mini|hochkant|Mélanie Berger-Volle, Oktober 2022 rechts|hochkant|rahmenlos|Unterschrift Mélanie Berger-Volle Mélanie Berger-Volle (* 8. Oktober 1921 in Wien als Melanie Berger) ist eine österreichisch-französische Widerstandskämpferin gegen den Austrofaschismus und Nationalsozialismus sowie Zeitzeugin.Karin Nusko: , am Institut für Wissenschaft und Kunst, Wien.Nils Klawitter: Auf der Flucht. In: spiegel.de/geschichte, abgerufen am 4. April 2019.Nils Klawitter: Auf der Flucht. In: Der Spiegel Geschichte, Ausgabe 2/2019, März 2019, S. 84–89.
Leben und Wirken Jugend und Widerstand in Österreich und Frankreich
mini|hochkant|Mélanie Berger mit Männerfrisur zur Zeit ihres Grenzübertrittes von Belgien nach Frankreich, 1939 rechts|hochkant|rahmenlos|Unterschrift Mélanie Berger, Deckname „Nelly“
Melanie Berger wuchs in einer jüdischen Familie in Wien-Leopoldstadt auf. Sie absolvierte die Hauptschule und erlernte anschließend im Rahmen ihrer Ausbildung zur Schneiderin den Beruf der Miedermacherin. Sie begann laut eigenen Angaben bereits mit 13 Jahren politisch zu denken.„Damit bin ich nicht einverstanden“. Die Resistance-Kämpferin Mélanie Volle-Berger. In: wuppertaler-widerstand.de, Flyer zum Zeitzeuginnengespräch in der CityKirche Wuppertal-Elberfeld, 25. Juni 2015, abgerufen am 1. März 2019. (pdf) Politisch sozialisiert in der Arbeiterbewegung,„Damit bin ich nicht einverstanden“ – die Résistance-Kämpferin Melanie Volle-Berger im Zeitzeugengespräch. In: bewegung.taz.de, abgerufen am 1. März 2019. beteiligte sie sich während des Austrofaschismus schon mit 15 Jahren an der illegalen Arbeit und trat bereits als Schülerin den Revolutionären Sozialisten Österreichs bei. Treffpunkt der Anhänger der verbotenen Partei war ein Nacktbadestrand in der Wiener Lobau. In einem Interview erzählte sie einmal, dass sie dort ihre ersten politischen Diskussionen wohl nackt begonnen hätte.genug gefragt: Inzwischen ist sie 97. In: rainerrosenberg.at, 9. Oktober 2018, abgerufen am 1. März 2019. Wenig später schloss sie sich der antistalinistischen, internationalistischen Organisation der „Revolutionären Kommunisten Österreichs“ (RKÖ) an,Ich wollte die Welt verändern, Interview von Alexander U. Mathé mit Mélanie Volle-Berger. In: wienerzeitung.at, 11. November 2013, abgerufen am 1. März 2019. zu deren Gründern Georg Scheuer (1915–1996), Josef Hindels (1916–1990), Karl Fischer (1918–1963) und Ernst Federn (1914–2007) zählen.
Im Mai 1938 emigrierte sie, nach dem „Anschluss“ Österreichs als Jüdin und Kommunistin von Verhaftung bedroht, zusammen mit zwei etwas älteren Genossen, darunter Arthur Streicher (1917–1942),Fritz Keller: Quelques biographies de militants de l'Opposition autrichienne. In: Cahier Leon Trotsky Nr. 5, Paris Janvier-Mars 1980, S. 114. (französisch): Arthur Streicher wurde 1942 von der Gestapo an der Demarkationslinie zwischen der von der Wehrmacht besetzten Nordzone Frankreichs und der unbesetzten Südzone verhaftet, deportiert und an einem unbekannten Ort ermordet. über Deutschland nach Belgien, wo sie als illegale Ausländerin in Antwerpen lebte. Gemeinsam mit Georg Scheuer, der sich zu dieser Zeit wie Karl Fischer ebenfalls in Antwerpen aufhielt,Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 43 f. ging sie im Frühjahr 1939 nach Frankreich, wobei sie sich beim Grenzübertritt als Grenzarbeiter mit Männerfrisur tarnte. In Paris schützte sie zunächst unter anderem ihr Name Melanie Berger, der sowohl deutsch als auch französisch verstanden und verwendet werden konnte. Sie erhielt sogar eine der begehrten Aufenthaltsbewilligungen. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde sie jedoch wie andere Antifaschisten als feindliche Ausländerin verfolgt und nach Clermont-Ferrand ausgewiesen. Von hier aus sollte sie per Zug ins Camp de Gurs gebracht und dort inhaftiert werden. Sie blieb allerdings in Clermont-Ferrand, fand dort eine Arbeit als Dienstmädchen bei einem Arzt und konnte so einer Internierung vorläufig entgehen.
