Von der Frühzeit Chinas bis zum Ende des Kaiserreichs China 1911 waren Frauen in der traditionellen chinesischen Gesellschaft von der sozialen Teilhabe weitgehend ausgegrenzt.

Die chinesische Geschichte kannte zwar durchaus herausragende und sogar mächtige Frauen, doch nach der traditionellen Geschlechterrolle der Frau sollte sie innerhalb ihres Heims bleiben und nur dort arbeiten, möglichst ungebildet sein und sich den männlichen Familienmitgliedern unterordnen. Die Lehren des staatstragenden Konfuzianismus, die sich im Laufe der Zeit verhärteten, werden als wichtigster Faktor in der Unterdrückung der Frau wahrgenommen. In einer viele Jahrhunderte währenden Entwicklung wurden Frauen allmählich weiter degradiert: Sie durften keinen Besitz haben, mussten sich die Füße verstümmeln und wurden nicht als eigenständige Personen, sondern sogar als Handelsware betrachtet. Zwar gab es innerhalb der Kulturen Chinas durchaus Ausnahmen sowie auch staatliche Reformversuche, doch substantielle Verbesserungen in der Situation der Frau kamen erst mit der chinesischen Revolution.

Grundlegendes

Die Sinologie beschäftigt sich bis heute vor allem mit absichtlich überlieferten, oft amtlichen Schriftquellen, welche kontemporärer (Selbst-)Zensur, bewusster Auswahl des literarischen Materials und sogar Geschichtsrevisionismus unterlagen. Entsprechend tendierten von Männern verfasste, didaktisch orientierte absichtliche Überlieferungen zum Thema Frauen, zum traditionalistischen Moralisieren und zur unmittelbaren Bewertung guter und schlechter Frauentypen. Zur differenzierten Betrachtung sind darum auch Kunstwerke, Bauten, Grabanlagen, Geräte und Kleidungsstücke heranzuziehen.Linck 1990, S. 12/13. Auch gebildete Frauen waren zwar literarisch tätig, diese Zeugnisse sind aber in recht geringer Zahl überliefert und noch unzureichend erforscht.

Im Zeitraum von etwa dem 10. Jahrhundert v. Chr. bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus herrschte in China ein traditionelles Frauenbild, das sich angesichts eines langen Betrachtungszeitraums in seiner Überlieferung vergleichsweise homogen zeigt. Im 20. Jahrhundert änderte sich die Rolle der Frau im modernen China rapide und sogar mehrfach im Zuge der „Frauenbefreiung“.

Wenn die chinesische Literatur bis zum Ende des Kaiserreichs in vier Textgattungen unterteilt wird (juristische, pädagogische, poetische und explizite Schriften) und diese Textgattungen getrennt ausgewertet werden, so ergibt sich die Tendenz, dass die Frau immer mehr als Bedrohung der männlichen Domäne dargestellt wurde, welcher mithilfe sukzessiver Einschränkungen ihrer Rechte „entgegengewirkt“ wurde. Diese Entwicklung mag nicht immer gleich stark ausgeprägt gewesen sein und lief mutmaßlich nicht bewusst ab. In der Forschung zu diesem Thema wird vor einer Verallgemeinerung zur Lage der Frau gewarnt, da die vorliegenden Quellen nicht immer zuverlässig sind und nur selten ein gesamtgesellschaftliches Bild erlauben.Linck 1990, S. 20 ff Dementsprechend sind Zeugnisse zum Frauenbild abhängig von Zeitperiode, Volksgruppe, Religionsangehörigkeit und sozialer Schicht, wobei die literarischen Quellen die Sichtweise der gebildeten Oberschicht repräsentieren.

Naturphilosophische bis religiöse Grundlagen zur Unterordnung der Frau Ein Volksglauben des ersten Jahrtausends v. Chr. wurde wohl im I Ging (Buch der Wandlungen) kodifiziert, in dem auch das Konzept des Yin und Yang die Wirkungsbereiche von Frauen und Männern wie folgt aufteilt: Das Dunkle Weibliche (yin) soll verborgen im Innern/Schatten des Hauses bleiben; das Helle Männliche (yang) bewegt sich im Licht außerhalb des Hauses und somit in der Öffentlichkeit (nü zhi nei nan zhi wai).Hemm 1996, S. 10. Weitere Aspekte dieses Symbolismus geben der Frau die Rolle des nachgiebigen, empfangenden, ruhigen und passiven Partners. Eine Wertung im Sinne einer Unterordnung der Frau ist späteren Datums als diese grundlegende Idee des Taoismus.Kristeva 1976, S. 18. Kristeva legt S. 35–41 dar, dass der Taoismus eine Gleichberechtigung der Geschlechter beim Sexualverkehr postuliere.

