Das Jüdische Volksheim in der Dragonerstraße 22 (der heutigen Max-Beer-Straße 5) im Berliner Scheunenviertel war eine sozialpolitische Initiative junger jüdischer Intellektueller unter der Führung des Medizinstudenten Siegfried Lehmann, die mit einer Synthese aus jüdischer Sozialethik in der Tradition von Martin Buber und Anleihen aus der durch Arnold Toynbee geprägten Settlement-Bewegung eine Brücke schlagen wollten zwischen ihrer eigenen Herkunft aus dem Westjudentum und den Angehörigen des ostjüdischen Proletariats. Im Jüdischen Volksheim erprobte Lehmann erstmals seine pädagogischen und zionistischen Ideen in der Praxis, wodurch dieses zum Vorläufer des Jüdischen Kinderhauses in Kowno und danach des Kinder- und Jugenddorfes Ben Shemen in Palästina wurde.
Vorläufer und Vorbilder Settlements im Sinne Toybees waren im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts eher selten. Es gab die von Friedrich Siegmund-Schultze 1911 gegründete Soziale Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost (kurz: SAG), ein Nachbarschaftshilfe- und Siedlungsprojekt für „überwiegend männliche Residents aus der christlichen Studentenschaft Berlins“.Sabine Haustein, Anja Waller: Jüdische Settlements in Europa, S. 4 In Hamburg bestand von 1901 bis 1922 das vom Theologen, Pädagogen und früheren Resident in Toynbee Hall, Walther Classen, initiierte Volksheim Hamburg., 2005 1915 entstand das von Ernst Joel„Ernst Joel (1893–1929) war ein bedeutender deutscher Pazifist. Er war Mediziner und wurde bekannt mit seinen Studien über die Pharmakologie von Kokain und Morphium. 1926 gründete er die Fürsorgestelle für Alkoholkranke und andere Giftsüchtige im Berliner Bezirk Tiergarten, deren Leiter er auch wurde. Er wechselte dann in den Bezirk Kreuzberg und wurde bis zu seinem frühen Tod der erste Leiter des Gesundheitshauses am Urban. Ernst Joel war aktiv in der akademischen Jugendbewegung und gründete 1915 die Zeitschrift ‚Der Aufbruch‘.“ (Dieter Oelschlägel: Integration durch Bildung. S. 118). Siehe auch: Friedrich Bauermeister gegründete Siedlungsheim Charlottenburg. In Leipzig bestand von 1909 bis 1928 das Volksheim Leipzig, an dessen Arbeit der ehemalige SAG-Mitarbeiter Wenzel Holek maßgeblich beteiligt war. Die von der Berliner Loge Bnai Brith 1904 gegründete jüdische Toynbee-Halle für Volksbildung und Unterhaltung am Nollendorfplatz zählen Sabine Haustein und Anja Waller nicht zu den Settlements im engeren Sinne: „Eine Settlementgründung im Toynbeeschen Sinne einer Lebensgemeinschaft war die Toynbeehalle am Nollendorfplatz nicht, von der gesagt wird, dass sie sich während des Ersten Weltkrieges mehr und mehr in eine Notunterkunft für alle Notleitenden wandelte, so dass ihr jüdisches Spezifikum verloren ging und die Arbeit bald darauf eingestellt wurde.“
In der Literatur überwiegt die Einschätzung, dass vor allem das von Ernst Joel gegründete Siedlungsheim Charlottenburg Vorbild für Siegfried Lehmann gewesen sei, als dieser 1915 seinen ersten Aufruf zur Gründung eines Jüdischen Volksheims gestartet habe.
