Das Kinder- und Jugenddorf Ben Shemen (Kfar Hanoar Ben Shemen) ist eine Anfang 1927 von dem deutsch-israelischen Arzt und Pädagogen Siegfried Lehmann gegründete und lange Jahre geleitete Kinder- und Jugendrepublik auf dem Gelände von Ben Shemen. Als Ben Shemen Youth Village konnte es 2017 sein neunzigjähriges Jubiläum feiern.

Im Jahr 1929 kam es zum Massaker von Hebron an lang eingesessenen jüdischen Palästinensern, aber auch zu heftigen Unruhen in anderen Teilen des Mandatsgebietes, so zum Beispiel rund um Lydda, von denen vor allem auch das Kinder- und Jugenddorf Ben Schemen betroffen war.

Vorgeschichte Das Jüdische Volksheim in Berlin, das Jüdische Kinderhaus in Kowno und das Kinder- und Jugenddorf Ben Shemen sind drei Einrichtungen, die eng mit dem Namen Siegfried Lehmann verknüpft sind und die Stationen seines sozialpädagogischen Wirkens markieren.

Lehmann, der über seinen Bruder Alfred in Kontakt zu Martin Buber gekommen war, hatte 1914 erstmals Palästina besucht und hatte etwa gleichzeitig, während seines ersten Semesters in Freiburg, Freundschaft mit Walter Benjamin geschlossen und lernte hier auch die reformpädagogischen Ideen Gustav Wynekens kennen.Dieter Oelschlägel: Die Idee der ›produktiven Arbeit‹, S. 258 Unter Bubers Einfluss vollzog Lehmann eine Hinwendung zum Ostjudentum, die er als Rückkehr zu „seinem Volk“ verstand. Zu dieser von Gershom Scholem kritisierten Einstellung „nationaljüdisch eingestellte[r] Westjuden, die zum Zionismus tendierten, aber über jüdische Dinge nur recht embryonale Kenntnisse hatten“,Gershom Scholem: Von Berlin nach Jerusalem, S. 84 kam als weiteres prägendes Element die Nähe zur Settlement-Bewegung hinzu. Vorbild Lehmanns wurde hier das von Ernst Joel„Ernst Joel (1893–1929) war ein bedeutender deutscher Pazifist. Er war Mediziner und wurde bekannt mit seinen Studien über die Pharmakologie von Kokain und Morphium. Im Jahr 1926 gründete er die Fürsorgestelle für Alkoholkranke und andere Giftsüchtige im Berliner Bezirk Tiergarten, deren Leiter er auch wurde. Er wechselte dann in den Bezirk Kreuzberg und wurde bis zu seinem frühen Tod der erste Leiter des Gesundheitshauses am Urban. Ernst Joel war aktiv in der akademischen Jugendbewegung und gründete 1915 die Zeitschrift ‚Der Aufbruch‘.“ (Dieter Oelschlägel: Integration durch Bildung, S. 118). Siehe auch: Friedrich Bauermeister und Margarete Exler: Von der Jugendbewegung zu ärztlicher Drogenhilfe. Das Leben Ernst Joe͏ls (1893–1929) im Umkreis von Benjamin, Landauer und Buber, Trafo, Berlin, 2005, ISBN 978-3-89626-018-5 gegründete Siedlungsheim Charlottenburg als Verbindung „vom Settlementgedanken und von der jüdischen Sozialethik“.Dieter Oelschlägel: Die Idee der ›produktiven Arbeit‹, S. 259

Das Jüdische Volksheim in Berlin

Das von jungen Studenten und Kaufleuten beiderlei Geschlechts von Lehmann und seinen Helferinnen und Helfern gegründete Jüdische Volksheim wurde am 18. Mai 1916 mit einer Rede von Gustav Landauer über Judentum und Sozialismus eröffnet.Dieter Oelschlägel: Die Idee der ›produktiven Arbeit‹, S. 259 Es entwickelte sich zu einem wichtigen Kristallisationspunkt jüdischer Jugend- und Sozialarbeit. Die dort praktizierte Verbindung von Sozialarbeit und produktiver Arbeit war eine Art Blaupause für das, was Lehmann später in Ben Shemen weiter entwickelte.

