mini|hochkant=1.6|Alter Schlachthof um 1900, oben (v. l. n. r.) Direktionsgebäude, Portierhaus, Restaurantgebäude, Maschinenhalle; unten: Kälber-, Rinder- und Schweineschlachthalle Der Alte Schlachthof Aachen war ein städtischer Gebäudekomplex der Stadt Aachen zur Schlachtung von Vieh für die Fleischgewinnung. Er wurde zwischen 1890 und 1894 auf einem großräumigen Areal im Nordviertel Aachens im Bereich der heutigen Metzger- und Liebigstraße mit Anschluss an die Aachener Industriebahn erbaut und in den Jahren 1904 bis 1906 sowie 1927 bis 1930 erweitert und ergänzt. Im Jahr 2002 wurde der Schlachtbetrieb eingestellt. Anschließend wurden die erhaltenswürdigen Gebäude im Stil der Neorenaissance schrittweise umfangreich restauriert und saniert sowie zu Gewerbe-, Büro- und Veranstaltungsräumen umfunktioniert. Seit 2013 stehen sie unter Denkmalschutz.

Geschichte Im ausgehenden Spätmittelalter lag die Schlachtung in Aachen in der Verantwortung der einzelnen Metzger, die sich gemäß dem Ersten Aachener Gaffelbrief ab 1450 in einer eigenen Zunft zusammengeschlossen hatten. Im 16. Jahrhundert wurde die Schlachtung zentralisiert und 1585 in der Kockerellstraße auf Höhe Haus Nr. 17 das erste offizielle Schlachthaus eingerichtet sowie an der Ecke zur Kockerellstraße/Jakobstraße die zentrale Fleischhalle, auch halle antiqua oder alde Halle genannt. Trotz der Nähe zum zentralen Marktplatz fand der Viehhandel jedoch am damaligen Schweinemarkt statt, der sich am Rande der inneren Stadtmauer auf dem Gelände des 1780 von Johann Gerhard Schervier erbauten Kupferhofs an der Ecke Templergraben/Eilfschornsteinstraße befand. Mit Beginn der preußischen Verwaltung in Aachen ab 1815 beschloss der Stadtrat, eine neue Fleischerhalle zwischen Hühnermarkt und Büchel zu errichten, die 1820 eröffnet wurde und die folgerichtig als halle nova oder nuwe halle bezeichnet wurde. Im Gegenzug wurde die halle antiqua niedergerissen und an ihrer Stelle 1829 von Adam Franz Friedrich Leydel das Gasthaus Eijene Keiser Karl erbaut. Aufgrund des erhöhten Schlachtbedarfs wurde darüber hinaus zwischen 1839 und 1841 eine neue Schlachthalle, die sich bereits an der klassischen Ordnung der Schlachthofarchitektur orientierte, nach Plänen von Friedrich Joseph Ark auf der Südseite des Lindenplatzes erbaut.

Massive Hygieneprobleme und zahlreiche Cholerafälle in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führten jedoch dazu, dass mit der Planung einer Auslagerung des Schlachthofes außerhalb der alten Stadtmauern begonnen wurde. Dazu boten sich noch freie Flächen in dem aufstrebenden Industriegebiet zwischen Jülicher Straße und Grüner Weg im Aachener Nordviertel an, da es zusätzlich durch die Aachener Industriebahn und mit dem Bahnhof Aachen Nord über eine zeitgemäße Infrastruktur verfügte. Zunächst wurde 1877 der amtierende Aachener Stadtbaumeister Josef Stübben mit einer ersten Planung beauftragt, der sich nach Rücksprache mit dem damaligen Spezialisten für Schlachthofbau, Georg Osthoff, für ein Modell entschied, das dem neuen Schlachthof in Hannover nachempfunden war. Unter Stübben, der 1881 Aachen verließ, wurden die Pläne ebenso wenig umgesetzt wie unter seinem Nachfolger Johannes Richter. Erst Joseph Laurent, der 1886 Richter folgte, und der Regierungsbaurat Carl Heuser konkretisierten die Entwürfe Richters, und der Bau der neuen Schlachthofanlage konnte zwischen 1890 und 1894 in dem dafür vorgesehenen Gewerbegebiet umgesetzt werden. Zugleich wurde die halle nova am Büchel durch das neue Büchelpalais und die Schlachthalle am Lindenplatz durch die Kapelle nebst weiteren Anbauten des neu eingerichteten benachbarten Franziskus-Klosters in der Paulusstraße ersetzt.

