Ludwig Schödl (* 31. Oktober 1909 in Berlin; † 20. Februar 1997 in Neuruppin) war ein Arbeiter-Esperantist, der nach 1933 illegal für den Deutschen Arbeiter-Esperanto-Bund (AEB) tätig war. Er spielte eine zentrale Rolle in der sich trotz Esperanto-Organisations- und Publikationsverbots (1949–1961) in der DDR entwickelnden Esperanto-Sprachgemeinschaft. Als Schuldirektor in Neuruppin unterrichtete er Esperanto, veröffentlichte das erste Esperanto-Lehrbuch in der DDR (1967) und betreute den darauf beruhenden Fernkurs.
Leben 1909–1930 Lehre, Walz und Esperanto Ludwig Schödl strebte als Sohn eines Schlossers eine handwerkliche Ausbildung an. Deshalb brach der Jugendliche den Besuch des Gymnasiums nach einem Jahr ab und erlernte 1924 bis 1928 bei der Firma Schwartzkopff in Berlin während einer vierjährigen Ausbildung den Beruf des Werkzeugmachers.
Danach ging er zwei Jahre auf die Walz. Er wanderte durch Österreich, die Schweiz, die Tschechoslowakei, Frankreich, Spanien und Portugal, sammelte unterwegs Arbeits- und Lebenserfahrungen und erlernte die Sprache Esperanto. Ein Lehrbuch hatte er stets dabei. Später erinnerte er sich: „Die Zeit verging, wir verließen Frankreich, kamen nach Spanien, und schließlich begegneten wir in Valencia den ersten Esperantisten. Ich konnte mich mit ihnen notdürftig unterhalten, und das war nun der Sieg des Esperanto für mich persönlich.“Fritz Wollenberg: Interview mit Ludwig Schödl. Mit einer Einführung von Detlev Blanke (Übertragung des Video-Textes von Sebastian Hartwig). Arbeitsgruppe zur Erforschung der Geschichte des Esperanto-Verbandes im Kulturbund der DDR, Berlin 2008, S. 13–14
1930–1933 Arbeiter-Esperantist und Übersetzer Proletarischer Esperanto-Korrespondenz (PEK) 1930 kehrte er nach Berlin zurück und widmete, da er arbeitslos war, seine Zeit und seine Kraft dem AEB, in dem er Mitglied wurde.Der Jurist und Esperantologe Bernhard Pabst führt in seinem Beitrag „Die Esperanto-Sammlung des Gustav Kühlmann – dänischer Arbeiter-Esperantist 1912–1999. In: Plansprachliche Bibliotheken und Archive. Beiträge der 17. Jahrestagung der Gesellschaft für Interlinguistik, 23.–25. November 2007 in Berlin, Hrsg. Detlev Blanke, Berlin 2008, S. 87–90“ eine PEK-Zeitschrift auf.
Der AEB, 1911 im Umfeld der SPD als Arbeiter-Kulturorganisation gegründet, gehörte seit dem Kongress in Essen (1930) zur Interessengemeinschaft für Arbeiterkultur (IfA) und hatte nun eine kommunistische Orientierung.Nach dem Kongress von Essen 1930 verließen viele nichtkommunistische Mitglieder den AEB und gründeten den Sozialistischen Esperanto-Bund (SEA), der bald schon 1500 Mitglieder zählte.
Ulrich Lins: Die gefährliche Sprache. Die Verfolgung der Esperantisten unter Hitler und Stalin. Bleicher Verlag, Gerlingen 1988 Schödl bemerkte nichts von Kontakten zur neutralen oder zur sozialdemokratischen Esperanto-Bewegung. Später bekannte er: „Ich muss heute leider sagen, dass ich davon überhaupt nichts wusste und nichts mitbekam. Ich hatte keine Idee von vielen Esperantisten, die ich später hoch achten lernte.“Fritz Wollenberg: Interview mit Ludwig Schödl. Mit einer Einführung von Detlev Blanke (Übertragung des Video-Textes von Sebastian Hartwig). Arbeitsgruppe zur Erforschung der Geschichte des Esperanto-Verbandes im Kulturbund der DDR, Berlin 2008, S. 18
Schödl, der in der Bellermannstraße wohnte, war hauptsächlich in der Dircksenstraße 42 beschäftigt, wo sich das AEB-Büro von 1930 bis 1933 befand. Er transportierte Pakete mit Büchern und Zeitschriften, erlernte das Schreibmaschine-Schreiben und erledigte Schreibarbeiten. Er arbeitete zusammen mit Alice Wiebach (1906–2000, ab 1944 seine Ehefrau)Alice Wiebach war Mitglied des Vorstands des AEB und Mitglied des Sekretariats von IPE (ab 1932)
Alexander Korshenkov: Historio de Esperanto, Verlag: Sezonoj, Kaliningrad 2005, S. 84, mit Ernst KisslerErnst Kissler war Mitglied des Vorstands des AEB und Generalsekretär von IPE (ab 1932)
Alexander Korshenkov: Historio de Esperanto, Verlag: Sezonoj, Kaliningrad 2005, S. 84, József Batta (1900–1937)József Batta war Redakteur der Zeitschrift Internaciisto (ab 1930 Zeitschrift der SAT-Opposition, ab 1932 Zeitschrift von IPE).
