mini|US-amerikanische Atlas-B-Interkontinentalrakete der ersten Generation (1958) mini|Minuteman II-ICBM der zweiten Generation mini|Peacekeeper-ICBM der dritten Generation mini|R-36M – Sowjetische UTTCh (SS-18 mod 4) beim Start mini|Start einer RS-24 (Rakete) auf MZKT-79221, 2022
Interkontinentalraketen (englisch intercontinental ballistic missile, ICBM; russisch межконтинентальная баллистическая ракета, МБР) oder auch Langstreckenraketen sind ballistische Raketen hoher Reichweite. Ihr Einsatzzweck ist in erster Linie militärisch als Raketenwaffe. Interkontinentalraketen sind das wichtigste Trägermittel für Kernwaffen. Nach Lesart der SALT-II-Verträge sind ICBM alle ballistischen Raketen, deren Reichweite 5.500 km überschreitet. Unter der Abkürzung ICBM werden üblicherweise landgestützte Systeme verstanden. Seegestützte Interkontinentalraketen bezeichnet man als Submarine-launched ballistic missile (SLBM). Nach dem raketengetriebenen Start erreicht das Projektil den erdnahen Weltraum, der weitgehend antriebslos auf einer ballistischen Bahn (suborbitaler Flug) bis zum Ziel durchflogen wird; die typische Reichweite beträgt 5.500 bis 15.000 km. Die Entwicklung dieser Waffensysteme war durch den Kalten Krieg zwischen den Supermächten USA und Sowjetunion veranlasst. 1957 startete die erste funktionsfähige Interkontinentalrakete, eine sowjetische Entwicklung, löste damit den Sputnikschock aus und eröffnete einen neuen Rüstungswettlauf zwischen den Supermächten. In der Folgezeit wurde vor allem mit Interkontinentalraketen das Gleichgewicht des Schreckens aufgebaut. Versagt die Abschreckung und kommt es zu einem globalen Atomkrieg, kann sich der Mensch zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte selbst vernichten. Seit Jahrzehnten bilden Interkontinentalraketen den Kern der Atomstreitkräfte der Nuklearmächte.
Interkontinentalraketen gelten in den USA auch als Weltraumwaffen, weil sie einen großen Teil ihrer Flugbahn außerhalb der Erdatmosphäre zurücklegen. Ab 1. Juli 1993 wurden die US-amerikanischen ICBM-Streitkräfte in das Air Force Space Command eingegliedert. Zuvor wurde die Kontrolle durch das Air Combat Command ausgeübt. Am 1. Oktober 2002 wurde das United States Strategic Command mit dem United States Space Command zusammengelegt. In Russland unterstehen Interkontinentalraketen den Strategischen Raketentruppen.
Antrieb Während in Interkontinentalraketen der ersten Generation durchwegs Raketentriebwerke mit teilweise kryogenem Flüssigtreibstoff verbaut wurden, ging man mehr und mehr zu lagerfähigen Flüssigtreibstoffen und Feststoffantrieb über. Raketentriebwerke mit Feststoffantrieb haben zwar eine geringere Effizienz, sind jedoch in der Handhabung einfacher und besitzen eine kürzere Reaktionszeit – das Betanken der Rakete entfällt.
Moderne Interkontinentalraketen haben teilweise in der letzten Antriebsstufe wieder einen Flüssigtreibstoff-Raketenmotor, der allerdings regelbar ist. Diese Raketenstufen sind heute durchweg lagerfähig, der Treibstoff lagert dabei über Jahre in der Rakete und behält seine chemischen Eigenschaften. Durch die Regelmöglichkeit kann der Flugkörper bis kurz vor dem Einschlag manövriert werden. Das verbessert zum einen die Genauigkeit und erschwert zum anderen die Abwehr, da die Flugbahn nicht mehr rein ballistisch verläuft.
Geschichte mini|hochkant=0.6|Aggregat 9/10 (Computergrafik)
Die Entwicklung von Interkontinentalraketen begann während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland mit der Entwicklung der Aggregat 9 und der Aggregat 10. Die amerikanische Firma Consolidated Vultee Aircraft Corporation legte 1946 der US Air Force das Konzept MX-774 vor, das nach dem Krieg aus Deutschland übernommen wurde. Dieses Projekt besaß zu diesem Zeitpunkt jedoch keine besondere Dringlichkeit und wurde nur gering finanziert. Allerdings war es der Grundstein für das SM-65 (Atlas)-Projekt, welches ab 1954 die höchste Priorität durch die US Air Force erhielt. Der Bau relativ leichtgewichtiger Sprengköpfe aufgrund der Entwicklung und erfolgreichen Testung von Wasserstoffbomben nach dem Teller-Ulam-Design mit festem Brennstoff ließen Interkontinentalraketen ab diesem Zeitpunkt als realisierbare Option erscheinen.
