mini|Jacques Brel (1971) Orly ist ein Chanson des belgischen Chansonniers Jacques Brel in französischer Sprache. Es wurde am 5. September 1977 aufgenommen und am 17. November desselben Jahres auf Brels letzter Langspielplatte bei Disques Barclay veröffentlicht. Das Album des nach langer künstlerischer Pause aus der Südsee zurückgekehrten Chansonniers wurde ein öffentliches Ereignis in Frankreich. Orly gilt als eines der herausragenden Chansons auf Brels letzter Veröffentlichung.

Das Lied handelt von einem Liebespaar, das sich auf dem Flughafen Paris-Orly voneinander verabschiedet. Ungewöhnlich für Brels Œuvre ist die Beobachterrolle, die der Erzähler einnimmt, und der nicht vorrangig männliche Blickwinkel, der sich am Ende auf die verlassene Frau richtet. Orly lässt sich nicht nur als trauriges Liebeslied, sondern mit seinen Anspielungen auf Krankheit und Tod auch als Abschied des todkranken Chansonniers vom Leben interpretieren. Im Refrain zieht Brel das Fazit, dass das Leben keine Geschenke verteile. Mit der Namensnennung seines Kollegen Gilbert Bécaud verweist er auf dessen ungleich optimistischeres Chanson Dimanche à Orly über Fernweh am Flughafen.

Text und Musik

mini|Tower im Flughafen Paris-Orly, 1966 Sonntags in Orly: Über zweitausend Menschen strömen durch den Flughafen, doch der Erzähler hat nur Augen für zwei, ein Liebespaar, das im Regen steht und sich so fest umarmt, dass die Körper verschmelzen. Unter Tränen beteuern sie ihre Liebe, doch machen sie einander keine Versprechungen, die sie nicht halten können. Schließlich trennen sich ihre Körper ganz langsam, halten sich wieder, bis sich der Mann abrupt abwendet und von einer Treppe verschluckt wird. Zurück bleibt die Frau, mit offenem Mund, schlagartig gealtert, als sei sie ihrem Tod begegnet. In der Vergangenheit hat sie schon öfter Männer verloren, doch dieses Mal ist es die Liebe, die sie verloren hat. Sie fühlt sich zerbrechlich, wie zum Verkauf bestimmt. Der Erzähler versucht ihr zu folgen, doch dann wird auch sie von der Menge verschluckt.

Der Refrain lautet:

Was sich etwa übersetzen lässt als: „Das Leben macht keine Geschenke. Und in Gottes Namen (auch stärker: Verdammt nochmal), es ist traurig sonntags in Orly, ob mit oder ohne Bécaud.“

Die Verse nehmen sich einige Freiheiten bezüglich der Reime, befolgen aber streng das Versmaß von halben Alexandrinern. Die Melodie ist ausgesprochen monoton. Sie beginnt mit dem Wechsel zweier einfacher Akkorde auf einer sanft angeschlagenen Gitarre, die laut Hubert Thébault die Wirkung eines Herzschlags erzeugt.Hubert Thébault: Orly. In: Christian-Louis Eclimont (Hrsg.): 1000 Chansons françaises de 1920 à nos jours. Flammarion, Paris 2012, ISBN 978-2-08-125078-9, S. 548. Es handelt sich um Tonika und Dominantseptakkord in c-Moll zur ersten und dritten Viertelnote eines Drei-Viertel-TaktsVgl. die Bearbeitung für Chor von Martin Le Ray, Auszüge auf La Boite à Chansons. Während sich Brel so die erste Strophe hindurch alleine begleitet, setzt das von seinem langjährigen Arrangeur François Rauber geleitete OrchesterMarc Robine: Le Roman de Jacques Brel. Carrière, Paris 2003, ISBN 2-253-15083-5, S. 542. erst nach dem ersten Refrain explosionsartig ein. Die vier akzentuierten Einsätze wirken dabei „wie ein akustisches Ausrufezeichen“.Ulf Kubanke: Spätes Meisterwerk, kurz vor seinem Tod. Kritik zu Les Marquises bei laut.de. Ab der zweiten Strophe geben die Streicher den Rhythmus vor, während die Bläser in der dritten Strophe das für Brel charakteristische Crescendo unterstützen. Ulf Kubanke spricht von einem „verweht hallenden Bläserecho“, Hubert Thébault erinnern die Fanfaren der Trompeten an eine Corrida. Wie es für die Zusammenarbeit von Brel und Rauber typisch war, hatte Brel von Beginn an genaue Vorstellungen zum musikalischen Stil und der Instrumentierung, so etwa auch zur Trompetenstimme, ließ Rauber dann jedoch die Details ausarbeiten.Fred Hidalgo: Jacques Brel. L’aventure commence à l’aurore. Archipoche, Paris 2014, ISBN 978-2-35287-693-9, ohne Seiten.

