Der Jung-Jüdische Wanderbund (JJWB) war ein Anfang des 20. Jahrhunderts gegründeter deutsch-jüdischer Jugendverband. Der JJWB verknüpfte die Ideen und die Geselligkeit der deutschen Jugendbewegung, von denen Juden weitgehend ausgeschlossen waren, mit jüdischen Lebensweisen.

Geschichte Über die Anfänge des JJWB gibt es unterschiedliche Aussagen. Nach Beate Lehmann gründete sich der Verband „1911 als selbständige und emanzipierte Jugend- und Wandergruppe unter dem Dach des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine (VJJD)“.Beate Lehmann: Siegfried Lehmann und das Jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel, S. 118. Andere Quellen behaupten, der Verband sei erst 1920 gegründet worden.So auf einer Webseite der Humboldt-Universität zu Berlin: Jung-Jüdischer Wanderbund Die unterschiedlichen Angaben erklären sich daraus, dass es unterschiedliche Vorgängerorganisationen mit je eigener Geschichte gab. „Im Jahre 1920 wurde in Frankenberg der ‚Jung-jüdische Wanderbund‘ (JJWB) gegründet. Er entstand aus dem ‚Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands‘, dem sogenannten ‚Neutralen Verband‘ (gegr. 1907), behielt die Parole der Neutralität in allgemeinen und jüdisch-politischen Fragen bei und sah zunächst seinen Zweck fast ausschließlich in der Pflege des Wanderns.“Jehuda Reinharz (Hrsg.): Dokumente zur Geschichte des deutschen Zionismus 1882–1933. S. 358, Anmerkung. Das Jahr 1920 war auch das Jahr, in dem das erste Bundestreffen des JJWB stattgefunden hatte.

Die Mitglieder des JJWB stammten aus eher kleineren Gemeinden, die weniger assimiliert und der jüdischen Tradition stärker verhaftet waren. Im April 1931 schrieb Gustav Goldzieher im Mitteilungsblatt der Kameraden:Gustav Goldzieher: Vom J.J.W.B. In: Kameraden-Rundbrief, April 1931, S. 11–12; uni-koeln.de (PDF; 28 MB).

Doch so, wie aus der Sicht des Jahres 1931 der Verband als ein genuin zionistischer beschrieben wurde, so gradlinig verlief dessen Entwicklung nicht. Noch 1921, beim zweiten Bundestreffen also, wurde ein zionistisches Programm abgelehnt, und es kam daraufhin zu einer Abspaltung. Ein Teil der Mitglieder schloss sich dem Verband Blau-Weiß an, dem Bund für Jüdisches Jugendwandern in Deutschland, ein anderer organisierte sich in der Jung-Jüdischen Schar, die sich aber offenbar nicht völlig vom JJWB lossagte.Beate Lehmann: Siegfried Lehmann und das Jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel, S. 118. Ein Teil der ausgetretenen Mitglieder schloss sich schließlich in einer neuen Gruppierung zusammen und nannte sich Brith Haolim („Bund der Einwandernden“).Siehe die Übersicht über die Fusionen und die Abspaltungen beim JJWB in: Suska Döpp: Jüdische Jugendbewegung in Köln 1906–1938. Lit, Münster 1997, ISBN 3-8258-3210-4, S. 242; books.google.de

Innerhalb des JJWB war indes die Hinwendung zum Zionismus nicht mehr aufzuhalten. Sie gipfelte im Dezember 1922 schließlich im Bekenntnis zur Frankenberger Formel.

Der deutsche Landesverband des Hechaluz war bei einer Versammlung in Berlin vom 14. bis zum 16. Dezember 1922 gegründet worden.Jehuda Reinharz (Hrsg.): Dokumente zur Geschichte des deutschen Zionismus 1882–1933. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1981, S. 328–329.