Legalismus und Mohismus waren Vorläufer des Konfuzianismus. Bereits diese philosophischen Schulen propagierten eine Geschlechtertrennung zur Ordnung der Gesellschaft: „Männer pflügen, Frauen weben“ (). Dieser Grundsatz blieb kennzeichnend für fast alle Epochen der chinesischen Geschichte. Zentrales Element der Hausarbeit einer Frau war die Textilverarbeitung:

Durch Konfuzius wurden fünf grundlegende menschliche Beziehungen () definiert, von denen vier Beziehungen von der Autoritätsperson zum Untergebenen verlaufen, aber nur eine von Freund zu Freund. Die dritte der Beziehungen war die des Mannes zu der ihm untergebenen Frau. Der Autoritätsperson stand oft absolute Gewalt zur Verfügung.Wandel 1987, S. 14. Mit diesen Regeln wurde eine hierarchisch organisierte Feudalgesellschaft postuliert, in welcher die Familie und nicht das Individuum die kleinste Einheit bildeten.Wandel 1987, S. 17. Diese Feudalgesellschaft wurde innerhalb der Frauenwelt fortgedacht: Die Hausherrin bzw. die Hauptfrau gebot über ihre hierarchisch organisierte Verwandtschaft und Dienerschaft bis hinunter zur Sklavin.Alexandra Wetzel: China. Reich der Mitte. Band 3 der Reihe: Bildlexikon der Völker und Kulturen. Parthas, 2007, ISBN 978-3-936324-73-0. S. 211. Das Buch der Riten gebot weitere Beschränkungen: Frauen sollten nicht an öffentlichen Angelegenheiten teilnehmen und ihr Wort dürfe nicht über die Türschwelle dringen. Einfalt und Bildungslosigkeit seien Ideal und Tugend der Hausfrau. Umgekehrt gab es für Männer keine grundsätzlichen Verpflichtungen gegenüber Frauen, abgesehen von der Pflicht für die Eltern im Alter zu sorgen, also auch für die Mutter.

Durch Menzius wurden Regeln des dreifachen Gehorsams aufgestellt: Vor der Heirat sollte sich eine Frau gegenüber den Eltern zu Ehrfurcht und Gehorsam verpflichten; nach der Heirat gegenüber dem Mann; nach dem Tod des Mannes gegenüber dem männlichen Nachwuchs. Ergänzt wurden die Regeln des dreifachen Gehorsams später durch vier Tugenden der Ehefrau: Ethische Verantwortlichkeit (bzw. Maßhalten), Sprache (bzw. Schweigsamkeit), Auftreten (bzw. gutes Aussehen) und Werke/Verhalten (einschließlich Treue). Ob Menzius bei seinen Regeln einen sklavischen Gehorsam oder bloß die Entscheidungshoheit in wichtigen Entscheidungen verlangte, blieb eine durchaus umstrittene Auslegungssache.Xinzhong Yao, The Encyclopedia of Confucianism. Stichwort: Sāncong sìdé 三从四德. Routledge 2015 (englisch; ).

Diese konfuzianischen Regeln, kodifiziert erst durch Dong Zhongshu als () schränkten die Frauen stark ein; auch der Zugang zur patriarchalischen Ahnenverehrung war ihnen verwehrt. Traditionell neigten sie zu taoistisch-volksreligiösen, buddhistischen oder okkulten Bräuchen hin, zu denen auch Mutterkulte gehörten. Nachdem sich ab dem 6. Jahrhundert n. Chr. der Buddhismus in China etablierte, erhielt die Guanyin besondere Verehrung.Wandel 1987, S. 22. Allerdings wies auch der Konfuzianismus der Mutter eine besondere Rolle zu: Während die Väter von Konfuzius und Menzius heute unbekannt sind, sollen ihre Mütter sich beispielhaft für sie eingesetzt haben. Zudem hatten Mütter der Oberschicht in China oft erheblichen Einfluss auf ihre Kinder: Den Regeln des Menzius zum Trotz übernahm regelmäßig die Mutter eines minderjährigen Herrschers auch die Regentschaft oder übte zumindest großen Einfluss auf dessen Politik aus.

Auswirkungen auf das Sozialgefüge Die philosophischen Prinzipien wirkten sich grundlegend auf weitergehende Vorschriften für Frauen und auf deren Rolle in der Familie aus: Eine Rolle außerhalb der Familie war einer Ehefrau gemäß dieser Tradition untersagt. Als wichtigste Rolle wurde ihr die Geburt von Söhnen zugesprochen, sodass der Ahnenkult der väterlichen Linie weiterbestehen konnte.Wandel 1987, S. 17–20. Die Frau hatte in ihrem Haushalt auch weibliche Namenstabus zu beachten.