Alexander Korshenkov: Historio de Esperanto, Verlag: Sezonoj, Kaliningrad 2005, S. 84. Wilhelm Wildebrand (1904–1998)Wilhelm Wildebrand war Vorsitzender des AEB 1930–1933 und wurde 1965 bei Gründung des Zentralen Arbeitskreises im Deutschen Kulturbund dessen stellvertretender Vorsitzender.
Enciklopedio de Esperanto, Nachdruck der ersten Auflage, Hungara Esperanto-Asocio, Budapest 1979, S. 575, und Herbert Murawkin (1905–1937)Herbert Murawkin war Mitglied des Sekretariats von IPE ab 1932.
Alexander Korshenkov: Historio de Esperanto, Verlag: Sezonoj, Kaliningrad 2005, S. 84. 1932 trat er in die KPD ein.
Im selben Jahr wurde er zum Vorsitzenden der Berliner AEB-Gruppe mit etwa 250 Mitgliedern gewählt. Vor allem organisierte er Esperanto-Kurse, die Proletarische Esperanto-Korrespondenz (PEK) und die dadurch entstehenden Auslandskontakte
Schödl betonte später: „Heute hat jede Zeitung, wenn sie etwas auf sich hält, Auslandskorrespondenten, ob es in Japan, China, Amerika oder Brasilien ist. Das gab es damals besonders für die Arbeiterpresse nicht.“Fritz Wollenberg: Interview mit Ludwig Schödl. Mit einer Einführung von Detlev Blanke (Übertragung des Video-Textes von Sebastian Hartwig). Arbeitsgruppe zur Erforschung der Geschichte des Esperanto-Verbandes im Kulturbund der DDR, Berlin 2008, S. 16
Im Rahmen der PEK sandten Arbeiter-Esperantisten aus anderen Ländern Briefe mit Berichten in die Dircksenstraße. Schödl übersetzte und tippte sie gemeinsam mit Alice ab. Danach wurden sie an die Arbeiterpresse in Deutschland gegeben. Außerdem wurden PEK-Hefte mit Berichten in Esperanto über Deutschland veröffentlicht und in andere Länder versandt.
Auch das Büro der SAT-Opposition (Kommunistische Opposition in der Sennacieca Asocio Tutmonda – SAT, dem Anationalen Weltverband) befand sich seit 1930 beim AEB In Berlin Dort erschien die Zeitschrift Internaciisto als Reaktion auf die SAT-Zeitung Sennaciulo.
Ludwig Schödl und seine spätere Frau Alice waren an der Vorbereitung und Organisation des Gründungskongresses der IPE 1932 in Berlin beteiligt. In der Internationale Proletarischer Esperantisten – IPE hatten sich kommunistisch orientierte Arbeiter-Esperanto-Organisationen international zusammengeschlossen.
1933–1945 Illegalität, Gefängnis und Familiengründung Als das AEB-Büro 1933 durch die Polizei geschlossen wurde, konnte sich Schödl, ohne Verdacht zu erregen, entfernen und andere warnen. Er wohnte nun versteckt in der Reinickendorfer Straße und setzte seine Arbeit für den verbotenen AEB illegal fort.
Er war beteiligt, an der Organisation geheimer Treffen von Esperanto-Freunden zu Pfingsten in Tiefensee und regelmäßig bis zum Sommer 1933 stattfindender Treffen in Jungfernheide/Saatwinkel. Bei Hans Schwendi lernten die Teilnehmer, Esperanto zu unterrichten. Mit dessen methodischem Material unterrichtete Schödl selbst erfolgreich. Gemeinsam mit Adolf Schwarz (1906–1996) produzierte er mit Hilfe eines aus der Dircksenstraße geretteten Vervielfältigungsapparates Tarnschriften – äußerlich Reklame für Nivea und innen PEK-Berichte in Esperanto über das Leben in Deutschland.Ludwig Schödl: Nivea. In: der esperantist 50, S. 6–8, Deutscher Kulturbund, Berlin 1972
Als Kurier fuhr er mit dem Fahrrad durch Deutschland, um Kontakte zu GLEA- und IfA-Freunden und -Gruppen herzustellen.
Wegen der Gefahr der Entdeckung musste Schödl im Sommer 1933 emigrieren. Er erhielt vom AEB den Auftrag, das IPE-Büro in London aufzusuchen und ging illegal übers Erzgebirge, durch die Tschechoslowakei und Österreich nach Frankreich, wo er festgenommen und in die Schweiz ausgewiesen wurde. Über Wien kehrte er nach Berlin zurück und wurde nun nach Frankreich entsandt, um am IPE-Kongress 1934 in Lille teilzunehmen. Danach organisierte er eine Konferenz von Funktionären der ehemaligen Arbeiter-Esperanto-Bewegung in Bad Ischl.
