mini|Edmund Braun, 1999

Edmund Braun (* 12. Oktober 1928 in Köln; † 20. März 2015 in Lindlar-Kapellensüng) war ein deutscher Philosoph und Hochschullehrer.

Brauns philosophischer Weg nahm seinen Anfang bei der klassischen griechischen Philosophie, besonders bei Aristoteles, setzte sich schwerpunktmäßig fort in der kritischen Auseinandersetzung mit Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Nietzsche und fand letztlich über die Sprachphilosophie zu den transzendentalpragmatischen Positionen von Jürgen Habermas und besonders Karl-Otto ApelIm Jahr 1976 erschien Apels Werk „Transformation der Philosophie“ in zwei Bänden. Dieses Werk leitete für Braun die Annäherungen an die Transzendentalpragmatik ein, zu deren Vertreter er sich in den folgenden Jahren entwickelte.. Ab Mitte der 1980er Jahre ist Braun eindeutig als Vertreter der Transzendentalphilosophie und der Transzendentalpragmatik zu charakterisieren, wobei sein besonderes philosophisches Interesse der sprachpragmatischen, intersubjektiven und nichtmetaphysischen Diskursethik galt.

Lebensweg Braun wuchs in Köln-Deutz und im Bergischen Land auf. Durch sein Elternhaus wurde er christlich-katholisch geprägt und blieb dem Glauben und den Werten der Kirche zeitlebens verbunden. Schon als Kind beteiligte sich Braun an den Gesprächen und Diskussionen der Erwachsenen zu theologischen, politischen und moralischen Fragen.Edmund Braun. (2008). Zukunft: Das Problem der Gegenwart. S. 38 Braun machte sein Abitur am Gymnasium in Köln-Deutz. Er blieb wegen Krankheit vom Militärdienst verschont.

Anschließend studierte er Theologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn sowie Philosophie, Altphilologie (Griechisch, Latein) und Geschichte an der Universität zu Köln bei Karl-Heinz Volkmann-Schluck. Braun schloss 1959 sein Studium mit seiner Inaugural-Dissertation über Aristoteles ab.Edmund Braun: Zur Einheit der aristotelischen „Topik“. Dissertation, Universität Köln, Köln 1959. Es folgte eine kurze Lehrtätigkeit als Gymnasiallehrer in Köln. Anschließend war er Assistent an der Pädagogischen Hochschule Rheinland (Abteilung Köln), an der er nach seiner Habilitation seit 1971 als Professor für Philosophie lehrte. Seit 1980 war er Professor für Philosophie an der Universität zu Köln.

Braun hielt zusätzlich über 50 Jahre lang philosophische Seminare an der Kölner VolkshochschuleVgl. Wozu Philosophie in der Erwachsenenbildung?, in: Die Volkshochschule Köln von 1946 bis 1980, Festschrift zum 65. Geburtstag von Heinz Stragholz am 19. März 1980 / [Hrsg.: Freunde und Förderer der Kölner Volkshochschule e. V. Red.: Bernd Hambüchen], Köln 1980. S. 205 ff. und engagierte sich u. a. zusammen mit Karl Rahner in der „Akademie für Erwachsenenbildung Köln im Haus der Begegnung“ (später „Karl-Rahner-Akademie“).Vgl. z. B. Der Bedarf an Moral in der offenen Gesellschaft, in: Die Moralbedürftigkeit der offenen Gesellschaft. Karl-Rahner-Akademie, Köln 1997. Nach seiner Emeritierung war er weiter bis ins hohe Alter an der Kölner Universität tätig. In seinen letzten Lebensjahren arbeitete er trotz schwerer Erkrankung und fast völliger Erblindung intensiv an seinem Alterswerk,Edmund Braun. (2016). Der Mensch vor dem Anspruch Gottes. Religion – die Herausforderung des 21. Jahrhunderts. welches er kurz vor seinem Tode vollendete. Braun starb in seinem Haus in Lindlar-Kapellensüng.Stefan Grohé. Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln. Zum Tode von Herrn Prof. Dr. Edmund Braun (1928–2015), 2015 Köln. Die Grabstätte befindet sich in der Kölner Grabeskirche St. Bartholomäus.

Denkwege Topik und Paideia bei Aristoteles In seiner Inaugural-Dissertation Zur Einheit der aristotelischen „Topik“<name="Braun1959"/> behandelte Braun die Frage der sprachphilosophischen Wurzeln der aristotelischen Metaphysik und Erkenntnistheorie. Nach seiner Promotion widmete er sich weiterhin der Aristoteles-Forschung. 1974 erschien sein Buch Aristoteles und die Paideia,Edmund Braun. (1974). Aristoteles und die Paideia. Ferdinand Schöningh: Paderborn. in dem er die ontologischen und anthropologischen Grundlagen sowie das Ethos und den Logos als Aufgabenbereiche der PaideiaDas griechische Wort „Paideia“ (paideia) wird gewöhnlich mit „Erziehung“ übersetzt. Braun verweist darauf, dass „erst im griechischen Denken, etwa in der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts [v. Chr.], … ‘ein rationales Bewußtsein der Erziehung‘ [erwachte]“ – mit Verweis auf Ernst Lichtenstein, Der Ursprung der Pädagogik im griechischen Denken, Hannover 1970, S. 31. (Braun, 1974, S. 107) explizierte.