Vor dem siebten Lebensjahr wurden Mädchen wie Jungen von der Mutter und anderen Frauen des Hausstands erzogen; erst ab dem Alter von sieben Jahren trennten sich die Wege der Früherziehung: Jungen wurden dann einem männlichen Verwandten des Vaters zugewiesen.Kristeva 1976, S. 52/53. Ein Mädchen in „guten Kreisen“ hingegen wurde ab dem siebten Lebensjahr isoliert unter der Aufsicht einer rein weiblichen Dienstbotengruppe gehalten; sie hatte ab dem zehnten Lebensjahr frauliche Arbeiten (Textilarbeiten und Überwachung des Haushalts) zu erlernen und wurde im Alter von 14 bis 18 Jahren verheiratet.

Dem Mann standen sieben Gründe offen, seine Frau zu verstoßen (): Nichtgebären eines Sohnes, lockerer Lebenswandel, mangelnder Diensteifer gegenüber Schwiegereltern, Schwatzhaftigkeit, Diebstahl, Eifersucht und unheilbare Krankheit. Allerdings war eine Verstoßung bei folgenden Umständen wiederum ausgeschlossen: Die Gemahlin hatte die Trauerfrist für die Schwiegereltern eingehalten; der Mann war wohlhabend genug, um die Gemahlin dennoch auszuhalten; die Gemahlin hatte keine Verwandten, zu denen sie zurückkehren könnte.Hemm 1996, S. 13. Frauen standen keine Scheidungsrechte zu.

Klassische Literatur

Das Gelehrtentum (etwa Geschichtsschreibung oder Nachschlagewerke) verdrängte das Thema der Frau so weit wie möglich, wies ihm aber einen beschränkten Raum zu: Die Rubrik der Frauenbiographie, um vorbildliche Frauen ihrer Zeit darzustellen, meist charakterisiert durch eine betont hervorgehobene Eigenschaft, die gelobt wird. Eingebunden sind viele solcher Biographien in die Geschichtsschreibung der Dynastien. Auffallend ist hierbei, dass sozialethische Tugenden („Keuschheit, Kindespietät, Aufopferungsbereitschaft, Pflichtbewusstsein“) ab der mittleren Kaiserzeit allmählich in den Vordergrund traten und in der Ming-Zeit einen Höhepunkt der Dominanz erreichten, während individuelle Eigenschaften („Schönheit, Schlagfertigkeit, künstlerische […] Begabung, Klugheit, Lebensglück“) zurückgestellt wurden. Erst in der Qing-Zeit stellte sich wieder eine Balance ähnlich der frühen Kaiserzeit ein. Auch in bearbeiteten Werken wurde entsprechend ausgewählt: Zhu Xi (1130–1200) traf in einer Neubearbeitung einer Sammlung von Frauenbiographien eine restriktive Auswahl: Wurden zuvor auch „tapfere Mütter […] Töchter, Schwestern, Freundinnen“ gewürdigt, wählte Zhu Xi bloß Biographien aus, auf die folgende drei Frauenbilder zutreffen: die aufopfernde Mutter, die den Sohn erzieht; die Schwiegertochter, die sich um die Eltern des abwesenden Mannes kümmert; und die keusche Witwe, die bald nach dem Tod des Mannes ebenfalls stirbt.Linck 1990, S. 14–15.

Anders als der Großteil der gehobenen Hofliteratur kennt die „Volksliteratur“ (etwa Sagen, Lieder, Balladen, Witze) auch auffällig starke bis dominante Frauenfiguren. Hierbei ist allerdings unklar, ob es sich um männliche Projektionen, Wünsche oder gar Ängste handelt, oder ob die gesellschaftliche Stellung der Frau dort authentischer dargestellt wird als in hochliterarischer Hofliteratur.Linck 1990, S. 11/12. mini|Frau spielt eine Dizi. Chinesisches Gemälde um 1800.

Unterhalterinnen, Prostituierte, Tätigkeit außer Haus Lediglich Dienstleisterinnen unterschiedlicher Art (etwa Musikerinnen, Tänzerinnen, Kurtisanen) sollten in ästhetischen Künsten gebildet und unterwiesen werden – diese Dienstleisterinnen wurden daher für die häusliche Rolle der Frau als unbrauchbar erachtet.Kristeva 1976, S. 56. Ein Beispiel hierfür sind die fünf Song-Schwestern, die im 9. Jahrhundert hohe Positionen am Hof als Unterhalterinnen innehatten, jedoch nicht heirateten oder als Konkubinen genommen wurden.Lily Lee 2007, Stichwort Song Ruoshen