Siegfried Lehmann konnte an der Arbeit des von ihm initiierten Volksheims nur kurze Zeit aktiv teilnehmen, da er im Oktober 1916 zum Heeresdienst eingezogen wurde und auch noch sein Medizinstudium abschließen musste. Das medizinische Staatsexamen legte er im November 1919 an der Universität in Frankfurt am Main ab.Dieter Oelschlägel: Die Idee der ›produktiven Arbeit‹, S. 262 Das Volksheim überlebte seinen Initiator, doch als „der gut vernetzte Lehmann, dessen Arbeit von einer Reihe von Gönnern finanziell unterstützt wurde“,Beate Lehmann: Siegfried Lehmann und das Jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel, S. 116 sich nach seiner Promotion endgültig vom Volksheim verabschiedete, um eine neue Aufgabe zu übernehmen, brachte dieser Schritt einige gravierende Einschnitte mit sich. „Eine Reihe von Unterstützern finanzierte fortan die Arbeit in Kowno, deren Ausgangsbedingungen noch schlechter waren als sie es im Scheunenviertel vier Jahre zuvor gewesen waren. […] Doch nicht nur die finanzielle Situation veränderte sich. Auch in Bezug auf die Mitarbeiter und die Inhalte der Arbeit gab es Neuerungen. Einige Helfer verließen das Volksheim und gingen nach Palästina. Andere folgten Lehmann nach Kowno und arbeiteten im dortigen Waisenhaus mit. […] Darüber hinaus waren einige Helfer aus den Anfangsjahren im Krieg gefallen.“Beate Lehmann: Siegfried Lehmann und das Jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel, S. 117

Die Spuren des Jüdischen Volksheims lassen sich jedoch nicht nur nach Kowno verfolgen, sondern reichen auch nach Palästina. Beate Lehmann verweist auf einen Vortrag von Siegfried Lehmann, in dem dieser 1950 darauf hingewiesen hatte, dass die Mehrheit der ehemaligen Zöglinge des Volkshauses nun in Israel leben würden, vor allem in Givat Brenner, Ramatayim und in En Charod.Beate Lehmann: Siegfried Lehmann und das Jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel, S. 119 „50 Jahre nachdem das Jüdische Volksheim in der Dragonerstraße gegründet worden war, trafen sich ehemalige „Volksheimler“ in Tel Aviv. Viele von ihnen waren durch die ehrenamtliche Tätigkeit im Volksheim zur sozialen Arbeit gekommen und hatten nach der Schließung in verschiedenen Organisationen auf dem Gebiet der Sozialarbeit gewirkt.“Sabine Haustein, Anja Waller: Jüdische Settlements in Europa, S. 12 Für viele von ihnen war auch das Kinder- und Jugenddorf Ben Shemen zu einer neuen Wirkungsstätte geworden.Beate Lehmann: Siegfried Lehmann und das Jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel, S. 120

Das Kinderhaus in Kowno (Kaunas) Nach Beate Lehmann machte Siegfried Lehmann „im Jüdischen Volksheim seine ersten Schritte auf dem Weg […], der ihn später, wie er es sich gewünscht hatte, nach Osteuropa und schließlich nach Erez Israel führen würde“.Beate Lehmann: Siegfried Lehmann und das Jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel, S. 120 Doch, wenn dies auch der gewünschte Weg gewesen sein mag, so scheint der Abschied vom Volkshaus auch mit Frustrationen verbunden gewesen zu sein. „Nach Ende des Krieges erhoffte sich Lehmann auch hinsichtlich des Ausbaus der Volksheimidee ein Vorankommen, musste jedoch bald resigniert feststellen, dass er in Berlin keine unabhängige jüdische Gemeinschaft aufbauen konnte.“Sabine Haustein, Anja Waller: Jüdische Settlements in Europa, S. 11 So gesehen, dürfte es für Lehmann die Chance auf einen Neuanfang gewesen sein, als er 1921 vom „Jüdischen Nationalrat in Litauen gebeten [wurde], die Kinderfürsorge unter der jüdischen Bevölkerung zu organisieren“.Dieter Oelschlägel: Die Idee der ›produktiven Arbeit‹, S. 263

Wann genau Lehmann für sich und ein Schar von Jugendlichen die Entscheidung traf, nach Palästina auszuwandern, ist nicht überliefert, sie muss aber spätestens 1925 schon konkrete Formen angenommen gehabt haben, wie das folgende Zitat belegt: „Eine Verhaftungswelle von Lehrern in Kovno im Jahre 1925 vereitelte den Plan einer ‚dramatischen Gruppe‘, die durch öffentliche Aufführungen die Alijah finanzieren sollte, und machte gleichzeitig deutlich, daß eine Zukunft nur mehr in Palästina zu denken war.“Wolf von Wolzogen: „…Dieser Geist von Ben Shemen hat mich sehr der jüdischen Kultur nahegebracht“, S. 259 In der Folge gründete Lehmann 1926 in Berlin die Jüdische Waisenhilfe E. V. Gesellschaft zur Förderung der Erziehung jüdischer Waisenkinder zur produktiven Arbeit.Jüdisches Jahrbuch für Gross-Berlin, 1931, S. 113/114 Dieser Verein, in dem sich viele prominente Jüdinnen und Juden engagierten, sollte das Kinderhaus in Kowno unterstützten und die Auswanderung nach Palästina finanziell absichern. Ende 1926 brach dann Siegfried Lehmann mit einer ersten Gruppe von Jugendlichen nach Palästina auf. Sie legten für vier Wochen einen Zwischenstopp in Berlin im Kinderheim Ahawah ein, da sie noch auf die Einreisezertifikate warten mussten.Hanni Ullmann, zitiert nach Dieter Oelschlägel: Die Idee der ›produktiven Arbeit‹, S. 265

