, S. 239 f. sowie Fn. 318–325.

Die 2012 entstandene Identitäre Bewegung erneuerte mit der Austauschtheorie kaum verändert den Mythos des „Volkstodes“, der aus dem Nationalsozialismus stammt.Gideon Botsch: Rassenbürgerkrieg. In: Onur Suzan Nobrega, Matthias Quent, Jonas Zipf (Hrsg.): Rassismus. Macht. Vergessen. Von München über den NSU bis Hanau: Symbolische und materielle Kämpfe entlang rechten Terrors. transcript, Bielefeld 2021, ISBN 3-8394-5863-3, S. 147–158, hier S. 150 f. Sie bevorzugt den Ausdruck gegenüber älteren Bezeichnungen, um sich von früheren rechtsextremen Kampagnen abzusetzen und ihren modernisierten völkischen Nationalismus gesellschaftlich anschlussfähig zu machen.Helga Embacher, Alexandra Preitschopf, Bernadette Edtmaier: Antisemitismus in Europa: Fallbeispiele eines globalen Phänomens im 21. Jahrhundert. Böhlau, Wien 2019, ISBN 3-205-23269-0, S. 257 (Google Buch). Dazu verharmlosen sich die Identitären, pflegen aber zugleich eine Kampf- und Kriegsrhetorik gegen eine angeblich „erzwungene Rassenmischung“ und verstehen sich als „letzte Generation“, die diese noch abwenden könne. Ihre Sprache zeigt Gewaltbereitschaft, legt Gewalt als einzige Lösung eines fiktiven Problems nahe und legitimiert diese als „Notwehr“.Judith Goetz: „Unsere Waffen sind ausschließlich gute Argumente und deren Verbreitung“: Die österreichischen „Identitären“ beim Wort genommen. In: Alisha M.B. Heinemann, Natascha Khakpour (Hrsg.): Pädagogik sprechen: Die sprachliche Reproduktion gewaltvoller Ordnungen in der Migrationsgesellschaft. Springer VS, Wiesbaden 2019, ISBN 3-476-04963-9, S. 99–114, hier S. 109 f. (Google Buch).

Damit verbunden sind apokalyptische Endzeit-Erwartungen von einer angeblich drohenden Auslöschung der WeißenRoxanna-Lorraine Witt: Gadje-Rassismus. In: Onur Suzan Nobrega, Matthias Quent, Jonas Zipf (Hrsg.): Rassismus. Macht. Vergessen, Bielefeld 2021, S. 126–144, hier S. 136. oder einem „Untergang des Abendlandes“.Andreas Speit: APO von rechts? In: Andreas Speit (Hrsg.): Das Netzwerk der Identitären: Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten. Christoph Links Verlag, Berlin 2018, ISBN 3-96289-008-4, S. 9–16, hier S. 10 (Google Buch). Allen Völkern Europas drohe, so eine identitäre Webseite, in der gegenwärtigen „Endphase“ des angeblichen Plans das endgültige „Verschwinden und Ausscheiden aus der Weltgeschichte“. Dadurch würden „wir“ (die weißen Europäer) zu fremdbeherrschten „Heimatlosen“. Eine „gigantische, ‚politisch korrekte‘ Lobby“ verdecke dies, weil sie als „Handlangerin der internationalen globalen Wirtschaft“ davon profitiere.Elke Rajal: Offen, codiert, strukturell. Antisemitismus bei den ‚Identitären‘. In: Judith Goetz, Joseph Maria Sedlacek, Alexander Winkler (Hrsg.): Untergangster des Abendlandes. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ‚Identitären‘. 2. Auflage, Marta Press, Hamburg 2018, ISBN 3-944442-68-7, S. 317.

Als angebliche Planer und Verschwörer werden unter anderem „nationale und internationale Konzerne“ und „Globalisten“ gesehen.Andrew Wilson: Fear-Filled Apocalypses: The Far-Right’s Use of Conspiracy Theories. Oxford Research Group, 27. März 2019; Mladen Gladić: Kubitschek träumt. Der Freitag, 17. August 2017. Damit wird behauptet, es gäbe eine die Globalisierung steuernde und vorantreibende Elite.Sebastian Henke: AfD, Pegida und der Untergang des Abendlandes. Göttingen 2018, S. 35, Fn. 59. Politiker werden in diesem Konstrukt zu „Komplizen“ und zum Teil dieser Elite. Internationale Abkommen wie der UN-Migrationspakt werden als Beweis des angeblichen Austauschplans ausgegeben.Nils Minkmar: Der Hassprediger. In: Spiegel Online, 19. Mai 2019.

