mini|Masjid-al-Noor-Moschee von Canterbury, Christchurch (2006) mini|hochkant|Lage von Christchurch auf der Südinsel Neuseelands

Beim Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch (Neuseeland) am 15. März 2019 tötete der aus Australien stammende Rechtsterrorist Brenton Tarrant mit Schusswaffen insgesamt 51 Menschen und verletzte weitere 50, einige davon schwer. Es war die Tat mit den meisten Todesopfern in Neuseelands Kriminalgeschichte.

Der 28-jährige Täter griff gezielt islamische Zentren der Stadt an und berief sich dazu analog zu dem norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik auf eine Reihe rechtsextremer und islamfeindlicher Theorien, darunter den sogenannten Großen Austausch. Er wurde wegen Mordes angeklagt und am 27. August 2020 zu lebenslanger Haft ohne die Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung verurteilt. Damit verhängte ein Gericht Neuseelands erstmals die dortige Höchststrafe.

Tathergang mini|Lage der beiden Moscheen in Christchurch Nach Augenzeugenberichten schoss um etwa 13:45 Uhr Ortszeit ein mit Action-Camcorder und kugelsicherer Weste, schwarzer militärartiger Kleidung und Helm ausgestatteter Mann in der Al-Noor-Moschee (Christchurch) im Ortsteil Riccarton mit einer halbautomatischen Schusswaffe gezielt auf Muslime, die sich zum Freitagsgebet versammelt hatten. Der Täter übertrug die Tat mit einem Live-Streaming auf Facebook. Das Video zeigte große Teile des Tatverlaufs: Tarrant erreichte nach kurzer Anfahrt mit dem Pkw die Moschee, eröffnete das Feuer auf im Eingangsbereich stehende Personen, betrat das Gebäude und streckte in wenigen Minuten viele Anwesende nieder. Dann schoss er im Freien um sich, wechselte an seinem Pkw seine Selbstladewaffe und kehrte zurück.Mass shooting suspect obtained guns legally, NZ prime minister says. abc15.com, 16. März 2019 Im Gebäude feuerte er erneut auf schon am Boden Liegende, auf dem Weg zu seinem Pkw und auf der Fahrt vom Tatort weg auf Passanten.Christchurch shootings: 49 dead in New Zealand mosque attacks. BBC News, 15. März 2019 Dabei tötete er zunächst 42 Menschen, darunter den 50-jährigen Pakistani Naeem Rashid, der ihn vom Schießen abzuhalten versucht hatte.

Danach fuhr Tarrant zum Linwood Islamic Centre und erschoss dort weitere sieben Personen. Der aus Afghanistan stammende Australier Abdul Aziz warf nach Eigenaussage zuerst ein Kreditkartenlesegerät, dann die schon leergeschossene Waffe des Täters auf ihn, schrie ihn an, um ihn abzulenken, und schlug ihn so in die Flucht. Laut Augenzeugen hätte er dort sonst noch mehr Menschen erschossen. Zwei Polizisten verfolgten ihn, blockierten seinen Pkw und verhafteten ihn.'Come here!': the man who chased away the Christchurch shooter, The Guardian, 17. März 2019.

Opfer Bei den Anschlägen wurden insgesamt 51 Menschen getötet, davon 42 in der Masjid-Al-Noor-Moschee im Stadtteil Riccarton, weitere sieben im Linwood Islamic Centre in Linwood und zwei im Christchurch Hospital der Stadt.What we know so far about the New Zealand shooting. Guardian, 15. März 2019 Das jüngste Opfer war drei, das älteste 71 Jahre alt.Christchurch mosque shooting: The faces of the victims. Otago Daily Times, 16. März 2019 Nach Polizeiangaben wurden weitere 50 Personen durch Schüsse verletzt, einige davon schwer.Attentat in Christchurch: Polizei findet weiteren Toten. Spiegel Online, 16. März 2019

Die angegriffenen Besucher des Freitagsgebets in den beiden Moscheen gehörten zu rund 50.000 Muslimen in Neuseeland (etwa 1,04 % Bevölkerungsanteil).Mehr als 40 Tote bei Terroranschlag in Neuseeland. Spiegel Online, 15. März 2019 Unter den Getöteten und Verletzten waren auch Staatsbürger aus Afghanistan, Bangladesch, Indien, Palästina, Jordanien, Tunesien, Somalia und Syrien.Christchurch shootings: First victim named as families wait anxiously. BBC, 16. März 2019; Elle Hunt: Several nationalities among Christchurch mosque victims. Guardian, 15. März 2019 Die BBC veröffentlichte eine vollständige Liste der Opfernamen mit biografischen Details zu jeder Person.Christchurch shootings: The people killed as they prayed. BBC, 21. März 2019

