Jimmy’s World (englisch für „Jimmys Welt“) ist ein Zeitungsartikel der US-amerikanischen Journalistin Janet Cooke, der am 28. September 1980 in der Washington Post erschien. Cooke berichtet darin von einem angeblichen Treffen mit einem achtjährigen Heroinsüchtigen aus Washington, D.C., das aber nie stattgefunden hatte.
Der Artikel löste große Betroffenheit in der Bevölkerung aus. Die zuständigen Behörden starteten eine umfangreiche Suche nach dem Jungen. Als sie erfolglos blieb, kamen bei ihnen Zweifel bezüglich der Korrektheit des Artikels auf. Auch Mitarbeiter der Washington Post waren inzwischen skeptisch geworden. Dennoch reichte die Zeitung den Artikel beim Pulitzer-Preis ein. Im April 1981 gewann Cooke den Preis in der Kategorie Feature Writing.
Kurz danach wurde bekannt, dass sie nicht nur Teile ihres Lebenslaufs gefälscht hatte, sondern auch der Inhalt von Jimmy’s World zum großen Teil nicht der Wahrheit entsprach. Cooke verlor den Pulitzer-Preis und musste die Washington Post verlassen; ihre Karriere als Journalistin war danach beendet. Der Skandal um die Fälschung des Artikels führte zu Diskussionen über die Arbeitsweise von Journalisten sowie die Personalpolitik von US-Medien.
Inhalt Der Artikel berichtet von einem achtjährigen afroamerikanischen Jungen namens Jimmy, der seit dem Alter von fünf Jahren heroinabhängig sei. Er lebe zusammen mit seiner Mutter Andrea und ihrem Freund Ron im Südosten Washingtons. Laut dem Artikel sei Andrea in ihrer Jugend vom Freund ihrer heroinabhängigen Mutter vergewaltigt worden. Dabei sei Jimmy gezeugt worden. Über eine Bekannte der Mutter sei Andrea selbst mit Heroin in Kontakt gekommen. Ihren Konsum finanziere sie durch Prostitution und Ladendiebstähle.
Nachdem sie den Drogendealer Ron kennengelernt habe, sei sie mit ihrem Sohn zu ihm gezogen. Ron soll Jimmy sein erstes Heroin verabreicht haben, nachdem der Junge ihn darum gebeten haben soll. Jimmy träume davon, Drogendealer zu werden. Sein Lieblingsfach in der Schule, die er nur selten besuche, sei aus diesem Grund Mathematik, da er dies aus seiner Sicht für sein späteres Geschäftsleben benötigen würde. Von dem Drogenverdienst plane er, ein Fahrrad, einen Deutschen Schäferhund und vielleicht einen Basketball zu kaufen.
Neben Jimmy, Andrea und Ron kommen ein Beamter der Drug Enforcement Administration und mehrere Ärzte zu Wort, die über das Drogenproblem in Washington berichten. Der Artikel endet mit einer Beschreibung, wie Ron Jimmy Heroin spritzt.
Geschichte des Skandals Entstehung und Veröffentlichung
Janet Cooke arbeitete seit Januar 1980 für die Washington Post. Vor Jimmy’s World hatte sie bereits 52 Artikel in der Zeitung veröffentlicht. Im August 1980 hörte Cookes Vorgesetzte Vivian Aplin-Brownlee von einer neuen Art Heroin, das zu Geschwüren auf der Haut der Konsumenten führen solle. Sie setzte Cooke auf die Geschichte an. Diese fand in Interviews mit Sozialarbeitern und Experten für Entzugsmedizin zwar nichts über diese neue Droge heraus, sammelte aber eine große Menge an Material über den Drogenkonsum in Washington, darunter 145 Seiten handgeschriebener Notizen und Interviewaufnahmen mit einer Gesamtlänge von etwa zwei Stunden. Davon war Aplin-Brownlee so beeindruckt, dass sie Cooke mit dem Material zu Milton Coleman schickte, dem Redakteur des Washingtoner Lokalteils.Bill Green: THE REPORTER: When She Smiled, She Dazzled; When She Crashed…. 1981.
Als Cooke Coleman über ihre Recherche berichtete, erwähnte sie einen achtjährigen Heroinsüchtigen, der sich in Obhut einer Hilfsorganisation für Drogensüchtige befinden solle. Coleman setzte sie auf diese Geschichte an, die er als gut genug für die Titelseite empfand. Nach zwei Wochen vermeldete Cooke, dass sie den Jungen nicht finden konnte. Eine weitere Woche später berichtete sie dann aber von einem anderen Achtjährigen, den sie gefunden habe. Dessen Mutter habe sich bei ihr gemeldet, nachdem Cooke ihre Visitenkarten an verschiedenen Stellen ausgelegt hatte. Allerdings sei es bisher zu keiner Vereinbarung über ein Interview gekommen. Coleman, der weder nach dem Namen noch dem Wohnort der Frau fragte, erlaubte Cooke daraufhin, der Mutter Anonymität zuzusichern. Später berichtete Cooke von einem Treffen mit der Mutter in deren Wohnung. Während dieses Treffens habe der Freund von Jimmys Mutter gedroht, Cooke umzubringen, wenn sie die Polizei auf ihn aufmerksam mache.
