Karl Hotz (* 29. April 1877 in Wertheim; † 20. Oktober 1941 in Nantes) war ein deutscher Ingenieur und Offizier der Wehrmacht. Als Chef der Feldkommandantur 518 der deutschen Militärverwaltung im besetzten Frankreich wurde Hotz am 20. Oktober 1941 durch eine kommunistische Widerstandsgruppe der Résistance in Nantes ermordet. Die Tat hatte schwere Folgen: Zwei Tage später wurden auf Betreiben der deutschen Militärverwaltung 48 Geiseln bei Châteaubriant (25), Dept. Loire-Atlantique, bei Nantes (13) und im Fort Mont Valérien bei Paris hingerichtet. Folgetaten führten zur Erschießung von weiteren 95 Geiseln. In drei nachfolgenden Prozessen wurden 47 Personen zum Tode verurteilt sowie 14 Angehörige (soweit bekannt) als Geiseln erschossen oder deportiert und in Konzentrationslagern getötet.

Leben Vor dem Krieg mini|Nordeinfahrt des Tunnels Saint-Félix Karl Hotz war promovierter Diplomingenieur und hatte im Ersten Weltkrieg als Reserveoffizier gedient. 1929 kam er als Leitender Angestellter der Baufirma Carl Brandt, Düsseldorf, nach Nantes, um im Rahmen des Dawes-Planes (deutsche Kriegsreparationen) Bauplanungen an Loire und Erdre durchzuführen. Er war verantwortlich für die Verfüllung der Erdre im Stadtgebiet von Nantes auf einen Kilometer (heute „Cours de 50-Otages“) und den Bau des „Tunnels Saint-Félix“, der die obertägige Wasserführung ersetzte. 1933 kehrte er nach Deutschland zurück. Während seiner Zeit in Nantes hatte er Kontakte zur oberen Gesellschaft der Stadt geknüpft.

Feldkommandant in Nantes Unmittelbar nach dem Ende der Kampfhandlungen des Westfeldzuges belegten die deutschen Besatzungskräfte französische Verwaltungseinheiten mit militärischen Feldkommandanten, in der Regel älteren Reserveoffizieren. In diesem Rahmen kam Karl Hotz im Range eines Oberstleutnants als Feldkommandant nach Nantes. Nach Weisung des Präfekten des Departements Loire-Atlantique (Nantes) agierte Edmond Duméril, Deutschlehrer am Lycée Clemenceau, als Verbindungsmann zur Feldkommandantur. Duméril, der ebenso wie Hotz an der Universität Tübingen studiert hatte, beschrieb Hotz in seinem Tagebuch als „gerechten, intelligenten Mann, in keiner Weise ein Hitlerianer und ein Freund der Franzosen“. Er habe (bei der ersten Begegnung) „keinerlei Arroganz gezeigt, keine Freude über den Sieg [über Frankreich], ein kultivierter und bescheidener Mann, der an einem inneren Schmerz zu leiden schien“.

Für das Handeln des Feldkommandanten Hotz wird eine Episode als charakteristisch gesehen: In der Nacht vom 30. auf den 31. August 1940 war von Unbekannten ein Kriegerdenkmal, das an den Deutsch-Französischen Krieg erinnerte, nahezu umgestürzt worden. Hotz ordnete daraufhin an, das geneigte Denkmal aus Sicherheitsgründen abzuräumen. Der Bürgermeister von Nantes, Auguste Pageot (1884–1962), Mitglied der sozialistischen Section française de l’Internationale ouvrière (SFIO) hatte daraufhin in einer politischen Geste einen Trauermarsch zur Statue unternommen. Hierfür wurde er von Hotz verhaftet, aber nicht vor ein Kriegsgericht gestellt, sondern in den freien Teil Frankreichs exiliert. Diese Entscheidung wurde von der Präfektur in Nantes ausdrücklich begrüßt.

Als Feldkommandant war Hotz in seinem Kommandobereich Gerichtsherr. Am 22. Januar 1941 verurteilte der ihm unterstellte Feldrichter einen französischen Zivilisten, der einen deutschen Soldaten gewalttätig angegriffen hatte, nicht wie die Anklage gefordert hatte, gemäß Weisung vom 20. Mai 1940 zum Tode, sondern zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten. Das im Vergleichsrahmen ungewöhnlich milde Urteil kam zustande, weil der Richter die Tat als Körperverletzung nach Reichsstrafgesetzbuch gewertet hatte.

