Jobst Gogreve, auch Jodocus Gogravius, Justus Gogrevius (* um 1560 in Bielefeld; † um 1615 in Paderborn) war ab 1582 für kurze Zeit Rechtslehrer an der Universität Helmstedt und zwischen 1604 und 1615 mehrfach Bürgermeister von Paderborn.

Leben Jobst Gogreve wurde vermutlich nicht ehelich geboren, vielleicht als Sohn eines Klerikers, denn er konnte 1603 keine „vier ächten Ahnen“ vorweisen.Franz von Löher: Geschichte des Kampfes um Paderborn 1597 bis 1604. Hofmann, Berlin 1874, S. 148f; vgl. S. 88. Seine Geburtsstadt Bielefeld war nach 1541 überwiegend protestantisch geworden. Nur die Kirche St. Jodokus des ehemaligen Franziskanerklosters im Zentrum von Bielefeld, die zum Bistum Paderborn gehörte, blieb in der Reformationszeit katholisch. Vielleicht zeigt die Wahl seines Vornamens, dass „Jodokus“ Gogreve zu einer der wenigen katholisch gebliebenen Familien im Ravensberger Land gehörte.Angehörende der Familie Gografe sind verschiedentlich in Bielefeld erwähnt; Wilhelm Fricke: Chronik Bielefelder Familien. Helmich, Bielefeld 1887, S. 92 (Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Münster). Er studierte jedenfalls ab 1578 an der katholisch geprägten Universität Köln (immatrikuliert als Jod. Gogreve Bisfeldiensis),Gogreve schrieb sich zusammen mit „Bern. Dunhoft, Bisfeldiensis … Joh. Degen, Bilfeldiensis“ ein. an der es zu dieser Zeit nur sehr wenige protestantische Studenten gab, die allenfalls nach Köln kamen, wenn sie dort beispielsweise in das Dwergsche Stipendium aufgenommen wurden.Vgl. Hermann Keussen: Die alte Universität Köln. Grundzüge ihrer Verfassung und Geschichte. Creutzer, Köln 1934, S. 90f. Viele Dwergsche Stipendiaten waren Absolventen der Herforder Lateinschule.

1581 wechselte Jodocus Gogref an die brandenburgische, protestantische Universität Frankfurt an der Oder. Den geplanten Studiumabschluss in Basel konnte er wegen einer Fieber-Erkrankung und des strengen Winters 1581/82 nicht verwirklichen.Vgl. den biographisch-poetischen Beitrag von Eberhard Curtius in den Carmina gratulatoria. Lucius, Helmstedt 1582. Jodocus Gogravius Bilveldianus immatrikulierte sich am 24. März 1582 an der lutherischen Universität Helmstedt und wurde dort am 5. Juli 1582 unter dem Vorsitz von Dethard Horst zum Dr. jur. promoviert. Zu dieser Zeit sind nach der Helmstedter Matrikel nur wenige juristische Promotionen durchgeführt worden. Studienfreunde verfassten für ihn und Johannes BeckmannStudium in Köln, 1572 Rostock, Ingolstadt, Leipzig, 1573 Jena und 1578 Helmstedt („Johannes Beckmann Sprockhallensis“; 1582: „Johannes Bremannus (lies: Becmannus) Sprochoveldensis“).Vgl. Dethard Horst, Johannes Beckmann: Praeside Dethardo Horstio … ad subiectas theses, De alienatione feudorum (= Über die Entfremdung von Lehen), … Respondebit M. Iohannes Beckman … Lucius, Helmstedt 1582. aus SprockhövelZu unterscheiden von Johann Beckmann Hamburgensis; vgl. Hans Schröder: Lexicon der hamburgischen Schriftsteller, Bd. I. Perthes-Besser u. Mauke, Hamburg 1851, Nr. 219, S. 190 (Google-Books), und von Johann Beckmann Bilfeldensis; vgl. Johannes Niell (Hrsg.): Controversiae juris feudalis disputationibus XI enucleatae. Egenolph, Marburg 1594, Disputatio IV. eine Gratulations-Festschrift. Anschließend nahm Gogreve eine Lehrtätigkeit für Rechtswissenschaft auf. Nach einer Notiz von Heinrich Meibom gehörte Gogreve zu den Gelehrten, die an den Universitäten die in Köln aufgekommene Übung der Abhaltung von Privat-Collegia einführten.Heinrich Meibom: Oratio de Academiae Juliae primordiis et incrementis (1607). In: Opvscvla Historica Varia Res Germanicas concernentia. Henning Müller, Helmstedt 1660, S. 517–532, bes. S. 526 (Google-Books): „Ioannes Bocerus Salcatenus, Iustus Gogrevius Paderbornensis, Westvali ambo“. „Dochtor Jobst Gogreve“ heiratete im Winter 1583/84 in Helmstedt eine Braunschweigerin.Vgl. Brief des Moritz von Oeynhausen (1568–1624), der in Helmstedt bei Gogreve wohnte, an seine Eltern vom 14. Dezember 1583. In: Julius von Oeynhausen: Geschichte des Geschlechts von Oeynhausen, Bd. I. Regesten und Urkunden von 1036 bis 1605. Schöningh, Paderborn 1870, Nr. 451, S. 189–192, bes. S. 190 (Google-Books); vgl. Nr. 454, S. 195f. 1584 leitete Jodocus Gogreve in Helmstedt die juristischen Disputationen von Heinrich von Weseken (1560–1632) aus Borken,„Henricus Wesken Borckensis“, immatrikuliert am 22. Juni 1579. der Mitbegründer der lutherischen Gemeinde in Wesel wurde,Vgl. Heinrich von Weseken: Chronik. In: Klaus Bambauer, Hermann Kleinholz (Hrsg.): Geusen und Spanier am Niederrhein. Die Ereignisse der Jahre 1586–1632 nach den zeitgenössischen Chroniken der Weseler Bürger Arnold von Anrath und Heinrich von Weseken. (Studien und Quellen zur Geschichte von Wesel 14). Stadtarchiv, Wesel 1992, S. 260–399. und von Christian Steinacker (* um 1565; † 1617/22) aus Quedlinburg,„Christianus Steinnaccerus Quedelburgensis“, immatrikuliert am 12. Februar 1582. der ab 1588 Rechtslehrer an der Universität Jena und später Assessor des Schöppenstuhls in Magdeburg war. Gogreve verließ Helmstedt nach wenigen Jahren, möglicherweise weil nicht er, sondern Eberhard Speckhan († 1627) aus Bremen im Herbst 1584 von Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel zum Professor extraordinarius juris ernannt worden war.Vgl. Paul Zimmermann (Bearb.): Album Academiae Helmstadiensis, Bd. I/1 Studenten, Professoren etc. der Universität Helmstedt von 1574–1636. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hannover, Oldenburg, Braunschweig, Schaumburg-Lippe und Bremen 9). Lax, Hildesheim 1926, S. 49; vgl. S. 33, 34 und 38 (Digitalisat der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel).