Hintergrund und Entstehungsgeschichte mini|Atuona auf Hiva Oa

Im Mai 1967 gab Brel mit gerade einmal 38 Jahren seine Abschiedsvorstellung als Chansonnier auf der Bühne.Olivier Todd: Jacques Brel – ein Leben. Achilla-Presse, Hamburg 1997, ISBN 3-928398-23-7, S. 422. Im Folgejahr erschien eine letzte Langspielplatte, anschließend trat Brel nur noch in einem Musical und verschiedenen Filmen auf. Im November 1974 musste sich der an Lungenkrebs erkrankte Sänger einer Operation unterziehen, bei der ein Teil seiner Lunge entfernt wurde.Olivier Todd: Jacques Brel – ein Leben. Achilla-Presse, Hamburg 1997, ISBN 3-928398-23-7, S. 627. Noch im Dezember des Jahres brach er mit seiner Geliebten Maddly Bamy zu einer Atlantiküberquerung per Segelschiff auf.Olivier Todd: Jacques Brel – ein Leben. Achilla-Presse, Hamburg 1997, ISBN 3-928398-23-7, S. 632. Wenige Wochen zuvor hatte er sich von einer anderen Geliebten namens Monique verabschiedet, die er niemals wiedersah. Eddy Przybylski vermutet diese Trennung auf einem Flughafen (nicht in Orly, doch mit dem Pariser Flughafen als Reiseziel) als biografischen Hintergrund des Chansons Orly.Eddy Przybylski: Brel. La valse à mille rêves. L’Archipel, Paris 2008, ISBN 978-2-8098-1113-1, ohne Seiten. Brels Reise führte ihn über mehrere Zwischenstationen auf die Marquesas-Inseln, wo er sich im Juni 1976 auf Hiva Oa dauerhaft niederließ.Olivier Todd: Jacques Brel – ein Leben. Achilla-Presse, Hamburg 1997, ISBN 3-928398-23-7, S. 660. Auf der Insel, auf der schon Paul Gauguin seine letzten Jahre verbracht hatte, fand Brel noch einmal die Inspiration für siebzehn neue Chansons über „ein paar Dinge, die mir seit fünfzehn Jahren durch den Kopf gehen“.Olivier Todd: Jacques Brel – ein Leben. Achilla-Presse, Hamburg 1997, ISBN 3-928398-23-7, S. 702.

Im August 1977 überraschte Brel seine alten Weggefährten mit einer kurzfristigen Rückkehr nach Paris. Vor der französischen Öffentlichkeit, in der Gerüchte über den sterbenskranken Chansonnier kursierten, versteckte er sich in einem kleinen Hotel nahe der Place de l’Étoile. Im Gepäck hatte er eine Kassette mit Probeaufnahmen seiner neuen Chansons. Gérard Jouannest kritisierte die Monotonie der Melodien, doch François Rauber schmückte sie mit seinen Arrangements aus. Für die Plattenaufnahmen hatte Eddie Barclay ein Studio in der Avenue Hoche angemietet. Brel nahm die Lieder gemeinsam mit einem von Rauber geleiteten Orchester auf, jedoch nie mehr als zwei Chansons pro Arbeitssitzung, die in wenigen Takes abgeschlossen sein mussten. Brels Stimme hatte nachgelassen, er konnte höchstens drei Stunden am Stück singen, bevor er eine Pause machen musste. Die angespannte Stimmung im voll besetzten Studio versuchte er mit Witzen über seinen fehlenden Lungenflügel aufzulockern.Olivier Todd: Jacques Brel – ein Leben. Achilla-Presse, Hamburg 1997, ISBN 3-928398-23-7, S. 706–710. Orly gehörte mit Jojo zu den ersten beiden Chansons, die Brel am 5. September aufnahm.Marc Robine: Le Roman de Jacques Brel. Carrière, Paris 2003, ISBN 2-253-15083-5, S. 647.

