mini|Hönnetal 1645 – Kartenausschnitt aus Westphalia Ducatus, Blaeu. Beschreibung zum Hönnetal: „Antrum vastissimum incogniti recessus“ (etwa: ‚wüste Höhle‘, ‚unerforschte Abgründe‘) mini|Friedrich C.D. von und zu Brenken 1821 – Balver Höhle vor der Freilegung. Älteste bekannte Abbildung. Links die ehemalige Klause (heute Farben Nitsche) mini|Balver Höhle um 1840 (L.Schücking, F. Freiligrath in Das malerische und romantische Westphalen) mini|Die Balver Höhle (2008) mini|Luftaufnahme (2014) Die Balver Höhle ist eine im Hönnetal bei Balve in Nordrhein-Westfalen gelegene Karsthöhle. Die 90 m lange, offene Höhle entstand durch Karbonatlösung in mittel- bis oberdevonischen Massenkalksteinen. Sie gilt als die größte Kulturhöhle Europas und wird als Veranstaltungsort für kulturelle Veranstaltungen genutzt. Während der quartären Eiszeiten wurde die Höhle fast vollständig mit Höhlenlehm verfüllt. In den tonigen Sedimenten fanden Archäologen mehr als 40.000 Artefakte. Die hier datierten archäologischen Funde gehören zu den ältesten Artefakte im Sieger- und Sauerland. Sie sind in die Zeit des jüngeren Mittelpaläolithikums einzuordnen.
Lage und Beschreibung Die Balver Höhle befindet sich am östlichen Talflanke des Hönnetals, am nördlichen Ortsrand der Ortschaft Balve im Hohlen Stein auf 145–148 m üNN. Hinter einem 11 Meter hohen und 18 Meter breiten Eingangsportal erweitert sich die Höhle zu einer großen tunnelförmigen Halle („Felsendom“), die sich nach 54 Meter in zwei Nebenarme teilt. Sie tragen die Namen zweier Wissenschaftler: des Geologen Ernst Heinrich von Dechen und des Anatomen und Naturforschers Rudolf Virchow. Der Dechen-Arm besitzt zwei parallel zum Virchow-Arm streichende Seitengänge, die zur Oberfläche führen. Der hintere Teil des Dechenarms – die so genannte Kapelle – wurde im Zweiten Weltkrieg mit einer Betonmauer von der übrigen Höhle zur Stabilisierung abgetrennt. Von der Kapelle aus reicht eine Karstspalte bis an die Oberfläche und wird heute zur Bewetterung der Höhle genutzt.
Der ehemalige Einstrudelkanal des Höhlenbachs befindet sich am Ende des Virchow-Armes. Die Höhle reicht ca. 90 Meter in den Felsen hinein. An der höchsten Stelle nahe dem Eingang ist sie zwölf Meter hoch und an der breitesten Stelle im Inneren 18 Meter breit. Um die Höhenverhältnisse auszugleichen, wurde im Inneren eine circa 15 Meter breite dreistufige Treppe angelegt.
Entstehung Im Mitteldevon entwickelte sich am Südrand des Old-Red-Kontinents, der u. a. die alten Kontinentalkerne von Nordamerika und Skandinavien umfasste, ein warmes flaches Schelfmeer aus. In dem flachen, gut durchlüfteten Meereswasser bildeten sich zahlreiche Korallenriffe und Atolle, die heute die Kalkvorkommen von Hagen-Hohenlimburg bis Brilon nachzeichnen. Im Hönnetal – einem durch Erosion entstandenem Tal – sind heute zahlreiche Höhlen, Dolinen und Bachschwinden bekannt.
Die Riffkalke im Hönnetal entwickelten sich aus den Oberen Honseler Schichten, die aus Tonsteinen mit ersten Kalksteinen gebildet werden. Der untere Teil der mitteldevonischen Massenkalke wird durch die bankigen Kalksteine der Schwelm-Fazies gebildet. Die Karbonate der Schwelm-Fazies zeichnen sich durch das Vorhandensein von blockigen Stromatoporen-Kalksteine aus.
Über den massigen Stromatoporen-Kalksteinen wurden die biohermalen Kalksteine der Dorp-Fazies und die dunklen Kalksteine der Iberg-Fazies abgelagert. Das Riffwachstum wurde durch ein Absenken das Ablagerungsraumes im Oberdevon beendet.
