Das Industriekraftwerk Deuben war ein Braunkohlekraftwerk in Deuben im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt. Der Komplex wurde als KWK-Anlage im Verbund mit einer Staub- und einer Brikettfabrik von der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft mbH (MIBRAG) betrieben. Zur Verarbeitung kam einheimische Braunkohle aus dem rund fünf Kilometer nordöstlich gelegenen Tagebau Profen.MIBRAG (Hrsg.): Veredlungsstandort Deuben. Theißen, 2001, S. 2. Das Industriewerk galt nach Angaben von Greenpeace sowie der Bundesnetzagentur als ältestes aktives Braunkohlekraftwerk in Deutschland, bevor es am 7. Dezember 2021 stillgelegt wurde. Teile der Technik waren seit 1936 in Betrieb.Die Geschichte des Kraftwerks Deuben. Factsheet Greenpeace, abgerufen am 25. Februar 2019.

Geschichte Am Standort Deuben wurde über 100 Jahre Strom erzeugt. Die Anfänge der Kohleverarbeitung reichten bis ins 19. Jahrhundert zurück. Im Jahr 1880 eröffnete der Bergwerksunternehmer Carl Adolf Riebeck bei Deuben die Braunkohlengrube Marie mit einer angeschlossenen Brikettfabrik.Geschichte des Landkreises Weißenfeld. Stadt Hohenmölsen, abgerufen am 21. Februar 2019. Hierfür bauten die A. Riebeck’sche Montanwerke AG im Jahr 1908 ein erstes Kraftwerk, bestehend aus zwei Kolbendampfmaschinen mit Schwungradgeneratoren und zwei Dampfturbinen mit einer Leistung von 2,5 Megawatt. Ab 1912 wurde die Anlage auf 9,3 Megawatt erweitert und Strom auch in das öffentliche Verbundnetz eingespeist.Die Braunkohlenindustrie in Mitteldeutschland (S. 131–132). Denkmal-Buch-Geschichte, abgerufen am 21. Februar 2019. 1934 erfolgten die Stilllegung der Grube Marie und der Abriss des Dampfmaschinen-Kraftwerks.Rudolf von Carnall: Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen im preußischen Staate. Band 83. W. Hertz, 1935, S. 161 f.

1936 bis 1952 Ab 1936 errichtete die A. Riebeck’sche Montanwerke AG ein neues hochtechnisiertes Zentrum der Braunkohleverarbeitung mit eigenem KWK-Kraftwerk, moderner Brikettfabrik, einer Ringpressenanlage und Schwelerei. Das Kraftwerk umfasste ab dem Jahr 1938 sechs Dampfkessel und vier Gegendruckturbinen mit einer installierten Leistung von 57,6 Megawatt. Die Brikettfabrik war mit acht Trocknern und zwölf Pressen mit einer Kapazität von 1800 Tonnen Briketts pro Tag und die Schwelerei mit sechs Spülgasschwelöfen von Lurgi ausgestattet. Zu jener Zeit galt das Werk in Deuben als größte und modernste Kohleveredlungsanlage im Mitteldeutschen Braunkohlerevier. Der Komplex besaß zur Abscheidung von Partikeln aus Gasen eine Entstaubungsanlage mit Elektrofiltern und ab 1942 eine Rauchgasentschwefelungsanlage.August Petermann, Ernst Behm, Alexander Supan, Paul Max Harry Langhans, Nikolaus Creutzburg: Braunkohlenbergbau und Landschaftsdynamik. Ein Beitrag zum Problem der Beeinflussung der Kulturlandschaft in den Braunkohlenrevieren, dargestellt am Beispiel des Zeitz-Weißenfelser Reviers. Ausgabe 270. H. Haack, 1962, S. 35.W. Hertz (Hrsg.): Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen im preußischen Staate. Band 88–89 W. Hertz, 1940, S. 301.Hellmuth Barthel: Braunkohlenbergbau und Landschaftsdynamik. Ein Beitrag zum Problem der Beeinflussung der Kulturlandschaft in den Braunkohlenrevieren, dargestellt am Beispiel des Zeitz-Weißenfelser Reviers. Perthes, 1962, S. 243.