Eine programmatische Beschreibung der künftigen Arbeit im Volksheim und dem damit gestarteten Versuch, „in Berlin ein jüdisches Settlement zu schaffen“ gab Lehmann unter dem Pseudonym Salomon Lehnert kurz nach der Gründung des Volksheims in der Zeitschrift Der Jude.Salomon Lehnert: Jüdische Volksarbeit. In: Der Jude. Eine Monatsschrift, Jg. 1, Heft 4, Mai 1916, S. 104–111. Der Hinweis darauf, dass Salomon Lehnert das Pseudonym von Siegfried Lehmann war, verdankt sich den Tagebüchern von Gershom Scholem: Gershom Scholem Tagebücher nebst Aufsätzen und Entwürfen bis 1923, herausgegeben von Karlfried Gründer, Herbert Kopp-Oberstebrink und Friedrich Niewöhner, Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 2000, 1. Halbband 1913–1917, S. 248, Anmerkung 81
Das Jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel Das von jungen Studenten und Kaufleuten beiderlei Geschlechts von Lehmann und seinen Helferinnen und Helfern gegründete Jüdische Volksheim wurde am 18. Mai 1916 mit einer Rede von Gustav Landauer über Judentum und Sozialismus eröffnet.Dieter Oelschlägel: Die Idee der ›produktiven Arbeit‹, S. 259
Sabine Haustein und Anja Waller berichten, dass bereits nach sechs Monaten über 200 Kinder täglich die Angebote des jüdischen Volksheims wahrgenommen hätten, „so dass diese bald erweitert werden mussten. Jedoch überstieg die Zahl der betreuungsbedürftigen Kinder bei weitem die Möglichkeiten des Volksheims, so dass 1918 das Kinderheim Ahawah gegründet wurde, in dem ein Teil der Kinder dauerhaft untergebracht werden konnte, und zu dem bis zum Ende des Volksheims eine besondere Verbindung bestand.“Sabine Haustein, Anja Waller: Jüdische Settlements in Europa, S. 10 Dies trifft nur bedingt zu, denn das ehemalige Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde in der Auguststraße wurde zwar nach dem Ersten Weltkrieg als Unterkunft für jüdische Flüchtlingskinder aus Osteuropa genutzt, gedenktafeln-in-berlin.de doch erst 1922 wurde daraus das von Beate Berger initiierte Kinderheim Ahawah. Richtig ist allerdings, dass Siegfried Lehmann später noch Kontakte zum Ahawah unterhielt, wie sich Hanni Ullmann erinnerte: „Als er die Kinder von Kovno nach Palästina überführen wollte, war er für vier Wochen mit den Kindern auf dem Boden der ›Ahawa‹ einquartiert, da er noch keine Zertifikate hatte.“Hanni Ullmann, zitiert nach Dieter Oelschlägel: Die Idee der ›produktiven Arbeit‹. S. 265. mini|Gedenktafel in der Berliner Max-Beer-Straße 5 zur Erinnerung an Siegfried Lehmann und das Jüdische Volksheim Gershom Scholem, der von Martin Buber zur Mitarbeit im Volksheim aufgefordert worden war, dem aber sehr kritisch gegenüber stand, erwähnt als frühe Helferinnen Gertrude Welkanoz (später Weil), die nach Lehmanns Ausscheiden und einer Interimsleitung durch Erich Gutkind (1877–1965) Leiterin des Volksheim wurde. Nach Dieter Oelschlägel gehörte sie „von Anfang an zu den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen Lehmanns. Sie war 1918 auch Delegierte des XV. Delegiertentages der Zionistischen Vereinigung in Deutschland in Berlin. Später heiratete Getrude Welkanoz den jüdischen Archivar Dr. Ernst Weil und zog mit ihm nach München. Als Gertrude Weil schrieb sie nach dem Ende ihrer Tätigkeit einen engagierten Bericht über die Arbeit des Volksheimes (Weil 1930).“Dieter Oelschlägel: Integration durch Bildung. S. 123. Der von Oelschlägel erwähnte Bericht Weils befindet sich im Bestand der Deutschen Nationalbibliothek. Vom jüdischen Volksheim in Berlin. In: Jüdische Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik, Juli–August 1930, Band 1, Nr. 7–8; . Der damals 19 Jahre alte Scholem bezeichnete Gertrude Welkanoz als die „unbestrittene Zentralfigur“ im Volksheim und beschrieb sie als „eine schon etwas ältere, auf die dreißig zugehende, höchst eindrucksvolle Person, […] ein Mädchen von einer völlig natürlichen Würde und Autorität, die einzigartig war. Sie schien mir die einzige ausgebildete Sozialarbeiterin, doch darin irrte ich mich, denn von Beruf war sie Angestellte bei einer großen Bank, und tatsächlich gab es unter den Freiwilligen keine einzige professionelle Mitarbeiterin. Ihre großen Kenntnisse waren aber nichts, gemessen an dem ungeheueren Einfluß, ja Zauber, den sie menschlich auf all diese Mädchen ausübte.“Gershom Scholem: Von Berlin nach Jerusalem. S. 85.
