mini|Demonstration zur Einführung des Frauenwahlrechts vor dem Kapitol, 1917, angeführt von der schwarz gekleideten Anna Howard Shaw und Carrie Chapman Catt Das Frauenwahlrecht in den Vereinigten Staaten und Puerto Rico blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Auf Bundesebene wurde in den USA das aktive und passive Wahlrecht im 19. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten mit der Ratifizierung durch den Bundesstaat Tennessee am 18. August 1920 endgültig beschlossen und trat am 26. August 1920 in Kraft. In den Bundesstaaten der USA erstreckte sich die Einführung des Frauenwahlrechts über einen langen Zeitraum. In New Jersey etwa erhielten vermögende Frauen schon 1776 ein Wahlrecht, verloren es aber später wieder. Erst 1918 war das Frauenwahlrecht in allen Bundesstaaten eingeführt. In manchen davon wurden auch nach 1920 noch Beschränkungen wie Lese- und Schreibtests und Steuern benutzt, um Frauen vom Wählen auszuschließen. Eine Reihe von Gegebenheiten hatten Einfluss darauf, dass das Frauenwahlrecht in allen Teilen der USA Gesetz wurde. Dazu zählen etwa die Arbeit von Frauenorganisationen, Impulse aus der Arbeiterbewegung und die Entwicklung des Frauenwahlrechts in Europa. Als wesentlich gilt jedoch die Erfahrung mit Frauen als Wählerinnen aus den westlichen Bundesstaaten der USA, die die Vorreiter bei der Einführung gewesen waren. Dort wurde deutlich, dass Frauen ebenso wählten wie ihre Männer und damit keine Gefahr für die bestehenden Machtverhältnisse darstellten.
In Puerto Rico wurde zwar am 16. April 1929 ein Gesetz verabschiedet, das allen Frauen das Wahlrecht verschaffte, die lesen und schreiben konnten, damit waren aber faktisch die meisten Puerto-Ricanerinnen von der Wahl ausgeschlossen. Erst 1935 wurde das allgemeine Wahlrecht garantiert.
Untersuchung möglicher Einflussfaktoren auf die politische Repräsentation von Frauen Parteiklüngel und politische Seilschaften Zwischen 1890 und 1910 verhärteten sich die Blöcke der politischen Parteien und der Parteiklüngel bekam mehr Einfluss. Dieser war gegen jede Änderung des Wahlrechts, da er Veränderungen des ausgeklügelten Kalküls mit den politischen Mehrheiten befürchtete. Es gibt Beispiele für offen manipulative Eingriffe von Parteigrößen: 1913 erhielten Frauen in Illinois zwar das Wahlrecht für die Präsidentschaftswahlen, nicht jedoch bei lokalen Wahlen. Man befürchtete, dass andernfalls Frauen auf der lokalen Ebene in die Politik drängen und männliche politische Seilschaften ihre Macht verlieren könnten, was die Forderung der Frauenwahlrechtsbewegung nach einem Ende der Korruption nahelegte.
Zusammenhang mit anderen Zielen von Frauen Um die Wende zum 20. Jahrhundert waren die Eigentumsrechte und die Bildungsmöglichkeiten von Frauen verbessert worden. Dadurch wurde die Frauenwahlrechtsbewegung geschwächt, die die politische Repräsentation von Frauen als Schlüssel für weitere Fortschritte sah.
Frauenorganisationen mini|Lucy Burns, Mitgründerin der Congressional Union for Woman Suffrage, 1913 NAWSA
Bis zur Wende zum 20. Jahrhundert hatte die Frauenbewegung ihren Elan weitgehend verloren. Die Aktivistinnen aus der Mittelschicht wollten die sich organisierende Arbeiterschicht und die Gewerkschaften nicht in ihren Kampf einbeziehen. Carrie Chapman Catt setzte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen Vorurteile in der NAWSA in Bezug auf bestimmte Ethnien und Schichten ein, was zu einer Kursänderung und Öffnung führte.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 231.
