mini|Eva Siewert, Autogrammkarte. Foto: Édouard Kutter o. J., Sammlung Raimund Wolfert
Eva Siewert (geb. am 11. Februar 1907 in Breslau, gest. vor dem 3. Dezember 1994 in Berlin) war eine deutsche Journalistin, Schriftstellerin, Radiosprecherin und Opernsängerin. Sie lebte und arbeitete überwiegend in Berlin.
Leben und Wirken Eva Siewert ist als Tochter eines Musikerehepaares in Breslau (heute Wrocław, Polen) geboren. Der Vater Hans Siewert (1872–1941), Sohn eines Chemie-Professors an der Universität in Córdoba (Argentinien), war Kammersänger. Er wurde bereits 1932 Mitglied der NSDAP. Die Mutter Frida Siewert (geb. Michels, 1880–1953) war Opern- und Konzertsängerin – und Jüdin, weshalb ihrer Tochter später der Status eines „Mischlings ersten Grades“ zufiel. Die Ehe der Eltern wurde 1911 in Hamburg geschieden.
Eva Siewert wohnte größtenteils bei ihrer Mutter in Berlin, wurde aber von Gouvernanten erzogen. Sie besuchte bis 1923 das Hohenzollern-Lyzeum in Berlin-Wilmersdorf, das sie mit der Obersekundareife abschloss. Den Schulbesuch unterbrach sie lediglich um 1915 für etwa anderthalb Jahre. Wie Siewert später mitteilte, war sie im Alter von acht Jahren von ihrer Mutter zu ihrem Vater geflohen, der als großherzoglich badischer Kammersänger in Karlsruhe angestellt war. Erst durch eine gerichtliche Anordnung wurde sie zur Rückkehr nach Berlin gezwungen. Offenbar war das Verhältnis zwischen Tochter und Mutter schon in frühen Jahren nicht sehr gut. 1948 schrieb Siewert über ihre Mutter: „Wir haben ausser der Musik wenig Gemeinsames.“
Frühe Karriere Nach 1923 studierte Eva Siewert Musik – zunächst bei ihrer Mutter, dann an der Staatlichen Hochschule für Musik in Berlin. Hier besuchte sie unter anderem die Opernklasse von Franz Ludwig Hörth, dem Chefregisseur der Staatsoper Unter den Linden. Musiktheorie lernte sie bei dem Komponisten Heinz Tiessen. Ab 1928 verbrachte Siewert ein Bühnenjahr als Koloratursopranistin am Landestheater Oldenburg, musste diese Tätigkeit jedoch infolge Krankheit wieder aufgeben. Asthmatische Beschwerden machten ihr öffentliche Auftritte als Sängerin unmöglich.
In der Folge betätigte sich Siewert ab 1929 vorwiegend journalistisch. Sie war 1928 Mitglied der SPD (Ortsgruppe Berlin-Halensee) geworden, engagierte sich aber allenfalls bis 1930 parteipolitisch. Offenbar war sie in dieser Zeit von akuter Arbeitslosigkeit bedroht und litt unter einer unsicheren Berufssituation. Über das persönliche Umfeld Siewerts im Berlin der 1920er Jahre ist heute nichts bekannt. Nur in einem Brief an den Publizisten Kurt Hiller (1885–1972) erwähnte sie 1957 einmal, dass sie seit Kindertagen mit der Familie George Grosz befreundet gewesen sei.
Siewert zog 1930 nach Teheran, wo sie für eine deutsche Ex- und Importfirma tätig wurde. Der Auslandsaufenthalt bescherte ihr gute Fremdsprachenkenntnisse, und als Siewert ein Jahr später nach Deutschland zurückkehrte, hielt sie erste Radiovorträge über ihre Reiseerlebnisse. Da sie dabei mit ihrer Stimme beeindruckte, wurde sie 1932 durch den Internationalen Radiodienst Berlin für den Posten einer deutschsprachigen Ansagerin bei Radio Luxemburg vorgeschlagen. Vom 1. Juli 1932 bis zum 31. März 1938 hatte sie eine gut dotierte Stelle als Chefredakteurin und dreisprachige Chefsprecherin des Senders inne (Deutsch, Englisch, Französisch).
Über ihre Arbeit für Radio Luxemburg schrieb Siewert später: „Ich habe in der Zeit meiner dortigen Tätigkeit in fast allen Ressorts des Senders Einfluss genommen und war sowohl mit Programmzusammenstellungen wie musikalischen Einstudierungen, [dem] Aufbau des Schallplattenarchivs, der Bibliothek, Karteien, wie mit den Nachrichtendiensten, Übersetzungen, Verfassen von Vorträgen über alle Arten von Themen wie auch mit dem durchgehenden Ansagedienst in drei Sprachen beschäftigt. Der Sender hatte eine stark antifaschistische Tendenz.“ Nach eigenen Angaben wurde Siewert in der Öffentlichkeit als „Stimme Radio Luxemburgs“ wahrgenommen, und in Deutschland sei sie wegen ihrer Auslandstätigkeit und vermeintlicher „Propaganda“ gegen den Nationalsozialismus in den Verdacht der „Feindverbindung“ geraten.
Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus Aus Angst vor der drohenden Kriegsgefahr entschied sich Eva Siewert 1938, nach Teheran zurückzukehren. Doch war sie zunächst gezwungen, erneut nach Berlin zu fahren, um sich ein Visum ausstellen zu lassen. Dieses wurde ihr aber aufgrund ihrer journalistischen Arbeiten verweigert, so dass sie fortan in Deutschland „gefangen“ war. Da Siewert in der Diktion der Nazis als Halbjüdin galt, erhielt sie Berufsverbot in Rundfunk und Presse und musste sich in der Folgezeit mit weniger gut dotierten Stellungen als Schreibkraft und Übersetzerin begnügen. Ihre spätere Freundin Alice Carlé (1902–1943) lernte sie vermutlich bei einer dieser Tätigkeiten kennen.
Im Mai 1941 wurde Siewert zum ersten Mal verhaftet und in Schutzhaft genommen. Anlass waren belastende Briefe, die während einer Haussuchung bei Kläre Beier, einer Freundin in Bielefeld, gefunden worden waren. In ihnen hatte Siewert antifaschistische Witze wiedergegeben, die sie im Bekanntenkreis gehört hatte. Wenige Monate später wurde sie wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz zu einer Geldstrafe verurteilt. Nachdem sie noch im selben Jahr eine neue Stellung im Deutschen Rechtsverlag angetreten hatte, kam es zu einem Zwischenfall, der nicht nur ihre umgehende Entlassung, sondern auch eine Haftstrafe zur Folge hatte: Siewert wurde von zwei Arbeitskolleginnen denunziert, sie betreibe „Wehrkraftzersetzung“. Wieder ging es um Witze, die Siewert erzählt hatte. Anfang September 1942 wurde sie deshalb erneut nach dem „Heimtückegesetz“ verurteilt – diesmal zu neun Monaten Gefängnis.
Im Urteil vom 4. September 1942 hieß es herablassend: „Das äußere Erscheinungsbild der Angeklagten ist überwiegend jüdisch.“ Auch wurde hier festgehalten, die Beziehung Siewerts zu einer der beiden sie belastenden Arbeitskolleginnen habe „einen erotischen Einschlag“ gehabt. Seit Sommer 1941 sei aber eine gewisse Entfremdung in dem Verhältnis eingetreten. Die Andeutungen über eine mögliche gleichgeschlechtliche Beziehung zwischen den beiden Frauen gereichten Siewert allem Anschein nach nicht zum Nachteil, vielmehr wurde die Zeugin als nicht sehr glaubhaft eingestuft. Überhaupt gab sich das Gericht überzeugt, die Frau habe wiederholt unzutreffende Aussagen gemacht. Doch für eine Entlastung Siewerts reichten die Modifizierungen nicht.
Siewert verbüßte ihre Gefängnisstrafe vom 1. März bis zum 1. Dezember 1943 im Berliner Frauengefängnis in der Barnimstraße 10, unweit des Alexanderplatzes. Nach einer amtsärztlichen Untersuchung wurde sie wegen ihrer bereits angegriffenen Gesundheit von Arbeitskommandos außerhalb Berlins freigestellt, sie wurde jedoch zu „leichteren“ Arbeiten wie zur Kabelprüfung für AEG und das sogenannte Aschinger-Kommando abbestellt. Bei diesem handelte es sich um einen Arbeitseinsatz in der Brotfabrik Aschinger an der Ecke Prenzlauer Allee/Saarbrücker Straße, bei dem die Häftlinge zum Gemüseputzen, zur Herstellung von Konserven und ähnlichen Tätigkeiten eingesetzt wurden. Als Siewert das Gefängnis verlassen konnte, war sie ein gesundheitlich gebrochener Mensch. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war sie nach eigenen Arbeiten vorrangig mit illegaler Arbeit beschäftigt, weil sie wegen ihrer politischen Vorstrafen für keine Firma länger als drei Monate „tragbar“ war.
mini|300px|Stolpersteine für die Familie Carlé in Berlin, Foto: Raimund Wolfert 2017 Die Inhaftierung Siewerts hatte aber nicht nur für sie selbst fatale Folgen, sondern auch für ihre Freundin Alice Carlé. Carlé hatte vor 1943 mehrfach in der Wohnung Siewerts übernachtet, da sie sich dort sicher fühlte. Doch während Siewert im Gefängnis einsaß, war sie angesichts der nationalsozialistischen Nachstellungen einer zentralen Schutzmöglichkeit beraubt. Alice Carlé wurde am 27. August 1943 zusammen mit ihrer Schwester Charlotte Carlé (1901–1943) von der Gestapo verhaftet und wenig später nach Auschwitz deportiert.Raimund Wolfert: „Der weitere Verbleib der Genannten ist leider nicht festzustellen.“ Alice Carlé (1902–1943), in: Joanna Ostrowska, Joanna Talewicz-Kwiatkowska und Lutz van Dijk (Hrsg.): Erinnern in Auschwitz – auch an sexuelle Minderheiten. Querverlag, Berlin 2020, S. 156–161. Hier wurden beide Schwestern noch im selben Jahr ermordet.