Eine weitere frühe Helferin im Volksheim, die Scholem erwähnte, war Felice Bauer, die, so Scholem, von Franz Kafka energisch dazu ermuntert worden sei, im Volksheim mitzuarbeiten.Gershom Scholem: Von Berlin nach Jerusalem, S. 85 Für sie wie für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Anfangsjahre galt, „dass das Jüdische Volksheim für sie zu einer ersten Station der Arbeit im pädagogischen oder wohlfahrtspflegerischen Bereich wurde. Viele der Frauen und Männer, die sich im Volksheim einbrachten, konnten auf besondere Erfahrungen zurückblicken: Als ehemalige Mitglieder des Wandervogels oder jüdischer Bünde wie dem ‚Herzl-Bund‘ oder ‚Blau-Weiß‘ waren sie Jugendbewegte. Dieser Hintergrund spiegelte sich in der Arbeit wider, in Ferienlagern, Wanderfreizeiten, Tageswanderungen – aber auch im Miteinander der Helfenden und in der Selbstverwaltung der Jugendgruppen.“Aktives Museum Berlin: Siegfried Lehmann und sein Lebenswerk (Weblink) Im Volksheim, das, nicht nur kriegsbedingt, eher von Frauen frequentiert wurde, gab es einen Kindergarten, Mütter- und Rechtsberatung sowie Hilfsangebote für Prostituierte. Hinzu kamen Werkstätten für Tischler, Metallarbeiter und Buchbinder, worüber eine berufsvorbereitende Ausbildung angestrebt wurde. Ähnlich den zionistischen Konzepten zur Umschichtung galt die handwerkliche Ausbildung „als sinnvoll und erstrebenswert, sollte sie doch den Kindern später eine Alternative zu einem Dasein als Kleinhändler eröffnen und somit eine neue jüdische Großstadtgeneration hervorbringen“.Beate Lehmann: Siegfried Lehmann und das Jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel, S. 113
Während die Helfer Jiddisch lernten, um mit ihrer Klientel besser in Kontakt zu kommen, lernten die Mädchen und Jungen gemeinsam mit den Helfern Hebräisch. Einer der Hebräisch-Lehrer war Salman Schasar, der spätere dritte Präsident Israels. Auch Siegfried Lehmann und sein Freund und Helfer im Volksheim, David Werner SenatorSenator, David Werner (1896–1953). In: Jewish Virtual Library., erwarben hier ihre ersten Hebräischkenntnisse.Beate Lehmann: Siegfried Lehmann und das Jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel. S. 113–114.
Das Volksheim erweiterte sein Spektrum bald durch Vortragsabende, die von führenden jüdischen Persönlichkeiten gestaltet wurden, und es weitete sein Angebot von gelegentlichen Ausflügen zu einem Angebot längerer Freizeiten aus, die der Stärkung des Gemeinschaftsgefühls dienen sollten. Angefangen wurde mit Aufenthalten in einer ehemaligen Jagdhütte im Berliner Umland, der 1921 Aufenthalte am Hohen Meißner folgten, bevor das Volksheim 1923 eine eigene Ferienkolonie in Müritz erwarb, wo bis zu 125 Kinder drei bis vier Wochen verbringen konnten.Beate Lehmann: Siegfried Lehmann und das Jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel. S. 115.
Siegfried Lehmann konnte an der Arbeit des von ihm initiierten Volksheims nur kurze Zeit aktiv teilnehmen. „Nachdem er die ärztliche Vorprüfung bestanden hatte, wurde er im Oktober 1916 zum Heeresdienst eingezogen und im Dezember schon zum Unterarzt befördert. Im März 1917 wurde er zu einer Sanitätskompanie versetzt, der er bis zu seiner Rückkehr aus dem Weltkrieg 1918 angehörte. Das medizinische Staatsexamen bestand Lehmann im November 1919 an der Universität in Frankfurt am Main.“Dieter Oelschlägel: Die Idee der ›produktiven Arbeit‹. S. 262. Das Volksheim existierte auch ohne seinen Initiator weiter, doch als „der gut vernetzte Lehmann, dessen Arbeit von einer Reihe von Gönnern finanziell unterstützt wurde“Beate Lehmann: Siegfried Lehmann und das Jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel. S. 116., sich nach seiner Promotion endgültig vom Volksheim verabschiedete, um eine neue Aufgabe zu übernehmen, brachte dieser Schritt einige gravierende Einschnitte mit sich. „Eine Reihe von Unterstützern finanzierte fortan die Arbeit in Kowno, deren Ausgangsbedingungen noch schlechter waren als sie es im Scheunenviertel vier Jahre zuvor gewesen waren. […] Doch nicht nur die finanzielle Situation veränderte sich. Auch in Bezug auf die Mitarbeiter und die Inhalte der Arbeit gab es Neuerungen. Einige Helfer verließen das Volksheim und gingen nach Palästina. Andere folgten Lehmann nach Kowno und arbeiteten im dortigen Waisenhaus mit. […] Darüber hinaus waren einige Helfer aus den Anfangsjahren im Krieg gefallen.“Beate Lehmann: Siegfried Lehmann und das Jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel. S. 117.