Attentat Vorgeschichte Das Gebiet des Militärbefehlshabers in Frankreich General Otto von Stülpnagel war vom Waffenstillstand (22. Juni 1940) bis zum Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges (22. Juni 1941) ohne interne Angriffe geblieben. Die Sowjetunion befand sich in diesem Stadium des Zweiten Weltkrieges mit dem Deutschen Reich in einem Nichtangriffspakt. In der Folge hatte die Moskauer Kominternzentrale die Parti communiste français (PCF) angewiesen, keine Aktionen gegen die deutsche Besatzungsmacht zu unternehmen. Mit Telegramm vom 26. April 1941 der Komintern an die PCF änderte sich diese Linie: Es sollte nun eine Nationale Front gebildet werden, die von Mai 1941 an nur als Aufforderung zu Aktionen bestand und deren Organisation erst zum Herbst 1942 zustande kam.Daniel Virieux: Front national. In: François Marcot, Robert Laffont (Hrsg.): Dictionnaire historique de la Résistance. 2006, S. 124. Am 13. August versammelten sich daraufhin Mitglieder der von der PCF gebildeten Bataillons de la Jeunesse vor der Metrostation Strasbourg-St. Denis zu einer Kundgebung, bei der Samuel Tyszelman (1921–1941) und Henri Gautherot (1920–1941) festgenommen und am 19. August hingerichtet wurden.

Zwei Tage später, am 21. August 1941, folgte als Rache das erste Attentat gegen einen Vertreter der deutschen Besatzungsmacht mit tödlichem Ausgang. Der Marineverwaltungsassistent Alfons Moser wurde in der Pariser Metrostation Barbès-Rochechouart durch das PCF-Mitglied Pierre Georges (Frédo, später Colonel Fabien) (1919–1944) erschossen; Georges war u. a. von Gilbert Brustlein (1919–2009) begleitet. Am selben Tag hatten Unbekannte in der Metrostation Bastille einen Schuss auf den Unteroffizier Schötz abgefeuert, ohne diesen zu treffen. Für das Attentat auf Alfons Moser wurden sechs gefangene Franzosen auf Druck der deutschen Besatzungsmacht von einem am 14. August 1941 neu konstituierten französischen Sondergericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Am Tag nach den beiden Attentaten erklärte der Militärbefehlshaber Frankreich alle in deutscher Hand befindlichen französischen Gefangenen zu Geiseln „mit der Androhung, dass von ihnen bei erneuten Anlässen eine der Schwere der Tat entsprechende Anzahl erschossen werden würden“.

Am 3. September 1941 wurde der Unteroffizier der Kommandantur-Transportabteilung (Paris) Ernst Hoffmann durch Unbekannte erschossen. Hoffmann war begleitet von seiner Braut, die eine Besuchserlaubnis erhalten hatte. Die Tat geschah gegen 22 Uhr vor Hoffmanns Unterkunft, dem Hotel „Terminus“ in der Rue Strasbourg. Zwei Tage später übergab der Kommandant von Groß-Paris, Ernst Schaumburg dem Militärbefehlshaber mit Hinweis auf den Geiselerlass eine Liste mit 10 Geiseln, von denen die ersten drei dieser Liste am 6. September auf dem Mont Valérien hingerichtet wurden. Am 6., 10. und 11. September erfolgten weitere Attentate, die bei den Opfern zu Verwundungen führten. Als Vergeltung ordnete der Militärbefehlshaber die Erschießung von 10 kommunistischen Geiseln an. Die Hinrichtungen wurden am 16. September auf dem Mont Valérien vollzogen.

Am 15. September endete ein Attentat auf den Hauptmann Wilhelm Scheben (Transportkommandatur Paris-Nord) tödlich. Scheben hatte ebenfalls das Hotel „Terminus“ bewohnt und war auf dem wenig entfernten Boulevard de Strasbourg aus einem Auto heraus angeschossen worden. Er verstarb am 17. September. Der Militärbefehlshaber ordnete am selben Tag die Erschießung von 12 kommunistischen Geiseln an, was am 20. September auf dem Mont Valérien vollzogen wurde.