Während ihre Freunde Georg Scheuer und Gustav GronichGronich, Gustav, in: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. München: Saur, 1980, S. 243 (1916–2003)Cécile Denis: GRONICH Gustav (surnoms Max, Gusti). In: maitron.fr, 25. April 2020, abgerufen am 17. September 2021. im Camp des Milles inhaftiert waren, gelang es ihr, die Verbindungen der RKÖ-Gruppe zwischen den Stützpunkten in Antwerpen, Les Milles, London, Zürich und New York aufrechtzuerhalten. Auf der Suche nach der Gruppe und um der deutschen Wehrmacht zu entgehen, zog sie 1940 in den Süden Frankreichs und siedelte sich in Montauban an. Dort traf sie wieder mit Georg Scheuer zusammen.
Am 26. Jänner 1942 wurde sie durch die französische Polizei verhaftet und in das Frauengefängnis St. Michel in Toulouse überstellt. Das dortige Militärtribunal verurteilte sie am 18. Dezember 1942 wegen „kommunistischer und anarchistischer Aktivität“ zu 15 Jahren Zuchthaus. Kurz darauf wurde sie in das Frauengefängnis Les Baumettes in Marseille deportiert. Die Situation von „Anna“ bzw. „Nelly“, so die Decknamen Melanie Bergers im Widerstand (siehe Decknamen-Unterschrift „Nelly“ im Bild rechts), wurde prekär, da die Gestapo seit 1943 in den Gefängnissen des Vichy-Regimes nach politischen Häftlingen forschte. Nachdem sie im Oktober 1943 mit akuter Gelbsucht in das Gefängnisspital eingeliefert worden war, konnte sie am 15. Oktober 1943 von dort in einer spektakulären Aktion durch ein Kommando der RKÖ, bestehend aus Ignaz Duhl (1918–1943),Fritz Keller: Quelques biographies de militants de l'Opposition autrichienne. In: Cahier Leon Trotsky Nr. 5, Paris Janvier-Mars 1980, S. 109. (französisch): Ignaz Duhl wurde 1943 in Marseille von der Gestapo verhaftet und ermordet.Michel Thébault: DUHL Ignaz. In: maitron.fr, 21. April 2020, abgerufen am 17. September 2021. Gustav Gronich,Fritz Keller: Quelques biographies de militants de l'Opposition autrichienne. In: Cahier Leon Trotsky Nr. 5, Paris Janvier-Mars 1980, S. 110. (französisch): Gustav Gronich war von 1938 bis 1939 in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald interniert. Von dort flüchtete er nach Frankreich. Lotte IsraelGeorg Scheuer: Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem dreißigjährigen Krieg, 1915–1945. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1991, ISBN 3-85115-133-X, S. 178. und Georg Scheuer,Fritz Keller: Quelques biographies de militants de l'Opposition autrichienne. In: Cahier Leon Trotsky Nr. 5, Paris Janvier-Mars 1980, S. 113. (französisch)Georg Scheuer: Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem dreißigjährigen Krieg, 1915–1945. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1991, ISBN 3-85115-133-X, S. 178. befreit werden.Fritz Keller: (englisch).Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 70 f.Georg Scheuer: Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem dreißigjährigen Krieg, 1915–1945. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1991, ISBN 3-85115-133-X, S. 172 ff. Mitglieder der RKÖ, unter denen sich auch ein namentlich nicht bekannter, zur Desertion bereiter Wehrmachtsoldat in Uniform, der für die Teilnahme gewonnen werden konnte, befand, gaben sich dabei mit gefälschten Papieren als Gestapo-Funktionäre aus, die gekommen seien, um sie zum Verhör abzuholen.Georg Scheuer: Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem dreißigjährigen Krieg, 1915–1945. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1991, ISBN 3-85115-133-X, S. 177 ff.Fritz Keller: Quelques biographies de militants de l'Opposition autrichienne. In: Cahier Leon Trotsky Nr. 5, Paris Janvier-Mars 1980, S. 108. (französisch)Wolfgang Neugebauer: Bewaffneter Widerstand – Widerstand im Militär: Ein Überblick. In: Christine Schindler (Red.): Schwerpunkt: Bewaffneter Widerstand – Widerstand im Militär. Jahrbuch des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes 2009, Hrsg. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, LIT, Wien Berlin Münster 2009, ISBN 978-3-643-50010-6, S. 21. Berger konnte der RKÖ-Gruppe davor vom Krankenhaus aus auf konspirativen Wegen erklären, was zu tun sei, um sie befreien zu können.
