Vergangenheitsbewältigung (neuerdings auch Vergangenheitsaufarbeitung) ist ein Schlüsselbegriff des öffentlichen Diskurses im Umgang mit der deutschen und österreichischen Vergangenheit des 20. Jahrhunderts, insbesondere für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.

Er hat individuelle und kollektive Bedeutung. Es geht darum, Negatives, Verdrängtes und Belastendes, seelische Verletzungen und Schuldgefühle zu bewältigen. Manchmal werden dabei Tabus gebrochen; zum Beispiel war es in der Nachkriegszeit in Deutschland in vielen Familien mit nationalsozialistischem Hintergrund verpönt, die aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrten Soldaten jeden Ranges, einschließlich Angehöriger der Schutzstaffel, nach ihren Erlebnissen und Taten zu fragen.

Über die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit hinaus wurde Vergangenheitsbewältigung nach dem Ende der DDR auch für die Aufarbeitung der SED-Diktatur samt ihren gesellschaftlichen Begleiterscheinungen gebräuchlich. Die in Deutschland vorliegenden Erfahrungen mit der Verarbeitung von belasteter Vergangenheit werden von Außenstehenden teils als inspirierend und vorbildlich wahrgenommen.

Weil Vergangenheit nicht „bewältigt“ – also endgültig erledigt – werden kann, wird teilweise der Begriff Vergangenheitsaufarbeitung oder Aufarbeitung der Vergangenheit vorgezogen.Dazu Martin Sabrow; Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Begrifflich liegt der Schwerpunkt bei der Aufarbeitung der Vergangenheit in der Bestimmung von Verantwortung. Zudem setzt man sich beim Aufarbeiten mit der Vergangenheit als einem Prozess der Erinnerungskultur auseinander. Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts werden auch Begriffe wie Geschichtspolitik bzw. Vergangenheitspolitik verwendet,Christoph Cornelißen u. a. (Hrsg.): Erinnerungskulturen. 2. Auflage. Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-596-15219-4, S. 12. die eine politische Steuerung dieses Prozesses rhetorisch markieren.

mini|hochkant=1.3|Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin mini|hochkant=1.3|Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin

Der Begriff wurde zunächst kritisch verwendet – etwa im Sinne einer rhetorischen Beschönigung oder eines „Abhakens“ der NS-Zeit – und gewann erst ab den 1960er-Jahren, besonders nach dem Eichmann-Prozess und den Auschwitz-Prozessen, eine positive moralische Konnotation.

Begriff Definition mini|hochkant|Ravensburg, Mahnmal zum Gedenken an die 29 in Auschwitz ermordeten Sinti aus Ravensburg

Der Begriff Vergangenheitsbewältigung wird vielfach auf den Historiker Hermann Heimpel zurückgeführtPeter Dudek: Vergangenheitsbewältigung. Zur Problematik eines umstrittenen Begriffs. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage 1–2, 1992, S. 44 ff. und wurde von Bundespräsident Theodor Heuss in vielen Reden verwendet. Ein früher Beleg für die Benutzung des Wortes findet sich in der Einladung zu einer Tagung zum „20. Juli“ zum Thema „Verbindlichkeit und Problematik unserer Geschichte“, die von der Evangelischen Akademie Berlin 1955 organisiert wurde. Der Akademieleiter Erich Müller-Gangloff sprach in der Einladung von dem „Schatten einer unbewältigten Vergangenheit“, der auf die deutsche Geschichte falle.

Eckhard Jesse definiert den Begriff 1992 über drei wesentliche Aspekte:

Helmut König fasste 1998 die Definition weiter:

Begriffsverwendung In Deutschland und Österreich wird der Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ insbesondere für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Ausprägungen verwendet. Hierzu gehören unter anderem Gewaltherrschaft, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord, Holocaust, Rassismus, Kriegsschuld, Mitläufertum. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit begann bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in den Nürnberger Prozessen und nachfolgenden Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher. Die 68er-Bewegung forderte eine kollektive Vergangenheitsbewältigung und monierte eine aus ihrer Sicht ausgebliebene Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte. Dies ging teilweise in den Vorwurf über, im System der Bundesrepublik sei ein neuer Faschismus zu erkennen.

