mini|Jüdischer Friedhof Schwelm, die Grabsteine ausgerichtet nach Südosten (gen Jerusalem)
Der Jüdische Friedhof Schwelm besteht seit etwa 1776 und liegt außerhalb des bebauten Stadtgebiets von Schwelm (Ennepe-Ruhr-Kreis, Nordrhein-Westfalen) in ländlicher Umgebung, ca. 1300 Meter Fußweg entfernt vom alten Stadtkern. Der Friedhof wurde über annähernd 170 Jahre von den Juden Schwelms sowie umliegender Orte, darunter Gevelsberg und Langerfeld genutzt. Das letzte Begräbnis fand 1943 statt, etwa zeitgleich mit der völligen Auslöschung der jüdischen Gemeinde am Ort.
Erhalten sind 86 Grabsteine, darunter der älteste von 1713 (der Stein wurde offenbar auf diesen Friedhof umgesetzt) und der zweitälteste von 1817. Ein Grabstein des 20. Jhs. ist das Werk des Bildhauers Leopold Fleischhacker. Der Friedhof ist seit 1992 denkmalgeschützt. Erhalt und Pflege betreiben die Stadt Schwelm sowie Ehrenamtliche, in Anerkennung eines jüdischen Gesetzes der zeitlich unbegrenzten Totenruhe.
Lage und Zuweg
Der Friedhof liegt in südlicher Richtung der Altstadt Schwelms auf der stadtabgewandten Seite des Höhenzugs Winterberg – Ehrenberg. Die fußläufige Verbindung vom Ortskern führt über historische Wege der mittelalterlichen Anbindung Schwelms an Köln:Wilhelm von Kürten: Die Verkehrsstellung des Schwelmer Raumes im Wandel der Zeit. In: Beiträge zur Heimatkunde der Stadt Schwelm und ihrer Umgebung. Bd. 10, 1960, S. 5–7.
Kölner Straße – Im Wildeborn – Delle, oder Kölner Straße – Weilenhäuschenstraße – Max-Klein-Straße – Fortführung auf Wald- und Feldweg über „Gooshaiken“ / Haus Bandwirkerweg 25
Letztere Wegführung ist Teil des heutigen Jakobswegs und als solches beschildert.Karte zum Wegverlauf bei jakobswege-europa.de, abgerufen am 24. Februar 2019. Im Bereich „Gooshaiken“ sind Abschnitte denkmalgeschützt als historischer Hohlweg (Bodendenkmal seit 1991).Denkmalliste der Stadt Schwelm gemäß § 3 DSchG NW vom 11. März 1980. Übersicht der bisher unter Denkmalschutz gestellten Objekte. Stand: November 2007, S. 4 (schwelm.de; PDF; 91 kB; abgerufen am 24. Februar 2019; siehe dort „Bodendenkmal Nr. B1“).
Der Friedhof grenzt an die Ortschaft Delle an und ist lokal auch als „Friedhof an der Delle“ bekannt.Wollmerstädt S. 26, 36. Sowohl von der Straße „Delle“ wie auch vom kreuzenden Bandwirkerweg führen im rechten Winkel Feldwege zum Friedhof (ab Haus Bandwirkerweg 25: stadtauswärts ca. 200 m).
An einem Hang mit südöstlicher Ausrichtung gelegen, ist der Friedhof zu drei Seiten von Wiesen umgeben und ostseitig an Wald angrenzend. Seine Form ist weitgehend rechteckig bei mittleren Maßen von etwa 65 × 26 Metern. Eine Hecke und ein grundsätzlich verschlossenes Tor frieden den Ort ein. (Besucher erhalten einen Schlüssel bei der Stadtverwaltung.)
Geschichte und Beschreibung mini|Ort des ersten jüdischen Friedhofs an der Stelle der heutigen Hauptstr. 53a (Bildmitte)
Bis etwa 1776 begruben die Juden Schwelms ihre Toten am außenseitigen Fuß der Stadtmauer im Winkel eines Mauervorsprungs. Es ist der heutige Ort der Kreuzung Untermauerstraße-Schulstraße und dort eines Gebäudes am Anfang des „Brauereigässchens“ (Hinterhaus zu Hauptstraße 53). Das Gebäude wurde über dem einstigen jüdischen Begräbnisort errichtet.Helbeck S. 114–116. Zur betreffenden Zeit um 1776 lebten etwa fünf jüdische Familien in der Stadt.Helbeck S. 27, Wollmerstädt S. 21. Ihnen war ein Begräbnis ihrer Toten auf dem regulären Friedhof innerhalb der Stadtmauer verwehrt.Wollmerstädt S. 25.