1913 gründeten Anne Martin, Alice Paul und Lucy Burns zusammen mit Mitstreiterinnen die Congressional Union for Woman Suffrage, um eine Verfassungsänderung auf nationaler Ebene in die Wege zu leiten.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 233. Diese Gruppe arbeitete zwar noch innerhalb der NAWSA, geriet jedoch wegen ihrer nach Meinung von anderen Mitgliedern zu radikalen Ansichten in Konflikt mit der Gruppe, was 1916 zum Ausschluss aus der NAWSA führte.
Equality League of Self-Supporting Women mini|Harriot Eaton Stanton Blatch um 1910 Harriot Eaton Stanton Blatch, die in der Nähe von London gelebt hatte, setzte sich nach ihrer Rückkehr in die USA für eine Erneuerung der Frauenwahlrechtsbewegung ein. 1907 gründete sie die Equality League of Self-Supporting Women (später in Women’s Political Union umbenannt), um Frauen aus der Arbeiterklasse für die Suffragisten Bewegung zu gewinnen. Blatch gelang es, Frauen aus der Arbeiterklasse zu mobilisieren und parallel dazu ihre Zusammenarbeit mit Frauen aus der bürgerlichen Gleichberechtigungsbewegung fortzusetzen. Einerseits organisierte sie Straßenproteste, andererseits arbeitete sie mit viel diplomatischem Geschick daran, die Frauenwahlrechtsgegner zu neutralisieren. Dabei handelte es sich um Politiker aus der Tammany Hall-Seilschaft, die befürchteten, Frauen würden für die Prohibition stimmen.Ellen Carol DuBois, "Working Women, Class Relations, and Suffrage Militance: Harriot Stanton Blatch and the New York Woman Suffrage Movement, 1894-1909," Journal of American History, June 1987, Vol. 74 Issue 1, pp 34-58 in JSTOR
Gemeinsame Interessen mit der Arbeiterklasse Der Historiker Alexander Keyssar vertrat die Meinung, dass das Zusammenkommen des Interesses der Arbeiterklasse am Frauenwahlrecht mit dem Interesse der Suffragisten für die Arbeiterklasse zur Folge hatte, dass die Frauenwahlrechtsbewegung ab 1910 erstmals zu einer Massenbewegung wurde.Alexander Keyssar: The Right to Vote: The Contested History of Democracy in the United States. New York, Basic Books 2000, S. 206, zitiert nach: Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 232. 1915 zählte die NAWSA 100 000 Mitglieder, 1917 bereits zwei Millionen. Die Einflüsse der Arbeiterbewegung und ihrer Protestformen wird als wesentlich für das Erstarken der Frauenwahlrechtsbewegung angesehen.
Rassenfrage Nicht die Ungleichbehandlung der Geschlechter, sondern die Ungleichbehandlung von Rassen war das hervorstechendste Merkmal der USA Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein wesentlicher Faktor im Kalkül der Anhänger der Frauenwahlrechtsbewegung, die auch in den Südstaaten nach Anhängern suchten, war die Erhaltung der Vorherrschaft der Weißen.
Im frühen zwanzigsten Jahrhundert wurde der Graben der Rassentrennung, der sich in der Frauenwahlrechtsbewegung auftat, im Süden der USA besonders deutlich spürbar.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 239. Schwarze Frauen sollten das Wahlrecht deswegen nicht erhalten, weil man dachte, sie seien gebildeter als schwarze Männer, sich über ihre Rechte also mehr im Klaren und daher schwerer zu manipulieren.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 239/240. Gegner der Frauenwahlrechtsbewegung verkündeten, das Frauenwahlrecht würde eine Herrschaft der Schwarzen zur Folge haben. Unterstützer der Demokratischen Partei äußerten, dass schwarze Frauen die Republikanische Partei wählen und so die Demokraten in den Südstaaten vernichten würden.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 241. Dagegen wurde angeführt, dass Zugangskriterien zum Wahlrecht wie das Zahlen bestimmter Steuern oder der Nachweis, lesen und schreiben zu können, es leicht machen würden, schwarzen Frauen ihr Wahlrecht auch wieder zu entziehen, wie es auch bei den schwarzen Männern gewesen war. Die Vormachtstellung der Weißen würde durch das Frauenwahlrecht gestärkt werden.