1587 bezeugte Jobst Gogreve in Paderborn für Hermann I. Bäer (* um 1547; † nach 1624) und seine Frau Anna von Cöln einen Darlehensvertrag.Urkunde vom 29. September 1587; Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen (Fürstbistum Paderborn - Urkunden, Nr. 2383 - d); Wilhelm Thöne: Die Paderborner Patrizier Bäer und ihre Sippe. In: Beiträge zur westfälischen Familienforschung 6 (1947), S. 1–18, bes. S. 8. Mit seinem Sohn Bernhard (Bernd) wurde Jobst Gogreve 1588 in die Paderborner Bürgerschaft aufgenommen. Er arbeitete in Paderborn als Advokat und fungierte als Syndikus des Benediktiner-Klosters Abdinghof.Hermann-Josef Schmalor: Die Abdinghofer Bibliothek unter Abt Leonhard Ruben und das Paderborner Buchgewerbe um 1600. In: Westfälische Zeitschrift 129 (1979), S. 193–245, bes. S. 221 (PDF des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe). In den konfessionellen Auseinandersetzungen in der Stadt stand er zusammen mit Philipp Berning,Lic. jur., 1603 für kurze Zeit Stadtsekretär, ab 1615 Schultheiß der Stadt Paderborn, bischöflicher Gograf. Heinrich Westphal († 1632)1594 bis 1598 Offizial des Fürstbischofs Dietrich von Fürstenberg, 1604 bis 1615 Schultheiß der Stadt Paderborn, übergab die Stadt 1622 an Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel, 1623 Bürgermeister. und Hermann I. Bäer (Behren) an der Spitze der katholischen Partei.Franz von Löher: Geschichte des Kampfes um Paderborn 1597 bis 1604. Hofmann, Berlin 1874, S. 88 (Google-Books). Hendrik ter Haar (Heinrich Harius) (1539–1599)Auch Hendrick Terhaer; Studium in Löwen, Lic. jur., ehemaliger Rektor der Lateinschule in Zutphen, als Katholik von dort vertrieben, ab etwa 1575 in Paderborn. aus Ruurlo in Geldern, Konrektor des Salentinischen Gymnasiums in Paderborn, dessen Leitung 1585 von Jesuiten übernommen worden war, widmete seinem Freund Jodocus Gogravius Bilfeldianus eine Elegie.

