Hanns Christian Löhr (* 1961 in Marburg/Lahn) ist ein deutscher Historiker und Journalist.
Leben Hanns Christian Löhr wuchs in Westdeutschland auf. Nach dem Abitur studierte er an der Universität Hamburg und der Universität Bonn Alte, Mittelalterliche und Neue Geschichte sowie Philosophie. Er beendete sein Studium 1988 mit dem Magister artium. 1992 wurde er an der Universität Bonn bei Klaus Hildebrand mit einer Arbeit über die Gründung des modernen Staates Albanien und den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum Dr. phil. promoviert.Biografische Angaben in: Die Albanische Frage, [Dissertation], Bonn 1992.
Journalistische Tätigkeit Von 1992 bis 1994 arbeitete Löhr als freier Mitarbeiter für die „Berliner Abendschau“ des damaligen Sender Freies Berlin.So beispielsweise: Berliner Bunker, SFB Abendschau, 4. September 1992. Zwischen 1993 und 2004 schrieb er für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeine Zeitung. Er beschrieb dabei besonders historische Bauten und Monumente in der ehemaligen DDR, welche dem westdeutschen Leserpublikum unbekannt waren. So beispielsweise: Die Christenheit oder Preußen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 174, 29. Juli 2000, S. 46. Für den gleichen Zeitraum sind zudem Arbeiten für die Süddeutsche ZeitungDie Luftwaffengang, So brachte der frühe Franz Josef Strauß seine Spezln unter, Süddeutsche Zeitung, Nr. 107, 10. Mai 2003, S. 15., die Märkische OderzeitungDas geheime Lager der Staatssicherheit, Märkische Oderzeitung vom 27. Februar 1999. und die Deutsche TagespostHeimliche Rückgabe in Pommern, So wurde ein deutsches Opfer von polnischen Nachkriegs-Beschlagnahmungen entschädigt, Die Tagespost Nr. 79, 5. Juli 2003. nachweisbar.
Zu seinen wichtigen Beiträgen aus dieser Zeit gehört die Entdeckung der eingemauerten Statue eines Prometheus des Berliner Bildhauers Reinhold Begas (1831–1911), die er 1993 erstmals im hinteren Bereich des Gebäudes der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin identifizierte. Prometheus protestiert, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 81, 6. April 1993, S. 33. Und: Foto der Plastik. Ebenso schrieb er als erster einen Nachlass in der Deutschen Fotothek Dresden eindeutig dem Dresdner Fotografen Hans Willy Schönbach (1887–1965) zu. Schönbach hatte zwischen 1941 und 1944 Kunstwerke abgelichtet, die der Sonderauftrag Linz für Adolf Hitler erwarb.Führerkunst aus der Negativreserve, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 175, 31. Juli 2002, S. 43. und Nachlass des Fotografen in der Deutschen Fotothek. 2002 stellte er die sogenannten Führeralben, in denen sich Hitler eine besondere Auswahl von Erwerbungen für sein geplantes Museum vorführen ließ, einer breiteren Öffentlichkeit vor.Was Hitler ergötzte, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 14, 17. Januar 2002, S. 45.
Wissenschaftliche Tätigkeit Das erste Buch, das Löhr veröffentlichte, beschrieb die Privatisierung der Ostdeutschen Landwirtschaft durch die Treuhandanstalt Berlin.Der Kampf um das Volkseigentum, Berlin 2000. Im Anschluss daran konzentrierte er seine wissenschaftlichen Recherchen auf den nationalsozialistischen Kunstraub. Im Zuge dieser Arbeit wertete er die Fotokartei des Sonderauftrag Linz und die »Führerbaukartei« aus, die er als erster in dem damals der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Archiv der damaligen Oberfinanzdirektion Berlin identifizierte. Beide Karteien geben einen großen Teil der von Hitler erworbenen Kunstwerke wieder. Als Ergebnis erschien 2005 eine Monografie über Hitlers Raubkunstorganisation.„Das Braune Haus der Kunst“, Hitler und der „Sonderauftrag Linz“; Visionen, Verbrechen, Akademie Verlag Berlin 2005. In diesem Buch wies er als erster systematisch auf die Verstrickung des deutschen und internationalen Kunsthandels beim nationalsozialistischen Kunstraub hin. Zudem erwähnte er als erster das Vorhandensein von Resten der grafischen Sammlung des Sonderauftrages in den Dresdener Kunstsammlungen.„Das Braune Haus der Kunst“, Berlin 2005, S. 107 und S. 156 f. 2009 veröffentlichte er eine analoge Arbeit über die Sammlung Göring.Der Eiserner Sammler, Berlin 2009 2018 erschien als letztes Werk in dieser Reihe eine Studie über den Kunstraub, den Hitlers Chef-Ideologe Alfred Rosenberg während des Zweiten Weltkrieges durchführte.Kunst als Waffe, Berlin 2018. Löhr veröffentlichte so eine Trilogie über die drei bedeutenden nationalsozialistischen Kunsträuber.