Als sich am Mauerfuß keine weiteren Gräber anlegen ließen, erwarb die jüdische Gemeinde das Grundstück des heute erhaltenen Friedhofs außerhalb der Stadt. Die Ortswahl begünstigte eine gegebene Hangneigung der Fläche und ihre Ausrichtung nach Südosten. Nach alter Tradition wurden jüdische Friedhöfe bevorzugt an Hängen angelegt, mit einer Ausrichtung der Toten und der Grabsteine nach Südosten, dem Heiligen Land und Jerusalem entgegen.Wollmerstädt S. 26; Böning (1988) S. 131.
Der erste Begräbnisort an der Stadtmauer wurde derweil weiter erhalten, einem jüdischen Gesetz ewiger Totenruhe verpflichtet. Über dieses Gesetz und den Protest der jüdischen Gemeinde setzte sich die Stadtverwaltung hinweg, als sie 1829 den Bau des (heute erhaltenen) Gebäudes über der Gräberstätte genehmigte.
Auf dem neuen Friedhof außerhalb der Stadt begann man die Belegung zunächst im obersten Bereich des Hangs und erweiterte sie hangabwärts.Vgl. Friedhofsplan von 2017. Die beiden ältesten Grabsteine finden sich noch heute an höchster Stelle: im äußersten Norden ein Stein mit barockem Schmuck von 1713 (vgl. unten, Mirjam Hakohen), im äußersten Westen ein bemerkenswert gut erhaltener Stein von 1817 (vgl. unten, Anschel Jakob).
Ein mittlerer Stufenweg teilt die Friedhofsfläche in etwa zwei Hälften. Die südwestliche (vom Eingang rechts) wird von einem älteren Gräberfeld eingenommen, die nordöstliche von einem neueren.Böning (1988) S. 132. Unmittelbar am Weg und in Eingangsnähe sind Gräber von herausragenden Gemeindemitgliedern angeordnet, darunter Gemeindevorsteher aus mehreren Generationen der Familie Meyer (vgl. unten).Vorsteher David Meyer sen., David Meyer jun., Joseph Meyer, vgl. Friedhofsplan von 2017. – Jüdische Friedhöfe weisen häufig „Ehren-Bereiche“ in Eingangsnähe für verdiente Persönlichkeiten auf, vgl. Brocke/Müller S. 21, 22.
mini|Älteres Gräberfeld aus dem 19. Jh.
Die frühen Gräber sind in lockerer Anordnung auf der Fläche verteilt. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts nimmt die Belegung eine zunehmend geordnete Reihenstruktur an. In chronologischer Folge fügen sich die Grabstellen vom Mittelweg nach außen aneinander, in Reihen sich hangabwärts fortsetzend. Auf dem älteren Gräberfeld erreicht die Chronologie das Jahr 1911 in der untersten Reihe am fernen Ende. Sie springt zurück hinauf zum Eingang, um sich von dort in den Nordostteil fortzusetzen, das neuere Gräberfeld bildend. Hier entstehen auf terrassiertem Gelände vier Reihen, die unterste mit nurmehr einem einzigen Grab, dem zeitlich letzten des Friedhofs von 1943 (vgl. unten, Artur Cohn).
Materialien, Formen und Inschriften der Grabsteine reflektieren die Chronologie des Orts. Die älteren Steine aus der Zeit bis in das späte 19. Jahrhundert sind überwiegend aus Sandstein in hochrechteckiger Form, oberseitig mit traditionellem Rundbogenabschluss.Helbeck S. 117. Ihre Beschriftung ist bis zur Jahrhundertmitte nur in Hebräisch, dann beginnen sich kurze Angaben in deutscher Sprache auf der Rückseite zu ergänzen.Böning (1988) S. 131. Zum Jahrhundertende wechselt das Deutsche auf die Vorderseite, sich dort zunächst noch der hebräischen Inschrift unterordnend. Die Grabsteine dazu sind aus poliertem Granit und von zunehmend mannigfaltiger Form, besonders häufig mit Obeliskenmotiv. Das Hebräische wandert hinab zum Sockel des Steins oder auf dessen Rückseite, zum Teil wird es ganz aufgegeben.
In dieser Entwicklung manifestiert sich die zunehmende Assimilation und Integration der (Schwelmer) Juden in die ansässige Mehrheitsgesellschaft ab dem mittleren 19. Jh. Spätere Grabsteine des 20. Jhs. lassen die jüdische Identität nur noch diskret erkennen, in der Regel mit kurzen, standardisierten Formeln in Hebräisch, oberseitig und unterseitig die deutsche (Haupt-)Inschrift rahmend (oben: – „Hier liegt“, unten: – Abkürzung für „Seine/ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens“). Dazu nehmen die Steine im 20. Jh. meist breitrechteckige Form als Familiengrabsteine an.Friedhofsplan von 2017.
