Das afrikanische Kino umfasst in der Regel die Filmproduktion in den Ländern südlich der Sahara seit der Erlangung der formalen Unabhängigkeit, die für viele Staaten in den 1960ern kam. In einigen der geographisch zu Afrika gehörenden arabischen Staaten, besonders in Ägypten, hatte sich schon wesentlich früher eine funktionierende Filmindustrie entwickelt. Andererseits werden zum afrikanischen Kino auch afrikanische Regisseure gezählt, die in der Diaspora leben.

Film in Afrika während der Kolonialzeit In den französischen Kolonien war seit 1934 Afrikanern das Drehen von Filmen grundsätzlich untersagt. Nur im französischen Protektorat Tunesien entwickelte sich in Zusammenarbeit mit europäischen Produzenten seit den 1920er Jahren eine Filmtradition, die durch Albert Samama Chikly (1872–1934) begründet wurde, der sein Handwerk als Kriegsberichterstatter französischer Zeitschriften erlernt hatte. In den englischen Kolonien setzte die Filmproduktion durch britische Produzenten und Regisseure zuerst in Nigeria um 1920 ein. Im weitgehend unabhängigen Ägypten entstand in den 1920er Jahren ein großes Interesse am Film, das mit Verzögerung in die ganze arabische Welt ausstrahlte. Die Schauspielerin Aziza Amir produzierte als erste Frau auf dem afrikanischen Kontinent 1927 den Spielfilm Layla. 1934 wurde das Studio Misr in Kairo gegründet, das bis in die 1960er Jahre Hollywood die Stirn bot. Mit Al-Azeema („Der Wille“, 1939) von Kamal Selim (1912–1946), der von der zerstörerischen Wirkung der Weltwirtschaftskrise auf die Bewohner der Slums und ihre Beziehungen handelt, entstand einer der bedeutendsten Filme Ägyptens, der als Vorläufer des italienischen Neorealismus betrachtet werden kann.

Der erste Film eines Regisseurs aus dem subsaharische Afrika, L’Afrique sur Seine von Paulin Soumanou Vieyra, entstand 1955 in Paris.Pierre Hafner: Das Vorbild: Paulin Soumanou Vieyra. in CICIM. Revue pour le Cinéma français, Nr. 27/28, Institut Français de Munich, München 1989, S. 93–116. Das Thema der Afrikaner in der Diaspora blieb ein wichtiges Motiv des afrikanischen Kinos.

Vor der Unabhängigkeit entstanden einige wenige antikolonialistische Filme wie Les statues meurent aussi (1953) von Chris Marker und Alain Resnais über den Raub afrikanischer Kunst, der in Frankreich wegen seiner antikolonialen Tendenzen zehn Jahre verboten blieb,Les statues meurent aussi, in: www.larevuedesressources.org, 2016. oder Afrique 50 von René Vauthier über Aufstände in der Elfenbeinküste und in Obervolta, dem heutigen Burkina Faso.

Die in dieser Zeit entstandenen ethnographischen Filme französischer Autoren (z. B. Au pays des images noirs, 1947, und Bataille sur le grand fleuve, 1950–52, von Jean Rouch), in denen Rituale und Gebräuche der Songhai, Zarma und Sorko dokumentiert werden, gelten heute bei vielen afrikanischen Filmemachern als realitätsverzerrend und werden abgelehnt. Rouch wurde jedoch mit seinen Beiträgen zum von ihm kreierten Genre der Ethnofiction zum Mentor vieler afrikanischer Filmemacher wie Damouré Zika und gilt als Vater des nigrischen Kinos. Sein erster solcher Kurzfilm mit Spielhandlung, Les maîtres fous (1955) stellte den Haukakult dar, einen Tanz mit religiösem Hintergrund, bei dem der militärische Drill der Kolonialtruppen übertrieben nachgezeichnet wurde, um den weißen Autoritäten ihre Macht zu stehlen.Eduard Schüttpelz: Die Moderne im Spiegel des Primitiven: Weltliteratur und Ethnologie (1870–1960). München 2005, S. 296 ff. In den britischen Kolonien wurden Filme eher zu didaktischen Zwecken gedreht, in den portugiesischen Kolonien gab es keinerlei nennenswerte Aktivitäten.