In diesen drei Büchern ist jeweils ein Verlustkatalog mit Kunstwerken, die seit 1945 verschollen sind, enthalten. Er veröffentlichte dabei Fotos von Objekten, die der Forschung bis dahin weitgehend unbekannt waren. Anfang September 2009 stellte das Landeskriminalamt Bayern zusammen mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München das Gemälde »Die Bergpredigt« von Frans II Francken sicher, das er 2005 in seinem Buch »Das Braune Haus der Kunst« als Verlust aus Hitlers Sammlung aufgelistet hatte.Sensationeller Fund in München, Das Bild der alten Dame, Süddeutsche Zeitung, 7. September 2009 Seine wissenschaftliche Arbeit zur nationalsozialistischen Kulturpolitik ergänzte er mit einer Studie über die architektonischen und kulturellen Pläne, die Hitler in seiner ehemaligen Heimatstadt Linz an der Donau verwirklichen wollte.Hitlers Linz, Berlin 2013
Im Jahr 2021 beteiligte Löhr sich an der französischen Datenbank „Répertoire des acteurs du marché de l'art en France sous l'Occupation, 1940-1945, RAMA“ als Autor.Les auteurs du projet RAMA, auf agorha.inha.fr
Wissenschaftliche Diskussionen
In der 2005 veröffentlichten ersten Auflage des Buches „Das braune Haus der Kunst“ vertrat Löhr die These, dass die meisten Kunstwerke, die Hitler durch den „Sonderauftrag Linz“ erwarb, durch die Kollaboration des deutschen und internationalen Kunsthandel eingeliefert worden waren. Er untermauerte diese Meinung durch eine statistische Auswertung der Gemäldesammlung des Sonderauftrages.Das braune Haus der Kunst, 1. Auflg., Berlin 2005, S. 123. Seine These rief den Widerspruch der Wiener Kunsthistorikerin Birgit Schwarz hervor. Sie warf ihm in einer Besprechung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor, dass er umfangreiche Beschlagnahmungen aus jüdischem Wiener Besitz nicht in der Statistik berücksichtigt hätte. Schwarz befeuerte diese Auseinandersetzung noch, indem sie Löhr hierbei persönlich angriff. In dieser Rezension unterliefen ihr jedoch wiederholt Tatsachenbehauptungen. So warf sie beispielsweise Löhr vor, Kunst aus den Depots in Kremsmünster und Hohenfurth nicht berücksichtigt zu haben.Kampf der Zentauren daheim, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Juli 2005, Nr. 24, S. 40. Tatsächlich erwähnte Löhr diese Depots aber ausdrücklich.Das braune Haus der Kunst, 1. Auflg., Berlin 2005, S. 58. Die FAZ zeigt heute nur noch eine verkürzte Version der Rezension im Internet.Online-Version der FAZ-Rezension von Schwarz. (abgerufen am 27. September 2019) Die Kritik von Schwarz erschien durch den Vergleich mit der wissenschaftlichen Rezension von Anneliese Schallmeier schon bald als einseitig und wenig nachvollziehbar.Anneliese Schallmeier, Rezension Das braune Haus der Kunst, in: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege, 49. Jhrg. 2005, Heft 3/4, S. 381 ff.
Der Journalist Stefan Koldehoff erneuerte 2006 die von Schwarz vorgetragene Kritik in einer Rezension für die Süddeutsche Zeitung. Dabei unterliefen ihm ebenfalls in einem solchen Maße Fehler, dass sich die Redaktion des Blattes ein halbes Jahr später genötigt sah, eine Korrektur zu veröffentlichen.Sonderauftrag Linz, Wie wurde für Hitler Kunst gesammelt?, Süddeutsche Zeitung, 18. April 2006, Nr. 89, S. 14 und Kunstraub, Süddeutsche Zeitung, 9. Oktober 1006, Nr. 232, S. 16. [nur in der Print-Ausgabe vorhanden] Später vertrat Schwarz in ihrem Buch Auf Befehl des Führers die Ansicht, dass auch sämtliche vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg geraubten Kunstwerke aufgrund des so genannten Führervorbehaltes zum Bestand des Sonderauftrag Linz hinzugezählt werden müssten.Birgit Schwarz, Auf Befehl des Führers, Hitler und der NS-Kunstraub, Darmstadt 2014, S. 13 und 251.
