Daunr, auch daunra, daunru (Garhwali-Sprache), ist eine zweifellige Sanduhrtrommel, die in der indischen Volksmusik in der Region Garhwal im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand zur Begleitung von weltlichen epischen Liedern (pawada), Volkstheatern und religiösen Besessenheitszeremonien (jagar) in geschlossenen Räumen und stets zusammen mit dem Flachgong thali eingesetzt wird. Die daunr ist etwas kompakter als die in derselben Region gespielte hurka und wird gelegentlich fälschlich mit der anders gespielten sanduhrförmigen Rasseltrommel damru (damaru) gleichgesetzt.

Herkunft und Verbreitung mini|Hölzerne Sanduhrtrommel utukkai aus Tamil Nadu. Die heute sehr große Zahl indischer Trommeltypen korrespondiert mit hunderten Namen für Trommeln, die seit der altindischen Literatur in Sanskrit und Tamil überliefert sind. Die meisten Trommeln besaßen eine religiöse oder magische Bedeutung; vor manchen wurden Speisen- und Trankopfer ausgebreitet. Die wohl bekannteste rituell verwendete Trommel ist die kleine sanduhrförmige damaru, die hauptsächlich als Attribut Shivas abgebildet wird. In der Erscheinungsform als Nataraja erschuf Shiva der hinduistischen Mythologie zufolge in seinem kosmischen Tanz (tandava) die Welt. In den Schlägen mancher Trommeln hörte man die kräftige Stimme eines Gottes, andere Trommeln dienten dazu, böse Geister zu vertreiben. Der Name dundubhi, der in vedischen Texten aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. auftaucht, bezeichnete meist eine Kriegstrommel mit einem großen hölzernen, vielleicht kesselförmigen Korpus. Eine in der regionalen nordindischen Musik gespielte große Kesseltrommel mit einem Eisenkorpus ist die dhamsa.

Ein Name für eine Gruppe zweifelliger Röhrentrommeln, der in mehreren Sanskrittexten schon im 1. Jahrtausends v. Chr. vorkommt, ist mrdanga (von mrd, „Tonerde“). Hierzu gehörten gemäß dem um die Zeitenwende abgefassten Werk Natyashastra nach ihrer Handhabung eingeteilte Trommeln, die senkrecht auf dem Boden stehend oder waagrecht im Schoß gespielt wurden wie in Südindien die namentlich abgeleitete Doppelkonustrommel mridangam. Von einer zweiten Gruppe mit hölzernen Trommeln ist bekannt, dass sich der Name dardara auf eine fassförmige Trommel bezog. Heutige Fasstrommeln in Nordindien sind dhol, dholak und dholki. Ein zweiter Typ dieser hölzernen Trommeln wird nicht näher beschrieben und der mit dem Namen panava erwähnte dritte Typ war eine Sanduhrtrommel, als deren Maße für den großen Felldurchmesser acht angula (ein Fingerbreit), für den kleinen Felldurchmesser fünf angula und für die Korpusmitte vier angula angegeben werden.Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band 2. Musik des Altertums. Lieferung 8. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 33. Umgerechnet ergibt dies für die altindische panava Felldurchmesser von 12 und 7,5 Zentimetern sowie 6 Zentimeter für die Korpusmitte bei einer Länge von 24 Zentimetern.Emmie Te Nijenhuis (Hrsg.): Saṅgītaśiromaṇi: A Medieval Handbook of Indian Music. E.J. Brill, Leiden 1992, Anmerkungen 138 zur Übersetzung auf S. 549.

Sanduhrtrommeln sind auf Reliefs am Stupa von Bharhut (2. Jahrhundert v. Chr.) dargestellt. Bei den altindischen Röhrentrommeln waren die Trommelfelle den Abbildungen zufolge mit einer X-, Y- oder W-förmigen Verschnürung gegeneinander verspannt. Die Schnürungsarten ergeben sich durch die Anordnung von Knoten oder verschiebbaren Ringen, mit denen die Verspannung und damit die Tonhöhe justiert werden kann. Sanduhrtrommeln lassen sich zusätzlich durch eine ringförmig um die Mitte verlaufende Schnur spannen.Walter Kaufmann, 1981, S. 33. Neben der daunr und der hurka ist die im Punjab von den Sikhs zur Begleitung religiöser Lieder gespielte dhadd eine weitere kleine Sanduhrtrommel in Nordindien. Mehrere Sanduhrtrommeln, die sämtlich größer sind, werden in Südindien gespielt. Zu ihnen gehören die idakka und timila, die beide in der hinduistischen Tempelmusik in Kerala verwendet werden, und die zur Lied- und Tanzbegleitung in Karnataka und Kerala verwendete tudi.Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments. National Book Trust, Neu-Delhi 1977, S. 42. In Nord- und Südindien sind ferner Sanduhrtrommeln verbreitet, deren Namen wie bei der hurka von Sanskrit hudukka abgeleitet ist: im Norden heißen sie auf Hindi huruk und in Tamil Nadu im Süden utukkai.Alastair Dick: Huḍukkā. In: Grove Music Online, 2001, .