Seit Kriegsbeginn war er in einigen Internierungslagern in Südfrankreich, zuletzt in Montauban. 1941 verließ er die unbesetzte Zone Frankreichs, um Kontakt zur Résistance aufzunehmen, wurde aber im Zug verhaftet und nach Berlin in das Gestapo-Polizeigefängnis am Alexanderplatz überführt, danach ins Untersuchungsgefängnis Lehrter Straße. Es folgte der Prozess.
Weihnachten 1941 kehrte er heim und wurde zur Arbeit bei E. Schroth, Lehren und Werkzeuge verpflichtet. Er wurde für UK (unabkömmlich) erklärt und konnte sich so dem ‚Wehrdienst entziehen.
Noch einmal wurde er bei einem Verwandtenbesuch in Wien 1944 für kurze Zeit inhaftiert. Im selben Monat heirateten Ludwig und Alice Schödl. Die gemeinsame Wohnung Markgrafendamm 30 wurde im Februar 1945 ausgebombt, so dass sie einige Zeit bei seinen Eltern in Berlin-Wittenau wohnten. 1945 wurde die Tochter Ingrid geboren.
1945–1949 Neulehrer mit Esperanto-Unterricht Ludwig Schödl, nun mit Frau und Kind, orientierte sich beruflich neu. In der Villa Borsig in Berlin-Tegel richtete er ein Heim für 30 Jugendliche ein, deren Eltern Opfer des Faschismus waren.Ludwig Schödl: Renkontiĝoj kun amikoj, In: PACO – GDR-eldono 24-25, Kulturbund der DDR, Berlin 1985 Er sorgte für sie bis zur Ankunft der französischen Truppen.
Schödl zog dann nach Großzerlang in der Sowjetischen Besatzungszone (heute ein Ortsteil von Rheinsberg). Er wurde Schulamtsanwärter und Neulehrer. Im Dorf Linow setzte er diese Tätigkeit fort (1946–1949). Er unterrichtete in „einer Ein-Klassen-Dorfschule … Schüler aller 8 Klassenstufen, immer mehrere Stufen in einem Raum, in allen Fächern.“Ludwig Schödl: En la kvindekaj jaroj, In: PACO – GDR-eldono 26-27, Kulturbund der DDR, Berlin 1989
In beiden Dörfern unterrichtete er Esperanto.
Damals blühte die Esperanto-Bewegung in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) auf. Am 29. September 1946 gründeten in Dresden-Neustadt Esperanto-Sprecher aus 38 Städten die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Esperantisten in der Sowjetzone – AES.
Aber 1949 wurde per Dekret ein Esperanto-Organisations- und Publikationsverbot in der SBZ verkündet, das in der DDR bis 1961 weitergalt.
1949–1965 Vom Neulehrer mit Esperanto-Unterricht zum Schuldirektor und engagierten Verfechter der Aufhebung des Esperanto-Verbots 1949 zog Schödl mit der Familie nach Neuruppin, um als Mathematiklehrer an der Fontane-Schule zu arbeiten. Das war eine Mädchenschule, in der man aber bald zum gemeinsamen Unterricht für Mädchen und Jungen überging. Neben dem Unterricht absolvierte Schödl erfolgreich sein Studium als Mathematiklehrer.
1951–1969 war er Direktor der Schule, die ab 1953 Schule des Friedens hieß. In dem historischen Bau Am alten Gymnasium 14 (heute: Montessori-Kinderhaus) lag in der ersten Etage sein Direktorenzimmer, im Vorzimmer arbeitete seine Frau Alice, gelernte Kontoristin, als Schulsekretärin.
Schödl gründete und führte einen Schul-Friedensrat. Durch seine umfangreiche Esperanto-Korrespondenz (unter anderem mit Jicuro Nakamura, Isao Hukunaga, Josiharu Sindo, A. Chambers, Asen Grigorov, G. Holmkvist, Marcelle Robineau, Kavenius, Karl Kvist, Rosa Wiendl, Pàl Balkanyi, Marjo und Peter von Bentum, Niko Tunni, Ja. A. Kokuschkin, A. Sokolova)Ludwig Schödl: Memoraj Ŝpruceroj. In: PACO 155, S 8., Deutscher Kulturbund, Berlin 1966 verfügte er über Materialien aus verschiedenen Ländern, die er für Ausstellungen und Vorträge nutzte.
Legendär ist sein Vortrag Die ganze Welt in einem Koffer. Zu den Dokumenten in diesem Koffer gehörte ein Dankesbrief Bertolt Brechts, für den Schödl über seine Esperanto-Freunde – Familie Kavenius den Kontakt zum Theater in Turku (Finnland) herstellte, und darüber hinaus den Kontakt zwischen dem Volkstheater Rostock und dem Stadttheater Turku, so dass Der Kaukasische Kreidekreis dort aufgeführt werden konnte.Ludwig Schödl: En la kvindekaj jaroj. In: PACO – GDR-eldono, S. 26–27, Kulturbund der DDR, Berlin 1989, S. 27