Für die Versorgung des Industriewerks mit Braunkohle begann ab 1937 der Aufschluss der Grube Otto-Scharf bei Köttichau, damals ein Tagebau der Superlative. Unter anderem kam ein Eimerkettenschwenkbagger mit einer Schnitthöhe von 55 Metern zum Einsatz; 1938 der größte Bagger der Welt. Aus der Grube heraus verlief eine Werksbahn direkt zu den Weiterverarbeitungsanlagen in Deuben. Die speziell für die Otto-Scharf-Grube entwickelten Zugmaschinen zählten für mehrere Jahre zu den weltweit schwersten und zugkräftigsten Elektrolokomotiven.Ernst Voigt: Geographische Heimatkunde von Zeitz und seiner Umgebung. Sis-Verlag, 1925, S. 107.W. Hertz (Hrsg.): Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen im preußischen Staate, Band 86. W. Hertz, 1938, S. 238.Otto-Scharf-Grube, Riebeck’sche Montanwerke AG, Halle (1939–1952). werkbahn.de, abgerufen am 23. Februar 2019.

Der Tagebau ging im April 1939 in Betrieb. Im selben Jahr nahm die Braunkohle-Benzin AG (BRABAG) im neu entstandenen Hydrierwerk Zeitz die Kraftstofferzeugung und Schmierölproduktion aus Braunkohlenteer auf, den maßgeblich die Schwelerei Deuben lieferte.Mitteldeutsches Braunkohlenrevier, Wandlungen und Perspektiven, Heft 18, Zeitz/Weißenfels LMBV, abgerufen am 23. Februar 2019. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Teile der Anlagen in Deuben sowie die komplette Ausrüstung der Otto-Scharf-Grube als Reparationsleistung demontiert und die Riebeck’sche Montanwerke AG in eine Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) überführt. 1953 erfolgte die Umwandlung in einen Volkseigenen Betrieb der DDR.Klaus-Peter Meinicke, Klaus Krug, Uwe Gert Müller: Industrie- und Umweltgeschichte der Region Sachsen-Anhalt. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 2003, S. 27 f.Braunkohlenwerk Deuben Landesarchiv Sachsen-Anhalt, abgerufen am 23. Februar 2019.

1953 bis 1989 In Ehrung des 1953 verstorbenen proletarischen Schriftstellers Erich Weinert erhielten die Industriewerke in Deuben nebst angeschlossener Tagebaue die offizielle Bezeichnung VEB Braunkohlenwerk ‚Erich Weinert‘ Deuben. Später erfolgte die Umwandlung in ein Kombinat. Im allgemeinen Sprachgebrauch wurde die Abkürzung BKW Deuben verwendet. Das Werk gehörte zu den DDR-Schwerpunktbetrieben, über das von 1955 bis 1989 regelmäßig im SED-Zentralorgan Neues Deutschland berichtet wurde. Während dieser Zeit arbeiteten im BKW Deuben rund 5000 Menschen im Schichtsystem und produzierten rund 6000 Tonnen Briketts täglich.Brikettproduktion in Deuben wird eingestellt. Mitteldeutsche Zeitung vom 27. November 2003, abgerufen am 23. Februar 2019.

Zudem mussten während der gesamten DDR-Zeit Gefangene der Strafvollzugseinrichtung Naumburg im BKW Deuben Zwangsarbeit verrichten. Auf dem Betriebsgelände existierten streng bewachte Häftlingsbaracken. Einen Teil des Wachpersonals stellte das Werk selbst. Die Bewacher waren angewiesen, sich nicht in Privatgespräche einzulassen und keine Begünstigungen vorzunehmen. Bei den Gefangenen handelte es sich überwiegend um politische Häftlinge, deren Wille durch operative Psychologie und körperliche Schwerstarbeit gebrochen werden sollte. Belegt ist, dass die Betroffenen im Braunkohlenwerk ‚Erich Weinert‘ Deuben selbst bei Schneestürmen und − 18 °C Gleise verlegen und ausgesprochene Drecksarbeiten wie die Entstaubung von Filteranlagen verrichten mussten. Darüber hinaus ist dokumentiert, dass bei Nichterfüllung der Tagesleistung die Zwangsarbeiter Schläge, Tritte und Einzelarrest erhielten oder stundenlang marschieren mussten. Aus den Akten geht allerdings auch die menschliche Anteilnahme eines betriebszugehörigen Bewachers in Deuben hervor, der aus Mitleid einem Häftling Tee und Zigaretten zusteckte und dafür selbst eine hohe Disziplinarstrafe erhielt.Tobias Wunschik: Knastware für den Klassenfeind. Häftlingsarbeit in der DDR, der Ost-West-Handel und die Staatssicherheit (1970–1989). Vandenhoeck & Ruprecht, 2014, S. 60–79.400 Zeitzeugen berichten über DDR-Zwangsarbeit (ID: 3394). DDR-Zwangsarbeit, abgerufen am 23. Februar 2019.

