mini|Vergil, Eclogae in der spätantiken Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus Palatinus lat. 1631, fol. 15v („Vergilius Palatinus“, um 500) Die Eklogen (lateinisch Eclogae oder Bucolica) sind ein Sammelwerk von zehn Hirtengedichten Vergils, das vermutlich zwischen 42 und 39 v. Chr. entstanden ist.E. A. Schmidt: Zur Chronologie der Eklogen Vergils. Heidelberg 1974. Obwohl auch schon antike Kommentatoren diesen Veröffentlichungszeitraum annahmen, ist nach neuerer Forschung auch ein Zeitpunkt bis 35 v. Chr. denkbar.M. von Albrecht: Vergil. Bucolica. Hirtengedichte. Reclam, Stuttgart 2001, S. 268.

Die Hirtengedichte wurden bis zum dritten Jahrhundert Bucolica genannt, dies war wohl der ursprüngliche Titel. Die erst im 4. Jahrhundert bezeugte Bezeichnung „Eclogae“ für die bukolische Dichtung Vergils ist sicher nicht authentisch, hat sich aber im Lauf der Zeit durchgesetzt.Siehe dazu Nicholas Horsfall: Some problems of titulature in Roman literary history. In: University of London, Institute of Classical Studies: Bulletin. (BICS) 28, 1981, S. 103–114, hier: 108 f.; Heathcote William Garrod: Varus and Varius. In: The Classical Quarterly. 10, 1916, S. 206–221, hier: 218–221.

Formales Vorbild der Eclogae sind die Idyllen (griechisch: Eidyllia) des hellenistischen Dichters Theokritos aus Syrakus (Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr.). Vergil übernimmt das Grundthema der singenden Hirten, verschafft der bukolischen Gattung aber einen großen Gewinn an Tiefe, indem er Themen der Zeitgeschichte und echte menschliche Emotionen einbindet sowie das Groteske und Humoristische deutlich zurückfährt. Zudem huldigt er auch seinen Gönnern Octavian, Alfenus Varus, Gaius Cornelius Gallus und Gaius Asinius Pollio.

Historischer Hintergrund vor allem der ersten und neunten Ekloge ist die Landverteilung in Cremona und Mantua an 200.000 Veteranen der Triumvirn infolge der Bürgerkriegswirren nach den Ereignissen von Philippi und Perusia (42 und 41 v. Chr.): Viele Bauern wurden von ihren Ländereien vertrieben oder verließen notgedrungen ihr Land. Vermutlich war auch Vergil zunächst betroffen, bekam aber seinen Grundbesitz durch den Einsatz von Gaius Asinius Pollio und Alfenus Varus bei Octavian wieder zurück.

mini|Das Ende der vierten Ekloge in einer spätantiken Handschrift („Vergilius Romanus“) Die berühmteste Ekloge ist die Pollio gewidmete 4. Ekloge, die etwa aus dem Jahr 40 v. Chr. stammt. In diesem Gedicht wird die Geburt eines Weltenheilands und der Beginn eines neuen, goldenen Zeitalters prophezeit, was die christliche Deutung als Ankündigung der Geburt Christi auslegte. Dies brachte Vergil seinen Ruf als anima naturaliter christiana, als „von Natur aus christliche Seele“ ein, wodurch er trotz seines vorchristlichen Glaubens zu einem der auf das Mittelalter und die frühe Neuzeit einflussreichsten Autoren wurde.

Inhalt und Interpretation mini|Der Anfang der Eklogen in der 1473/1474 geschriebenen Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus Palatinus lat. 1632, fol. 3r mini|hochkant|Bucolica (1481)

Ekloge 1: Meliboeus. Tityrus (dialogisch) Das erste Gedicht der zehn Eklogen besteht aus einem Dialog zweier Hirten, Tityrus und Meliboeus, vor dem Hintergrund einer ländlichen Szenerie. Während Meliboeus darüber klagt, dass er seine Herden nicht mehr auf dem gewohnten Land weiden dürfe, berichtet Tityrus, dass er in Rom einen jungen Mann (iuvenem) getroffen habe, den er auch als Gottheit (deus) bezeichnet und der ihm sein übliches Weideland gelassen habe.