Nachkriegszeit Spätestens seit ihrer Inhaftierung 1943 litt Siewert unter schweren Kreislaufstörungen, die sich 1949 zu einem Herzinfarkt steigerten und ständige ärztliche Betreuung nötig machten. Insbesondere während der neun Monate, die sie im Frauengefängnis Barnimstraße verbrachte, verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand zusehends. Bei einem Unfall zog sie sich eine Gehirnerschütterung zu, und fortan litt sie unter wiederkehrenden Schwindelanfällen mit Übelkeit. In Folge von Zysten am Trommelfell erlitt sie einen zeitweisen Gehörverlust. Eva Siewert selbst gibt ihre gesundheitlichen Beschwerden als „deutliche Quittung auf das unerträgliche Leben unter Deutschen“ an.
Überhaupt war Deutschland für sie ein „quälendes Land“, und selbst das sogenannte Wirtschaftswunder sah sie mit Skepsis, zumal Nachbarn ihr anonyme Zettel mit der Aufschrift „Es lebe Deutschland!“ an die Tür klebten. Etliche ihrer Landsleute erachtete Siewert als „unbelehrbar“, und im Briefwechsel mit Hiller klagte sie fatalistisch: „Es hat keinen Sinn mehr, dieses irre Schiff mit feindseliger Mannschaft als Einsichtiger zu steuern oder das zu versuchen, umweht von den Schatten der teuren Toten“ bzw. „Man sollte zugrunde gehen lassen, was es nicht anders verdient hat und noch heute nicht anders will.“ Zynisch fragte sie, warum gerade dieses „Volk“ zu dem Ruf kam, aus Dichtern und Denkern zu bestehen. Sich selbst bezeichnete Siewert dabei humoristisch als „Allroundmeckerer“.
Es sollte Siewert nach 1945 nie wieder gelingen, an ihre beruflichen Erfolge vor 1938 anzuknüpfen. Vom Hauptausschuss Opfer des Faschismus wurde sie als politisch Verfolgte anerkannt und erhielt aufgrund ihrer Gesundheitsschäden einen sogenannten Schwerbeschädigtenausweis. Ihre geringe monatliche Rente besserte sie durch freiberufliche journalistische Tätigkeiten auf. So schrieb sie unter anderem für Die Weltbühne, Der Sozialdemokrat, Der Spiegel, den Telegraf und Die Andere Zeitung. Bis heute haben sich allerdings nur ein paar dutzend Veröffentlichungen Siewerts ermitteln lassen. Eine umfassende Bibliographie zu ihrem Werk ist nach wie vor desiderat. Offenbar gingen Eva Siewerts Essays, Feuilletons, Kritiken und Polemiken weitgehend im Tagesgeschäft unter. In der Geschichte des deutschsprachigen Journalismus hat die Autorin nur verstreute Spuren hinterlassen.
Werk als Schriftstellerin Siewert hat ihre Beziehung zu Alice Carlé, ihre eigene Denunziation und anschließende Inhaftierung sowie die Deportation Carlés in der eindringlichen autobiografischen Erzählung Das Orakel thematisiert. Sie spricht hier zwar nicht explizit von Liebe, deutlich wird aber, dass die ‚Freundschaft' zwischen der Ich-Erzählerin und „Alice“ (ein Nachname wird nicht genannt) sehr eng war. Verzweifelt hatten die beiden Frauen über Jahre hinweg gemeinsam die Auswanderung aus Deutschland geplant, bis die Erzählerin eines Tages inhaftiert wurde. Siewerts berührende Erzählung Das Boot Pan handelt hingegen von den Gefühlen der Fremdheit und des Alleinseins, die den (diesmal) männlichen Ich-Erzähler heimsuchten, als er sich in einem Bootsschuppen in der Nähe Berlins mit der Vergangenheit und mit dem schmerzhaften Verlust zweier Freundinnen konfrontierte, „von deren Tod man nichts Genaues wußte.“ Die Mädchen „hatten kein Grab“, heißt es hier. Auch wenn der Nationalsozialismus, Auschwitz und die Shoah nicht erwähnt werden, wird ersichtlich, dass die zwei Freundinnen nach dem Vorbild der Schwestern Carlé gezeichnet waren.