mini|Viktor Falkenhahn während der Tagung des Zentralen Arbeitskreises Esperanto in Halle im März 1981 Viktor Falkenhahn (* 11. Februar 1903 in Kattenhof, Pommern; † 16. April 1987 in Berlin) war ein deutscher Literatur- und Sprachwissenschaftler – Polonist, Baltist, Interlinguist und Hochschullehrer. Er lehrte an der Humboldt-Universität zu Berlin und war ab 1964 Mitherausgeber der Zeitschrift für Slawistik.
Folgenreiche Freundschaft mit Wilhelm Storost-Vydūnas (1868–1953) Schon als Jugendlicher erlernte Viktor Falkenhahn, der Sohn des Lehrers Paul Falkenhahn, 1919 in Tilsit (seit 1946 Sowetsk, Kaliningrad), wo die Falkenhahns seit 1917 lebten, das Litauische. Der Vater hatte sich von dem befreundeten und später sehr bekannten litauischen Dichter, Denker, Philosoph und Kulturschaffenden Wilhelm Storost-Vydūnas (1868–1953) dessen Lehrbuch Litauischer Führer zur Erlernung der Anfangsgründe der litauischen Sprache ausgeliehen. Bei der Rückgabe des Buches lernte Viktor Falkenhahn den Autor kennen. Falkenhahn wurde Freund, Schüler und Mitarbeiter von Vydūnas.
Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Vacys Bagdonavičius (* 1941) charakterisiert die Wirkung dieser Beziehung in seinem Beitrag Vydūnas und sein Wirken im Zusammenhang deutsch-litauischer Beziehungen so:
„Von Vydunas übernahm Viktor Falkenhahn dessen humanistische Weltanschauung, die Sicht auf die Menschen und die Beziehungen zwischen verschiedenen Kulturen, darunter auch auf die deutsch-litauischen. Die Bekanntschaft mit Vydūnas war wohl entscheidend dafür, dass Falkenhahn den Weg eines Baltisten und Slawisten einschlug, dass er sich auf diesem Wege bedeutende Verdienste um die polnische und litauische Sprachwissenschaft und überhaupt um ihre Kulturen erworben hat.“Vacys Bagdonavičius: Vydūnas und sein Wirken im Zusammenhang deutsch-litauischer Beziehungen. In: Vacys Bagdonavičius, Aušra Marišiūtė-Linartienė, Britta Storost, Miroslaw Danys (Hrsg.): Vydunas und Deutsche Kultur. Neue Perspektiven zum 150. Geburtstag des preußisch-litauischen Brückenbauers und 100. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung Litauens. In: Geschichte – Forschung und Wissenschaft. Band 58, LIT-Verlag Dr. W. Hopf, 2., erweiterte Auflage, Berlin 2018, S. 23.
Falkenhahn unterstützte Vydūnas, indem er dessen Werke Korrektur las und als die Bibliotheken und Archive dem Litauer Vydūnas die Benutzung ihrer Bestände verweigerten, machte Falkenhahn für ihn Exzerpte, so dass dessen Buch Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen 1932 in Tilsit erscheinen konnte.Wilhelm Storost-Vydūnas: Sieben-hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen. Rûta-Verlag, Tilsit 1932.
Die Freundschaft hielt bis zum Tod von Vydūnas. Aus Detmold, wo Vydūnas nach dem Zweiten Weltkrieg lebte, sandte er seine neuen philosophischen Aufsätze an Falkenhahn nach Hamburg und Berlin, und in seinem Testament vermachte er Viktor Falkenhahn die letzten Exemplare seiner in den Kriegswirren geretteten Bücher.Vacys Bagdonavičius: Vydūnas und sein Wirken im Zusammenhang deutsch-litauischer Beziehungen. In: Vacys Bagdonavičius, Aušra Marišiūtė-Linartienė, Britta Storost, Miroslaw Danys (Hrsg.): Vydunas und Deutsche Kultur. Neue Perspektiven zum 150. Geburtstag des preußisch-litauischen Brückenbauers und 100. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung Litauens. In: Geschichte – Forschung und Wissenschaft. Band 58, LIT-Verlag Dr. W. Hopf, 2., erweiterte Auflage, Berlin 2018, S. 23.
