Wie in vielen mittelalterlichen und neuzeitlichen Städten Europas hat auch das Glockengießen in Linz an der Donau eine lange Tradition.
Geschichte Der erste Linzer Glockengießer war Benedikt Reicher im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts.Robert Baier: Spätmittelalterliche/Frühneuzeitliche Pilgerzeichen in Form von Glockenabgüssen aus Österreich & Glockenabgüsse von österreichischen Wallfahrtsstätten. Diplomarbeit, Wien 2013, S. 52 (PDF-Datei auf univie.ac.at).
Die Linzer Glockengießer waren hauptsächlich in Oberösterreich, Niederösterreich und Südböhmen tätig. Benachbarte größere Glockengießer-Werkstätten befanden sich in Steyr (um 1500–1899), Passau (seit 1455, derzeit Glockengießerei Rudolf Perner), Braunau am Inn (1437–1891/1894) und Salzburg (1440–1866).Oberchristl 1941, Abschnitt IV. Die Glockengießer und ihre Werke. S. 624–675.
Die Glockengießergasse erhielt spätestens 1815 ihren Namen vom sogenannten Glockengießerhaus in dieser Straße. An ihrem westlichen Ende wurde 1862 der Grundstein für den neuen Linzer Dom gelegt, sodass 1894 die Glockengießergasse nach Bischof Franz Joseph Rudigier, dem Initiator des Dombaus, in Rudigierstraße umbenannt wurde.
Eine Glockengießerei im Sinne einer Firma entstand 1917 im Nachbarort St. Florian.
Liste von Linzer Glockengießern NameOberchristl 1941, Abschnitt „Linz a. D.“ auf S. 640–654.Kath. Preßverein (Hrsg.): Rieder Heimatkunde. Ried im Innkreis 1909, S. 83 („Von den Linzer Gießern seien folgende genannt: Melchior Schorrer, Vater und Sohn (1623–1706); Johann Reuter (1626—1646); Martin Fidler (1648); Hans Nohrer (1673–1677); Johann Prammer (1693); Silvius Kreuz (de Cruce 1709–1745); Karl Potz (1758–1774); Zöchbauer (1798); Leopold Gammel (1799–1813); dann die Familie Hollederer“; ). Zeitraum Reicher Benedikt 1519–1525 Kaltenecker Augustin 1579–1589 Seiser Christoph 1603–1635 Reuter Johann 1626–1646 Fidler Martin 1636–1649 Rohrer Hans 1651–1678 Prammer Johann 1693 Schorer Melchior 1678–1706 Creuz Silvius 1709–1745 Potz Karl 1758–1774 Bandl Thomas 1775 Zöchbaur Michael 1773–1798 Zöchbaur Anna Maria 1799–1802 Gammel Leopold 1800–1820 Teufelmayr Michael 1821–1823 Hollederer Johann 1827–1843 Hollederer Franz 1844–1879 Gugg Anton 1891–1913
Glockengießerei St. Florian Gegen Ende des Ersten Weltkriegs, in dem zahlreiche Kirchenglocken beschlagnahmt und für Kriegszwecke eingeschmolzen wurden, wurde am 17. Februar 1917 die Oberösterreichische Glocken- und Metallgießerei gegründet, um den nach Kriegsende den erwarteten Bedarf an neuen Glocken decken zu können. Aus dieser Werkstatt in St. Florian stammt Österreichs berühmteste Glocke: Die Neue Pummerin trat ihre Reise nach Wien am 25. April 1952 von Linz aus an, woran der sogenannte Glockenring der Pummerin vor dem Linzer Landhaus erinnert.
Glockengießer Benedikt Reicher Namensvarianten: Benedict Reicher, Benedikt Reicher.
Der erste als Glockengießer tätige Linzer war Büchsenmeister Benedikt Reicher, Sohn des bekannten Salzburger Glockengießers Hans Reicher. Ihm können mehrere Glocken zwischen 1519 und 1525 zugeordnet werden: 1519 Neuguss der zersprungenen, großen Glocke (Kaiserin) der Linzer Stadtpfarrkirche.Georg Wacha: Der Gedenkraum für Kaiser Friedrich III. In: Historisches Jahrbuch der Stadt Linz 1986. Linz 1987, S. 40 (gesamter Artikel S. 40–61, ). 1524 eine 840 kg schwere, noch erhaltene Glocke für die Pfarrkirche Bad Zell
Augustin Kaltenecker Namensvarianten: Augustin Kalteneckher, Augustin Kaltheneckher, Augustin Kaltenegger.Oberchristl 1941, S. 640.
Nach einem kurzen Einbruch der Glockenproduktion in Linz führte Augustin Kaltenecker von 1579 bis 1589 das Handwerk fort, der 1582 gemeinsam mit Peter Guet auch den Planetenbrunnen im Linzer Landhaus gestaltete.
Ausgewählte Werke: 1583 zwei Schellen (Uhrglocken) für den neuen Turm im Stift Kremsmünster 1586 große Glocke in der Pfarrkirche Eferding Glocken für die Wallfahrtskirche Maria Taferl
Martin Fidler Namensvarianten: Martin Fidler, Martinus Fidler, Martin Fitler.