1960er und 1970er Jahre Der erste afrikanische Film, der eine größere internationale Aufmerksamkeit erreichen konnte, war 1966 der Film Die Schwarze aus Dakar (La Noire de...) von Ousmane Sembène über die Verzweiflung einer Afrikanerin, die in Frankreich als Dienstmädchen arbeitet. Der Film wurde mit dem Prix Jean Vigo ausgezeichnet. Der Schriftsteller Sembène hatte sich dem Kino zugewandt, um eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Er gilt noch heute als ‚Vater’ des afrikanischen Films. Sembènes Heimatland Senegal war lange Zeit eines der wichtigsten Produktionsländer. Sein erster Kurzfilm entstand 1963: Borrom Sarret (Der Karrenmensch) zeigt den Alltag eines Lastenträgers, dessen Pferdekarren für allerlei Dienstleistungen in Anspruch genommen wird. Der Film beschreibt parabelhaft den Aufbau des noch jungen unabhängigen Staates, nicht ohne auf die Probleme hinzuweisen. Als sein bester Film gilt oft Xala (1974), der das Problem der Polygamie behandelt. Ceddo (1977) thematisiert den Konflikt zwischen Islam und Christentum und wurde in einigen afrikanischen Ländern verboten. Sembènes klare und gleichzeitig reiche symbolhafte Bildsprache, mit der er gleichzeitig komplexe Probleme markiert, hat Sembène bis zu seinen letzten Werken (2004) erhalten.Biografie auf www.elcorresponsal.com (spanisch)

Mit der Gründung des panafrikanischen Filmfestivals FESPACO 1969 in Burkina Faso schuf sich der afrikanische Film ein eigenes Forum. Es findet alle zwei Jahre im Wechsel mit den Filmtagen in Karthago (Tunesien) statt.Manfred Loimeier: Szene Afrika: Kunst und Kultur südlich der Sahara. Frankfurt am Main 2013, S. 22.

Mit Soleil O erregte der Mauretanier Med Hondo 1970 nicht nur in Europa, sondern auch in den USA Aufsehen. Der Film wurde beim Filmfestival Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet. Politisch nicht weniger engagiert als Sembène, wählte er für seinen mit einem Budget von nur 30.000 US-Dollar gedrehten Film über die Erfahrung des Fremdseins und der Demütigung in Frankreich eine unruhigere, experimentellere Filmsprache.

Produktions- und Rezeptionsbedingungen Sembènes Assistent Samba Gadjigo (* 1954) überlieferte die an in Europa studierenden künftigen afrikanischen Filmemacher gerichtete Aussage seines Lehrmeisters: „Saugen Sie so viel wie möglich auf. Aber an dem Tag, an dem Sie auf afrikanischem Boden landen, vergessen Sie alles. Die Technik des Filmemachens kann man in Europa lernen, aber afrikanische Filme kann man in Europa nicht machen.“Bilge Ebiri: The Story of 'Sembene!': How Ousmane Sembene Invented African Cinema auf vulture.com, 5. November 2015. So wurden fast zwei Generationen von afrikanischen Filmemachern in Europa ausgebildet, was auch eine thematische Verengung mit sich brachte, behandelten doch viele Erstlingswerke das Leben in der Diaspora.

Kinos waren zwar in den afrikanischen Großstädten wesentlich früher als das Fernsehen verbreitet. Vor allem im anglophonen Raum wurden meist Hollywood-Produktionen gezeigt, die die Erwartungshaltung der Zuschauer und die Rezeption prägten. Der anfängliche Erfolg des Kinos wurde jedoch behindert durch teure Filmrechte, hohe Mieten und Raubkopien, was mit Aufkommen des Fernsehens ein Kinosterben zur Folge hatte. Politische Unruhen und Bürgerkriege behinderten außerdem die kreative Arbeit in vielen Ländern. In der Demokratischen Republik Kongo wurden in den 1970er Jahren unter Ex-Präsident Mobutu Sese Seko alle Kinos verkauft. In Südafrika waren Filme aus der Zeit der Apartheid relativ selten; sie konnten allerdings (wie Come Back, Africa, USA/Südafrika 1959 von Lionel Rogosin) trotz politische Repression Kritik an der Politik des südafrikanischen Regimes formulieren.Apartheid auf filmlexikon.uni-kielKeyan Tomaselli: The Cinema of Apartheid: Race and Class in South African Film. 1988, Neuausgabe Taylor & Francis 2016 (E-Book).

