Shepherd Stuurman, auch Klaas Shepherd oder Hendrik Bekeer (* um 1874 wahrscheinlich in Hankey, Kapkolonie; † 24. Februar 1907 in Kimberley, heute Südafrika) war ein afrikanischer Wanderprediger. Er gewann bedeutenden Einfluss auf den Nama-Kaptein Hendrik Witbooi, dem Führer des Witbooi-Clans im Aufstand der Herero und Nama. Stuurman beteiligte sich an den Kämpfen. Später hielt er sich unter dem Namen Hendrik Beeker unter Arbeitern in der Kapprovinz auf. Im Zusammenhang mit den sogenannten Hopefield-Morden wurde er 1907 zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Leben Herkunft Shepherd Stuurman stammte aus der britischen Kapkolonie, wo er vermutlich um 1874 in Hankey geboren wurde und aufwuchs. Später lebte er in Port Elizabeth, wo er einer kirchlichen Gemeinschaft der Kap-Presbyterianer beitrat. Am Ende des Zweiten Burenkrieges (1899–1902) ließ er sich in der Provinz Transvaal nieder.Cape Archives, Attorney General Files, 2663 Letter Book, V. Sampson, 24 Feb. 1907, Re Hendrik Bekeer and others
Was über Stuurmans Herkunft bekannt ist, beruht fast ausschließlich auf seinen eigenen Aussagen, die er bei Vernehmungen zu den Hopefield-Morden gemacht hat. Er bezeichnete sich selbst als Angehöriger des „Hottentottenstamms“. Es ist ungeklärt, ob er dem Familienverband der Stuurmans vom Ostkap angehörte, dem die Freiheitskämpfer Klaas (um 1770–1806) und David Stuurman (1773–1830) entstammten.
Der Name Shepherd Stuurman bedeutet in der Übersetzung aus dem Englischen und Niederländischen Hirte Steuermann. Dabei lässt „Shepherd“ im christlichen Kontext die Assoziation des Guten Hirten zu.
Agitation in den südafrikanischen Kolonialgebieten Als Mitglied einer stark antikolonialistisch und antiwestlich orientierten Kirche konnte er der „Äthiopischen Bewegung“ zugerechnet werden, die ein rein afrikanisches Christentum anstrebte. Im November 1903 machte er sich von Port Elizabeth aus auf den Weg, die Häuptlinge der Kap-Region hinter seiner Mission zu versammeln, um alle Schwarzen zu befreien und die Weißen zu vertreiben.Bundesarchiv Lichterfelde, Reichskolonialamt. 2134, Wilhelm Koopmann, Rehoboth, 11 Nov. 1904
Dies geschah in die Anfangsphase der Herero-Rebellion, noch bevor die Nama in den Konflikt verwickelt wurden. Der deutsche Kolonialismus war dabei, die Gemeinden und wirtschaftlichen Grundlagen der eingeboren Gesellschaft zu zerstören. Große Teile des Landes hatten die Besitzer gewechselt, Handel und Wirtschaft waren zum Erliegen gekommen und die Bevölkerung in Armut gestürzt. Die Lage war daher sehr gespannt, was Stuurmans Absichten, die Unruhen auszubreiten zusätzlich in die Hände spielte.
miniatur|Bildunterschrift:Kapitän Hendrik Wittboi mit seinem Stabe.Gruss aus Deutsch-Süd-West-AfrikaAnmerkung 1: Nachbearbeitetes Foto Nach eigenen Aussagen des selbst ernannten Propheten führte ihn die Reise über Kimberley und Upington nach Gibeon, wo er mit Hendrik Witbooi zusammentraf. Seine Bemühungen, den alten Häuptling zu überzeugen, die Waffen gegen die Deutschen zu ergreifen, blieb jedoch zunächst erfolglos. Auf den abschlägigen Bescheid des Kapteins soll Stuurman geantwortet haben:
Berichten der Kap-Polizei in Rietfontein zufolge wurde „Scheppert Stürmann“ Anfang 1904 an der Kolonialgrenze festgenommen, weil er „aufrührerische Reden“ gehalten hatte. Im Februar 1904 kam er in Rehoboth an. Den Einheimischen, den sogenannten Basters (Nachkommen aus Mischehen zwischen Nama(-frauen) und burischen Einwanderer), teilte er mit, dass Gott in einem Feuer zu ihm gekommen sei und ihn beauftragt habe, die Botschaft zu verbreiten, dass die Zeit, die Schwarzen zu erlösen gekommen sei. Doch auch der Kaptein der Basters wies ihn zurück, als er erklärte, dass „ein kleiner König“ erwählt wurde, um die schwarzen Menschen zu befreien, und dabei keinen Zweifel darüber aufkommen ließ, wer dieser König sei.