Anfang 1927 brachten Siegried Lehmann und seine zweite Frau, die Ärztin Rivkah Rebecca Klivanski († 1959), die erste Gruppe nach Palästina, im Juli 1927 folgte die Zweite unter der Leitung von Akiva Yishai (Akiba Vanchotzker) und dessen Frau Chaja Radin. Vermutlich war ihre erste Anlaufstelle noch nicht Ben Shemen, wie Lehmann 1926 noch vor der Abreise schrieb: „In nächster Zeit wird eine ältere Kinderhausgruppe nach Palästina hinübergehen, um dort im Emek Israel den Boden für eine Kinder- und Jugendsiedelung vorzubereiten; jüngere Gruppen, zusammen mit ihren Führern, werden folgen. Sie werden […] die Keimzelle für ein Kinder- und Jugenddorf bilden.“Siegfried Lehmann: Von der Straßenhorde zur Gemeinschaft, S. 36 Bei dieser Keimzelle für das spätere Kinder- und Jugenddorf Ben Shemen im Emek Israel, der Jesreelebene im heutigen israelischen Nordbezirk, könnte es sich um das Kinderdorf in Giwath Hamoreh gehandelt haben, über das dessen Gründer und Leiter, Sch. S. Pugatschow, im Anschluss an Lehmanns Artikel Von der Straßenhorde zur Gemeinschaft in der Zeitschrift Der Jude berichtete.Sch. S. Pugatschow: Das Kinderdorf im Emek Jesreel, in: Der Jude, Jg. 9 (1925–1927), H. 2 (1926): Sonderheft Erziehung, S. 36–50. Der Text steht online zur Verfügung über die Sammlungen der Universitätsbibliothek der Universität Frankfurt am Main Warum Lehmann nicht direkt nach Ben Shemen ging, ist nicht bekannt, aber seine Vision von der Keimzelle wurde Wirklichkeit. In Ben Shemen entstand allmählich ein Kinder- und Jugenddorf, „das zur angesehensten Einrichtung dieser Art in Israel werden sollte“.Dieter Oelschlägel: Die Idee der ›produktiven Arbeit‹, S. 265

Das Kinderhaus in Kowno wurde 1930 aufgegeben.Wolf von Wolzogen: „…Dieser Geist von Ben Shemen hat mich sehr der jüdischen Kultur nahegebracht“, S. 273 (Anmerkung 14) Sein letzter Leiter und Lehmanns Nachfolger war Hans Lubinski, der danach das Jüdische Jugend- und Lehrheim in Wolzig leitete.Claudia Prestel: Jugend in Not. Fürsorgeerziehung in deutsch-jüdischer Gesellschaft (1901–1933), Böhlau Verlag, Wien Köln Weimar, 2003, ISBN 3-205-77050-1, S. 315

Ben Shemen

Ankunft mini|Blick auf den zentralen Dorfplatz (2012) mini|Der zentrale Platz des Kinder- und Jugenddorfes (2014) mini|Der zentrale Platz des Kinder- und Jugenddorfes (2014)

Siegfried Lehmann kannte Ben Shemen seit seinem ersten Palästinabesuch im Jahre 1914.Wolf von Wolzogen: „…Dieser Geist von Ben Shemen hat mich sehr der jüdischen Kultur nahegebracht“, S. 259 Unklar bleibt dennoch, was ihn 1927 bewog, gerade hier seine Vorstellungen von einem Kinder- und Jugenddorf zu verwirklichen. Bückmann berichtet von drei vorangegangenen Versuchen, einen geeigneten Ort in Palästina zu finden, bevor es Lehmann dann möglich gewesen sei, sich in Ben Shemen einzukaufen.Elisabeth Bückmann: Ben-Shemen. Integration zweier Kulturen in einem israelischen Kinderdorf, S. 24 Verkäufer sei der Jüdische Nationalfonds (JNF oder auch JNF-KKL) gewesen.Sophie Buchholz: Hans Herbert Hammerstein / Yisrael Shiloni, S. 28. Der hebräische Name des JNF lautet Keren Kayemeth Le'Israel, woraus sich die Abkürzung KKL oder auch JNF-KKL ableitet.