In der Folgezeit waren seine besonderen Forschungsschwerpunkte u. a. die Transzendentalphilosophie, Sprachphilosophie, Hermeneutik und Praktische Philosophie, also Ethik. Eine besondere Verbundenheit mit den philosophischen Grundgedanken Karl-Otto Apels (als dessen „Schüler“ er sich später gerne bezeichnete) brachte Braun zum Ausdruck, indem er Apel sein Buch „Der Mensch vor seinem eigenen Anspruch“ widmete.Edmund Braun. (2002). Der Mensch vor seinem eigenen Anspruch. S. 5

Der Paradigmenwechsel in der Sprachphilosophie Brauns sprachpragmatische Analysen mündeten 1996 in seinem ersten Hauptwerk Der Paradigmenwechsel in der Sprachphilosophie.Edmund Braun: Der Paradigmenwechsel in der Sprachphilosophie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1996. Braun untersucht in diesem Werk Sprache in philosophiegeschichtlicher Vorgehensweise. Er setzt beim klassischen Sprachparadigma Platons an,Braun, 1996, S. 8 indem er auf die Bedeutung der Auswirkung des Sprachverständnisses der Antike auf die Prägung des folgenden klassischen Sprachparadigmas verweist.Edmund Braun. (1996b). Gegenseitigkeit als konstitutives Element der Vernunft. Vortrag vom 22. Mai 1996. Philosophisches Forum 95/96 Gegenseitigkeit – Anspruch und Anerkennung. Köln: Karl Rahner-Akademie. S. 2. Weiterhin führte Braun die Sprachkritik Aristoteles‘ an Platon ins Feld. Braun wies aus, dass die bis dahin gegenwärtige Aristotelesliteratur „Sprache durchgängig im Sinne der klassischen Auffassung als sekundären Ausdruck des Denkens“ interpretiere.Braun, 1996, S. 15 Dem setzte er seine Interpretation entgegen, gemäß der nach Aristoteles die Leistungskraft der dialektischen Methode auf der Basis der Argumentation und der dialogischen Gemeinschaft der sinnvoll miteinander und gegeneinander Argumentierenden entscheidend für das Finden der Wahrheit sei.Braun, 1996, S. 17 Braun übersetzte die aristotelische Wesensdefinition des Menschen als ζωον πολιτικον (Zoon politikon) mit „das auf Gemeinschaft angewiesene Lebewesen“ und somit auch im Erkenntnis- und Wahrheitsfindungsprozess auf dialogische Gemeinschaft angewiesen. Allerdings sei der Mensch gerade wegen seiner Vernunftbegabung nicht auf Gemeinschaft angewiesen, da er auch in einer solipsistischen Schau für sich alleine weise und vernünftig sein könne. Da Aristoteles das Problem zwischen praktischem und theoretischem Leben nicht befriedigend habe lösen können, sei es zu dem Sprachverständnis der Antike, aus dem das klassische, in seinen Auswirkungen noch heute nachweisbare Sprachparadigma abgeleitet wurde, gekommen.Hermann-Josef Spicher: Grundlagen des Gemeinsamen Unterrichts, zugl. Prolegomena zu einer integrationsdidaktischen Konzeption, Köln, Uni., Diss., Verlag Mainz, Wissenschaftsverlag, Aachen 1998, ISBN 3-89653-379-7, S. 40.

Von hier aus schlug Braun den Bogen hin zur Transzendentalpragmatik Apels, gemäß welcher der dialogische Erkenntnis- und Wahrheitsanspruch vier universalen Geltungsansprüchen unterliege: Verständlichkeitsanspruch, Wahrheitsanspruch, Richtigkeitsanspruch und Wahrhaftigkeitsanspruch.Braun, 1996, S. 64. Bezug: Apel, K.-O., Ist Intentionalität fundamentaler als sprachliche Bedeutung?, in: Intentionalität und Verstehen, hrsg. vom Forum für Philosophie Bad Homburg, Frankfurt a. M. 1990, S. 39 ff.