Ermittlungen Der festgenommene Schütze wurde bis 16. März 2019 als der 28-jährige Australier Brenton Tarrant identifiziert und wegen Mordes angeklagt.Attentat in Christchurch: Polizei findet weiteren Toten. Spiegel Online, 16. März 2019 In seinem Pkw wurden weitere Waffen und Sprengkörper gefunden. Für die Ermittler Neuseelands war er ein terroristischer Einzeltäter. Anfangs als Mittäter verdächtigte Personen wurden bis März 2019 wieder freigelassen.Conan Young: Lone gunman responsible for Christchurch terror attacks - police. Radio New Zealand, 16. März 2019

Tarrant hatte mindestens ab 2017 allein in einem Mietshaus der Stadt Dunedin südlich von Christchurch gelebt. Dort hatte er 2017 ein Jagdgewehr, ab Dezember 2018 weitere Waffen legal erworben. Er besaß eine Schusswaffenlizenz, auch für halbautomatische Gewehre wie die AR-15, und hatte als Mitglied des lokalen Schützenvereins damit trainiert.Vaughan Elder, Tim Miller: Otago rifle club 'in shock', accused 'bought gun in Dunedin'. Otago Daily Times, 16. März 2019

Tarrant hatte zuvor viele Auslandsreisen unternommen. 2014 besuchte er mit drei Österreichern Nordkorea.Austria may disband far-right group over link to NZ attack suspect. BBC, 28. März 2019 Im Oktober 2016 bereiste er als Tourist neun Tage lang Israel, danach Serbien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina sowie Kroatien. Dort reiste er jeweils zu historischen Schauplätzen von Schlachten gegen Muslime. Im Frühjahr 2017 besuchte er Frankreich, Spanien und Portugal, vom 9. bis 15. November 2018 Bulgarien, danach Rumänien und Ungarn. Nach Fotografien auf seinem Facebookprofil hatte er dann in Österreich Friesach, Klagenfurt, Salzburg, Steyr und Wien, in Deutschland Schloss Neuschwanstein besucht. Dabei folgte er offenbar „den Spuren der Kreuzritter“. In Österreich war Tarrant vom 27. November bis 4. Dezember 2018 und fuhr dann mit einem Mietwagen bis nach Tallinn (Estland).

Das österreichische Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung untersuchte Tarrants Aufenthalt in Österreich vom Vorjahr. Am 25. März 2019 durchsuchte die Polizei die Wiener Wohnung von Martin Sellner, der die rechtsextreme Identitäre Bewegung Österreich (IB) leitet, und stellte Datenträger sicher. Anlass war, dass Tarrant 1500 Euro an Sellner gespendet hatte. Die hohe Spende war Österreichs Behörden schon 2018 aufgefallen. Sellner gab die Durchsuchung im Internet bekannt, betonte aber, er habe außer einer kurzen Dankesmail keinen Kontakt zum Spender gehabt.Innenministerium bestätigt Hausdurchsuchung bei Identitären-Sprecher Sellner – Spende über 1.500 Euro war länger bekannt. Standard.at, 26. März 2019 Am 28. März 2019 bestätigte Österreichs Regierung, dass Tarrant der Spender war und Österreich im November 2018 besucht hatte. Falls er eine terroristische Vereinigung gebildet habe, werde man die IB auflösen und verbieten.

Tarrants wiederhergestellte Facebookdaten zeigten seine Radikalisierung: Ab April 2016 hatte er die rechtsextremen australischen Gruppen United Patriots Front (UPF) und True Blue Crew (TBC) mit vielen hasserfüllten Kommentaren unterstützt. So drohte er Kritikern des UPF-Anführers Blair Cottrell, er werde das Seil halten, das die „Verräter“ erhängen werde. Mit der UPF feierte er die Wahl von US-Präsident Donald Trump im November 2016 als Triumph von „Patrioten und Nationalisten über Globalisten und Marxisten“ und Durchbruch zum baldigen Sieg des „Imperators“ Cottrell. Als dieser im Januar 2017 wegen einer gestellten Enthauptung von Muslimen vor Gericht stand, unterstützte Tarrant ihn erneut. Er gehörte auch zu den Spendern der UPF. Diese distanzierte sich nach dem Mord von ihm. Cottrell schloss jedoch Kontakte von UPF-Mitgliedern mit Tarrant nicht aus. Der australische Geheimdienst hatte ab 2002 vor allem Islamisten beobachtet; erwartet wurde nun eine stärkere Beobachtung der Alt-Right.Alex Mann, Kevin Nguyen, Katherine Gregory: Christchurch shooting accused Brenton Tarrant supports Australian far-right figure Blair Cottrell. ABC, 23. März 2019