Martin Fidler war Hausbesitzer in Linz, Hauptplatz 35, und starb am 20. November 1649.Oberchristl 1941, S. 641.
Ausgewählte Werke: 1636 eine Glocke für Niederwaldkirchen 1638 eine Glocke für Schleißheim und eine Glocke für Schlierbach 1639 und 1649 für Kremsmünster 1642 zwei Glocken für die Pfarrkirche Klam, drei Glocken für Grein 1648 je eine Glocke für die Stiftskirche St. Florian und die Johanneskirche in St. Florian.
Melchior Schorer Namensvarianten: Melchior Schorer, Melchior Schorrer, Melchior Schurer.
Durch die Hochzeit mit der Witwe Eva Catharina Rohrer am 26. September 1678 kam Melchior Schorer in den Besitz der Rohrer’schen Glockengießerei. Zwei Tage später, am 28. September 1678, wurde Melchior Schurer in die Linzer Bürgerschaft aufgenommen.Michael Prokosch: Das älteste Bürgerbuch der Stadt Linz (1658–1707). Edition und Auswertung (= Quelleneditionen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. Band 18). Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2019, S. 98 (Nr. 362 im Linzer Bürgerbuch). Die Handwerksfamilie wohnte im vornehmen Haus Hauptplatz Nr. 6, während der Glockengießerstadel sich in der Vorstadt, heute Landstraße 40, befand. Neben Glocken fertigte Schorer auch Tafelleuchter, Kirchenleuchter, Rauchfässer und Stukkaturen an. Melchior Schorer starb am 23. November 1709 im Alter von 60 Jahren. Die Witwe Eva Schorer vermachte einen Teil der Erbschaft dem Bürgerspital, dem Thornmüller’schen Armenhaus und den beiden Siechenhäusern im Weingarten und in Straßfelden zu Linz.
Ausgewählte Werke: 1678 eine Glocke für Steinerkirchen an der Traun 1679 eine Glocke für Ardagger 1680 eine Glocke für das Minoritenkloster KrumauMareš 1918, S. XLII. 1680/82 eine Glocke für die Kirche von LanghalsenKatholischer Preßverein (Hrsg.): Beiträge zur Landes- und Volkskunde des Mühlviertels. 1925, S. 6 (). 1682 eine noch erhaltene Glocke für die Pfarrkirche Arnreit 1683 eine Glocke für Hořice na Šumavě (Höritz), die später bei einem Brand beschädigt wurde, Aufschrift „Melchior Schurer in Linz goss mich 1683“ 1688 aus türkischen Kanonen die Türkenglocke, 1692 die Elferglocke und Zwölferglocke für die Pfarrkirche Mauthausen (alle drei Barockglocken sind noch erhalten) 1688, 1689 und 1690 je eine Glocke für Sonntagberg 1692 die große Glocke für die Pfarrkirche AltmünsterPfarramt Altmünster (Hrsg.): Die Pfarrkirche St. Benedikt von Altmünster am Traunsee. Kirchenführer, Gmunden 2011, S. 45, gesamter Artikel 68 Seiten (PDF-Datei auf dioezese-linz.at). 1692–1703 mehrere Glocken für Stift LambachGeorg Wacha: Stift Lambach und Linz. In: Historisches Jahrbuch der Stadt Linz 1959. Linz 1959, S. 396 (gesamter Artikel S. 384–415, ). 1693 ein harmonisches Geläute von fünf Glocken für die Linzer Stadtpfarrkirche.Rosa Pazelt: In: Wochenendbeilage der Oberösterreichischen Nachrichten. Dezember 1958, S. 13, Spalte 3. Darunter befindet sich die große Glocke, die Michael Schorer aus dem Material der alten Kaiserin, die Kaiser Maximilian I. 1494 der Stadtpfarrkirche geschenkt hatte, goss. Der Glockenring am Hauptplatz von Linz mit der Inschrift „1693“ erinnert an das denkwürdige Ereignis dieses Jahres. 1700 die große Glocke für Schloss Krumau und die 168 kg schwere kleine Glocke (1917 abgeliefert) für die Pfarrkirche Naarn. 1701 eine Glocke für die Wallfahrtskirche Heilbrunn (Hojná Voda) bei Gratzen (Nové Hrady) 1704 eine Glocke mit 98 cm Durchmesser für die Kaplaneikirche KirchbergGottfried Engelhardt: Die Glocken von Kirchberg bei Kremsmünster. In: Heimatgaue. Linz 1923, S. 98 ().
Im Jahr 1697 warb Melchior Schorer mit Verweis auf sein gelungenes Werk in Linz bei Bischof Lamberg um den Auftrag für ein Geläut in der neuen Wallfahrtskirche Maria Taferl, was aber mit Hinweis auf fehlendes Metall und Geld abgelehnt wurde.Alois Plesser: Beiträge zur Geschichte der Wallfahrt und Pfarre in Maria-Taferl. In: Geschichtliche Beilagen zum St. Pöltner Diözesan-Blatt herausgegeben vom bischöflichen Ordinariate in St. Pölten. X. Band. Verlag des bischöflichen Ordinariates, St. Pölten 1928, S. 83, 136 und 195, gesamter Artikel S. 1–278 ( auf ftp.dioezesanarchiv.acw.at). Erst seine Nachfolger in Linz bekamen später Aufträge für Maria Taferl.