Durchführung am 20. Oktober 1941 mini|Rue du Roi Albert, Blick auf die Kathedrale Saint Pierre et Saint Paul; das Attentat geschah vor dem letzten Haus vor der Kathedrale auf der rechten Straßenseite mini|Deutscher Soldatenfriedhof Pornichet Die deutsche Besatzungsmacht hatte die Sicherheitslage in Frankreich noch im August und September als unbedroht eingeschätzt. Die Attentate „berühren bisher im grossen die innere Sicherheit nicht“, urteilte der Lagebericht des Militärbefehlshabers für die Monate August–September. Dies sollte sich mit dem Attentat auf Karl Hotz ändern. Es war der erste Angriff kommunistischer Widerständlerzur Entwicklung der französischen Resistance, insbesondere der Rolle der Parti Communiste de France, PCF: auf ein hochrangiges Mitglied der deutschen Besatzungskräfte in Frankreich, gefolgt von einem weiteren Attentat am folgenden Tag in Bordeaux, dem der Kriegsverwaltungsrat Hans Gottfried Reimers zum Opfer fiel. Ernst Jünger, von Juni 1941 bis August 1944 in der Abteilung Ic (Feindaufklärung, Informationsanalyse, Abwehr) des Kommandostabes des Militärbefehlshabers in Frankreich tätig, hat in seiner Denkschrift über die Geiselerschießungen in Frankreich 1941/42 über die Attentate und ihre Folgen detailliert berichtet.

Oberstleutnant Hotz hatte am frühen Morgen des 20. Oktober gemeinsam mit seinem Adjutanten Dr. Wilhelm Sieger beider Wohnquartier, das Hotel „Central“ verlassen mit dem Ziel der Ortskommandantur an der Place St. Pierre. Kurz davor bei 1 Rue du Roi Albert fielen zwei Schüsse. Hotz stürzte mit dem Ruf „O, ihr Schufte“. Sieger versuchte, die über die vor der Kathedrale gelegene Place St. Pierre flüchtenden Attentäter zu verfolgen, war aber unbewaffnet. Die zwei erkannten Täter konnten „davonspringen“. Ein herbeigeeilter französischer Arzt stellte einen rasch eingetretenen Tod fest.

Karl Hotz wurde am 24. Oktober auf dem Friedhof Pont du Cens bestattet. An der Beerdigung, von der eine Filmsequenz vorhanden ist, nahmen u. a. teil Generalleutnant Karl-Ulrich Neumann-Neurodde (1876–1958), Chef des Militärverwaltungsbezirk B (Südwestteil des besetzten Frankreich), die benachbarten Feldkommandanten sowie der Regionspräfekt Jean Roussillon (1896–1970)(Angers: Loire-Inférieure, Maine-et-Loire, Mayenne, Sarthe und Teil von Indre-et-Loire), der Präfekt des Departements Loire-Inferieure Philippe Dupard und der Bürgermeister von Nantes. 1955 wurde das Grab auf den Kriegsgräberfriedhof Pornichet umgebettet. Grab 655 befindet sich in Block 2 Reihe 21.

Deutsche Reaktionen Gegen 8 Uhr informierte der Oberleutnant KalbhennKalbhenn war vermutlich Ic-Offizier (Ic = Feindaufklärung) im Stab des Feldkommandanten; die Benennung als „Abwehroffizier“ in Thomas J. Laub: After the Fall. German Policy in Occupied France 1940-44. Oxford 2010, S. 136 ist falsch. Abwehroffizier in Nantes war Korvettenkapitän Hans Pusback, ursprünglich ein Handelsmarineoffizier. In: CIA-Bericht des Verhörs von Oberstleutnant Friedrich Dernheim, CI-IIR-57, S. 6 seinen Vorgesetzten in Angers, Hauptmann Dr. Schrader,Schrader war ein Frankfurter Rechtsanwalt; von 1940 bis Herbst 1942 diente er als IC beim Stab der Militärregion B, im Herbst 1942 trat er zur Abwehr über. Chef der Abwehrstelle in Angers war Oberstleutnant Friedrich Dernheim. In: CIA-Bericht des Verhörs von Oberstleutnant Friedrich DernheimCI_-IIR/57, S. 75 Ic im Stab der Militärregion B, über das Attentat. Dieser leitete die Information an den Major i. G. Hans Cromeirrtümlich „Abwehroffizier“ gemäß Thomas J. Laub: After the Fall. Policy in Occupied France 1940-44. Oxford 2010, S. 136. Crome (1900–1997) war von Oktober 1940 bis Juni 1942 Leiter Abteilung Ic im Kommandostab des Militärbefehlshabers. Danach bis Februar 1943 Generalstabschef im IV. Armeekorps (6. Armee), in Stalingrad in Kriegsgefangenschaft, 1962 als Brigadegeneral der Bundeswehr in den Ruhestand verabschiedet. In: im Stab des Militärsbefehlshabers in Paris weiter. Schrader und je ein Vertreter der Geheimen Feldpolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) fuhren von Angers nach Nantes und arretierten kurzfristig den Präfekten (Loire-Atlantique), dessen leitende Beamte sowie Würdenträger der Stadt wegen deutschfeindlicher Aktivitäten.