Als Brels letzte Platte am 17. November 1977 veröffentlicht wurde, löste dies ein enormes Echo in der Öffentlichkeit aus. Die Platte trug keinen Titel, das Cover zeigte nur die vier Buchstaben seines Nachnamens vor einem blauen Wolkenhimmel. Barclay machte keine herkömmliche Werbung, sorgte jedoch gerade mit einer demonstrativen Geheimhaltung, der Auslieferung verschlossener Container samt zeitgleicher Öffnung der Zahlenschlösser, für einen besonderen Werbecoup, der die Erwartungen in die Höhe schnellen ließ und für 1 Million Vorbestellungen sorgte. Brel, der Paris bereits Richtung Südsee verlassen hatte, war verärgert über den Rummel.Olivier Todd: Jacques Brel – ein Leben. Achilla-Presse, Hamburg 1997, ISBN 3-928398-23-7, S. 719–721. Er lebte noch ein gutes halbes Jahr in Hiva Oa, bis sich sein Gesundheitszustand so weit verschlechtert hatte, dass er im Juli 1978 erneut nach Paris zurückkehren musste, dieses Mal für eine Chemotherapie.Olivier Todd: Jacques Brel – ein Leben. Achilla-Presse, Hamburg 1997, ISBN 3-928398-23-7, S. 738–739. Drei Monate später starb er am 9. Oktober 1978 in Bobigny bei Paris an Herzversagen.Olivier Todd: Jacques Brel – ein Leben. Achilla-Presse, Hamburg 1997, ISBN 3-928398-23-7, S. 751.

Interpretation

Liebe und Trennung

Laut Maddly Bamy beschrieb Brel Orly als „une belle chanson d’amour“ („ein schönes Liebeslied“).Sara Poole: Brel and Chanson. A Critical Appreciation. University Press of America, Lanham 2004, ISBN 0-7618-2919-9, S. 27. Mit Verweis auf: Maddly Bamy: Tu leur diras… Fixot, Paris 1999, ISBN 2-221-09001-2, S. 181. Für Sara Poole steht es in einer Reihe mit Chansons wie Ne me quitte pas oder Madeleine, die kraftvoll und dramatisch die Verzweiflung und das Ausgeliefertsein an tiefe Leidenschaften heraufbeschwören.Sara Poole: Brel and Chanson. A Critical Appreciation. University Press of America, Lanham 2004, ISBN 0-7618-2919-9, S. 32. Monique Watrin erinnert die „Mini-Tragödie“ Orly an den frühen, leidenschaftlichen Brel aus dem Jahr 1959,Monique Watrin: Brel. La quête du bonheur. Sévigny, Clamart 1990, ISBN 2-907763-10-5, S. 212. dem Jahr also, in dem er mit Ne me quitte pas das „Liebeslied des Jahrhunderts“ (laut Frédéric Brun) geschrieben hat.Thomas Weick: Die Rezeption des Werkes von Jacques Brel. Lang, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-631-42936-3, S. 230. Aus Sicht seines Chanson-Kollegen Serge Lama hat Brel überhaupt nur vier wirkliche Liebeslieder geschrieben: Ne me quitte pas, La chanson des vieux amants, Orly und Jojo. Für Anne Bauer ist Orly gar das „einzige Chanson von Brel, in dem es eine Liebe ohne Vorbehalte, ohne Hintergedanken und ohne Lüge gibt“.Anne Bauer: Jacques Brel: Ein Feuer ohne Schlacken. In: Siegfried Schmidt-Joos (Hrsg.): Idole 2. Zwischen Poesie und Protest. John Lennon. Van Morrison. Randy Newman. Jacques Brel. Ullstein, Berlin 1984, ISBN 3-548-36503-5, S. 159.

Orly beschreibt die schmerzliche Trennung eines Paares, das sich zwar liebt, aber wegen nicht ausgeführter Umstände nicht zusammenbleiben kann. Anders als in Chansons wie Je ne sais pas (1958) oder La Colombe (1959) vollzieht sich die Trennung nicht auf einem Bahnsteig, sondern inmitten der Menschenmenge auf einem betriebsamen Flughafen. Und ebenfalls anders als bei früheren Chansons hält sich Brel vollkommen aus dem Geschehen heraus und beschränkt sich darauf, zu beschreiben, was er sieht. Dabei bedient er sich quasi-filmischer Stilmittel und richtet das Objektiv abwechselnd auf das Paar als Ganzes und die einzelnen Personen, ihr Verhalten, ihre Gesten, ihre Blicke und ihre Tränen, mit denen er ein desillusioniertes Bild der menschlichen Existenz zeichnet. Als eine Art Leitmotiv dienen die einleitenden Zeilen „Ils sont plus de deux mille / Et je ne vois qu'eux deux“ („Sie sind über zweitausend und ich sehe nur sie beide“), die im Verlauf der ersten beiden Strophen zweimal wiederholt werden. Sie dienen der Fokussierung, richten den Blick des Erzählers vom Allgemeinen auf das Besondere.Jean-Luc Pétry: Jacques Brel. Textes et Chansons. Ellipses, Paris 2003, ISBN 2-7298-1169-9, S. 64.