Löhr aktualisierte 2016 in der zweiten Auflage des Buches seine statistische Untersuchung und bezog jetzt alle vom Sonderauftrag ausgewählten Werke aus beschlagnahmtem jüdischem Besitz sowie die gesamte grafische Sammlung in seine Berechnungen mit ein. Den Bestand der Sammlung des Sonderauftrags gab er nun mit über 6.000 Werken an. Seine Anzahl der aus österreichischen Beschlagnahmungen stammenden Werke entspricht den Objekten, die auf einer entsprechenden österreichischen Internet-Seite präsentiert werden.Diese sind unter dem Stichwort KM Linz (= Kunstmuseum Linz) unter https://www.zdk-online.org (abgerufen am 27. September 2019) abfragbar. Auf der Grundlage dieser erweiterten Berechnungen kam er wieder zu dem Schluss, dass die meisten Gemälde im Sonderauftrag Linz von Kunsthändlern eingeliefert wurden. Bei den kunsthandwerklichen Objekten, grafischen Blättern, Münzen und Waffen hätte es dagegen ein deutliches Übergewicht an Beschlagnahmungen aus jüdischem Besitz gegeben.Das braune Haus der Kunst, 2. Auflg., Berlin 2016, S. 101 und 161. Zudem wies er nach, dass Hitler im Januar 1944 Rosenberg die vollkommene Verfügungsgewalt für Objekte, die dieser aus Beschlagnahmungen gesammelt hatte, „bis nach dem Kriege“ erteilte.Das braune Haus der Kunst, 2. Auflg., Berlin 2016, S. 53 und Kunst als Waffe, Berlin 2018, S. 108. Die Kritik von Schwarz, nach der Löhr in seinen Forschungen bezüglich des Sonderauftrags nicht alle Beschlagnahmungen ausgewertet hätte, ist damit substanzlos. Richtig ist jedoch, dass Posse im weit größeren Maße als es die Sammlungen des Sonderauftrags widerspiegeln, mit Beschlagnahmungen in Berührung kam und für die Verwaltung derselben zuständig war.
Tätigkeit als Herausgeber
Gemeinsam mit der Stiftung Deutsches Historisches Museum (vertreten durch die Kuratorin Monika Flacke) und dem damaligen Bundesamt für offene Vermögensfragen (vertreten durch die Mitarbeiterin Angelika Enderlein) veröffentlichte Löhr 2008 die Datenbank zum »Sonderauftrag Linz« im Internet, die alle Kunstwerke auflistet, welche zwischen 1939 und 1945 für Hitler erworben wurden.Kunst unter Vorbehalt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. Juli 2008, Nr. 177, S. 33. Eine analoge Datenbank gab die Arbeitsgemeinschaft 2012 für die Sammlung Göring heraus.Nazi Raubkunst: Görings Schatz jetzt Online, Spiegel Online, 20. Juni 2012.
Fernsehen Löhrs jahrelange Forschungen zum deutschen Kunstraub während des Zweiten Weltkrieges und zur nationalsozialistischen Kulturpolitik machen ihn zu einem Interview-Partner für die deutschen Medien. Er trat in der ARD, dem ZDF und dem Sender ARTE auf.
Löhr lebt und arbeitet als Provenienzforscher in Berlin.
Veröffentlichungen Monografien Der Kampf um das Volkseigentum, Die Privatisierung der ehemaligen staatlichen DDR-Landwirtschaft durch die Treuhandanstalt 1990–1994, Verlag Duncker und Humblot Berlin 2002, ISBN 978-3-428-10475-8. Die Gründung Albaniens, Wilhelm zu Wied und die Balkandiplomatie der Großmächte 1912–1914, Verlag Peter Lang Frankfurt/Main 2010, ISBN 978-3-631-60117-4. (Albanische Übersetzung: Themelimi i Shqipërisë, Skanderbeg Books, Tirana 2020. ISBN 978-9928-221-28-5). (Rezensiert: Des Fürsten Kurzvisite, Wilhelm zu Wied als Staatsoberhaupt Albaniens, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 206, 6. September 2010, S. 8) Der Eiserne Sammler, Die Kollektion Hermann Göring, Kunst und Korruption im „Dritten Reich“ , Gebr. Mann Verlag Berlin 2009. ISBN 978-3-7861-2601-0. (Spanische Übersetzung: El mercader de la muerte, Verlag Edhasa Barcelona 2012, ISBN 978-987-628-170-6). Hitlers Linz, Im Heimatgau des „Führers“ , Christoph Links Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-86153-736-6.