Der Radio-Journalist und Publizist Leonas Stepanauskas (* 1925) berichtet in seinem Essay Wilhelm Storost-Vydūnas in seinen letzten Lebensjahren von einem Besuch bei Viktor Falkenhahn in dessen Treptower Wohnung im Jahr 1963. Falkenhahn war zu diesem Zeitpunkt schon der „Nestor der Baltistik in der DDR“ und Stepanauskas hörte nun von dem Briefwechsel Falkenhahns mit Vydūnas. Die dritte Frau Falkenhahns, Eva-Marie, übergab ihm den Briefwechsel (1946–1953) zur Weiterleitung an das Litauische Literatur-Archiv. Stepanauskas fügt hinzu: „Später erlebte ich, wie Viktor Falkenhahn mutig für Vydūnas eintrat, sowohl im Berliner Kreis der Baltisten als auch in Litauen, als Gast, als wissenschaftliche Kapazität aus der DDR …“Leonas Stepanauskas: Wilhelm Storost-Vydūnas in seinen letzten Lebensjahren. In: Vacys Bagdonavičius, Aušra Marišiūtė-Linartienė, Britta Storost, Miroslaw Danys (Hrsg.): Vydunas und Deutsche Kultur. Neue Perspektiven zum 150. Geburtstag des preußisch-litauischen Brückenbauers und 100. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung Litauens. In: Geschichte – Forschung und Wissenschaft. Band 58, LIT-Verlag Dr. W. Hopf, 2., erweiterte Auflage, Berlin 2018, S. 75–76.
Für das Buch Vydunas und Deutsche Kultur. Neue Perspektiven zum 150. Geburtstag des preußisch-litauischen Brückenbauers und 100. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung Litauens schrieb Falkenhahn in seinem Einleitungswort einige Erinnerungen an Vydunas auf.Viktor Falkenhahn: Einleitungswort zur zweiten Auflage – W. Storost-Vydūnas: Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen. Erinnerungen und Ansichten eines Deutschen. In: Wilhelm Storost-Vydunas: Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen. Kulturhistorische Darlegungen. Chikago 1982 (erweiterter Nachdruck der Ausgabe Tilsit 1932), S. 479–486.
Studium, Habilitation, wissenschaftliche Arbeit in Königsberg (heute Kaliningrad) Viktor Falkenhahn studierte ab 1931 an der Albertus-Universität zu Königsberg (Albertina) Theologie, Slawistik, Baltistik, Orientalistik, Hebraistik, Indologie und Ägyptologie. 1935 erhielt er ein Lektorat für Litauisch an dieser Universität. Er promovierte 1939 zu dem Thema: „Der Übersetzer der litauischen Bibel Johannes Bretke und seine Helfer“. Das Werk erschien 1941 in Buchform und gilt bis heute als grundlegend.Viktor Falkenhahn: Der Übersetzer der litauischen Bibel Johannes Bretke und seine Helfer. In: Beiträge zur Kultur- und Kirchengeschichte Altpreussens, Schriften der Albertus-Universität: Geisteswissenschaftliche Reihe. Band 31, Ost-Europa-Verlag, Königsberg u. a. 1941, 487 S.
Falkenhahn hielt auch Lehrveranstaltungen zu sprach- und literaturwissenschaftlichen baltistischen Themen ab.
1938 gehörte Falkenhahn zur Expertenkommission für die Umbenennung von Orten in Ostpreußen.
Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges befand er sich in Estland, wo er Dialektstudien betrieb und sprachliche Beziehungen zwischen Finnougriern, Balten und Slawen zu erforschen suchte.
1942 wurde er zum Kriegsdienst einberufen und konnte seine wissenschaftlichen Arbeiten erst nach 1945 fortsetzen.Jan Conrad (Humboldt-Universität zu Berlin): Rezension von Helmut Wilhelm Schaller: Geschichte der Slawischen und Baltischen Philologie an der Universität Königsberg, Peter Lang, Frankfurt am Main u. a. 2009, ISBN 978-3-631-57701-1, S. 359.
Wissenschaftliche Karriere nach 1945 1946 wurde Falkenhahn Assistent am Institut für Vergleichende Sprachwissenschaft der Universität Hamburg, das von dem Baltisten E. Fraenkel geleitet wurde. 1947 nahm er seine Tätigkeit am Slavischen Institut der Humboldt-Universität (Leiter: Max Vasmer) in Berlin auf. Es wurde ihm das Lektorat für Polnisch übertragen, ab 1948 für Polnisch und Litauisch.
„Der Neubeginn der Polonistik ist nicht nur in Berlin mit dem Wirken Viktor Falkenhahns untrennbar verbunden.“ betonen Krawielicki und Lehmann im Nekrolog 1988.R. Krawielicki, U. Lehmann: Nekrolog In memoriam Viktor Falkenhahn. In: Zeitschrift für Slawistik, Akademie-Verlag, Berlin, 1988, 1,151
1951 wurde an der Humboldt-Universität Berlin der Lehrstuhl für Polonistik gegründet und Falkenhahn erhielt die Professur mit Lehrauftrag für Polnische Sprache und Literatur, 1953 wurde ihm die Professur mit vollem Lehrauftrag für polnische Sprache und Literatur übertragen und 1959 die Professur mit vollem Lehrauftrag für polnische Sprache und Literatur sowie Baltistik, womit dieses Wissenschaftsgebiet aufgewertet wurde.
Diesen Lehrauftrag nahm er bis zu seiner Emeritierung 1968 wahr.Viktor Falkenhahn. In: Zeitschrift für Slawistik, Heft 1, S. 142–143, Akademie-Verlag, Berlin 1974.