Cookes Notizen zu dem Treffen waren 13 Seiten lang und bildeten die Grundlage für den Artikel Jimmy’s World. In diesen Notizen waren auch der angeblich richtige Name von Jimmy und die Grundschule, die er besuchte, enthalten. Coleman half Cooke beim Formulieren des Artikels, überprüfte die Glaubwürdigkeit des Inhalts allerdings nur in sehr geringem Umfang. So erkundigte er sich lediglich, ob die Beschreibung des Ablaufs der Heroininjektion korrekt war, und wurde darin bestätigt. Ansonsten verließ er sich nach eigener Aussage darauf, dass anderen Mitarbeitern etwas auffiele, wenn der Artikel nicht korrekt wäre. Im Nachhinein ging Coleman davon aus, dass sich die anderen auf sein Urteil verlassen hatten.Bill Green: THE STORY: First the Idea, and Finally the Presses Rolled. 1981.
Da aufgrund der zugesicherten Anonymität die Veröffentlichung von Fotos nicht möglich war, sollte der Artikel mit Zeichnungen illustriert werden. Für die Erstellung der Zeichnungen war der Illustrator Michael Gnatek Jr. verantwortlich, dem Cooke das Aussehen des Jungen beschrieben hatte. Auf der Titelseite wurde eine Zeichnung von Jimmy gezeigt, wie ihm Heroin gespritzt wird. Der Untertitel des Artikels lautete „8-Year-Old Heroin Addict Lives for a Fix“ („Achtjähriger Heroinsüchtiger lebt für einen Schuss“).
Reaktionen und erste Zweifel Die Veröffentlichung des Artikels am 28. September 1980 führte zu starken Protesten der Leserschaft der Washington Post. So empfanden ihn viele als rassistisch und kriminell. Vor allem machten sie sich aber Sorgen um den Jungen.Bill Green: THE PUBLICATION: ‘Jimmy’ Hit Washington Like a Grenade, and Bounced. 1981. Städtische Behörden drohten damit, Mitarbeiter der Washington Post vorzuladen, damit sie die Identität von Jimmy verraten. Dagegen verteidigte sich die Zeitung, indem sie auf den 1. Zusatzartikel zur US-Verfassung verwies, der unter anderem die Pressefreiheit garantiert. Die Drohungen wurden nicht in die Tat umgesetzt.After ‘Jimmy’s World’: Tightening Up In Editing. 1981, S. 27. David L. Eason On Journalistic Authority: The Janet Cooke Scandal. 1986, S. 432.
Die Washington Post erhob in den folgenden Tagen schwere Vorwürfe gegenüber den Behörden und den Einwohnern Washingtons. So sah Richard Cohen am 30. September die Geschichte von Jimmy als das Zeichen eines massiven Versagens an. Die Drug Enforcement Administration sei trotz der großen finanziellen und personellen Mittel, die ihr zur Verfügung standen, nicht zu dem in der Lage gewesen, was Cooke getan habe. Zudem hätten Schulen nicht aufgepasst, Lehrer seien überfordert und Nachbarn hätten weggesehen. In einem am 12. Oktober erschienenen Artikel vertrat er die Meinung, dass Jimmy nicht drogensüchtig wäre, wenn die Polizei, die Schule und die Mitarbeiter von Wohlfahrtseinrichtungen sich um ihn gekümmert hätten. In weiteren Artikeln bekräftigte die Post, dass Cookes Artikel notwendig gewesen sei, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und der Behörden auf das Drogenproblem zu lenken.After ‘Jimmy’s World’: Tightening Up In Editing. 1981, S. 41–42.
Die Behörden hatten inzwischen mit einer aufwändigen Suche nach dem Jungen begonnen, bei der bis zu 35 Polizisten eingesetzt worden sein sollen. Die Schulbehörde ließ in Schulen nach dem Jungen suchen und auch der Sozialdienst stellte Mitarbeiter ab. Da die Suche erfolglos blieb, waren die Mitarbeiter der Behörden gemäß späteren Aussagen nach einigen Tagen davon überzeugt, dass die Geschichte, so wie Cooke sie erzählt hatte, nicht stimmen konnte. So hätte Cooke das Beschriebene nur gegen eine größere Geldsumme zu sehen bekommen, allerdings gab es keine Hinweise darauf, dass ein Drogendealer plötzlich viel Geld hatte. Zudem sei es in solchen Fällen üblich, dass Informanten der Polizei Hinweise auf gesuchte Personen geben, um sich spätere Vorteile zu verschaffen. Doch auch das sei in diesem Fall nicht geschehen.After ‘Jimmy’s World’: Tightening Up In Editing. 1981, S. 42–43.
