Mochlos () ist die Bezeichnung der Ausgrabungsstätte einer von der minoischen bis mit Unterbrechungen in die byzantinische Zeit bestehenden Hafensiedlung in der Gemeinde Sitia im Osten der griechischen Insel Kreta. Sie besteht aus mehreren Teilen, von denen sich die größte Grabungsfläche auf der Insel Agios Nikolaos () vor der Nordküste Kretas befindet. Eine flächenmäßig kleinere Ausgrabung schließt sich auf Kreta selbst westlich an den Ort Mochlos an, nach dem der archäologische Fundort benannt ist. Weiterfassend werden kleine Grabungsorte in der Küstenebene um Mochlos mit einbezogen. Verbunden waren die Orte damals wahrscheinlich durch eine Landbrücke zur heutigen Insel.
Lage mini|links| Die etwa 300 × 250 Meter große und 62 Meter hohe Felseninsel Agios Nikolaos ist nach der kleinen Kirche auf der Südseite benannt, die Nikolaus von Myra geweiht ist. Sie befindet sich in einer Entfernung von 180 Metern vor der Nordküste Kretas. Dort entstand nach der Entdeckung der altertümlichen Hafensiedlung im Jahr 1907 der kleine Ort Mochlos, dessen Name auch für die Insel verwendet wird. In venezianischer Zeit hieß die Insel Scoglio de Muflo. Mitunter wird sie auch Psyllos ( ‚Floh‘) genannt, im Gegensatz zur Insel Psira ( ‚Laus‘) 3,2 Kilometer westlich.Alexandros Roniotis: Mochlos Insel. CretanBeaches! 2018, abgerufen am 12. Februar 2019. Die Ausgrabungsstätte nimmt überwiegend den südlichen Bereich der Insel um die Kirche ein, einige Grabbauten liegen oberhalb der Westküste. In der Bronzezeit scheint eine Landverbindung mit Kreta bestanden zu haben, eine Halbinsel bildend mit zwei Häfen zu beiden Seiten der schmalen Landenge.
mini| An der Küste des westlichen Ortsrandes von Mochlos befindet sich die Ausgrabungsstätte des sogenannten Handwerkerviertels ( Synikia ton techniton). Die dort freigelegten Gebäudereste liegen teilweise unter der heutigen Küstenstraße zum 350 Meter entfernten Hafen und dem Strand Limenaria () im Westen, in dessen Nähe man ein spätminoisches Gräberfeld entdeckte. Am Südostrand des Ortes lag der minoische Steinbruch, in dem der lokale kalkhaltige Sandstein, Ammoudha genannt, abgebaut wurde. Von dort zieht sich die von mehreren kleinen Flüssen durchbrochene „Ebene von Mochlos“ an der Bucht von Mochlos () etwa 4,2 Kilometer nach Osten. Hier stand nahe der Mündung des östlichsten Flusses bis zum Ende der Neupalastzeit das Landhaus von Chalinomouri () mit einer Ansammlung von Gräbern. Von der Hauptstraße (E 75) zwischen Pachia Ammos und Sitia führen drei Straßen zur Küste der Bucht von Mochlos, die bei der Kirche Agios Pandeleimon () sowie von den Orten Sfaka () und Tourloti () abgehen.
Geschichte Frühminoische Zeit
Die damalige Halbinsel an der Küste von Mochlos wurde zu Beginn der Bronzezeit erstmals besiedelt. Es gibt Hinweise auf zwei Wellen von Einwanderern. Die ersten Siedler scheinen Mochlos um 3000 v. Chr. von der Kykladeninsel Melos kolonisiert und somit der Kykladenkultur angehört zu haben. Darauf weisen Obsidianklingen hin, deren Rohmaterial von den Kykladen importiert und in Mochlos verarbeitet wurde. Die Keramik der Kolonisten wird der frühminoischen Phase FM I der Vorpalastzeit zugeordnet. In der Phase FM I B kam es zu einer zweiten Einwanderungswelle, möglicherweise aus Zentralkreta. Es entstanden Bauten entlang der Südküste und auf der westlichen Terrasse der heutigen Insel. Die zunächst kleine Siedlung wuchs in der Phase FM II beträchtlich an. Sie bedeckte eine Fläche von etwa 0,8 Hektar, was zu einer Schätzung der Einwohnerzahl zwischen 220 und 330, einschließlich der Siedlungen auf der Südseite der Nehrung auf bis zu 500 Menschen führte.