Auch innerhalb der Frauenorganisationen spielte die Rassenfrage eine Rolle. Bei dem NAWSA-Treffen 1903 herrschte Rassentrennung. Auch hatte die NAWSA – wohl mit Rücksicht auf die Südstaaten – Mitgliedsstaaten erlaubt, in ihren Mitgliedsorganisationen vor Ort Rassenschranken einzuführen.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 240. Beim nächsten Treffen waren schwarze Frauen zugelassen. Beim großen Aufmarsch vor dem Weißen Haus hatten weiße Frauen angekündigt, sie würden sich nicht beteiligen, wenn auch schwarze Frauen dabei wären. Die NAWSA legte daraufhin fest, dass schwarze Frauen zwar teilnehmen durften, aber am Ende des Zuges in einem gesonderten Block marschieren sollten.
Entwicklungen in Europa mini|Alice Paul um 1915 Die Entwicklung des Frauenwahlrechts in Europa verstärkte die Bewegung in den USA: Der Einfluss Großbritanniens zeigte sich nicht nur in der Literatur, sondern auch in den Vortragsreisen von Emmeline Pankhurst in den USA 1909, 1911 und 1913 und vor allem in den Aktivitäten junger Frauen, die auf Reisen nach Großbritannien erfahren hatten, wie militant die Frauen dort waren. Eine dieser Reisenden, Anne Martin, war auf einer Reise nach London dort am Black Friday 1910 verhaftet worden und wurde zur treibenden Kraft der Frauenwahlrechtsbewegung in Nevada, die 1914 dort die Einführung des Frauenwahlrechts erreichte. Auch Alice Paul und Lucy Burns gehören in diese Gruppe von Frauen.
Richard J. Evans vertritt die Meinung, dass die Werte der amerikanischen protestantischen Mittelschicht durch Deutschland, mehr aber noch durch die Bolschewiki und die auf sie zurückgehenden Revolutionen in Gefahr schienen. Die Einführung des Frauenwahlrechts war eine der Maßnahmen, um diese Werte zu stärken.
Erfahrungen mit Frauen als Wählerinnen Die niedrige Wahlbeteiligung von Frauen in Gebieten, in denen sie das Wahlrecht erhalten hatten, wurde um die Wende zum 20. Jahrhundert als Argument gegen eine Ausweitung des Frauenwahlrechts herangezogen. Bei der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 1916 zeigte sich das Scheitern der Strategie von Alice Paul, wahlberechtigte Frauen gegen die Demokraten zu mobilisieren: Die Frauen orientierten sich im Wahlverhalten nicht an den Aktivistinnen, sondern an ihren Männern.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 235. Die Befürworter des Frauenwahlrechts nutzten dieses Phänomen für ihre Zwecke und sahen es als Beweis dafür an, dass das Frauenwahlrecht keinen Einfluss auf die Machtverhältnisse habe und die politischen Seilschaften, die das Gegenteil befürchteten, im Unrecht seien.
Als wesentlichen Faktor dafür, dass das Frauenwahlrecht in allen Teilen der USA Gesetz wurde, nennt Adams die Erfahrung mit Frauen als Wählerinnen, die in den westlichen Bundesstaaten gesammelt wurden, die die Vorreiter bei der Einführung waren. Dort wurde deutlich, dass Frauen ebenso wählen würden wie ihre Männer und damit keine Gefahr für die bestehenden Machtverhältnisse darstellten.
Verdienste von Frauen im Ersten Weltkrieg Die Tatsache, dass die letzten Phasen des Kampfes um das Frauenwahlrecht zeitlich mit dem Ersten Weltkrieg und seinem Ende zusammenfallen, darf nicht überbewertet werden, da das Frauenwahlrecht generell sehr häufig bei oder kurz nach nationalen Umbrüchen erlangt wurde.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 245. Der Erste Weltkrieg brachte das Frauenwahlrecht zwar nicht mit sich, aber er schuf ein förderliches Klima dafür und gab den Befürwortern weitere Argumente.
Puritanische Ethik mini|Warnung vor König Alkohol und seinem Premierminister, dem Tod, auf Plakaten und Flugschriften