Der Missbrauchsfall Lügde ist ein Kriminalfall des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern sowie der Produktion und Verbreitung von Kinderpornografie in Lügde in Nordrhein-Westfalen. Tatort war der Campingplatz Eichwald im Ortsteil Elbrinxen über einen Zeitraum von rund 10 Jahren zwischen Anfang 2008 und der Festnahme des Haupttäters am 6. Dezember 2018. Die Staatsanwaltschaft Detmold geht von 1000 Einzeltaten innerhalb dieser Zeit aus. Der Fall wurde am 30. Januar 2019 von den Ermittlungsbehörden öffentlich gemachtMissbrauch auf Campingplatz in Lügde begann vor mehr als zehn Jahren in Neue Osnabrücker Zeitung vom 26. Februar 2019 und weitete sich zu einem Polizei- und Jugendamtsskandal aus.
Der Prozess gegen die drei Haupttäter begann am 27. Juni 2019 vor dem Landgericht Detmold und endete am 5. September 2019 mit der Verurteilung von zwei Angeklagten zu 13 Jahren sowie 12 Jahren Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung. Gegen den dritten Angeklagten verhängte das Landgericht in einem abgetrennten Verfahren am 17. Juli 2019 eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren.
Täter und Tatgeschehen Die Haupttäter waren drei Männer. Der 56-jährige alleinstehende und arbeitslose Hauptverdächtige Andreas V. aus Lügde lebte seit über 30 Jahren auf einem Campingplatz im Lügder Ortsteil Elbrinxen. Als Dauercamper bewohnte er eine selbst errichtete Holzhütte und nutzte einen Wohnwagen. Er saß ab dem 6. Dezember 2018 in Untersuchungshaft; die beiden anderen Hauptverdächtigen waren ab dem 10. bzw. 11. Januar 2019 inhaftiert.
Der Hauptbeschuldigte Andreas V. und der 33-jährige arbeitslose Tatverdächtige Mario S. aus Steinheim sollen auf dem Campingplatz Kinder missbraucht und das Tatgeschehen gefilmt haben. Der dritte, 48-jährige, Tatverdächtige Heiko V. aus Stade sei der Auftraggeber dafür gewesen. Er soll nie in Lügde gewesen sein, habe aber das Geschehen über das Internet verfolgt und gesteuert. Was man über den Missbrauch von Lügde weiß bei ntv vom 31. Januar 2019
Dem Hauptverdächtigen wurde ab 2016 ein damals sechsjähriges Mädchens durch das örtliche Jugendamt in Pflege gegeben. Durch dieses Mädchen erlangte er Kontakte zu weiteren Kindern. Seit dieser Zeit sollen sich die meisten Übergriffe ereignet haben. Als Pflegevater des Mädchens habe er Kontakt zu anderen Kindern hergestellt und für eine angenehme Atmosphäre gesorgt, etwa durch Ausflüge ins Schwimmbad.
Im Laufe der Ermittlungen weitete sich der Täterkreis um fünf weitere Verdächtige wegen Strafvereitelung und Beihilfe auf insgesamt acht Personen aus. Ein weiterer Verdächtiger ist ein 16-jähriger Jugendlicher, der kinderpornografisches Material besessen haben soll, welches auf dem Campingplatz entstanden sei.
Opfer Im Laufe der Ermittlungen wurden zunächst 31 Opfer im Alter von 4 bis 13 Jahren bekannt, bei denen es sich um 27 Mädchen und vier Jungen aus dem Umfeld des Campingplatzes handelte. In mehr als 1000 Fällen wurden sie Opfer sexuellen Missbrauchs.Verbrechen, verabredet per E-Mail bei Spiegel Online vom 15. Februar 2019 Zu den Opfern zählt auch das Mädchen, das im Jahr 2016 als Pflegekind in die Obhut des Hauptverdächtigen gegeben wurde.
Am 14. März 2019 berichtete der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) vor dem Innenausschuss des Landtags Nordrhein-Westfalen über mindestens 34 Opfer (28 Mädchen und sechs Jungen) und weitere 14 Verdachtslagen. Im April 2019 stieg die Zahl auf mindestens 40 Kinder und zwölf weitere Verdachtsfälle.
Aufdeckung Im Jahr 2016 erhielt die Polizei Lippe zwei Hinweise auf sexuellen Missbrauch durch den Hauptverdächtigen. Zwei Ortsbesichtigungen durch das Jugendamt Blomberg haben die Hinweise jedoch nicht erhärtet. Es wurden keine weiteren Ermittlungen eingeleitet.