Es dauerte lange, bis sich die afrikanischen Zuschauer selbst auf der Leinwand wiederfinden wollten.Afrika: Ein Kino-Kontinent im Aufbruch auf dw.com, 25. Februar 2018 In Nigeria begann der Aufstieg der Filmindustrie, die heute mit etwa 2500 Filmen pro Jahr eine der größten der Welt ist, in den 1990er Jahren unter der Militärdiktatur. Der gelernte Filmemacher Okechukwu Oguejiofor, der sich als Straßenverkäufer durchschlug, produzierte mit 15.000 Euro den Horrorthriller Living in Bondage und begründete damit die Nollywood-Erfolgsserie, welche auf Massenproduktion bei Minimierung der Produktions- und Vertriebskosten, kürzestmöglichen Drehzeiten und Nutzung von VHS-Kassetten beruhte.Wie Nigeria zur zweitgrößten Filmnation der Welt wurde auf netflixwoche.de, 12. Mai 2022.

In Deutschland fördert unter anderem der 2004 gegründete World Cinema FundHomepage des WCF der Berlinale Produktion und Verleih afrikanischer Filme.

Selbstverständnis und politischer Anspruch der Filmemacher Das Selbstverständnis und der politische Anspruch der Filmemacher gehen besonders deutlich aus der Charte du cinéaste africain hervor, die beim zweiten Treffen des Verbands der afrikanischen Filmemacher FEPACI 1975 in Algiers einstimmig angenommen wurde. Dabei gehen die Filmemacher von der vom Neokolonialismus geprägten Situation Afrikas aus. In dieser Situation sahen sie ihre gesellschaftliche Verantwortung darin, zur Bewusstwerdung der afrikanischen Menschen beizutragen, wobei sie ihre Solidarität mit progressiven Filmemachern in anderen Teilen der Welt betonten. Das afrikanische Kino wird daher häufig zum 'dritten Kino' gezählt.

Die Ziele des dritten Kinos wurden in Manifesten von Octavio Getino und Fernando Solanas (Für ein drittes Kino, 1968) und Julio García Espinosa (Für ein unvollkommenes Kino) definiert. Das dritte Kino wurde in Abgrenzung vom ersten Hollywood-Kino und von einem ‘unpolitischen’ Autorenkino bestimmt.

In den Worten Souleymane Cissés ist es die „erste Aufgabe der afrikanischen Cineasten, zu bejahen, dass die Leute hier menschliche Wesen sind und diejenigen ihrer Werte, die anderen nützlich sein könnten, bekannt zu machen. Die Generation, die auf uns folgen wird, mag sich anderen Aspekten des Kinos öffnen. Unsere Pflicht ist es, die Leute begreifen zu lassen, dass die Weißen mit ihren Bildern gelogen haben.“Thackway 2003, S. 39.

Der afrikanische Film hatte sich in den ersten Jahrzehnten primär das Ziel gesetzt, durch eigene Bilder von der Realität der jungen afrikanischen Staaten und Wirklichkeiten den Blick auf Afrika zu dekolonialisieren. Der Anspruch musste deshalb ein explizit politischer sein, um dieses Ziel zu erreichen: bewusst hob man sich sowohl vom kommerziellen Hollywoodkino als auch vom europäischen Kunst- und Autorenfilm ab. Das Ziel, den afrikanischen Menschen ihre Geschichte zurückgeben, wurde dramaturgisch auch dadurch umgesetzt, sich einer spezifisch afrikanischen Erzähltradition zu bedienen: der Oral Tradition oder mündlichen Überlieferung. Die Filmemacher bezogen sich auf die Griots: Erzähler, die als Historiker, Genealogen und Botschafter in Afrika unterwegs sind und waren. Dabei gilt, dass sich die Filmemacher nicht nur als moderne Griots verstanden, sondern auch als Entwicklungshelfer für einen neuen, kritischen Dialog mit der Gesellschaft.

Neue Themen In den letzten Jahren wendet sich das afrikanische Kino verstärkt Themen zu, die nicht mehr nur mit der Kolonialzeit bzw. dem Neokolonialismus zu tun haben. Es werden verstärkt die eigene Verantwortung in der Geschichte thematisiert, als auch Probleme, die hausgemacht sind. Korruption, AIDS, die Unterdrückung der Frauen, das Elend der Kindersoldaten in den Bürgerkriegen, die Entstehung der Terrorismus in den Slums, die Homophobie der Evangelikalen (God loves Uganda, Regie: Roger Ross Williams) und die Rolle der Filmemacher als Elite im eigenen Lans sind als Themenbereiche hinzugekommen. Auch werden zunehmend unterschiedliche Genres bedient, ein „afrikanischer Film“ ist nicht mehr gleichbedeutend mit einem politischen. So gibt es immer mehr afrikanische Komödien und Thriller, Musik-, Actionfilme und Soaps.

Frauen als Regisseure