Zwei Tage nach der Veröffentlichung von Jimmy’s World gab der Bürgermeister von Washington Marion Barry bekannt, dass sie Jimmy gefunden hätten und er sich schon seit längerer Zeit in medizinischer Behandlungen befinde. Kurze Zeit später wurde das allerdings vom Sprecher des Bürgermeisters korrigiert. Nur die Psychiaterin und Drogenmissbrauchsberaterin Alyce Gullate von der Howard University wisse, wo sich das Kind befinde. Sie soll jedoch bereits einen Tag nach der Veröffentlichung von Jimmy’s World einen Reporter der Post darauf aufmerksam gemacht haben, dass sie für Cooke Kontakt zu einem achtjährigen Heroinsüchtigen herstellen sollte. Da ihr das aber nicht gelang, gehe sie davon aus, dass der Artikel eine Fälschung sei. Der Reporter glaubte allerdings, dass sich Gullate mit dieser Aussage nur schützend vor den Bürgermeister stellen und damit die weitere finanzielle Unterstützung ihres Drogenprogramms sichern wollte. Auf den Verdacht von Gullate angesprochen, versicherte Cooke, dass es sich bei Jimmy um einen anderen Jungen handle und es somit zwei drogensüchtige Achtjährige geben müsse.After ‘Jimmy’s World’: Tightening Up In Editing. 1981, S. 39–40. Am 15. Oktober gab Marion Barry das Ende der Suche nach Jimmy bekannt. Dabei bezweifelte er, dass die Mutter oder ihr Freund sich von einer Reporterin beim Spritzen von Heroin zuschauen ließen. Man habe ihm gesagt, der Artikel sei „zum Teil Mythos, zum Teil Realität“ (englisch: „part myth, part reality“).
Die Post hatte in der Zwischenzeit ein elfköpfiges Reporterteam auf den Fall angesetzt. Sechs von ihnen sollten nach einem zweiten „Jimmy“ suchen. Darunter war auch Cooke, die zusammen mit dem Reporter Courtland Milloy in der Umgebung von Jimmys angeblichem Wohnhaus unterwegs war. Milloy wurde dabei schnell klar, dass Cooke die Gegend nicht kannte und keine Ahnung hatte, wo Jimmys Haus ist. Das weckte in ihm Zweifel an der Korrektheit der Geschichte, die er Coleman mitteilte. Dieser vermutete aber, dass Milloys Zweifel auf Neid beruhten.
Auch Vivian Aplin-Brownlee, Cookes frühere Vorgesetzte bei der Post, zweifelte gegenüber Coleman die Korrektheit des Artikels an. So war sie sich zum einen sicher, dass Cookes übertriebener Ehrgeiz sie zu einer solchen Tat führen könnte. Zum anderen bezweifelte sie, dass Cooke Zugang zu einem Haus eines Dealers bekäme, und hielt Jimmys Aussage zur Mathematik im Artikel für unglaubwürdig.Bill Green: THE DOUBTS: From the Very First Moment, Some Suspected the Worst. 1981.
Etwa drei Wochen nach der Veröffentlichung des Artikels beauftragte Howard Simons, Managing Editor der Post, Coleman, gemeinsam mit Cooke nach Jimmy zu suchen. Coleman unterrichtete Cooke von dem Auftrag. Am folgenden Tag sagte Cooke, sie sei bei Jimmys Haus gewesen und habe festgestellt, dass die Familie nach Baltimore umgezogen sei. Während Colemans Vorgesetzter Bob Woodward dieses Verhalten der Familie logisch fand, war Coleman so über den Alleingang von Cooke aufgebracht, dass er seinen Ärger bei Simons vortrug. Dieser zweifelte nun zum ersten Mal am Wahrheitsgehalt von Jimmy’s World, hatte aber keine ausreichenden Beweise für eine Fälschung.
Die aufkommenden Zweifel schlugen sich in der Arbeit mit Cooke nieder. Als Cooke Mitte November an einem neuen Sensationsartikel über eine 14-jährige Prostituierte arbeitete, bestand man darauf, dass Coleman an den Treffen mit dem Mädchen teilnahm. Zwar arrangierte Cooke einige Treffen, allerdings wurden alle vorzeitig abgesagt.
Gewinn des Pulitzer-Preises