mini|hochkant| Ab etwa 2500 v. Chr. kann von einer hierarchischen Struktur der Gesellschaft von Mochlos ausgegangen werden. Es entstanden einige Hausgräber für hochgestellte Persönlichkeiten, die ihren Status und ihre Kontrolle innerhalb der Siedlung sowie ihre Fähigkeit zum Erwerb von Gütern durch Handel und Seefahrt widerspiegelten. In den Phasen FM II und FM III entwickelte sich Mochlos, neben Vassiliki und Priniatikos Pyrgos, zu einem wichtigen Wirtschafts- und Siedlungszentrum im Osten Kretas. Die Grundlage dafür bildeten die zwei Häfen auf beiden Seiten der Nehrung zur heutigen Insel und die landwirtschaftlich genutzte Ebene des kretischen Hinterlandes. Mochlos war ein Standort für neue Industrien, wie die Herstellung von Goldschmuck, Steinvasen und Fayencen, sowie ein wichtiges Handelszentrum für Rohstoffe und Waren von den Kykladen und möglicherweise aus dem Nahen Osten.
Der frühminoische Friedhof von Mochlos auf einer schmalen Terrasse der Westseite der Insel wurde um 2900 v. Chr. angelegt. Es handelte sich wahrscheinlich um Familiengräber. In ihnen wurden zahlreiche Golddiademe gefunden; ein Hinweis auf die hohe Stellung der Verstorbenen. Viele kleinere Gräber mit Pithos-Bestattungen schlossen sich im Schutz der Felsen am Südhang an. Die Grabbauten wurden in der Phase FM III von 2300 bis 2000 v. Chr. weiter genutzt, von 2000 bis 1900 v. Chr. eher weniger. Nach einer folgenden zeitlichen Lücke sind für die Neupalastzeit erneut Pithos-Bestattungen nachgewiesen.
Alt- und Neupalastzeit mini|links| Während der mittelminoischen Altpalastzeit von etwa 1900 bis 1700 v. Chr. pflegte Mochlos enge Beziehungen zum Palast von Mallia, wenn es seine Eigenständigkeit nicht sogar gänzlich verlor und ein Teil des mallischen Staates wurde. Aus Mallia übernahm man neue Produktionsmethoden, wie die Töpferscheibe, ein Zeichen für die enge Verflechtung der Eliten Mochlos’ mit den dortigen sozialen Strukturen. Die Fundstücke aus der Altpalastzeit sind nur fragmentarisch erhalten. Die Ausdehnung der einzelnen mittelminoischen Fundorte über die gesamte Ausgrabungsstätte der Insel verweist auf die große Ausdehnung der Siedlung unterhalb der danach entstandenen neupalastzeitlichen Stadt der spätminoischen Phase SM I. Im Übergang von der Alt- zur Neupalastzeit werden, wie in anderen Teilen Kretas, große gewaltsame Zerstörungen vermutet.
mini| Mit dem Wiederaufbau der infolge seismischer Aktivitäten oder interner Konflikte zerstörten Paläste und Siedlungen auf Kreta am Übergang der mittelminoischen Phasen MM III A zu MM III B erfolgte eine Konzentrierung der Bevölkerung. Einige Orte wurden aufgegeben, andere nahmen an Bedeutung zu. Vor allem Knossos entwickelte sich zu einem Zentrum der minoischen Kultur. Neben anderen Stätten begann auch Mochlos, die knossische Art von Religion und materieller Kultur zu kopieren. Für die Bauwerke wurde während der gesamten Neupalastzeit von etwa 1700 bis 1430 v. Chr. der Steinbruch bei Vagia () an der Küste südöstlich des heutigen Ortes Mochlos genutzt, das gewonnene Material sogar für den Bau der minoischen Stadt Gournia exportiert.
mini|links|hochkant| In der spätminoischen Phase SM I erreichte die Siedlung von Mochlos ihre größte Ausdehnung. Die Gebäude auf Agios Nikolaos waren teilweise dreigeschossig, die Keller einbezogen, in denen sich Werkstätten und Lagerräume mit Pithoi befanden. Als zeremonielles und möglicherweise auch Verwaltungszentrum wurde das an den Hang gebaute Gebäude B.2 westlich einer von Süd nach Nord aufwärts verlaufenden gepflasterten Straße identifiziert. Es besaß zwei Säulenkrypten und bestand als einziges Bauwerk dieses Bereiches zum Teil aus Quadermauerwerk. Über eine Treppe mit 14 hinaufführenden Stufen erreichte man von der östlichen Krypta einen Raum mit zwei Säulen, einem Opferstein und einem Becken an der Nordwand. Im Abfluss unter dem Boden zur Straße wurden SM I B-Becher gefunden. Mehrere Türen führten vom Hauptraum in einen Küchen- und einen Essbereich sowie in einen Flur zur Straße.