Silvius Creuz Namensvarianten: Sylvius Creiz, Silvio Creuz, Silvio Croce, Silvio de Cruce, Silvius Creuz, Silvius Kreuz, Sylvius Kreuz, Sylvius Kreutz.
Silvius Creuz wurde um 1671 geboren und dürfte schon 1702 als Werkführer bei Melchior Schorer tätig gewesen sein.Oberchristl 1941, S. 645f. Silvius Creuz wirkte vor allem in Oberösterreich und im Bezirk Krumau.Mareš 1918, S. XLIII. Neben seiner Tätigkeit als Glockengießer wirkte er auch bei den „Wasserwerken“ im Stift Sankt Florian und Stift Melk mit. Er starb am 8. Juli 1754.
Werke während seines vorübergehenden Aufenthalts in Budweis: 1702, 1709 und 1713 Glocken für das Kloster Vyšší Brod (Hohenfurt) 1704 Chelčice 1705 Umíráček (Totenglöcklein) für den Schwarzen Turm in Budweis 1705 und 1708 Glocken für die Wallfahrtskirche Kájov (Gojau) Während seiner Linzer Zeit: 1721 eine Glocke mit 78 cm Durchmesser für die Kaplaneikirche Kirchberg 1721, 1727 und 1741 mehrere Glocken für Stift Lambach 1723 drei große Glocken (Bumerin, Marta und Oktáva) für den Schwarzen Turm in Budweis 1728 große Glocke für Ondřejov (Andreasberg), 1917 abgeliefertMareš 1918, S. 322. 1729 fünf Glocken für das Kloster Zlatá Koruna 1731 fünf Glocken für neu umgebaute Stadtpfarrkirche Wels (die größte ist noch erhalten) und drei Glocken für Pregarten 1733 fünf Glocken für Stift Wilhering nach dem großen Brand am 6. März 1733,Jodok Stülz: Geschichte des Cistercienser-Klosters Wilhering. Linz 1949, S. 355 (Google Books). vier Glocken für Gutau nach dem Marktbrand 1739 Světlík 1742 Rožmberk nad Vltavou (Rosenberg) Nach 1745: 1745 Zelnava 1746 Kaplice 1747 Hořice na Šumavě 1748 eine oder zwei Glocken für Maria Taferl; eine Glocke für die St.-Veit-Kirche in Krummau 1749 Vltavice 1752 Pfarrkirche Obermixnitz
Karl Potz Namensvarianten: Carl Poz, Karel Poz, Karel Potz, Karl Potz
Karl Potz heiratete am 12. November 1754 die Tochter Maria Franziska des im selben Jahr verstorbenen Silvius Creuz und kam dadurch in den Besitz dieser Werkstätte.Oberchristl 1941, S. 647f.
Ausgewählte Werke: 1754 Offenhausen 1755 drei Glocken für Liebenau, eine Glocke für Dolní Dvořiště (Unterhaid) und eine Glocke für die Perger Kalvarienbergkirche, die noch erhalten ist und seit 1917 als Zügenglocke in der Stadtpfarrkirche Perg dient. 1756 zwei Glocken für Schloss Haus (Wartberg ob der Aist) 1758 eine Glocke (1917 abgeliefert) für die Filialkirche Niederzirking 1759 zwei Glocken für das neue Krankenhaus der Barmherzigen Brüder (Linz) und eine Glocke für die neu umgebaute Minoritenkirche (Linz) 1760 Horní Planá (Oberplan) 1761 vier Glocken für Bad Ischl und eine Glocke für die Schlosskapelle Weinberg 1765 eine Glocke für Rožmitál na Šumavě (Rosental) 1773 je eine Glocke für Ungenach und die Wallfahrtskirche Maria Schutz am Bründl in Bad Leonfelden 1774 je eine Glocke für St. Oswald bei Freistadt und Rainbach im Mühlkreis
Michael Zöchbaur Namensvarianten: Johann Michael Zöchbaur, Michael Zöchbaur
Zöchbauer stellte Glocken hauptsächlich für den Raum Oberösterreich her. Daneben beschäftigte sich Zöchbaur mit der Anfertigung von Feuerspritzen.Oberchristl 1941, S. 648. Er starb am 27. Mai 1798 im Alter von 52 Jahren. Sein Marmorepitaph mit der bezeichnenden Darstellung der Sintflut ist im Linzer Landesmuseum aufbewahrt.
Ausgewählte Werke: 1773 eine Glocke für Atzbach 1774 zwei Glocken für Waldneukirchen 1775 eine Glocke für Stift Lambach und eine Glocke für Hohenfurt 1784 je eine Glocke für die Pfarrkirche St. Johann am Wimberg, Krenglbach, Rohrbach-Berg und Steinerkirchen am Innbach