Verhaftung Im Mai 1904 wurde Stuurman am Lager der Herero in Windhoek von Einheiten der kaiserlichen Schutztruppe verhaftet, nachdem seine Aktivitäten den Verdacht des deutschen Militärs geweckt hatte. Dabei wurde festgestellt, dass er zwei in Südafrika ausgestellte Pässe besaß. Er wurde zu mehreren Wochen Zwangsarbeit verurteilt, jedoch im Juni nach Zahlung einer Strafe von zehn Mark wieder auf freien Fuß gesetzt. Die deutschen Beamten hofften so, Ärger mit den Kap-Behörden zu vermeiden, die möglicherweise zugunsten ihres Untertans interveniert hätten.Bundesarchiv Lichterfelde, Reichskolonialamt, 2134, Polizeimeister Lauterbach, Windhoek, 10 Nov. 1904
Bevor er gehen durfte, wurde er von einem Vertreter der Rheinischen Mission befragt. Der Pastor Carl Wandres stellte fest, dass Stuurman etwa 30 Jahre alt war, Englisch und Niederländisch sprach, aber keine afrikanische Sprache. Außerdem wurden verschiedene Substanzen unter seinen Sachen entdeckt, wie z. B. Schwefel und Teufelsdreck, die in der Hexerei Verwendung fanden. Wandres schlussfolgerte aus Stuurmans Angaben, dass dieser ein „Agent“ der Äthiopischen Bewegung sei.Vereinte Evangelische Mission, Rheinische Missions Gesellschaft, Personalakten, 1.623 (B/cII 51), Carl Wandres, Windhoek, 25 Okt.
Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Windhoek versprach er, die deutsche Kolonie zu verlassen. Tatsächlich hörten Kolonialbeamte Gerüchte über ihn in der Gegend von Keetmanshoop, wo er predigte, bekehrte und religiöse Gespräche führte.
Verbindung mit Hendrik Witbooi Stuurmans Berühmtheit wuchs und ab Juni 1904 wurden die rheinischen Missionare auf seine Anwesenheit in Rietmond aufmerksam, wo Hendrik Witbooi sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Der Kaptein, der religiösen Dingen gegenüber sehr aufgeschlossen war, stellte Stuurman dem technischen Assistenten der Missionsgesellschaft Ludwig Holzapfel und seiner Frau Meta vor. Dieser berichtete später von Stuurman, er sei „intelligent, von kleiner Statur und dunkelbraunem Teint, ein echter Kapenaar“ (Kap-Bewohner).Rheinische Missions-Berichte, Apr. 1905
Am 3. Oktober 1904 kündigte Hendrik Witbooi den Schutzvertrag mit den Deutschen und es entwickelte sich der Aufstand der Nama gegen die Kolonialherrschaft.
Zu dieser Zeit scheint Stuurman seinen Ruf als Prophet gefestigt zu haben, allgemeine Anerkennung und großen Einfluss zu genießen. In einem Bericht an den Rheinischen Missionar in Gibeon, Christian Spellmeyer, heißt es, dass er in Rietmond nur „der Prophet“ genannt werde. Im Weiteren ist die Rede davon, dass er mehrere Menschen zu „Dienern Gottes“ ernannt habe und ihnen „den Heiligen Geist“ spende. Nur diese Auserwählten dürften predigen und beten. Der Nama-Häuptling wurde zu einem Anhänger des Propheten.
Der Brief an den Missionsmitarbeiter spricht außerdem davon, dass vom Körper des Propheten ein Licht ausgehe und sein Kopf von einem Heiligenschein umgeben sei. Ergänzend wird davon erzählt, dass niemand ihn berühren dürfe und er immer alleine gehe. Spellmeyer fragte sich, ob der Prophet moderne technologische Hilfsmittel verwendete. „Vielleicht trägt er einige elektrische Maschinen an seinem Körper, die natürlich niemand sehen darf“.Anmerkung 2: Die Verwendung eines elektrischen Apparats scheint beim Stand der damaligen Technik nicht sehr wahrscheinlich. Doch käme etwa der Einsatz von sogenanntem „Foxfire“ als Lichtquelle infrage. Dieses Phänomen ist seit dem Altertum bekannt und wird beispielsweise in Mark Twains Roman „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ (Erscheinungsjahr 1884) beschrieben.
Insgesamt teilte Spellmeyer nun die Ansicht von Wandres, Stuurman könnte der Äthiopischen Bewegung angehören, die sich aber in den Aufzeichnungen nicht bestätigt. Spellmeyer war aber über das merkwürdige Verhalten einiger seiner alten Bekannten unter den Namas beunruhigt.