1957 hatte er sich mit einer Arbeit über „Die polnische Verbalrektion und ihre Geschichte“ habilitiert.Viktor Falkenhahn: Die polnische Verbalrektion und ihre Geschichte. Humboldt-Universität, Habil.-Dissertation, Berlin 1957.
„Als Hochschullehrer hatte Viktor Falkenhahn entscheidenden Anteil an der Ausbildung einer neuen Generation von Polonisten und Baltisten,…“ vermerken Krawielicki und Lehmann im Nekrolog.R. Krawielicki, U. Lehmann: Nekrolog In memoriam Viktor Falkenhahn. In: Zeitschrift für Slawistik, Akademie-Verlag, Berlin, 1988, 1,151
Er war Mitverfasser eines Lehrbuches der Polnischen Sprache in 2 Teilen.Viktor Falkenhahn, Walter Zielke, Alice Stern: Lehrbuch der polnischen Sprache = Jezyk polski / Teil: 1, Polnisch, Deutsch, Verlag Volk u. Wissen, Berlin [u. a.] 1951, 266 S.; Viktor Falkenhahn, Walter Zielke, Alice Stern: Lehrbuch der polnischen Sprache = Jezyk polski / Teil 2, Polnisch, Deutsch, Verlag Volk u. Wissen, Berlin [u. a.] 1960, 243 S. und einer Grammatik der Polnischen Sprache.Viktor Falkenhahn, Walter Zielke: Grammatik der polnischen Sprache, Volk und Wissen, Berlin 1957, 256 S Die bibliografische Datenbank World Cat verzeichnet 27 Auflagen der Grammatik der polnischen Sprache zwischen 1957 und 1964 und noch mehr Auflagen seiner Lehrbücher der polnischen Sprache in 2 Teilen zwischen 1951 und 1969.
Falkenhahn wurde auch Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates für Slawistik beim Staatssekretariat für Hochschulwesen und gehörte dem Nationalkomitee der Slawisten der DDR an. Er war Vorsitzender der Kommission für balto-slawische Beziehungen. Jahrzehntelang wirkte er mit in der Internationalen Kommission für die Erforschung der balto-slawischen Beziehungen beim Internationalen Slawistenkomitee.Viktor Falkenhahn. In: Zeitschrift für Slawistik, Heft 1, S. 142–143, Akademie-Verlag, Berlin 1974.
Als Vorsitzender der Baltischen Gesellschaft der DDR wirkte er für die Verbreitung von Kenntnissen über die Kultur der baltischen Völker.
Erste kleinere wissenschaftliche Beiträge veröffentlichte Falkenhahn bereits ab 1934 in litauischen Zeitschriften. Viele Aufsätze erschienen in Fachzeitschriften der DDR, Polens, Litauens und anderswo. Auch seine Gutachten waren gefragt.
„Als Sprachwissenschaftler hat er vor allem sprachgeschichtliche Probleme erörtert, sich mit der urslawischen Sprachgemeinschaft beschäftigt und wiederholt die Verbalrektion im Polnischen untersucht.“ Aber auch „Reliktwörter des Slawischen auf dem Boden der DDR, die polnisch-litauischen Beziehungen, Fragen der Wirtschaftsgeschichte der Polonistik und der Sprachwissenschaften im allgemeinen“ interessierten ihn. Als „Literaturwissenschaftler beschäftigte sich Falkenhahn intensiv mit Mickiewicz sowie mit literarisch-linguistischen Problemen.“R. Krawielicki, U. Lehmann: Nekrolog In memoriam Viktor Falkenhahn. In: Zeitschrift für Slawistik, Akademie-Verlag, Berlin, 1988, 1,151
Malerei und Literatur Im Maironis-Museum (litauisch Maironio lietuvių literatūros muziejus) in Kaunas, dem zentralen Literaturmuseum Litauens befindet sich nicht nur der Briefwechsel von Viktor Falkenhahn mit Wilhelm Storost-Vydūnas. In Kaunas sind auch Bilder, die Falkenhahn gemalt und dem Museum geschenkt hat. Der Blog Prof. Dr. V. Falkenhahn präsentiert einige davon, ebenso wie Leseproben aus einer Novelle, die er verfasst hat.
Ein Band mit 142 litauischen Märchen aus allen ethnografischen Regionen Litauens in der Übersetzung von Viktor Falkenhahn erschien 1978 im Akademie-Verlag. Eine 2. Auflage gab es 1982 und eine dritte 1987 (Siehe: Publikationen).
Interlinguistik/Esperantologie In den letzten beiden Lebensjahrzehnten engagierte sich Viktor Falkenhahn in besonderem Maße für die wissenschaftliche Forschung zur internationalen Sprache Esperanto, ihre Respektierung in Wissenschaftskreisen und die Akzeptanz der Disziplinen Interlinguistik und Esperantologie unter Sprachwissenschaftlern.