Damau (Hindi ) auch damaū, damaung, dhamu, dhmuva, ist eine flache Kesseltrommel mit einem Metallkorpus, die in der indischen Volksmusik in den Regionen Garhwal und Kumaon im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand zusammen mit der größeren Fasstrommel dhol gespielt wird. Das Trommelpaar mit der damau als der höher klingenden Begleitung der dhol bildet die Grundlage für die zeremonielle und unterhaltende Musik im Freien im Unterschied zu den Sanduhrtrommeln hurka oder daunr, die alternativ zusammen mit dem Messingteller thali das für die Musik in geschlossenen Räumen verwendete Instrumentenpaar bilden. Die dhol-damau-Spieler werden vor allem für das mit Besessenheitsritualen verbundene Tanztheater Pandavalila und für Hochzeitszeremonien gebraucht, bei denen die Trommlergruppe um zwei Sackpfeifen mashak als den einzigen Melodieinstrumenten verstärkt wird.

Herkunft und Verbreitung mini|Große Kesseltrommel nagara mit einem Korpus aus Eisenblech einer Trommler-Kastengruppe in Gujarat. Es fällt schwer, die überaus große Zahl in Indien existierender Trommeltypen mit den seit der altindischen Zeit auf Sanskrit und Tamil überlieferten Namen für Trommeln (Sanskrit allgemein avanaddha) in Verbindung zu bringen. Manche altindische Trommelnamen beziehen sich auf die Verwendung oder Bedeutung und nicht auf eine bestimmte Form, so heißt etwa tyagu-murasu, „Trommel der Freigebigkeit“ und vira-murasu, „Trommel der Helden“. Gemeinsam ist den meisten altindischen Trommeln eine magische, heilsbringende Bedeutung entweder in einem militärischen oder in einem religiösen Zusammenhang. In vedischen Texten aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. kommt häufig der Name dundubhi für eine Kriegstrommel vor. In der Textsammlung Taittiriya-Samhita, einer bestimmten Shaka (einer Auslegung oder Schule der vedischen Schriften), wird erwähnt, dass der Korpus der dundubhi aus Holz bestand, aber nicht, ob es sich um eine einfellige Kessel- oder eine zweifellige Röhrentrommel handelte. P. Sambamurthy (1952) beschreibt in seinem Lexikon zur südindischen Musik die dundubhi als eine „große konische Trommel“ mit einem Korpus aus Mangobaumholz, die einen lauten und schreckenerregenden Ton hervorbrachte, wenn sie mit einem festen gebogenen Stab (kona) geschlagen wurde.P. Sambamurthy: A Dictionary of South Indian Music and Musicians. Volume I (A–F). (1952) The Indian Music Publishing House, Madras 1984, S. 127

Dennoch sind indische Kesseltrommeln lange vor den islamischen Eroberungen im Mittelalter zweifelsfrei nachgewiesen. Ein zur buddhistisch-hellenistischen Kunst von Gandhara gehörendes Speckstein-Relief aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. zeigt eine Reihe von stehenden Figuren, die Wein in Krügen und Tierhäuten herbeibringen und in der Mitte eine Frau mit einem Palmzweig, neben der ein Mann mit den Händen eine zwischen seinen Schenkeln eingeklemmte Kesseltrommel schlägt. Ihr kugelförmiger Korpus scheint aus Ton zu bestehen und erinnert an heute noch in der regionalen Volksmusik gespielte Tontrommeln, etwa die ghumat in Goa. Die tumbaknari in Kaschmir ist eine Bechertrommel aus Ton.Folk Music Instruments of Kashmir (Tumbak). Youtube-Video Bekannter als solche Tontrommeln im alten und heutigen Indien sind mit den Händen geschlagene Tontöpfe (Idiophone) mit einer engen Öffnung ohne Membran wie die ghatam. Der Name dundubhi kommt im Rigveda, nachfolgend in den großen Epen Mahabharata und Ramayana, in den buddhistischen Jatakas und im Natyashastra vor, der bedeutendsten altindischen Abhandlung über die darstellenden Künste.Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band 2. Musik des Altertums. Lieferung 8. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 31f, 136, 138 Ein mit dundubhi gleichgesetztes Wort ist bheri (in heutigem Tamil perikai), das häufig in Jatakas erwähnt wird. Das Bherivada Jataka trägt den Trommelnamen im Titel.Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments of India. Their History and Development. Firma KLM Private Limited, Kalkutta 1978, S. 79