In 2018 offenbarte eine 9-Jährige ihrer Mutter, dass Andreas V. sie im Juni/Juli 2018 auf dem Campingplatz in Lügde vergewaltigt hatte. Die Mutter erstattete aus Angst vor dem Beschuldigten erst am 20. Oktober 2018 Anzeige bei der Polizei in Bad Pyrmont. Erst am 6. Dezember wurde der Verdächtige in Haft genommen (siehe unten). Am 30. Oktober 2018 wurden die Mutter und das Kind im Polizeikommissariat Bad Pyrmont vernommen. Die 9-Jährige schilderte, dass der Hauptbeschuldigte sie und seine Pflegetochter, mit der das Mädchen befreundet war, mehrfach sexuell missbraucht habe.Landgericht Detmold, 23 KLs 22 Js 1087/18 - 14/19 ECLI:DE:LGDT:2019:0905.23KLS22JS1087.18.00, Urteil, Nebenklägerin N20, Taten 1.263 – 1.271, insbesondere Tat 1.269 mit Einzelstrafe 4 Jahre 2 Monate. Polizeibeamte haben die Informationen an das Jugendamt weitergeleitet, ohne umgehend weitere Schritte zu unternehmen.
Ermittlungen und Beweismittel Kreispolizeibehörde Lippe und Ermittlungskommission „Camping“ Die Anzeige vom 20. Oktober 2018 beim Polizeikommissariat Bad Pyrmont wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs wurde erst am 12. November 2018 an die zuständige Kreispolizeibehörde Lippe in Detmold weitergeleitet. Das Fachkommissariat für Sexualdelikte übernahm die Ermittlungen. Am nächsten Tag informierte die Kreispolizeibehörde Lippe telefonisch das Jugendamt Blomberg über die Erkenntnisse zum sexuellen Missbrauch der Pflegetochter. Am gleichen Tag, dem 13. November wurde das 6-jährige Mädchen durch Mitarbeiter des Jugendamtes Blomberg in Obhut genommen. Aufgrund verschiedener durch die Kindsmutter veranlasster Terminverschiebungen erfolgte die Anhörung des Mädchens erst am 28. November 2018. Bei dieser Anhörung gab die Mutter einen Hinweis auf ein weiteres Opfer aus dem Bekanntenkreis.
Am 4. Dezember 2018 beantragte die Kreispolizeibehörde Lippe beim Amtsgericht Detmold einen Durchsuchungsbeschluss für die Wohnungen des Hauptbeschuldigten (u. a. das Tatobjekt auf dem Campingplatz in Lügde) und einen Untersuchungshaftbefehl. Dem wurde am Folgetag stattgegeben und am 6. Dezember 2018 der Hauptverdächtigen Andreas V. verhaftet. Zahlreiche Beweismittel wurden sichergestellt.
Am 13. Dezember 2018 richtete die Kreispolizeibehörde Lippe die Ermittlungskommission (EK) „Camping“ mit zunächst vier Beamten ein und erhöhte die Zahl am 17. Dezember 2018 auf acht bis zeitweise neun Beamte. Bis zum 16. Dezember 2018 berichtete die Kreispolizeibehörde Lippe dem Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen über neun beweiserheblich festgestellte Fälle des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und die dazu veranlassten Maßnahmen. Dieser Bericht wurde auch dem nordrhein-westfälischen Innenministerium zugeleitet.
Polizeiversagen Den zwei Hinweisen auf sexuellen Missbrauch durch den Hauptverdächtigen im Jahr 2016 war die Polizei nicht weiter nachgegangen.
Von der Anzeige der Mutter bis zur Festnahme des Hauptverdächtigen vergingen fast sieben Wochen (48 Tage; siehe oben).
Am 21. Februar 2019 wurde öffentlich bekannt, dass vor mehreren Wochen Beweismaterial in Form von 155 Datenträgern auf ungeklärte Weise aus einem Dienstraum der Kreispolizeibehörde Lippe verschwunden war, ohne dass dies jemand zur Kenntnis genommen hatte. Die verschwundenen Datenträger waren zuletzt am 20. Dezember 2018 gesehen worden; der Verlust war erst Mitte Januar 2019 aufgefallen. Die Staatsanwaltschaft Detmold wurde erstmals am 13. Februar 2019 mündlich und am 14. Februar 2019 schriftlich über das Verschwinden der Beweismittel informiert. Am 6. März 2019 eröffnete hierzu die Staatsanwaltschaft Detmold ein Strafverfahren gegen Unbekannt wegen Diebstahls.