Seit der Spätantike hat man die Person des Tityrus immer wieder als Vergils Alter Ego deuten wollen und den jungen Mann, dem Tityrus in Rom begegnete, als Octavian. Es ist umstritten, ob und inwieweit eine solche bereits in der Antike geübte allegorische Deutung (nicht nur der 1. Ekloge), die in den Typologien der bukolischen Welt Maskierungen biographischer und geschichtlicher Ereignisse sieht, statthaft ist. Im Gegensatz zu den Idyllen Theokrits, besonders im Vergleich zum 1. Idyll, wird hier eben das Idyllische immer weiter hinausgedrängt, stattdessen ragt die historisch-politische Welt immer mehr hinein (Anspielung auf die Landverteilungen). Es kommt somit zu einer Historisierung der bukolischen Dichtung, was gleich in der 1. Ekloge angezeigt wird, die damit einen Ausblick auf das Buch gibt.

Ekloge 2: Alexis (monologisch) Corydon, ein Hirte mit einer eigenen Herde, verliebt sich in den jungen Hirten Alexis, den Liebling seines Herrn, der ihn jedoch trotz aller Bemühungen und Versprechungen abweist. Corydon versucht, Alexis das Leben auf dem Land schönzureden, indem er dessen Vorzüge preist, zum Beispiel dass er 1000 Lämmer habe und somit das ganze Jahr über frische Milch. Außerdem stellt er Alexis in Aussicht, dass dieser bei ihm das Spielen der Rohrflöte werde lernen können (V. 31: mecum una in silvis imitabere Pana canendo). In V. 56 (Rusticus es, Corydon; nec munera curat Alexis) sieht Corydon jedoch selbst ein, dass Alexis überhaupt kein Interesse an diesen Dingen hat. So bleibt ihm am Ende (V. 69ff) nur die Klage und das Hoffen auf einen „anderen Alexis“, wenn dieser ihn verschmähe (V. 73: invenies alium, si te hic fastidit, Alexin).

Die 2. Ekloge hat massive Anleihen bei Theokritos, vor allem bei dessen 11. Idyll, wo der Kyklop Polyphem auf ähnliche Weise um die Nymphe Galateia wirbt. Allerdings ist auch hier die Ausrichtung anders, die Liebesqual ist ernst gemeint, es gibt kein selbstironisches Belächeln der Szenerie. Dazu kommen hier auch explizit Elemente der römischen Liebeselegie vor, wie zum Beispiel der Topos des Paraklausithyrons, aber auch die Realitätsferne des Verliebten, die daran zu erkennen ist, dass er dem Alexis einen Strauß Blumen darreichen möchte, die jedoch alle zu unterschiedlichen Jahreszeiten blühen. Somit könnte diese Ekloge den späteren Liebeselegikern als unmittelbares Vorbild gedient haben.

Ekloge 3: Menalcas. Daemoetas. Palaemon (dialogisch) Bei der 3. Ekloge handelt es sich um einen Wettgesang zwischen den Hirten Menalcas und Damoetas. Zunächst beschuldigt Damoetas Menalcas, dieser habe dem Daphnis aus Eifersucht die Pfeile zerbrochen, worauf Menalcas entgegnet, Damoetas habe dem Damon einen Bock gestohlen. Infolge dieser gegenseitigen Anschuldigungen beschließen die Hirten, ihren Streit mit einem Wettgesang auszutragen, wofür Damoetas eine junge Kuh, Menalcas kunstvoll mit Schnitzarbeiten verzierte Becher aus Buchenholz setzt. Damoetas will dies nicht akzeptieren, aber dennoch kommt es zum Wettkampf. Zum Schiedsrichter wird der zufällig auftauchende Palaemon bestimmt. Von V. 60-107 duellieren sich die beiden Hirten distichomythisch in jeweils zwei Versen, in denen das zentrale Thema die Liebe ist. Auch der Gegensatz zwischen homo- und heterosexueller Liebe wird thematisiert. Am Ende erklärt Palaemon aufgrund der hohen Qualität des Gesangs beide zum Sieger.

Die 3. Ekloge ist mit 111 Versen die längste der ersten Hälfte des Eklogenbuches. Auch hier finden sich wieder massive Anleihen bei Theokritos, besonders im 5. (und teilweise auch im 4.) Idyll. Entscheidender Unterschied ist bei Vergil die Zurückdrängung des Rustikalen und der Beleidigungen. So gibt es bei Theokritos einen Sieger, der seine Freude über den Sieg auch ganz unverhohlen zum Ausdruck bringt. In dem Wettgesang wird die schon in Ekloge 2 begonnene Liebesthematik fortgeführt, wenn auch in etwas knapperer Form.