Die Namen der Begrabenen lassen erkennen, dass der größte Teil sich nur sechs alten Familien Schwelms zuordnet, alle diese über viele Generationen der Stadt zugehörig, einige seit dem 17. Jh.Helbeck S. 128–131. Es sind:
mini|Neueres Gräberfeld aus dem 20. Jh.
Familie in Schwelm über dazu erhalten Anschel 4 Generationen 7 Grabsteine Calmann 8 Generationen 10 Grabsteine Herz 5 Generationen 9 Grabsteine Marcus 6 Generationen 7 Grabsteine Meyer 7 Generationen 13 Grabsteine Rosendahl 6 Generationen 8 Grabsteine
Als Nutzer des Friedhofs umfasste die jüdische Gemeinde in Schwelm gegen Ende des 18. Jhs. etwa 30 bis 40 Personen, sie erweiterte sich über den Lauf des 19. Jhs. auf zeitweise bis zu 80 Personen und schrumpfte wieder im 20. Jh., zuletzt drastisch.Helbeck S. 127. Es ergänzten sich ab der 19. Jahrhundertmitte auch Juden aus den benachbarten Landgemeinden von Gevelsberg, Voerde, Milspe, Langerfeld und Sprockhövel als Nutzer der Synagoge und des Friedhofs in Schwelm.Wolfgang Fenner: Schwelm. In: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen. Neue Folge. Band 12). Hrsg. von Frank Göttmann. Ardey-Verlag, Münster 2016, ISBN 978-3-87023-284-9, S. 704; Helbeck S. 44, 73–74. Von ihnen zeugen die erhaltenen Grabsteine der Namen Auerbach, Barmé, Buscher, Frankenberg, Frankenstein, Podemski und Wendriner.Zu Auerbach, Barmé, Frankenberg: Wollmerstädt S. 33; zu Frankenstein, Buscher, Wendriner: Rolf Kappel: Unbekannt wohin verzogen. Jüdinnen und Juden in Gevelsberg (= Beiträge zur Förderung des christlich-jüdischen Dialogs. Band 7). Reiner Padligur, Hagen 1991, ISBN 3-922957-31-5, S. 98, 102, 115.
In der Zeit des Nationalsozialismus dezimierten Flucht, Deportation und Ermordung die jüdische Gemeinde Schwelms bis zu ihrer völligen Auslöschung zu Jahresende 1944.Wollmerstädt S. 36. Der Friedhof wurde in dieser Zeit mehrfach Ziel von Vandalismus und Schändung, unter anderem in der „Reichskristallnacht“ von 1938, im Umfeld des Aufrufs zur „Reichsmetallspende“ von 1940, erneut 1942 und 1945.Adolf Diamant: Jüdische Friedhöfe in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme. Frankfurt am Main 1982, S. 168; zu 1938 und 1942: Wollmerstädt S. 34–36. Dabei wurden Grabsteine beschmiert, beschädigt, umgestürzt und zerschlagen. Zeugen beschrieben 1943 und 1945 den Ort als „verwüstet“ und „völlig zerstört“, sämtliche Steine auf der Fläche seien umgeworfen gewesen.Albano-Müller S. 47, 65, 77; Wollmerstädt S. 36.
mini|Einer der ältesten Steine, gewidmet Sarah Rosenthal, 1842 (links)
Erste Aufräumarbeiten ab 1945 leistete ehrenamtlich die Schwelmerin Martha Kronenberg.Albano-Müller S. 77. Später engagierte sich die Stadt bei der Wiederaufstellung und Instandsetzung der Grabsteine. Dabei mögen Steine nicht am originalen Ort wiederaufgestellt worden sein, so dass das heutige Bild keine zuverlässige historische Aussage erlaubt.Es handelt sich um eine wiederkehrende Problematik jüdischer Friedhöfe in Deutschland, vgl. Brocke/Müller S. 119, 136. Einer der Steine wurde verkehrtherum aufgestellt, mit der hebräischen Inschrift zur Rückseite.Böning (1989) S. 43. Bruchstücke von zerstörten Steinen wurden nicht erhalten. Die heute zahlreich vorzufindenden Leerflächen mögen sich aus den Zerstörungen ableiten. Mindestens ein bekanntes Grab (Fabrikant Josef Wassertrüdiger) lässt sich nicht mehr auffinden.Wollmerstädt S. 40.