mini|hochkant|Kamelreiter mit zwei Kesseltrommeln. Mogulmalerei um 1840. Mutmaßlich von Mazhar Ali Khan aus Delhi gemalt. Curt Sachs (1923) hält die in Indien paarweise gespielten Kesseltrommeln – und die Trommeln der Kavallerieregimenter in Europa ab dem späten Mittelalter – für eine Erfindung persischer Reiterarmeen, die schwerlich eine zweifellige Trommel auf dem Pferderücken gebrauchen konnten und stattdessen aus Gründen der Symmetrie und Gewichtsverteilung dem Pferd zwei miteinander verbundene Kesseltrommeln so umhängten, dass sie den Spieler, der sie mit Stöcken schlug, nicht beim Reiten behinderten.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. (2. Auflage 1923) Georg Olms, Hildesheim 1983, S. 58f

Möglicherweise erreichten die ersten Kesseltrommeln aus dem Mittleren Osten Indien schon nach der ersten arabischen Eroberung des Sindh 712 zusammen mit Langtrompeten, Kegeloboen und anderen Instrumenten der Militärkapellen. Der arabische Name naqqāra (in der Schreibweise nagārā und ähnlich) für ein großes Kesseltrommelpaar ist in Indien seit der Etablierung des Sultanats von Delhi 1206 bekannt und bezeichnete zunächst eine Militärtrommel. Bald wurde die nagārā zu einem führenden Instrument in den großen zeremoniellen Palastorchestern naqqārakhāna oder naubat. Das Trommelpaar nagārā bestand aus einer hoch und einer tief tönenden Kesseltrommel. Dieser Zusammenstellung entspricht die in der klassischen indischen Musik und Unterhaltungsmusik weit verbreitete tabla. In der Hofchronik Āʾīn-i Akbarī des Mogulherrschers Akbar vom Ende des 16. Jahrhunderts wird ein riesiges, beinahe mannshohes Kesseltrommelpaar namens kurka beschrieben, bei dem jede Trommel von einem Musiker mit zwei Stöcken geschlagen wurde. Die kurka gehörte zu den Insignien des Herrschers und ertönte während der Bekanntgabe seiner Edikte. Daneben gab es laut dieser Chronik andere Kesseltrommeln mit den Namen naqqāra, kūs und damāma.Henry George Farmer: Reciprocal Influences in Music ’twixt the Far and Middle East. In: The Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, Nr. 2, April 1934, S. 327–342, hier S. 337

Die damāma (oder kuwarga) war ein sehr großes, die naqqāra ein kleineres Kesseltrommelpaar im naqqārakhāna, das gemäß der Auflistung im Ain-i-Akbari aus 63 Instrumenten bestand, von denen zwei Drittel Trommeln waren. Hinzu kamen Langtrompeten (karna und nafir), Kegeloboen (surna, später in Indien shehnai) und Handzimbeln (arabisch/persisch sanj). Für das 17. Jahrhundert bestätigen Miniaturmalereien,Vgl. Arthur Henry Fox Strangways: The Music of Hindostan. Clarendon Press, Oxford 1914, Tafel 6 auf S. 77 dass Kesseltrommelpaare in der Mogulzeit die am meisten eingesetzten Instrumente im naqqārakhāna (naubat) waren.Reis Flora: Styles of the Śahnāī in Recent Decades: From naubat to gāyakī ang. In: Yearbook for Traditional Music, Bd. 27, 1995, S. 52–75, hier S. 56

Die nagārā der Mogulzeit existiert heute noch in einem reduzierten naubat-Ensemble als zwei kleine Kesseltrommeln mit Metallkorpus, die in Rajasthan im nordwestlichen Indien gelegentlich an einigen muslimischen Schreinen gespielt werden, darunter am Grabmal des sufischen Heiligen Muinuddin Chishti in Ajmer.RAM Charndrakausika: Naubat of Ajmer. Saxinian Folkways Die höher klingende Trommel auf der rechten Seite heißt jil oder jhil (von arabisch/persisch zir, vgl. türkisch zil) und die tiefer klingende, große Trommel links dhāma.Alastair Dick: Nagāṙā. In: Grove Music Online, 2001 Die Tradition der naubat scheint an manchen Orten in ähnliche Ensembles der hinduistischen Verehrungspraxis vor Tempeln übergegangen zu sein.Nazir A. Jairazbhoy: A Preliminary Survey of the Oboe in India. In: Ethnomusicology, Bd. 14, Nr. 3, September 1970, S. 375–388, hier S. 377

