mini|Flamencotänzerin mit Mantón de Manila Der Mantón de Manila, Plural Mantones de Manila, ist ein quadratisches Tuch aus Seide. Er ist in leuchtenden Farben mit Blumen, Vögeln oder Fantasie-Motiven bestickt und rundum mit Fransen geschmückt. Traditionell war er Bestandteil der förmlichen, eleganten Damenmode Spaniens und Lateinamerikas. Speziell in Andalusien ist er zu feierlichen Anlässen und im Flamenco ein beliebtes Accessoire.

Geschichte Die landläufige Vermutung, der Ursprung des Kleidungsstücks liege im alten China, wird von Historikern in Frage gestellt. Vielmehr sei es für die Bedürfnisse des spanischen Kolonialreichs, speziell für Kundinnen im amerikanischen Neuspanien, gefertigt worden. Von den Produktionsstätten im südchinesischen Guangdong gelangte es über die philippinische Hauptstadt Manila nach Spanien und Lateinamerika. Mitte des 19. Jahrhunderts war die Nachfrage so groß, dass in Guangzhou eigens eine Zone für die Herstellung dieser Tücher eingerichtet wurde.

Der kanarische Schriftsteller Benito Pérez Galdós entwickelte in seinem Roman Fortunata y Jacinta eine literarische Referenz des Mantón de Manila. Er schilderte dort dessen Rolle in der Gesellschaft der spanischen Hauptstadt Madrid:

mini|hochkant|Chula, Gemälde des philippinischen Malers Juan Luna, ca. 1895

Wenig später schilderte er den Zusammenbruch des asiatischen Textilhandels, nachdem dieser durch „ernsthafte“ Mode aus Paris und London verdrängt worden war:

mini|hochkant|Manola von Julio Romero de Torres, ca. 1900. Museo Reina Sofía.

Auch von Mexiko ging erheblicher Einfluss auf die Gestaltung des Mantón de Manila aus. Die dort entwickelte bunte Farbigkeit begünstigte seine Popularität in Spanien. Mexikanische und chinesische Gewerke ergänzten sich und hinterließen ihre Spuren. Nach dem Rückgang der mexikanischen Seidenherstellung Ende des 18. Jahrhunderts wurden Stickereien aus Mexiko wahrscheinlich sogar auf chinesischer Seide fortgesetzt.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Gestaltung:

Mantones aus der Zeit um 1820–1830 bestehen aus feinem glattem chinesischem Seidenchiffon. Sie sind mit einer einfachen Bordüre mit kleinen bestickten Blumen verziert. Die Fransen sind weniger als 10 Zentimeter lang und stammen von der Kette des Stoffes selbst. Ab ca. 1830 bis 1850 sind die Tücher mit einer breiteren Borte versehen. Deren Inneres ist mit den herkömmlichen Blumen und Blütenmustern verziert, während das Äußere bis zu 20 Zentimeter breit sein kann und Szenen aus dem chinesischen Alltag darstellt. In der Mitte bleibt ein leerer kreuzförmiger Bereich, die Blumenmuster gruppieren sich zu den Ecken. Die Fransen sind bis zu 20 Zentimeter lang und am Stoff mit Makramee verarbeitet. Um 1850–1970 sind die Ränder wieder einfacher, und die Szenerie rückt in die Mitte des Tuchs. Die Blumen wachsen aus den Ecken und verbinden sich mit Schmetterlingen, Pfauen und Vögeln. Die Fransen erreichen und überschreiten 20 Zentimeter, deshalb muss für die Tücher nun dickerer Seidenstoff verwendet werden. Mit den voluminösen Reifröcken wurden auch die Mantones als leuchtendes Accessoire immer beliebter. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden Mantones mit szenischen Darstellungen gefertigt. Diese Szenen spielen sich in zwei Ecken des Tuchs ab, häufig in chinesischen Pavillons, und haben eine galante Anmutung. Die Gesichter der Figuren können mit Appliken aus Elfenbein verziert sein. In den anderen beiden Ecken erscheinen Vögel und Blumen. Die Fransen werden bis zu 50 Zentimeter lang.

Maler wie Joaquín Sorolla, Hermen Anglada Camarasa, Ramón Casas und Julio Romero de Torres stellten den Mantón de Manila in ihren Bildern dar.

Etwa ab 1920 nahm die Verbreitung des Mantón de Manila in der allgemeinen Bekleidung ab. Es wird seitdem hauptsächlich noch bei festlichen Anlässen und zum Flamenco getragen.