Im Einzelnen ging Braun folgendermaßen vor: Im ersten Teil des Werkes expliziert er das „klassische Sprachparadigma“, angefangen beim „Sprachdenken in der frühgriechischen Philosophie“ (Heraklit, Parmenides), über das „klassische Sprachparadigma“ (Platon, Aristoteles, J. Locke, G.W. Leibniz), bis hin zur „Sprachkritik am klassischen Sprachparadigma“ (Aristoteles, Isokrates, Cicero, Böhme, Vico, Hamann, Herder, W. v. Humboldt). Im zweiten Teil setzt er sich mit dem „Paradigmenwechsel in der Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts“ auseinander. Er behandelt hier in Folge zahlreiche philosophische Richtungen bedeutender Philosophen wie Peirce, Morris, Frege, Russell, Moore, Wittgenstein, Carnap, Ryle, Austin, Searle, Strawson. de Saussure, Chomsky, Bühler, Hönigswald, Cassirer, Litt, Heintel, Heidegger, Lipps, Lorenzen, K. Lorenz, Quine, Davidson, Rorty, Habermas und Apel. Es folgte ein ausführlicher Teil mit ausgesuchten Texten zu seinen Explikationen. Die Texte von Aristoteles, Isokrates und Cicero wurden von Braun extra für dieses Werk neu übersetzt.

Der Mensch vor seinem eigenen Anspruch Im Jahre 2002 erschien Brauns zweites Hauptwerk unter dem Titel Der Mensch vor seinem eigenen Anspruch / Moral als kritisch-normative Orientierungskraft im Zeitalter der posttraditionalen Gesellschaft. Auf der Basis einer normativen Anthropologie vor dem Hintergrund einer transzendental-pragmatischen Diskursethik fasste er die Inhalte wie folgt zusammen:

Braun, 2002, S. 17 f.

Zukunft: Das Problem der Gegenwart Brauns im Jahre 2008 erschienenes Werk Zukunft: Das Problem der Gegenwart / Diskursethische Beiträge zu anstehenden Problemen im WeltmaßstabEdmund Braun, Zukunft: das Problem der Gegenwart, Diskursethische Beiträge zu anstehenden Problemen im Weltmaßstab, (Philosophische Plädoyers; 10), Berlin u. a. 2008. greift die Gedanken seines Werkes aus dem Jahre 2002 auf und propagiert nochmals die Notwendigkeit des gemeinschaftlichen und verpflichtenden argumentativen Diskurses und seiner Bedeutung bezüglich der Bewahrung von Menschenwürde und Menschenrechten innerhalb einer humanen Gesellschaft und menschenwürdigen Wertegemeinschaft.Braun, 2008, S. 9Braun, 2008, S. 74

Braun geht – nachdem er erneut einen angemessenen Gebrauch der Vernunft als Diskursrationalität entgegen einer epidemisch verkümmerten Rationalität einfordertVgl. Braun, 2008, S. 17 ff. – einen anderen Weg als in seinem Werk aus dem Jahr 2002, indem er Lösungsvorschläge zu noch offenstehenden und zukünftig anstehenden Problemen anbietet. Im Einzelnen sind dies: Das Problem der Geltungswürdigkeit sozialer Praxis / Zu erbringende normative Kooperations- und Koordinationsleistungen zur Identifizierung und Lösung anstehender Probleme Die Renaissance des Naturrechts / Zukunftsprobleme lassen sich unter Anwendung des Naturrechts nicht lösen Das Problem der Globalisierung / Von der Möglichkeit und Notwendigkeit einer Weltbürgerlichen Wertegemeinschaft Das Problem der interkulturellen Verständigung / Dialogisches Verstehen und kulturelle Toleranz Religion als Zukunftsproblem / Religion nach der Botschaft vom Tode Gottes ?! (Braun erklärt das Frage- und Ausrufezeichen im Kapitel „Nietzsche – Interpretation der Botschaft vom Tode Gottes“ folgendermaßen: „Ich fasse das Ausrufezeichen und das Fragezeichen hinter dem Titel des Kapitels im Sinn der Frage auf: Ist der Tod Gottes die Voraussetzung oder zumindest eine der wesentlichen Vorbedingungen der Zukunft der Religion als einer wahren Korrelation von Mensch und Gott, oder ist der Tod Gottes die Voraussetzung dafür, dass der Mensch selbst Ursprung jeglichen Sinnes und Wertes ist und endlich die ersehnte Freiheit hat, auch noch sein eigenes Wesen zu entwerfen, zu schaffen, religionslos gegen Gott seine eigene Größe zu realisieren?“Braun, 2008, S. 96) Das Problem des Lebensschutzes / Probleme des Lebensbeginns und des Lebensendes Das Problem der Selbstaufklärung des Menschen / Von der Notwendigkeit der geschichtlichen Dimension für die Identität des Menschen

Ethik als prima philosophia aus der Grundstellung einer nichtmetaphysischen Transzendentalphilosophie