Nach der friedlichen Revolution in der DDR begann in Deutschland ein neues Kapitel der Aufarbeitung der Vergangenheit. Anhand der Stasi-Unterlagen zeigte sich, wievielen Menschen eine Bewältigung ihrer individuellen Vergangenheit wichtig war: sie wollten wissen, von wem und wann sie bespitzelt oder denunziert worden waren; sie wollten begangenes Unrecht aufklären und teilweise auch sühnen (siehe auch Zentrale Erfassungsstelle der Landesjustizverwaltungen (ZESt) in Salzgitter), Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen (= „Gauck-Behörde“).

In der jüngeren Literatur bis 1998 wird Vergangenheitsbewältigung als Sammelbezeichnung für Aktivitäten verstanden, mit denen sich demokratische und der Wahrung der Menschenrechte verpflichtete Gesellschaften befassen, um eine von Diktatur und Verbrechen gekennzeichnete Vergangenheit aufzuarbeiten.Helmut König, Michael Kohlstruck u. a. (Hrsg.): Vergangenheitsbewältigung am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Opladen Wiesbaden 1998, S. 7.

Aufarbeitung der NS-Vergangenheit mini|Nürnberger Prozesse: Auf der Anklagebank – Göring, Heß, von Ribbentrop, Keitel (vorne), Dönitz, Raeder, von Schirach und Sauckel (dahinter)

Unter dem Begriff Vergangenheitsbewältigung der NS-Zeit werden die juristische, politische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Überwindung der ideologischen und materiellen Folgen der Zeit des Nationalsozialismus zusammengefasst.

Wichtigstes Kriegsziel der Anti-Hitler-Koalition war die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht sowie die „Befreiung der Welt vom Nationalsozialismus“.Wolfgang Benz: Kriegsziele der Alliierten bpb, 6. April 2005.

Am Anfang der Vergangenheitsbewältigung stand die juristische Aufarbeitung, das heißt die Bestrafung von Tätern, die Rehabilitierung von Opfern und die Etablierung einer neuen Rechtsordnung mit Grundgesetz und DDR-Verfassung sowie einer Revision der nationalsozialistischen Gesetzgebung, insbesondere der Rassegesetze. Die juristische Seite wurde bald begleitet von einer historischen Erforschung der nationalsozialistischen Herrschaft mit unterschiedlichen Schwerpunkten.Eike Wolgast: Vergangenheitsbewältigung in der unmittelbaren Nachkriegszeit Universität Heidelberg, 1997.Peter Brandt: Die Auseinandersetzung Deutschlands mit dem Nationalsozialismus nach 1945 Vortrag 2005.Hans Mommsen: Forschungskontroversen zum Nationalsozialismus bpb, 23. März 2007.

Parallel versuchten insbesondere die US-Amerikaner und die Briten durch die ideologische Entnazifizierung (Reeducation) die westdeutsche Gesellschaft zu demokratisieren. Es galt, einer breiten Öffentlichkeit den menschenverachtenden Charakter des NS-Staates deutlich zu machen und ihr demokratische Wertvorstellungen nach angloamerikanischem Vorbild nahezubringen mit dem Ziel, „to stamp out the whole tradition on which the German nation has been built“ und „to look to Great Britain and to the English speaking world as their exemplar“.Nicholas Pronay, Keith Wilson: The Political Re-Education of Germany & her Allies after World War II. London 1985, S. 5. Mit dem Potsdamer Abkommen verdeutlichten die Hauptsiegermächte, ihre Besatzungszonen sowohl wirtschaftlich als auch ideologisch in die westliche Welt (Westintegration) bzw. den Ostblock unter Führung der Sowjetunion zu integrieren, was zur deutschen Teilung führte. Dabei blieb die Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik anders als in der DDR ein ständiger Prozess.Edgar Wolfrum: Geschichte der Erinnerungskultur in der DDR und BRD bpb, 26. August 2008.