1923 hatte sich der JJWB auch mit dem Jüdischen Volksheim im Berliner Scheunenviertel zusammengeschlossen. Über diesen Zusammenschluss schrieb 1930 Franz Lichtenstein, der lange Zeit der Bundesleitung des JJWB angehört hatte, dass diese „überaus fruchtbar gewesen sei, denn das sozialistische und zionistische Programm des JJWB stimmte mit den Ideen des Volksheims überein und dessen Mitarbeiter empfanden den Zusammenschluss als Bereicherung, denn sie konnten die Volksheimidee nun zu einem wesentlich größeren Teil der jüdischen Jugend hinaustragen“.Franz Lichtenstein, zitiert nach: Sabine Haustein, Anja Waller: Jüdische Settlements in Europa. Ansätze einer transnationalen sozial-, geschlechter- und ideenhistorischen Forschung. In: Medaon, 2009, Heft 4; core.ac.uk (PDF; 0,6 MB). Die Person Franz Lichtenstein ist nicht eindeutig identifizierbar. Es gibt sowohl einen 1943 in Auschwitz ermordeten Franz Lichtenstein, für den in Berlin ein Stolperstein verlegt wurde, als auch einen „etwa um 1900 geborene Autor Franz Lichtenstein [der] Mitarbeiter beim Simplicissimus [war]. Während der Naziära emigrierte er nach Israel. 1997 in Tel Aviv verstorben, erlebte er das Erscheinen seines Buches nicht mehr.“. Dessen 1997 erschienener Gedichtband trägt den Titel Die Zeit, die uns entglitt.

Franz Lichtenstein – Biografie & Lebenslauf. xbib.de

Der oben bereits zitierte Gustav Goldzieher beschreibt die Arbeit des JJWB im Jahre 1931 so:

Der JJWB unternahm Fahrten auch am Sabbat und an Feiertagen, „in einer fast trotzig zu nennenden Ablehnung der religiösen Traditionen“.Suska Döpp: Jüdische Jugendbewegung in Köln 1906–1938. Lit, Münster 1997, S. 104.

Im Februar 1933 fusionierten Brit Haolim und Kadima zu Habonim Noar Chaluzi – Jüdische Jugendgemeinschaft (Bauleute, Chaluzische Jugend).Hermann Meier-Cronemeyer: Jüdische Jugendbewegung. In: Germania Judaica. Bulletin der Kölner Bibliothek zur Geschichte des Deutschen Judentums, Neue Folge, 1969, Band 8, S. 1–122, hier S. 108.

Es gibt kaum Hinweise auf bekannte Personen, die im JJWB-Brith Haolim aktiv waren. Neben dem schon erwähnten, aber nicht näher identifizierbaren Franz Lichtenstein findet sich nur noch in der Kurzbiographie des Journalisten und Essayisten Kurt Loewenstein (1902–1973) ein Hinweis auf dessen Mitgliedschaft im JJWB.Loewenstein, Kurt. In: Encyclopaedia Judaica; abgerufen am 6. April 2019.

Literatur Beate Lehmann: Siegfried Lehmann und das Jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel. In: Sabine Hering, Harald Lordick, Gerd Stecklina (Hrsg.): Jüdische Jugendbewegung und soziale Praxis. Fachhochschulverlag, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-943787-77-1, S. 103–122. Hermann Meier-Cronemeyer: Jüdische Jugendbewegung. In: Germania Judaica. Bulletin der Kölner Bibliothek zur Geschichte des Deutschen Judentums, Neue Folge, 1969, Band 8, Heft 1–4 (= Heft 27–30 der N.F. insgesamt), S. 1–122. Jehuda Reinharz (Hrsg.): Dokumente zur Geschichte des deutschen Zionismus 1882–1933. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1981, ISBN 3-16-743272-1. Arnold Paucker: In: Ders.: Deutsche Juden im Kampf um Recht und Freiheit. Studien zu Abwehr, Selbstbehauptung und Widerstand der deutschen Juden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Hentrich & Hentrich, Teetz 2003, ISBN 3-933471-46-X, S. 183–204. Rundschreiben: Jung-Jüdischer Wanderbund (B1103). Leo Baeck Institut; enthalten umfangreiche Rundschreiben des JJWB aus dem Jahr 1928; .

Einzelnachweise

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