Bauform Die daunr ist mit rund 20 Zentimetern Länge deutlich kürzer als die 38 Zentimeter lange hurka, hat aber einen etwas größeren Membrandurchmesser von 16 Zentimetern an beiden Seiten. An der Taille in der Korpusmitte beträgt der Durchmesser 13 Zentimeter. Der Korpus besteht aus Kupfer, Messing oder Holz. Für die im Vergleich zur hurka dickeren und schwereren Membranen wird üblicherweise Ziegenhaut verwendet. Die Ziegenhaut wird über Metallringe gezogen, die größer als die Korpusöffnungen sind und mit einer Schnur daran festgebunden. Die überstehenden Ringe werden V-förmig gegeneinander verspannt. Eine quer um die Mitte laufende Schnur oder ein Stoffstreifen dient dazu, die Membranen vor dem Spiel auf die richtige Tonhöhe zu spannen. Die daunr produziert nur die gestimmte Tonhöhe. Im Unterschied zur hurka und den meisten anderen indischen und afrikanischen Sanduhrtrommeln presst der Spieler nicht während des Spiels die Verschnürung, um unterschiedlich hoch tönende Trommelschläge zu erzielen.Andrew Alter, 2016, S. 77; Stefan Fiol (2010) erwähnt jedoch, dass mit den Knien, zwischen denen die Trommel gehalten wird, Druck auf die Verschnürung ausgeübt werde: Stefan Fiol: Dual Framing: Locating Authenticities in the Music Videos of Himalayan Possession Rituals. In: Ethnomusicology, Bd. 54, Nr. 1, Winter 2010, S. 28–53, hier S. 50, Fußnote 7.

Der Spieler sitzt am Boden und fixiert die daunr zwischen seinen Knien – mit einem Knie oberhalb und einem Knie unter der Trommel – oder manchmal unter seinem Bein und schlägt das rechte Trommelfell mit einem etwa 25 Zentimeter langen dünnen Holzstab. Dessen Durchmesser beträgt am oberen Ende, mit dem er zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand gehalten wird, etwa 8 Millimeter und am unteren Ende 10 Millimeter.Anoop Chandola, 1977, S. 32. In dieser Haltung ragt der Stab zwischen Mittelfinger und Ringfinger unter der Hand heraus, die zum Schlagen mit einer Drehbewegung des Unterarms im Uhrzeigersinn und zurück bewegt wird. Die linke Membran wird mit der flachen linken Hand geschlagen.Andrew Alter, 2016, S. 78f.

Weil das Wort daunr häufig mit einer Vokalendung als daunra oder daunru ausgesprochen wird, besteht eine Verwechslungsgefahr mit der kleineren Sanduhrtrommel damru (damaru). Der Name damru wird manchmal mit daunr gleichgesetzt, obwohl das Attribut Shivas meist als eine nach der Tonerzeugung gänzlich andere Rasseltrommel dargestellt wird. Da die Rasseltrommel landesweit von Straßenmusikern und Bettlern verwendet wird, möchten manche Garhwalis diese unter dem bisher nur regional gebräuchlichen Namen dugdugi (vgl. duggi) benannt wissen und Shivas Trommel als eine mit Stöckchen geschlagene Sanduhrtrommel dargestellt sehen. Dann würden daunr und damru dasselbe göttliche Instrument bezeichnen.Andrew Alter, 2016, S. 77.