mini| Das Gebäude C.1 ist eines der jüngsten der Neupalastzeit. Seine Überreste liegen am Meeresufer etwa 10 Meter südwestlich unterhalb der Kirche Agios Nikolaos. Das aus der Phase SM I B stammende Gebäude bestand an der Fassade und im Treppenhaus aus Quadermauerwerk. Im nördlichen Teil befand sich eine Küche. Unter dem SM I B-Fußboden liegt eine tiefe und ausgedehnte Schicht Tephra, die von der minoischen Eruption der Vulkaninsel Thera stammt. Sie gilt als Trennmarke zwischen den Kulturphasen SM I A und SM I B, da Untersuchungen des Keramikmaterials ergaben, dass oberhalb der Tephra-Schicht keine SM I A-Funde ergraben wurden. Einen ähnlichen Befund lieferte das Gebäude B.1, dessen Überreste sich ebenfalls nahe der heutigen Küste befinden.
mini| Auch das sogenannte Handwerkerviertel am westlichen Ortsrand von Mochlos stammt aus der Phase SM I B, wie die entsprechende stratigrafische Schicht über einer festen Vulkanascheschicht erkennen lässt. Hier wurden Reste von zwei Gebäuden freigelegt, von denen Teile unter dem Asphalt der Straße nach Limenaria () versiegelt sind. Neben hauptsächlich metallurgischen Werkstätten, in denen Kupferteile gefunden wurden, kamen bei den Ausgrabungen auch Steinvasen, eine Töpferscheibe mit einem Durchmesser von 40 cm und konzentrischen Gebrauchsspuren und eine Pithamphora mit vier Griffen, die eine Linear-A-Inschrift trägt, zu Tage. Eine Linse aus Bergkristall ähnelt Funden aus Knossos und der Idäischen Grotte. Der Raum mit einer eingebauten Bank, in dem sich eine Reihe von Gefäßen befanden, die vermutlich der Darbietung von Gaben dienten, wird als Heiligtum gedeutet.
Mykenische Zeit mini|links| Um 1430 v. Chr. eroberten mykenische Griechen Kreta und besetzten das Zentrum der Insel Knossos. Bei den mehrjährigen Invasionen wurden viele minoische Siedlungen durch Brände zerstört, darunter auch Mochlos, das einige Jahrzehnte danach unbewohnt blieb. Erst um 1400 v. Chr. entstand auf den Ruinen der minoischen eine kleine mykenische Siedlung, für die eine scharfe hierarchische Gesellschaftsstruktur rekonstruiert wird. Mit ihrem wichtigen Naturhafen diente die Siedlung an der Nordostküste dem Handel mit anderen Orten auf Kreta. Dass Teile der minoischen Bevölkerung zurückkehrten oder eine Produktionstätigkeit wieder aufgenommen wurde, ist aus den Grabungsbefunden nicht erkennbar. Allerdings gibt es Hinweise auf Fischfang direkt an der Küste, aber auch in tieferen Gewässern.
mini| Die Keramik der Mykener von Mochlos wird den spätminoischen Phasen SM III A1 bis SM III B zugeordnet. Insgesamt wurden aus der mykenischen Zeit 13 Gebäude auf Agios Nikolaos gefunden, Häuser mit einem bis zwei Räumen bis zu einem größeren, Haus Α, zu dem eine eigene Straße führte. Der Friedhof aus der Phase SM III lag auf Kreta, oberhalb des Hafens bei Limenaria an der Westseite des Hügels, der sich südlich des heutigen Ortes Mochlos befindet. Von den 16 kleinen Kammergräbern sind 13 auf gleicher Höhe aneinandergereiht. Die Gräber 1, 10 und 11 befinden sich etwas unterhalb im Norden und Westen.
Die meisten der Gräber besaßen Dromoi, die mit Steinen verfüllt wurden. Die beiden südlichsten Gräber 15 und 16 waren durch einen schmalen Tunnel miteinander verbunden. Während in Grab 16 eine weibliche Person mit relativ viel Schmuck in einem Pithos bestattet war, konnte in Grab 15 eine männliche Person in einer Larnax als ein telestas ( ‚Eingeweihter‘) identifiziert werden. John Chadwick, einer der beiden Entzifferer der Linearschrift B, hielt die Bezeichnung telestas für einen religiösen Titel, schloss aber nicht aus, dass die betreffende Person auch weltliche Macht besaß. Die mykenische Hafensiedlung scheint am Ende der Bronzezeit um 1250 v. Chr. aufgegeben worden zu sein. Dies entspricht einer Zeit, in der auch andere Orte Ostkretas verlassen wurden, wie beispielsweise Roussolakkos.
Späthellenistische bis byzantinische Zeit