Der Ursprungskomplex des neuen Schlachthofes bestand aus dem Direktions- und Verwaltungsgebäude, dem Portierhaus, dem Restaurant- und Wirtschaftsgebäude mit der angeschlossenen Maschinenhalle, dem Großviehmarktstall, zwei Groß- und Kleinviehschlachthallen, einer Schweine- und einer Pferdeschlachthalle sowie der Kuttlerei mit dem Düngerhaus, einem Kühlhaus und einer Technikhalle mit Wasserturm für die eigene Energieversorgung. Verantwortlich für den gesamten Ablauf auf dem Schlachthof war der Verwaltungsdirektor, der ein ausgebildeter und speziell qualifizierter Veterinärmediziner sein musste. mini|Fleischdesinfektor der Firma H. Rohrbeck Die Schlachthofanlage war dafür ausgelegt, dass neben der üblichen Fleischverarbeitung auch eine gemeinschaftliche Verwertung der Häute und Felle durchgeführt werden konnte, wofür eigene Räume zum Trocknen und Salzen der Häute zur Verfügung standen. Des Weiteren sorgte ein von der Firma Hermann Rohrbeck aus Berlin angeschaffter „Desinfektor-Apparat“ dafür, dass das Fleisch kranker Tiere unter Dampfdruck und bei einer Temperatur von rund 120 Grad in einem mehrstündigen Kochprozess quasi sterilisiert werden konnte.

Von der Technikhalle aus wurde der Schlachthof mit elektrischem Licht versorgt, das unter anderem durch zwei Dynamomaschinen erzeugt wurde, die ihrerseits von zwei Dampfmaschinen angetrieben wurden. Zwei kombinierte Cornwall-Röhrendampfkessel der benachbarten Firma Piedboeuf lieferten den notwendigen Dampf sowie das heiße Wasser für die Schlachthäuser und die Firma Linde stattete das Kühlhaus unter anderem mit einer Ammoniak-Kompressions-Kühlmaschine aus.

Zwischen 1899 und 1903 wurde für die Mitarbeiter des Schlachthofes eine Werkssiedlung nach Plänen von Hermann Thelen außerhalb der Anlage erbaut. Anschließend erfolgte zwischen 1904 und 1906 eine Renovierung und Ausstattung der Schlachthallen, in denen fortan nach Tierarten separiert und mit moderner Technik geschlachtet werden sollte. Darüber hinaus erhielten die nun für die Kälber-, Rinder- und Schweineschlachtung genutzten Hallen an ihrer jeweiligen Ostseite einen Verbindungstrakt, die so genannte Verkehrshalle, an deren äußerer Längsseite zudem ein weiteres Kühlhaus errichtet wurde, das partiell an die Aachener Metzger vermietet wurde. Andererorts geschlachtetes Fleisch durfte nur dann ins Kühlhaus gelagert werden, wenn die Räumlichkeiten nicht von den Aachener Betrieben beansprucht wurde. Die erweiterten Lagerkapazitäten in den Kühlräumen der neuen Verkehrshalle waren dadurch notwendig geworden, weil gemäß Ministerialerlass vom 18. November 1897 die Aufbewahrung des Fleisches über einen Zeitraum von 21 Tagen unter öffentlicher Kontrolle verordnet worden war. Die Pacht für solche Räume belief sich auf rund 25 Goldmark je Quadratmeter der Kühlzelle pro Tag.

Nach dem Ersten Weltkrieg und weiter gestiegenen Anforderungen plante die Stadtverwaltung, die Gesamtanlage erneut zu erweitern und zu modernisieren. Die Pläne hierzu wurden 1926 auf der GeSoLei in Düsseldorf von Wilhelm Kreis vorgestellt und Teile davon zwischen 1927 und 1930 nach Plänen des Stadtbaurats Wilhelm Kirchbauer umgesetzt. Schwerpunkte hierbei waren der Bau einer neuen Fleischmarkthalle, einer Bogenhalle als Fleischabholhalle und ein daran angebautes imposantes rechteckiges Turmgebäude, das als Treppenhaus und Uhrenturm diente. Des Weiteren kam noch eine Markthalle für Großvieh hinzu, die 1938 um eine weitere Großmarkthalle ergänzt wurde, sowie der Bau eines Blocks für das Schauamt. Darüber hinaus eröffnete 1935 die Aachener Bank ihre erste Zweigstelle auf dem Gelände des Aachener Schlachthofes. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Aachener Schlachthof durch Bombentreffer stark in Mitleidenschaft gezogen und musste anschließend wieder aufgebaut werden, wobei auf den Wiederaufbau der Fleischmarkthalle, des zweiten Kühlhauses und der Großmarkthalle verzichtet wurde.