Die Befreite nahm anschließend mit der Résistance Kontakt auf und setzte dort ihr Engagement mit falschen Papieren und unter wechselnden Namen fort.Menschenbilder: „Damit bin ich nicht einverstanden“ – die Resistance-Kämpferin Melanie Volle-Berger In: oe1.orf.at, 7. Oktober 2018, abgerufen am 1. März 2019.
Nach 1945 mini|hochkant|Mélanie Berger auf der Canebière, der Hauptgeschäftsstraße Marseilles, April 1946
Melanie Berger hielt sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst staatenlos in Paris auf und verdingte sich sporadisch in der Bekleidungsindustrie und im Haushalt. Am 15. Juli 1947 heiratete sie den Lehrer Roger Essel und erhielt die französische Staatsbürgerschaft. Sie konnte als Schaustellerin arbeiten und auf Märkten Strickwaren und sonstige von ihr hergestellte Artikel verkaufen. Das Ehepaar übersiedelte nach dem Verlust eines kleinen Kindes nach Madagaskar. Dort arbeitete sie in einem Labor. 1957 trennte sie sich von ihrem Mann, kehrte nach Paris zurück und ließ sich 1958 scheiden.
Während eines Besuches bei ihren Eltern in Wien lernte sie den französischen Journalisten Lucien Volle kennen, den sie am 14. Juni 1965 heiratete. Lucien Volle war führend in der Résistance tätig gewesen und wurde als „Capitaine Lulu“ der Widerstandsgruppe „Lafayette“ in der „Résistance en Haute-Loire“ bekannt.Lucien Volle « Capitaine Lulu » – Résistance en Haute-Loire. In: culture43.fr, abgerufen am 1. März 2019. (französisch)Christian Robert: Lucien Volle. In: histoiresdauvergnats.com, 23. Februar 2018, abgerufen am 4. März 2019. (französisch)Nécrologie : Lucien Volle, ancien Résistant de Haute-Loire. In: laruche.fr, 7. August 2012, abgerufen am 1. März 2019. (französisch) In Wien arbeitete Berger-Volle als Verkäuferin in einem Modegeschäft und wurde später dessen Leiterin.
1967 übersiedelte das Paar nach Paris und 1969 weiter nach Drancy. Mélanie Berger-Volle arbeitete dort im Gemeindeamt. Sie und ihr Mann engagierten sich in verschiedenen Organisationen ehemaliger Widerstandskämpfer wie der ANACR („Association nationale des anciens combattants de la Résistance“). Nach der Pensionierung übersiedelte das Ehepaar 1982 nach Brives-Charensac im Département Haute-Loire in der Region Auvergne-Rhône-Alpes und widmete sich gemeinsam bis zum Tod Lucien Volles am 4. August 2012 der Erinnerungsarbeit.
Seit 2012 lebt sie in einer Seniorenresidenz in Saint-Étienne.
Mélanie Berger-Volle ist auch in hohem Alter weiterhin als Zeitzeugin tätig,Louis Brun (Hrsg.): Mélanie Berger-Volle: résister à tout prix. In: lecafuron.fr, 11. Jänner 2017, abgerufen am 13. März 2019. (französisch)Marina Käfer: Mélanie Berger-Volle. In: linkswende.org, 11. Juni 2019, abgerufen am 6. Oktober 2019. wie auch in YouTube-Videos nachzuverfolgen ist.