Täterideologie Am 13. März 2019, zwei Tage vor dem Anschlag, postete Tarrant auf seiner Facebookseite eine Fotografie der Masjid-al-Noor-Moschee inmitten einer Kollage von Gewalt-Memes und Bildern der Massenmörder Anders Breivik und Timothy McVeigh. Das Moscheebild montierte er auf das Bild eines großen mittelalterlichen Ritters, der eine viel kleinere Person im Schwitzkasten hält. In zwei weiteren Kollagen hält der Ritter Imam Ali, den Gründer der Schia, und eine Frau, die den Niqab trägt. Eine weitere Kollage zeigt den Rapper Drake, der missbilligend auf das Moscheebild zeigt, aber zustimmend auf das Bild einer brennenden Moschee in Victoria (Texas), die ein Rechtsextremist 2017 angezündet hatte. Trotz dieser Hinweise hatte niemand vor möglichen Absichten Tarrants gewarnt.Nick Dole et al.: Accused Christchurch shooter posted Facebook image of Al Noor mosque days before attack. ABC News, 29. März 2019

Auf Tarrants Waffen und Munitionsmagazinen befanden sich kyrillische und osteuropäische Inschriften mit den Namen von historischen Schlachten, Kämpfern gegen das Osmanische Reich und früheren antimuslimischen Terroristen sowie die Zahl „14“ für die Fourteen Words.Yeni Zelanda’da camide katliam yapan terörist Brenton Tarrant’ın kullandığı tüfeğin şifreleri. Takvim.com.tr, 16. März 2019 Darunter standen die Namen Ernst Rüdiger von Starhemberg, der 1683 die Zweite Wiener Türkenbelagerung abgewehrt hatte,Fabian Schmid: Christchurch-Attentäter postete mehrere Fotos aus Österreich. Standard.at, 18. März 2019 der venezianische Offizier Marcantonio Bragadin, der Terrorist Alexandre Bissonnette, der 2017 beim Anschlag auf das Centre culturel islamique de Québec sechs Menschen erschossen hatte, und Ebba Åkerlund, die beim Anschlag in Stockholm 2017 getötet worden war. Deren Mutter distanzierte sich öffentlich von der Benutzung ihrer Tochter.Christchurch: Attentäter interessierte sich für rechtsextreme Soldaten in der Bundeswehr. Spiegel Online, 16. März 2019 Ferner hatte Tarrant auf dem Weg zur Tat das serbisch-nationalistische Kampflied „Karadžić, führe deine Serben“ von Željko Grmuša abgespielt.Die Balkan-Spur des Christchurch-Anschlags. Deutsche Welle vom 18. März 2019

Tarrants Internet-Manifest „Der große Austausch“ bezog sich auf die in der Neuen Rechten und im Neonazismus beliebte These eines angeblichen geplanten Bevölkerungsaustauschs der weißen Europäer durch Muslime und eine „Islamisierung“ Europas. Er nannte sich im Manifest „Rassist“, „Ethnonationalist“ und „Ökofaschist“. Er habe derartige Anschläge seit zwei Jahren, den konkreten Anschlag in Christchurch seit drei Monaten geplant.Terroranschlag in Neuseeland: Nationalistischer Eifer, Waffenkult, Rassenhass. Spiegel online, 15. März 2019 Anfangs habe er die Al-Huda-Moschee in seinem Wohnort angreifen wollen. Eine große, in Neuseeland bis dahin beispiellose Gewalttat werde zeigen, dass es nirgendwo in der westlichen Welt für Einwanderer sicher sei. So wolle er „sein Land“ gegen „Angreifer“ (alle nichtweißen Einwanderer) verteidigen und eine Atmosphäre der Angst schaffen, um „revolutionäre Maßnahmen“ zu ermöglichen. Seine Inspiration sei Anders Behring Breivik. Zudem postete Tarrant auf Twitter Fotografien seiner Waffen mit weißfarbigen Namen anderer rechter Attentäter. Kurz vor der Tat sagte er „Subscribe to PewDiePie“ und warb damit für dessen gefragten YouTube-Spielekanal. PewDiePie distanzierte sich.Niraj Chokshi: PewDiePie Put in Spotlight After New Zealand Shooting. The New York Times, 15. März 2019