Ekloge 4: Der göttliche Knabe (monologisch) Die 4. Ekloge handelt von einer Prophezeiung aus den Sibyllinischen Büchern. Es wird die Geburt eines göttlichen Knaben unter dem Konsulat des Asinius Pollio im Jahr 40 v. Chr. angekündigt, mit dem auch die Herrschaft Saturns wiederkehre und das eiserne Zeitalter dem goldenen weichen werde (V. 8–9: quo ferrea primum|desinet ac toto surget gens aurea mundo). Des Weiteren ist die Rede vom Frieden unter den Menschen und unter den Tieren. Außerdem wachse in diesem goldenen Zeitalter alles von selbst, sodass die Landwirtschaft überflüssig werde (diese war in der Antike eine große Mühsal). Auch Handel und Wirtschaft verschwänden und die Menschen könnten in einem paradiesähnlichen Zustand leben. Dieses goldene Zeitalter wird nicht nur mit der Geburt des Kindes verknüpft, sondern reift mit diesem im Laufe des Textes auch heran.

Die Ekloge unterscheidet sich (wie auch die sechste) massiv von den übrigen. Die bukolische Welt gibt hier zwar Anregungen für Bilder (zum Beispiel tauchen in V. 2 die myricae (Tamarisken) als typisch bukolische Pflanzen auf), aber die Inhalte und Stimmungen sind anders. Die Liebesthematik und auch die Klage spielen in dieser Ekloge keine Rolle, die Bukolik bildet nur noch den Rahmen. Die ganze Ekloge durchzieht eine Stimmung der Hoffnung auf eine bessere Zeit, die mit der Geburt des Knaben anbricht. In der Forschung wird dieser Knabe gelegentlich mit Augustus gleichgesetzt. Manfred Erren hingegen hält das ganze Gedicht für einen ziemlich frechen Scherz Vergils.Vgl. Erren: Vergils Prophetie. Bereits in der Spätantike setzte jedoch eine christliche Umdeutung des Textes ein, da man den Knaben mit Jesus Christus gleichsetzte. Diese Gleichsetzung geht zurück auf Kaiser Konstantin I. Sie wurde beeinflusst durch eine griechische Übersetzung der vierten Ekloge, die dem Konzil von Nicäa vorlag. Die Übersetzung weicht stark von Vergils Ekloge ab. Es fehlen zum Beispiel sämtliche Götternamen, bis auf solche, die rein künstlerisch konnotiert sind (Musen) oder in der vierten Ekloge als unterlegen dargestellt werden (Pan). Auch fehlen historische Bezüge wie das Konsulat des Pollio.Vgl. M. von Albrecht: Vergil. Bucolica. S. 136 ff. Auf dieser Deutung ist ein großer Teil von Vergils Ruhm im Mittelalter gegründet.

Ekloge 5: Daphnis (dialogisch) Wie schon die 3. Ekloge ist auch die 5. ein Wettgesang. In diesem Fall singen zwei Hirten, der junge Mopsus und der ältere Menalcas, über den Tod und die anschließende Apotheose des Daphnis. Dabei tragen beide Sänger in einer jeweils längeren Passage (25 Verse beiderseits) ihr Lied über Daphnis vor. Mopsus beginnt und schildert, wie sehr nicht nur die Nymphen und die Tiere den Tod des Daphnis betrauert hätten, sondern auch die ganze Natur, indem sie nur noch für die Menschen unbrauchbare bzw. gefährliche Pflanzen wie Schwindelhafer und Dornsträucher sprießen lasse. Menalcas lobt das Lied des Mopsus und kündigt sein eigenes mit den Worten an, er wolle Daphnis zu den Sternen erheben (Daphninque tuum tollemus ad astra, V. 51). Sein Lied handelt vom Frieden unter den Menschen und Tieren, weil Daphnis diesen liebe (amat bonus otia Daphnis, V. 61). Die ganze Natur künde von seiner Vergöttlichung (deus, deus ille, Menalca!, V. 64) und sowohl Mensch als auch Tier würden ihn auf ewig mit Opfern und Gebeten verehren. Anschließend beschenken sich die beiden Hirten Mopsus und Menalcas gegenseitig. Mopsus bekommt eine Flöte aus Schierlingsstengeln, Menalcas einen erzbeschlagenen Hirtenstab.