Die Unterschiede zwischen den drei deutschsprachigen Staaten im Umgang mit der NS-Vergangenheit beschrieb der Soziologe Mario Rainer Lepsius mit den Begriffen Internalisierung, Externalisierung und Universalisierung: In der Bundesrepublik wurde die NS-Vergangenheit nach langem Beschweigen als Teil der eigenen Geschichte anerkannt und somit internalisiert. In Österreich betrachtete man sich lange als erstes Opfer des Nationalsozialismus, der somit als externes Phänomen beschrieben wurde. Die DDR sah ihn als Faschismus an, also als Ausfluss des weltweit tätigen Kapitalismus. Daher schienen seine Wurzeln nicht nur in der deutschen Geschichte zu liegen, sondern im universalen Kampf zwischen Kapitalismus und Sozialismus, der mit naturgesetzlicher Notwendigkeit siegen werde.Referiert nach Herfried Münkler: Die Deutschen und ihre Mythen. Rowohlt Berlin, Berlin 2008, S. 435 f.

Bundesrepublik Deutschland Reintegrationspolitik Ehemalige Angehörige der NSDAP, der Wehrmacht, Flüchtlinge und Vertriebene, die sich nach Jahren der Entnazifizierung, der Internierung und des Lagerlebens sozial und wirtschaftlich deklassiert fühlten und den Untergang des Nationalsozialismus als schweren Existenz- und Sinnverlust erlebten, bildeten ein erhebliches Potential für eine Destabilisierung der neu formierten Demokratie Westdeutschlands. Die Sozialistische Reichspartei (SRP) profilierte sich als Nachfolgepartei der NSDAP, ihre Parolen fanden in diesen Bevölkerungsgruppen teilweise Zustimmung.Norbert Frei: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit. München 1996, ISBN 3-423-30720-X, S. 327. Die bundesdeutsche Politik begegnete dieser Lage, indem sie von der Entnazifizierung zur Reintegration überging.

In der ersten Legislaturperiode der Bundesrepublik Deutschland (1949–1953) wurden wesentliche juristische Voraussetzungen zur gesellschaftlichen Reintegration von NS-Tätern geschaffen. Dem Zweiten Bundestag gehörten 129 ehemalige NSDAP-Mitglieder an.CIA-Akte Gehlen, freigegeben ab 2001 (PDF; 1,7 MB), S. 12: “[…] figures recently compiled[…] from Berlin Document Center records […] show that the present Bundestag has 129 or 26.5% former NSDAP members.” 1949 und 1954 verabschiedete der Bundestag einstimmig Amnestiegesetze. Die große Mehrheit der von deutschen Gerichten verurteilten Nationalsozialisten wurde auf diese Weise begnadigt. Die Urteile der Spruchgerichte aus der Entnazifizierung der Alliierten wurden aus dem Strafregister gestrichen. Das „131er-Gesetz“ von 1951 (nach Grundgesetz) regelte die Wiedereingliederung von Beamten, die 1945 von den Alliierten aus politischen Gründen entlassen worden waren, und von ehemaligen Berufssoldaten in den Öffentlichen Dienst. Auch dieses Gesetz wurde einstimmig verabschiedet. Damit wurden Mitglieder der NSDAP entlastet und amnestiert. Aufgrund des dadurch garantierten Wiedereinstellungsanspruchs konnten sie in Positionen in Politik, Justiz und Verwaltung eingestellt werden oder zurückkehren. Der Wiederaufbau rückte in den Vordergrund, sich daran aktiv zu beteiligen kompensierte das moralische Versagen in der NS-Zeit. Ein expliziter Bruch mit der NS-Vergangenheit schien nicht mehr notwendig. Nicht einmal die höchsten Ämter in Politik, Verwaltung und Justiz blieben Personen vorbehalten, deren Vergangenheit ohne Belastung aus der NS-Zeit war. Beispielhaft stehen dafür Hans Globke und Theodor Oberländer.