1603 wurde Jobst Gogreve zusammen mit den Juristen Engelbert Klotz (Cloiß) († 1611)Dr. jur., mehrfach Bürgermeister, verheiratet mit Anna Westphal, später der Irrlehre angeklagt. zu Paderborn und Dietrich Petreus (Theodor Petri) zu Erwitte zum Reichskammergerichts-Kommissar in der Streitsache „v. Spiegelsche Vormünder ./. v. Spiegel“ wegen der Desenbergschen Güter im Bistum Paderborn sowie hessischer und waldeckscher Lehen bestellt.Akte (Einzelblatt), 1603; Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen Duisburg (Gesamtarchiv von Spiegel (Dep.) / Akten, Nr. 5998). Es handelte sich um Lehnsstreitigkeiten nach dem Tod des Engelhard von Spiegel († 1592) zum Desenberg und Übelngönne.Vgl. Anton Fahne: Geschichte der verschiedenen Geschlechter Bocholtz und die alten Zustände am Niederrhein, Bd. I/1. Köln 1863, bes. S. 135f (Google-Books); Ulrich Stöhr (Bearb.): Landgräflich Hessische Regierung Kassel. Familienrepositur, Bd. 2,1. Staatsarchiv, Marburg 2008, S. 1309f.Sententia Cameralis, publicata 18. Mart. 1670. In: Georg Melchior von Ludolf: Symphorema Consultationum Et Decisionum Forensium, Bd. III. Hort, Frankfurt am Main 1739, Sp. 577 (Digitalisat der Österreichischen Staatsbibliothek Wien). Als einer der Testamentsvollstrecker des verstorbenen Seniors des Kollegiatstiftes St. Petrus und Andreas Busdorf Gottfried Drolshagen († vor 1605) wurde „Jodocus Gogravius“ 1605 vor das Kurmainzer Metropolitangericht geladen.Notariatsinstrument vom 1. Juli 1605, ausgestellt in Mainz; Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen (Fürstbistum Paderborn - Urkunden, Nr. 2987).

Eine Wahl Gogreves in den Stadtrat am Silvestertag 1603 scheiterte am Widerstand der evangelischen Mehrheit, die an der hergebrachten Satzung mit ihrem Erfordernis einer qualifizierten „Ratstüchtigkeit“ (eheliche Abstammung) festhalten wollte. Nach der Niederwerfung der antibischöflichen Bestrebungen der Stadt und der Hinrichtung ihres protestantischen Bürgermeisters Liborius Wichert wurde Gogreve von Bischof Dietrich von Fürstenberg 1604 und von 1605 bis 1615 in den ungeraden Jahren zu einem der beiden Bürgermeister von Paderborn ernannt.Franz von Löher: Geschichte des Kampfes um Paderborn 1597 bis 1604. Hofmann, Berlin 1874, passim.

Familie Jobst Gogreves Sohn Bernhard (* 1584/88; † nach 1612) studierte ab 1605 in Köln, 1607 in Würzburg„Bernardus Gogreve, Padibornensis“ war am 23. April 1609 in Würzburg Stammbucheinträger bei Albert Bischopinck (* um 1590; † 1621); Landesarchiv NRW Westfalen Münster (Altertumsverein, Msc. 440). und ab 1612 in Freiburg. Der Sohn Georg Gogreve (* um 1595; † 1635), 1615 immatrikuliert in Marburg,Zu Marburger Studenten des 17. Jahrhunderts aus dem katholischen Fürstbistum Paderborn vgl. Hans-Heinrich Blotevogel: Standorte und Einzugsbereiche von Universitäten und Gymnasien in Westfalen im 18. und 19. Jahrhundert. In: Helmut Jäger (Hrsg.): Probleme des Städtewesens im industriellen Zeitalter. (Städteforschung A 5). Böhlau, Köln / Wien 1978, S. 49–98, bes. S. 58. heiratete I. Katharine von Hörde († 1629) aus SalzkottenRainer Decker: Die Chronik der Familie Hatteisen in Brakel. In: Beiträge zur westfälischen Familienforschung 33–35 (1975–1977), S. 15–39, bes. S. 22 (PDF des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe). – deren Tochter Katharina Gogreve (* um 1621; † 1689) war mit dem fürstlich paderbornischen Gografen Theodor Warnesius (Warnekinck) (* um 1615; † 1679) verheiratet – und II. Katharina Otterjäger († 1635).

In zweiter Ehe heiratete Jobst Gogreve 1599 die Witwe Ilse Borggreve (Ilsabe Borchgreve) (* um 1550; † 1607). Ihre Kinder aus erster Ehe (⚭ 1567) mit Johann von Rintelen (* um 1510; † 1590) aus Herford, 1557 Sekretär, später Rat und Vizekanzler des reformierten Grafen Simon VI. zur Lippe in Horn, waren Adolf (* um 1570; † 1633), Simon (* um 1572), Elisabeth (⚭ Franz Cothmann, Bürgermeister zu Lemgo), Anna (* um 1574; ⚭ 1609 Gottfried von Brabeck aus Paderborn), Hermann (* um 1583, † nach 1671) und Johann d. J. († jung) von RintelenVgl. Prozessakten, 1614 und 1627; Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe (Lippisches Hofgericht, I C Nr. 118 und 119). – wurden Jobst Gogreves Stiefkinder. Die drei jüngsten waren noch minderjährig und wuchsen in Paderborn in seinem Haus katholisch auf, während die drei älteren protestantisch blieben. Johann von Rintelen war in erster Ehe mit Ilsabein Gogreve oder Sander († 1567) verheiratet gewesen.Der Sohn Johann V. von Rintelen (* um 1556; † 1625) aus dieser Ehe war ab 1598 mehrfach Bürgermeister der Herforder Altstadt.