Die Alt-Right in den USA nennt diese Theorie White Genocide und verbindet sie mit der verschwörungsideologischen These, es gebe einen deep state hinter der offiziellen Regierung. Demokratisch gewählten Politikern wird unterstellt, die Bevölkerung durch eine Kombination von geburtenfeindlicher Politik und Einwanderungsplänen auswechseln zu wollen.Karin Liebhart: Nationalsozialismus light. In: Markus Stumpf, Hans Petschar, Oliver Rathkolb (Hrsg.): Nationalsozialismus digital: Die Verantwortung von Bibliotheken, Archiven und Museen sowie Forschungseinrichtungen und Medien im Umgang mit der NS-Zeit im Netz. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen / Wien 2019, ISBN 3-8471-1276-7, S. 139–156, hier S. 145 (Google Buch). Eine antisemitische Variante der Genozidthese ist der sogenannte Kalergi-Plan: Dabei wird ein Zitat des Gründers der Paneuropa-Bewegung Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi von 1925, der ein allmähliches Verschwinden rassischer Unterschiede zugunsten individueller Freiheit in Europa erhoffte, als realer, aktuell heimlich verfolgter Plan zum Bevölkerungsaustausch missdeutet.Sophia Gaston, Joseph Uscinski: Out of the Shadows: Conspiracy Thinking on Immigration. University of Miami, November 2018, S. 21 f. (PDF).

In der COVID-19-Pandemie ab 2020 verknüpfte die Identitäre Bewegung die Austauschthese mit den Verschwörungsthesen eines „Great Reset“ und einer „Neuen Weltordnung“ (NWO). Sie behauptet, „globalistische Eliten“ nutzten die Pandemie, um nationale Völker und Regierungen zu vernichten und weltweit ein totalitäres System zur Kontrolle der Weltbevölkerung zu errichten. Als Vertreter dieser Eliten hebt etwa das Magazin Compact den amerikanischen Finanzinvestor George Soros hervor, macht ihn wegen seines Engagements für eine offene Gesellschaft und gegen Migrationshemmnisse zum Feindbild und stellt ihn im Einklang mit klassischen antisemitischen Stereotypen als angeblichen verborgenen Drahtzieher der Einwanderung nach Europa dar.Bundesamt für Verfassungsschutz: Lagebild Antisemitismus 2020/21. PDF, S. 35 f. und S. 49.

Die Rede vom Großen Austausch dient zur Radikalisierung und Feindbildmarkierung. Geflüchtete werden als „Invasoren“ dämonisiert. Die Abwehr der nichtweißen „Fremden“ ist das treibende Motiv und Bindeglied aller rechten Parteien, Protestbewegungen, sogenannten Bürgerwehren und klandestinen Terrorzellen. Rechtsterroristen bemühten das Motiv als vermeintliche Einzeltäter seit 2011 kontinuierlich, imitierten einander dabei in ihren Rechtfertigungstexten und bei der Tatausführung und verstanden sich so als stellvertretende Vollstrecker eines imaginierten Volkswillens.Richard Gebhardt: „Einzeltäter“? Zur Diskussion über einen zentralen Aspekt des aktuellen Rechtsextremismus. In: Markus Baum, Julia Maria Breidung, Martin Spetsmann-Kunkel (Hrsg.): Rechte Verhältnisse in Hochschule und Gesellschaft: Rassismus, Rechtspopulismus und extreme Rechte zum Thema machen. Budrich, Opladen 2021, ISBN 3-8474-2498-X, S. 49–60, hier S. 54 f. Es wird von Kritikern eine Gewaltneigung nahegelegt, da angeblich nur so eine „Entmischung“ der Ethnien stattfinden und die angeblich naturgebene Reinheit der eigenen „organischen Gemeinschaft“ wiederherstellen und sie vor dem Aussterben bewahren könnte.Kathrin Quatember: Paralleldimension: „Alternativmedien“ in OÖ. Kulturplattform Oberösterreich, April 2018.

Herkunft Obwohl der Ausdruck „Großer Austausch“ erst ab 2011 erschien, sind die damit bezeichneten, gemeinten und verbundenen Ideen weit älter. Sie gehen auf den Kolonialismus und Rassismus des 19. Jahrhunderts sowie den Faschismus des 20. Jahrhunderts zurück.

Vor 1945