Im Jahr 1977 wurde der Schlachthofbetrieb durch städtischen Beschluss mit den Stimmen der CDU und FDP und gegen die Überzeugung der SPD privatisiert und von der „Vieh- und Fleischversorgung Aachen e. V.“, einer Genossenschaft mit 130 Mitgliedern, gepachtet. Nach offizieller Stilllegung der Bahnstrecke nach Jülich und Rothe Erde zu Beginn der 1980er-Jahre gab es zunehmend Transportprobleme, und der Schlachtbetrieb wurde schrittweise auf andere Orte in der Städteregion Aachen verteilt und im Jahr 2002 endgültig eingestellt. Nachdem im Jahr 2007 das Pachtverhältnis geendet hatte, konnte die Stadt Aachen wieder über das rund 37.000 m² große Grundstück verfügen und nach teils langjährigen Planungen mit den Veräußerungen der einzelnen Objekte beginnen.

Charakteristik Die Aachener Schlachthofanlage entsprach dem „französischen Schlachthaustyp“, der sich seit der Durchsetzung des Schlachthofzwangs in Frankreich zwischen 1807 und 1810 entwickelt hat und bei dem Vieh- und Schlachthof getrennt und der eigentliche Schlachtbetrieb in separat angeordneten Hallen und Betriebsgebäuden durchgeführt wurde. Dagegen waren bei der „deutschen Anordnung“ alle Einzelfunktionen in einem zusammenhängenden Baukomplex um einen zentralen Hof untergebracht und die Zwischenräume verbunden und überdacht. Dies bedeutete für die Aachener Anlage, dass das Vieh über den Gleisanschluss der Industriebahn im Bereich der Liebigstraße zunächst in die Großviehmarkthallen aufgenommen wurde, von denen heute nur noch die Kälbermarkthalle erhalten ist. Von dort wurde es über einen großen offenen Innenhof in die einzelnen Schlachthallen geführt, die ab 1904 nach Tierarten getrennt wurden. Lediglich die Pferdeschlachthalle hatte einen separaten Standort außerhalb des Innenhofes und einen Zugang von der Feldstraße. Im nordöstlichen Bereich des Hofes befanden sich die Kuttlerei und das Düngerhaus, und an der südöstlichen Schmalseite zwischen dem Verwaltungs- und Direktionsgebäude einerseits und dem Kantinengebäude andererseits der offizielle Haupteingang mit einem Portierhaus in Insellage, auf dessen Dachreiter eine kleine Werksuhr aufmontiert war.

Die Kühlhäuser und die Technikhalle mit dem Wasserturm sowie das Kesselhaus mit Schornstein und Kohlenlager für die Dampfmaschinen schlossen sich am Rande der inneren Hofanlage im Nordosten an. Die zwischen den Weltkriegen errichteten Erweiterungsbauten wurden dagegen auf einer freien Fläche stadtnäher im Südosten der Schlachthofanlage im Bereich der Kreuzung Feldstraße/Metzgerstraße erbaut. Damit wurde dem Käufer der geschlachteten Ware der Zugang zum inneren Schlachtbereich erspart und er konnte von der Stadtseite aus in den entsprechenden Großmarkt- und Fleischabholhallen seine Einkäufe sichten und tätigen. Zugleich wurde bei den Ergänzungsbauten von 1930 mit der Fleischabholhalle/Bogenhalle und dem stadtwärts ausgerichteten Uhrenturm in verkleinerter Form eine repräsentative Bauform angewandt, die sonst den Rathäusern oder Bahnhöfen vorbehalten war.

Eine besondere konstruktionsgeschichtliche Rolle stellen die gusseisernen Stützen in den ersterbauten Hallen und die Betonbogenbinder in der neueren Fleischabholhalle dar. Bei den Stützen, die meist bei Stockwerksbauten in der Textilindustrie und im Speicherhausbau Verwendung fanden, handelt es sich um vorwiegend zu Stützen und Bindern zusammengesetzten gewalzten Profile mit eher ungewöhnlichen Höhenmaßen. Eine Besonderheit sind dabei die elegant geformten Konsolträger zur Verbindung von Stützen und Unterzügen.

Die von Kirchbauer erstellte Bogenhalle gehört mit ihren mächtigen Stahlbetonbogenbindern zu den wenigen noch erhaltenen profanen Beispielen dieser raumgreifenden Hallenarchitektur, die ihr Vorbild in der von Richard Schachner entworfenen Großmarkthalle München hat. Ihr architektonischer Stil ist der Avantgarde angelehnt und von den kubischen Formen der Bauhaus-Architektur beeinflusst und war Ausdruck eines neuen bürgerlichen Selbstbewusstseins in der Zeit der Weimarer Republik.

Denkmalgeschützte Bauten Verwaltungs- und Direktionsgebäude