Der nordrhein-westfälische Innenminister Reul bezeichnete dies als „Polizeiversagen“. Die örtliche Behörde räumte eine „eklatante Fehlleistung“ ein. Ein Kommissaranwärter hatte 155 Datenträger gesichtet und eine Mappe mit 49 CDs sowie einen Alu-Koffer mit 106 CDs auf einem Schreibtisch liegen gelassen. Ein unabhängiger Kommissariatsleiter wurde mit einer Untersuchung beauftragt. Ausweislich der Protokolle der Auswertungssoftware hatten die Beamten der IT-Unterstützung der Kreispolizeibehörde Lippe bis dahin fünf externe Festplatten, 18 in Computern eingebaute Festplatten, drei CD/DVDs, zwölf SD- und microSD-Karten, zehn Mobiltelefone und Tablets, neun USB-Sticks und fünf Digitalkameras (DigiCam) gesichtet. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) sprach angesichts der verschwundenen Beweise von einer „Katastrophe“ für das Ansehen der Polizei. Der Vorsitzende des nordrhein-westfälischen Landesverbandes des BDK wies auf die seit Jahren angespannte Personalsituation bei Polizei und Justiz hin. Die Staatsanwaltschaft Detmold teilte mit, dass die Asservate nach ihrer Einschätzung nicht entwendet worden wären, sondern aufgrund nachlässigen Umgangs nicht auffindbar seien. Ein Diebstahl könne aber auch nicht ausgeschlossen werden. Nach Angaben des Sonderermittlers des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen reiche das noch vorhandene Material aus, um den Hauptverdächtigen zu überführen.
Am 22. Februar 2019 entschuldigte sich Landrat Axel Lehmann (SPD) als Leiter der Verwaltung bei den Betroffenen des Missbrauchsfalls und entband den Leiter der Direktion Kriminalität der Kreispolizeibehörde Lippe von der Wahrnehmung seiner Aufgaben.Landrat entlässt Leiter der Direktion Kriminalität bei radio-lippe vom 22. Februar 2019 Das nordrhein-westfälische Innenministerium veranlasste zudem eine Prüfung der Vorgänge durch das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen. Am 26. Februar 2019 gab die Kreispolizeibehörde Lippe in einer Pressemitteilung bekannt, dass das nordrhein-westfälische Innenministerium die Leitung der Behörde „kurzfristig neu aufgestellt“ habe. Auf Anordnung von Innenminister Reul wurde ebenso der Polizeidirektor der Kreispolizeibehörde Lippe versetzt. Reul berichtete, dass die seit 31. Januar 2019 vom Polizeipräsidium Bielefeld geführten Ermittlungen in zwei Komplexe „sexueller Missbrauch“ und „Behördenermittlungen“ unterteilt worden seien.
Kreispolizeibehörde Lippe: tabellarische Übersicht Sexualdelikte Das Polizeipräsidium Bielefeld teilte am 26. Februar 2019 dem nordrhein-westfälischen Innenministerium mit, dass die Ermittlungskommission „Behördenermittlungen“ eine sehr umfangreiche tabellarische Übersicht der Kreispolizeibehörde Lippe entdeckt habe, in der Hinweise auf Sexualdelikte aufgeführt seien und die offensichtlich seit 1999 fortgeschrieben werde. Bei einzelnen Hinweisen seien Tagebuchnummern aufgeführt, bei anderen jedoch nicht. Unter dem Datum 28. Januar 2002 sei der Verdacht eingetragen, dass der nunmehr Hauptbeschuldigte ein damals 8-jähriges Mädchen missbraucht habe. Da hierzu keine entsprechende Tagebuchnummer erfasst sei, werde noch geprüft, ob seinerzeit ein Ermittlungsverfahren durch die Kreispolizeibehörde Lippe eingeleitet worden war.
Disziplinar- und Strafverfahren Am 12. März 2019 teilte die Kreispolizeibehörde Lippe mit, dass gegen zwei Beamte wegen fehlerhafter Sachbearbeitung ein Disziplinar- und Strafverfahren eingeleitet werde. Bei einer internen Betrachtung gab es demnach „gravierende Mängel in der Sachbearbeitung“.
Leiter Ermittlungskommission „Camping“ suspendiert Am 14. März 2019 wurde auf eine Strafanzeige des neu eingesetzten Leiters der Kriminalpolizei in Detmold hin ein früherer Leiter der Ermittlungskommission „Camping“ zum Missbrauchsfall Lügde suspendiert. Er wurde der Strafvereitelung in einem anderen Sexualstrafverfahren „zum Nachteil einer erwachsenen Frau“ und Siegelbruch in zwei weiteren Ermittlungsverfahren verdächtigt. Mit den Ermittlungen beauftragt gewesen war er von 18. Dezember 2018 bis 4. Januar 2019; er wurde versetzt.
Polizeipräsidium Bielefeld und BAO „Eichwald“