Bei ihrem Besuch in Ronda im August 2010 erhielt Michelle Obama einen mehr als 200 Jahre alten Mantón de Manila als Geschenk. Er war cremefarben und bedruckt mit roten Rosen. Als im April 2011 Camilla, Herzogin von Cornwall, das Flamenco-Museum in Sevilla besuchte, schenkte man ihr einen blauen Mantón de Manila.

Heutzutage werden unter der Bezeichnung „Mantón de Manila“ auch billige Imitate aus Kunstfasern angeboten. Gleichwohl werden auch heute noch in Handarbeit kostbare Stücke aus echter Seide gefertigt. Besonders in Sevilla gibt es eine Anzahl kleinerer Betriebe.

Herstellung und Aufbewahrung Das große, quadratische Tuch wird in vielen Farben hergestellt, wobei die klassischen Farben Elfenbein und Schwarz sind.

Vor der Bearbeitung des Tuchs wird eine Zeichnung auf Papier erstellt und perforiert. Durch die Perforierung wird der Stoff mit Kreide markiert. Zum Besticken wird er dann auf einen Rahmen gespannt. Die gebräuchlichste Technik ist acu pictae (Latein: Nadelmalerei) in flacher Ausführung mit Paspeln. Das Werk wird mit dem Anfügen der Fransen abgeschlossen, einer von den Arabern übernommenen Verzierung, die ebenfalls mit Seidenfaden in Makrameetechnik hergestellt wird. Die Fransen werden in sogenannter Flecado-Technik aufwändig in Zierknoten geflochten. Die Knoten werden zur Datierung der Stücke verwendet, wobei die älteren Stücke aus der Zeit vor 1830 einfache Fransen ohne Makramee aufweisen. Diese Flechtarbeiten sind ein traditionelles Gewerbe der Heimarbeit in Andalusien.

Als Schutz für die lange Seereise und als Schmuckverpackung wurden auf den Philippinen quadratische Kisten aus lackiertem und vergoldetem Holz hergestellt. Sie waren verziert mit Intarsien aus Perlmutt und mit chinesischen Motiven. Darin befand sich ein weiterer Karton, in dem ein einzelnes Stück gefaltet war.

Für die Aufbewahrung sollten Mantones nach einem speziellen System gefaltet werden. Wird dieses nicht beherrscht, können sie auf einem Bügel aufgehängt und abgedeckt werden. Man kann sie auch locker, ohne Falten, in einer Schublade aufbewahren, wenn man dort von Zeit zu Zeit ihre Lage ändert. Es gibt auch gesteppte Baumwolltücher, in denen der Manton eingerollt wird. Sie verhindern, dass die Säure aus dem Hausstaub das Seidengewebe angreift.

Gebrauch mini|hochkant|Flamencotänzerin mit Mantón, Ölgemälde von John Singer Sargent. Üblicherweise wird der Mantón auf den Schultern getragen und diagonal zu einem Dreieck gefaltet. Er sollte den Rücken bedecken und bis zu den Fingerspitzen der Trägerin reichen, wenn sie die Arme locker herabhängen lässt. Häufig wird er auf einer Seite in Hüfthöhe geknotet.

Spätestens seit der Epoche der Cafés cantantes nutzen zahlreiche Flamenco-Tänzerinnen den Mantón de Manila, um mit seinen leuchtenden Farben und seinem schwungvollen Einsatz ihren Ausdruck zu unterstützen. Die lange Liste seiner Trägerinnen reicht von La Mejorana bis zu zeitgenössischen Tänzerinnen wie María Pagés.

Rezeption In der Zarzuela findet der Mantón an einigen Stellen Erwähnung, beispielsweise in folgendem Duett aus der Oper La verbena de Paloma von Ruperto Chapí nach einem Libretto von Ricardo de la Vega: Julián: «¿Dónde vas con mantón de Manila? ¿Dónde vas con vestido chiné?» Susana: «A lucirme y a ver la verbena, y a meterme en la cama después.» Julián: „Wohin gehst du mit dem Mantón de Manila? Wohin gehst du in einem Chinékleid?“ Susana: „Um auf dem Fest zu glänzen, mich dort umzusehn, und danach ins Bett zu gehn.“

Eine andere populäre Passage ist der Chor der Chulapos und Chulapas: Por ser la Virgen de la Paloma, un mantón de la China-na, China-na, China-na, un mantón de la China-na te voy a regalar. Weil ich die Virgen de la PalomaDie Bezeichnung von Maria als Schutzpatronin von Madrid bin, ein China-na-, China-na-, China-na-, China-na-tuch, ein China-na-Tuch werd ich dir schenken.

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Einzelnachweise und Anmerkungen

Kategorie:Flamenco Kategorie:Schal Kategorie:Ware aus Seide Kategorie:Textilkunst