Die Höhle entstand durch Verwitterung von Karbonaten in feuchtwarmen, tropischen und subtropischen Klimaperioden, wie sie in Mitteleuropa beispielsweise in der Oberkreide, Tertiär und während der Warmzeiten des Pleistozäns zu finden sind. In diesen geologischen Zeitabschnitten hat eine besonders intensive Kalklösung stattgefunden, zahlreiche Höhlen in Europa entstanden. Die Ausrichtung der Karsthöhlen richtet sich hauptsächlich nach bereits vorhandenen tektonischen Unstetigkeitsflächen, wie Klüften und Spalten. Durch die Lösung der Karbonate werden die Trennflächen allmählich erweitert, bilden unterirdische Gänge und Höhlen. In Karstgebieten erfolgt daher die Entwässerung nicht oberirdisch durch Bäche, sondern unterirdisch.
Dort, wo das Regen- und Oberflächenwasser in senkrechten Spalten („Einstrudelkanäle“) versinkt, bilden sich nach und nach schachtartige Höhlen, die oft nachträglich durch eingeschwemmten Rückstands- oder Höhlenlehm wieder versiegelt werden. Die Höhlen im Hönnetal wurden im phreatischen Bereich angelegt, das heißt unterhalb des Grundwasserspiegels. Durch Hebung des Rheinischen Schiefergebirges im Quartär fielen die Höhlen allmählich trocken. Meist wurden sie periodisch durch Höhlenbäche durchströmt, die Sedimente von der Erdoberfläche in die Höhlen verfrachteten. Mit den Sedimenten wurden auch Reste von Pflanzen und Tieren in den Untergrund verbracht und so teilweise von der Verwitterung und Abtragung konserviert. Die Bildung von Tropfsteinen, wie sie auch in der Balver Höhle zu finden sind, erfolgte erst nach dem Trockenfallen der Höhle im Quartär.
Höhlen mit großen natürlichen Öffnungen, wie die Balver oder Feldhofhöhle, boten in der Vergangenheit Tieren und Menschen Schutz. Häufig dienten Höhlen in prähistorischen Zeiten den Menschen zu Wohn- oder Bestattungszwecken.
Geschichte In den Höhlenablagerungen und auf dem Vorplatz wurden nicht nur prähistorische, sondern auch früh- und hochmittelalterliche Keramikscherben entdeckt. Die Höhle war zu dieser Zeit folglich begehbar. 1690 wurde sie erstmals urkundlich erwähnt. In der Karte Westfalens von 1645 findet sich lediglich ein unspezifischer Vermerk auf Latein (etwa: ‚wüste Höhle‘, ‚unerforschte Abgründe‘).
Damals versperrten rund 15 Meter hohe Sedimente den Eingang. Der Zugang in das Gewölbe und zu den hinteren Nebenarmen war demnach beschwerlich. Diese Sedimente wurden durch Balver Landwirte, die ihre besondere Eignung für Düngezwecke erkannt hatten, nahezu vollständig ausgeräumt und auf den umliegenden Feldern verteilt. Viele wertvolle archäologische Relikte wurden deshalb später offen auf den umgebenden Feldern liegend gefunden. Heimatforscher in Balve (u. a. Heinrich Falke und Josef Pütter) spezialisierten sich auf diese Fundquelle.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts richteten die Stadtväter zur Stärkung der Gemeindefinanzen eine „Höhlenkasse“ ein. Der Preis für eine Fuhre Lehm kletterte auf den damals hohen Preis von 1,50 Mark. Der Lehmberg war damit in wenigen Jahren abgetragen, die Sperre zum Höhleninneren aufgehoben. Um das Jahr 1840 war die Höhle weitgehend geräumt, wie der sorgfältig gearbeitete Stich in Das malerische und romantische Westfalen von Levin Schücking und Ferdinand Freiligrath aus dem Jahr 1841 belegt.
Im Zweiten Weltkrieg führten Einbauten für einen Rüstungsbetrieb im Höhleninneren zu weitreichenden Veränderungen. Die Gothaer Waggonfabrik, die mit dem Bau von Flugzeugen (darunter auch Nurflügler) beschäftigt war, richtete mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern – überwiegend russische und französische Frauen, die im Lager Sanssouci unter unwürdigen Bedingungen untergebracht waren – im Jahr 1944 in der Höhle einen „bombensicheren“ Zulieferbetrieb ein. Die Höhle wurde zu diesem Zweck zugemauert. Ein Verbindungstrakt zum Verwaltungsgebäude (heute Haus Sauer) wurde gegraben.