Isaak Witbooi, Hendriks Sohn, erklärte später in einem Verhör, dass sein Vater vom Propheten ermutigt wurde, den Deutschen den Krieg zu erklären. Isaak betonte, dass Stuurman „nie über kirchliche Angelegenheiten in der Kapkolonie gesprochen hatte“ und fügte hinzu: „Ich weiß nichts über eine äthiopische Kirche. Stuurman hat es nie erwähnt“.Zentralbureau, Kaiserliches Gouvernement von Deutsch-Südwestafrika, Befragung von Isaak Witboi. Windhoek, 2. Juni 1906
Kämpfe gemeinsam mit den Aufständischen miniatur|Lothar von Trotha mit seinem Stab Im Juli 1904 wurde Gouverneur Leutwein als Kommandeur der Schutztruppe durch Generalleutnant Lothar von Trotha abgelöst.Theodor Leutwein: Elf Jahre Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika. E. S. Mittler & Sohn, Berlin 1906, S. 521 f. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der eine politische Lösung des Konflikts favorisierte, verfolgte Trotha mit seiner Kriegsführung die Vernichtung der Aufständischen.
Im September 1904 heiratete Stuurman in Marienthal die Tochter des Basters Moses Meier. Die siebzehnjährige Frau gab später an, ihr Vater habe sie dazu gezwungen. Sie widersetzte sich, bis sie schließlich von Stuurman mit vorgehaltener Waffe zum Beischlaf gezwungen wurde.Befragung der beiden Söhne, Tochter und Frau von Moses Meier, Keetmanshoop, 15. Mai 1906
Stuurmann stellte eine Elitetruppe auf, die sogenannten „Gottesstreiter“. Den jungen und tatendurstigen Männern versprach er Unverwundbarkeit, nachdem er sie zu „heiligen Kriegern“ gesalbt hatte. Dies soll gereicht haben, dass sie ihm bereitwillig folgten. mini|Trothas Vernichtungsbefehl (letzte Kopie im Nationalarchiv Botswana) Als sich im Oktober 1904 die Nama unter ihren Kapteinen Hendrik Witbooi und Jakob Morenga am Aufstand der Herero beteiligten, spielte Sturrman mit etwa dreißig seiner Kämpfer eine aktive Rolle und nahm an mehreren Scharmützeln mit der Schutztruppe teil.
Am 2. Oktober 1904 erließ General von Trotha eine Proklamation an das Volk der Herero, die später als „Vernichtungsbefehl“ bekannt wurde. Darin setzte er ein Kopfgeld auf die Führer der Aufständischen aus. Für Hendrik Witboois Ergreifung, tot oder lebendig, war eine Prämie von 5000 Mark ausgelobt; Stuurmans Wert wurde auf 3000 Mark beziffert. Nach Niederschlagung des Aufstands 1907 ist Stuurman später von mehreren Witbooi-Onderkapteine beschuldigt worden, er habe neben dem Mord am Bezirksamtmann Henning von Burgsdorff am 4. Oktober auch die Erschießung Holzapfels tags darauf angeordnet. Holzapfel war einer der ersten Toten, die im Krieg der Nama gegen die Besatzungsmacht beklagt werden mussten. Er wurde von einem Witbooi-Kommando erschossen, weil er sich geweigert haben soll, seine Schusswaffe und Munition abzugeben.
Aus dem Bericht eines Basters, der im Auftrag der Deutschen die Witbooi nach Ausbruch der Feindseligkeiten ausspionierte, geht hervor, dass die Stellung von „Skipper Stuurman“ in Rietmond nahezu gottgleich gewesen sei. Er predige, dass alle Weißen in seine Hände gegeben würden und alle Weißen stürben. Die Witbooi glaubten an diesen Mann, der eine enorme Macht über Hendrik und alle Witbooi habe. Er müsse nur Befehle und Anweisungen geben. Alles werde fraglos befolgt.Landratsamt Keetmanshoop an Leutwein, 8. November 1904
Nachdem die Witbooi mehrfach von den Deutschen besiegt worden waren, begannen die kampferprobten Witbooi Zweifel an dem Propheten und seiner heiligen Mission zu hegen. Sie bemerkten, dass Stuurman sich vor den deutschen Maschinengewehren und der Feldartillerie fürchtete, während sie selbst, ihrer Unverwundbarkeit gewiss, den gegnerischen Gewehrsalven eher gleichgültig gegenüberstanden. Durch seine Mutlosigkeit, die zudem mit militärischer Inkompetenz gepaart war, verlor er nach und nach seinen Nimbus.