Da es offiziell in sozialistischen Ländern keine Zwangsarbeiter gab, folgte die DDR dem propagandistischen Wortspiel der Sowjetunion, indem sie Zwangsarbeit als Arbeitserziehung bezeichnete.Verschleierte Zwangsarbeit für westliche Firmen. Bundeszentrale für politische Bildung, abgerufen am 23. Februar 2019. Wie eine Fülle von Dokumenten belegt, profitierte das BKW Deuben außerordentlich von der Ausbeutung der Strafgefangenen. So erhielt beispielsweise ein 1971 zur „Arbeitserziehung“ verurteilter Häftling bei seiner Haftentlassung am 14. Juni 1972 als Lohn für die Schwerstarbeit im Braunkohlenwerk Deuben insgesamt 74,76 DDR-Mark ausgezahlt.400 Zeitzeugen berichten über DDR-Zwangsarbeit (ID: 3394). DDR-Zwangsarbeit, abgerufen am 23. Februar 2019. Noch unmittelbar vor der Wende und friedlichen Revolution in der DDR waren im VEB Braunkohlenwerk ‚Erich Weinert‘ Deuben 105 Strafgefangene im Arbeitseinsatz.Beschäftigung von politischen Gefangenen in der DDR, Kleine Anfrage – KA 6/7488, S. 5. Landtag von Sachsen-Anhalt Drucksache 6/1205, abgerufen am 24. Februar 2019.

Als energiepolitisches Schlüsselunternehmen stand das Deubener Industriewerk unter besonderer Überwachung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) nebst einer hohen Anzahl inoffizieller Mitarbeiter innerhalb des Kombinates.Frank Joestel: Strafrechtliche Verfolgung politischer Gegner durch die Staatssicherheit im Jahre 1988. Der letzte Jahresbericht der MfS-Hauptabteilung Untersuchung (Reihe A: Dokumente Nr. 1/2003). Hg. BStU, Berlin 2003, S. 67. Nicht nur das Werkspersonal, das die Strafgefangenen beaufsichtigte, wurde vom MfS nach speziellen Kriterien ausgewählt. In allen Hierarchieebenen des Betriebes waren bis zum Ende der DDR besonders ausgesuchte und zuverlässige Zuträger aktiv. Deren Aufgabe war es, jegliches Verhalten der Belegschaft zu unterbinden, das dem System gefährlich werden konnte. Als beispielsweise 1981 nach Ausrufung des Kriegsrechts in Polen ein Arbeiter seine Solidarität zur Arbeiterbewegung Solidarność bekundete, genügte das dem Betriebsleiter des BKW Deuben, den Betreffenden bei der Stasi anzuzeigen. Nach einem Ermittlungsverfahren erhielt der Arbeiter eine Haftstrafe.Renate Hürtgen: Konfliktverhalten der DDR-Arbeiterschaft und Staatsrepression im Wandel. In: Peter Hübner, Christoph Kleßmann, Klaus Tenfelde: Arbeiter im Staatssozialismus. Ideologischer Anspruch und soziale Wirklichkeit. Band 31. Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, 2005, S. 392, Fußnote 34.

Linientreue SED-Mitglieder des Werkes initiierten regelmäßig Aktivistenbewegungen und forderten beispielsweise unter dem Motto „BKW Erich Weinert ruft zur Woche höchster Produktion“ alle Braunkohlebetriebe in der DDR auf, „eine Woche des Kampfes um höchste Produktionsergebnisse“ durchzuführen.BKW Erich Weinert, Deuben, ruft zur Woche höchster Produktion. Neues Deutschland vom 4. März 1955, abgerufen am 23. Februar 2019. Noch im Jahr 1988 veröffentlichte die Werksleitung eine Broschüre, in der selbstlobend eine Bilanz über die 40-jährige Aktivistenbewegung gezogen wurde. Dementsprechend brachte das BKW Deuben mehrere Aktivisten der sozialistischen Arbeit und Verdiente Bergarbeiter der Deutschen Demokratischen Republik hervor.Braunkohlenwerk Erich Weinert (Hrsg.): 40 Jahre Aktivistenbewegung 1948–1988. Bilanz. Deuben, 1988, S. 2 f. Eine Vorreiterrolle besaß der Zirkel Schreibender Arbeiter des Braunkohlenkombinats ‚Erich Weinert‘, dessen Mitglieder mit den Deubner Blättern landesweit neue Maßstäbe auf dem Weg zu einer „sozialistischen Nationalkultur“ setzen wollten.Peter Hübner: Arbeiter im Staatssozialismus. Ideologischer Anspruch und soziale Wirklichkeit. Böhlau-Verlag, 2005, S. 178–179.