Die daunr wird stets zusammen mit einem thali eingesetzt. Das thali ist eine runde Metallplatte mit einem umgebogenen Rand, auf der üblicherweise ein indisches Essen serviert wird. Als Musikinstrument dient meist ein Messingtablett mit einem Durchmesser von 22 Zentimetern, das von oben auf die Mitte der Unterseite geschlagen wird. Bei der einen Schlagtechnik liegt die Platte auf dem Boden, angehoben durch eine Fußspitze an einer Seite, und wird mit zwei Stöcken geschlagen, die beide denselben offenen Klang produzieren. Bei der anderen Methode legt der Spieler das thali auf die offene Oberseite eines runden hölzernen Behälters (pathu), der ansonsten als Getreidemaß dient. In diesem Fall schlägt er die Platte mit einem Stück Hirschgeweih in der rechten Hand und hält sie mit der linken Hand am Rand. Wenn er die aufliegende Platte schlägt, entsteht ein dunklerer Klang, wenn er sie etwas schräg anhebt entsteht ein hellerer Klang, der durch den Holzbehälter als Resonanzkörper verstärkt wird.Anoop Chandola, 1977, S. 27, 44f.

Spielweise Die ausführlichste Liste der Musikinstrumente von Uttarakhand enthält 34 Instrumente aus allen Kategorien, die in der traditionellen Volksmusik gespielt werden. Darin sind die Instrumente der klassischen indischen Musik nicht enthalten. Die Volksmusikinstrumente werden nach ihrer Verwendung bei Veranstaltungen im Freien (Hochzeitsumzüge) oder in geschlossenen Räumen (epischer Gesang, Tanzbegleitung, Besessenheitszeremonien) in zwei große Gruppen eingeteilt. In beiden Gruppen gibt es Instrumente, die stets paarweise zusammen gespielt werden. Typisch für die Musik im Freien ist das bei Hochzeiten unentbehrliche Trommelpaar aus der großen Fasstrommel dhol und der flachen Kesseltrommel damau, das melodisch durch die Sackpfeife mashak verstärkt wird. Bei manchen festlichen Anlässen kommt die gebogene Trompete ransingha oder die paarweise geblasene gerade Trompete bhankora zum Einsatz. Die stets in geschlossenen Räumen zusammen mit einer thali gespielte daunr gilt nach der dhol als das zweitwichtigste Musikinstrument. Ein weiteres Instrumentenpaar für geschlossene Räume sind hurka und thali.Andrew Alter, 2016, S. 79.

Die Kastenstruktur der Varnas (Hauptkasten) in Garhwal unterscheidet sich von derjenigen der allgemeinen hinduistischen Gesellschaft. Unter den zahlreichen Berufskasten innerhalb der Varnas gibt es Musikerkasten, die jeweils nur ein bestimmtes Instrument oder eine Instrumentengruppe spielen. Die Bajgis sind die zahlenmäßig stärkste Musikerkaste, die alle genannten Instrumente für zeremonielle Aufführungen im Freien spielen. Beda (auch Baddi) treten mit dholak und Harmonium als Unterhalter auf. Andere Musikspezialisten gehören keiner Musikerkaste an, obwohl ihnen eine wesentliche Rolle bei der Durchführung von Zeremonien zukommt. Die Musiker dieser Gruppe werden hauptsächlich mit fünf Bezeichnungen angesprochen: hurkiya und daunriya (Spieler der einen oder anderen Sanduhrtrommel), ghariyala (ebenfalls daunri-Spieler, also synonym mit daunriya, manchmal auch auf hurkiya bezogen), dhaunser (Spieler der dhaunsi, ein Name der hurka in manchen Gebieten) und jagariya (jemand, der die jagar genannte Besessenheitszeremonie durchführt, Heiler oder Schamane).Andrew Alter, 2016, S. 42. Die hurka-thali- und daunr-thali-Instrumentenkobinationen sind die häufigsten Besetzungen für traditionelle Unterhaltungsmusikstile und Zeremonien in geschlossenen Räumen in Garhwal. Hurka und daunr sind bei vielen Anlässen austauschbar, die meisten Trommelspieler haben sich aber entweder auf die hurka oder die daunr spezialisiert. Im Unterschied zu den Trommlern benötigt der thali-Spieler keine sehr gründliche musikalische Ausbildung, weshalb eine spezielle thaliya-Gruppe fehlt.Andrew Alter, 2016, S. 43, 72, 79. Generell haben die Kasten der Instrumentalisten trotz ihrer Bedeutung bei weltlichen und religiösen Zeremonien einen niedrigen Status, wobei die soziale Stellung der dholak-Spieler noch unterhalb der hurka- und daunr-Spieler eingestuft wird.Alain Daniélou: Südasien. Die indische Musik und ihre Traditionen. Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, S. 88.