Unter der britischen Militärregierung drohte die Sprengung der Höhle. Sie konnte mit Hinweis auf die hohe archäologische Bedeutung der Höhle – vielleicht aber auch aus Einsicht in den fraglichen Erfolg – buchstäblich in letzter Minute abgewendet werden. Website des Verkehrsvereins Balve e.V., abgerufen am 25. März 2026Stadt Balve: Chronik Rettung der Balver Höhle, abgerufen am 13. Juni 2026
Erforschung Im Jahr 1815 wurde die Höhle erstmals „auf ihren Zustand hin“ untersucht und grob vermessen. Im Jahr 1843 führten die Bergämter Bonn und Siegen erste Schürfungen durch. Um 1844 begann Bergwerksdirektor Noeggerath mit ersten Grabungen. Seit der Entdeckung des Neandertalers im Jahr 1856 durch Johann Carl Fuhlrott wuchs auch das Interesse verschiedener Experten an den Höhlen im Hönnetal. Dutzende Geologen, Archäologen, Biologen, Prähistoriker, Hobbyforscher schürften oder gruben auf der Suche nach „neuen Erkenntnissen“. Berichte in Fachzeitschriften und Zeitungen weckten die Neugier jener, die „alte Steine und Knochen“ für Privatsammlungen suchten und vermarkten wollten. Der Schaden durch die „Wühlarbeit“ von Hobbyarchäologen in den Höhlen des Hönnetales ist nicht abzuschätzen.Klaus Günther: Die altsteinzeitlichen Funde der Balver Höhle Bodenaltertümer Westfalen 8, Münster 1964.
Dokumentierte Erkundungen wurden 1870 im linken Nebenarm durch Rudolf Virchow, im rechten mit zwei Seitengängen im Jahr 1871 durch Heinrich von Dechen Grabungen durchgeführt. Umfangreiche Grabungen erfolgten in den 1920er Jahren durch den Geologen Julius Andree und 1938 durch den Lehrer Bernhard Bahnschulte. Viele Grabungen entsprachen nicht den wissenschaftlichen Standards der Archäologie. Lediglich die Grabung von Bahnschulte lieferte Erkenntnisse, die noch heute nachprüfbar sind.Das in älterer Zeit entdeckte Fundgut dieser und anderer Höhlen in Westfalen kann über Zygowski (1988) erschlossen werden.
Bei Schürfgrabungen entdeckte H. Werli im Jahr 1938 die Spitze eines elfenbeinernen Gebildes, das ein Jahr später Bahnschulte freilegte (Länge 4,4 m). Restauratoren rekonstruierten die ursprüngliche Größe und Form des Fundes. Das Ergebnis waren Nachbildungen von 4,2 bzw. 4,4 m Länge, die in Münster und Balve ausgestellt wurden. Die fossilen Originale gingen im Zweiten Weltkrieg verloren. Seit 2003 wird vermutet, dass es sich um den Stoßzahn eines Waldelefanten handelt, da die für Mammuts typische Krümmung des Zahnes nach innen fehlt. In den 1950er Jahren untersuchte der Archäologe Klaus Günther die Höhle, um Grabungsergebnisse aus dem Jahr 1938 zu überprüfen. Dies war die erste systematische wissenschaftliche Grabung.
Die archäologischen Grabungen erbrachten neben Steinartefakten zahllose Knochenreste eiszeitlicher Tiere, darunter Mammut, Wollnashorn und Rentier. Anhand der Grabungsbefunde ergeben sich wertvolle Rückschlüsse auf das Klima während der Eiszeit, die Lebensweise steinzeitlicher Menschen und ihre Ernährung. Das umfangreiche Fundmaterial wurde im Rahmen von zwei Dissertationen durch Klaus Günther und Gerhard Bosinski 1964 sowie 1967 aufgearbeitet.Gerhard Bosinski: Die mittelpaläolithischen Funde im westlichen Mitteleuropa. Fundamenta A 4, Kökn, Graz, 1967.
1997 wurde mit Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen der Dechenarm konserviert und befestigt.
Im Jahr 2002 wurden vom Westfälischen Amt für Bodendenkmalpflege – Außenstelle Olpe (Michael Baales) – wissenschaftliche Sondagen (d. h. Probeschnitt oder Grabungssondage) und Grabungen in der Höhle durchgeführt. Diese Untersuchungen bezogen erstmals auch den bisher nicht untersuchten Vorplatz ein, der aus aufgeschütteten Sedimenten besteht, die teilweise auch von Menschen verursacht wurden, als diese die Höhle „untersuchten“ oder nutzbar machen wollten.