In der Volksmusik Rajasthans sind neben dem Trommelpaar nagara große einzelne Kesseltrommeln unter den mogulindischen Namen dhonso und damama bekannt. Damami heißt entsprechend die rajasthanische Berufskaste der traditionellen Trommelspieler. Sie gelten als sozial niedrigstehende Kaste, auch wenn sie ihre Herkunft auf die Kriegstrommler in den Armeen der Rajputen zurückführen.Mandira Nanda: Damami. In: K. S. Singh (Hrsg.): People of India: Rajasthan. Band 2. Popular Prakashan, Mumbai 1998, S. 292 In Bengalen ist das kleine Trommelpaar als duggi bekannt. Im äußersten Nordosten Indiens ist die nagra eine einzelne, kultisch verehrte Kesseltrommel, die nur bei bestimmten Ritualen geschlagen werden darf. Die größte, im heutigen Nordindien einzeln gespielte Kesseltrommel ist die dhamsa mit einem Korpus aus Eisen.

In Garhwal wird die damau fälschlicherweise auch als damama bezeichnet, obwohl die damau kleiner und flacher ist und anders gespielt wird als die Kesseltrommel in Rajasthan. Dafür gibt es in Garhwal eine einzeln mit zwei Stöckchen geschlagene Kesseltrommel, die wesentlich größer als die damau ist und nagara genannt wird. In Nepal ist die nagara ein seltenes Trommelpaar, während die vorwiegend in Zentralnepal vorkommende damaha, die mit einem oder mit zwei Stöcken gespielt wird, in ihrer Form der nagara von Rajasthan und Garhwal ähnelt.Andrew Alter, 2016, S. 63f

Bauform mini|Kesseltrommel nagara aus Odisha mit einem etwas tieferen Tonkorpus, ansonsten der damau ähnlich. Die damau besitzt einen flachen kesselförmigen Korpus aus Kupfer-, Messing- oder Eisenblech mit einem Membrandurchmesser von ungefähr 30 Zentimetern.Alain Daniélou, 1978, S. 88: 25 Zentimeter; Andrew Alter, 2016, S. 63: 30 Zentimeter; Anoop Chandola, 1977, S. 30: 34 Zentimeter Die Höhe des Korpus beträgt etwa die Hälfte des Durchmessers. Manche Trommeln haben am Boden eine runde Öffnung mit 11 Zentimeter Durchmesser. Der obere Trommelrand ist nicht immer genau kreisrund. Die Membran besteht aus Reh- oder Büffelhaut, sie wird über die Korpusöffnung gezogen und mit Haut- oder Darmstreifen, die kreuzförmig oder anders miteinander verknüpft sind, mit einem Ring am Boden aus demselben Material verspannt. An der Verschnürung sind an einer Seite des Korpus zwei Hautschlingen angebracht. An diesen ist ein Tragegurt aus Baumwolle befestigt, den sich der stehende Spieler diagonal um Hals und Schulter legt, sodass die Trommel mittig vor seinem Bauch hängt. Die Membran befindet sich ungefähr in senkrechter Position. Ein sitzender Musiker legt die Trommel waagrecht vor sich auf den Boden oder etwas schräg gegen seine Füße.Anoop Chandola, 1977, S. 30f Eine damau wiegt 5 bis 6 Kilogramm.Pooja Sah: Traditional Folk Media Prevalent in Kumaon Region of Uttarakhand: A Critical Study. (Dissertation) Banaras Hindu University, 2012, S. 165

Geschlagen wird die damau mit zwei dünnen Stöckchen von etwa 38 Zentimetern Länge, die sich am unteren Ende verjüngen und leicht gebogen sind. Beide Stöckchen werden mit der geballten Hand zwischen Daumen und Zeigefinger eingeklemmt und ragen zwischen Zeigefinger und Mittelfinger heraus. Die Hände sind dabei eng beieinander und mit beiden Stöckchen wird stets auf die Mitte des Trommelfells geschlagen.Andrew Alter, 2016, S. 63

Nach einem Bericht aus der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die damau früher auch batisha (von Sanskrit vasti, „Harnblase“) genannt, wohl wegen der früher zur Herstellung verwendeten Tierhaut. Ein anderer alter Name, kamchini, bezog sich auf einen „Schellengürtel“ (Sanskrit kanchi), der manchmal um die Trommel gelegt wurde.Alain Daniélou: Südasien. Die indische Musik und ihre Traditionen. Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, S. 88. Daniélou beruft sich auf die Feldforschungen von Marie Thérèse Dominé-Datta (* um 1922) zur Erzähltradition und Musik in Kumaon seit den 1950er Jahren.