In der Sowjetunion wurden Studien für Interkontinentalraketen seit 1950 durchgeführt, und die Entwicklung hatte im Jahr 1953 mit der Festlegung der Kriterien für die Rakete R-7 begonnen. Am 15. Mai 1957 fand schließlich der erste erfolglose Testflug einer Interkontinentalrakete in Baikonur statt. Erst der dritte Testflug der R-7 am 21. August 1957 verlief erfolgreich. Zwar zerbrach der Wiedereintrittskopf beim Wiedereintritt, jedoch war dieses Problem schon vor dem Flug bekannt und wurde daher nicht negativ gewertet.
Das Flugtestprogramm der Atlas-Rakete begann in Cape Canaveral am 11. Juni 1957 und war ebenso wie der Erstflug der R-7 ein Fehlschlag. Am 17. Dezember 1957 verlief ein Flug einer Atlas-A erfolgreich. Die Atlas-A war allerdings nur ein Entwicklungsmodell ohne zentrales Triebwerk und mit stark verringerter Reichweite.
Am 9. September 1959 wurde die Atlas-D durch das Strategic Air Command einsatzbereit erklärt und drei Raketen auf der Vandenberg AFB in Alarmzustand versetzt. Die Einsatzbereitschaft der sowjetischen R-7 wurde am 20. Januar 1960 deklariert. Diese ersten Interkontinentalraketen wiesen noch viele Unzulänglichkeiten auf, was Einsatzbereitschaft und Handhabung anging. Sie waren mit flüssigem Sauerstoff und Kerosin angetrieben. Der Sauerstoff konnte nicht an Bord der Rakete gelagert werden, was zur Folge hatte, dass die Rakete vor einem Start betankt werden musste. Die R-7 war auch zu groß und komplex, um sie in einem Silo geschützt lagern zu können. Bei der ab 1962 stationierten Atlas F und der Parallelentwicklung Titan I konnte man das, jedoch verhinderte der ständig verdampfende Sauerstoff eine Zündung im Silo, so dass die Raketen auf großen Lifts aus den Silo gehoben werden mussten und erst an der Oberfläche starteten. Das erhöhte neben der Reaktionszeit im Falle eines Angriffs auch die Kosten des komplexen Systems. In der Sowjetunion wurden nur vier bis acht der etwas verbesserten Version R-7A in Baikonur und Plessezk stationiert. In den USA stationierte man 123 Atlas-D, -E und -F und 54 Titan I. Die R-7, Atlas/Titan-1 werden als Interkontinentalraketen der ersten Generation bezeichnet.
Noch während an der ersten Generation von Interkontinentalraketen gearbeitet wurde, begannen in den USA und der Sowjetunion im Zeichen des Wettrüstens Überlegungen für eine zweite Generation. Diese sollte lagerfähige Treibstoffe besitzen, die dauerhaft in der Rakete belassen werden konnten. Langwierige Betankungen vor dem Start wie bisher sollten also entfallen. Diese Raketen sollten außerdem im Silo gezündet werden können, was eine erhebliche Senkung der Reaktionszeit versprach. In den USA machte man sich an die Entwicklung der Titan II mit flüssigem lagerfähigen Treibstoff und der feststoffgetriebenen Minuteman. In der Sowjetunion arbeitete man an der R-9 und R-16. Die R-9 hatte zwar wie ihr Vorgänger Sauerstoff und Kerosin als Treibstoffkombination, dafür aber stark verbesserte Eigenschaften im Vergleich zur R-7. Sie wurde ab 1965 stationiert. Die R-16 verwendete flüssige, lagerfähige Treibstoffe und wurde Ende 1963 in Dienst gestellt. Titan II und Minuteman kamen in den USA ab 1963 in die Silos.
1967 verfügten die USA nach sechs Jahren intensiver Aufrüstung über 1054 Interkontinentalraketen im Dienst vom Typ Titan II und Minuteman I und II. Diese Zahl blieb aufgrund des SALT-Abkommens bis zum Ende des Kalten Krieges konstant, die mit Mehrfachsprengköpfen (MIRV) ausgestatteten Minuteman III (Stationierung ab 1970) und MX Peacekeeper (Stationierung ab Ende 1986) ersetzten nur die Minuteman I und Titan II. Mit der Ausmusterung der Titan II 1987 verfügte die USA nur noch über Raketen mit festem Treibstoff und MIRV in ihrem Arsenal.
Die Entwicklung des sowjetischen Arsenals verlief weit variabler als das der USA. Schließlich gab es eine große Anzahl verschiedener Raketentypen und Subvarianten. Im Gegensatz zu den USA setzte die Sowjetunion stark auf schwere Flüssigtreibstoffraketen und behielt neben MIRV bis in die 1990er Jahre Raketen mit Einzelsprengköpfen von 20 MT Sprengkraft in ihrem Arsenal. Erst in den 1980er Jahren führte die Sowjetunion Feststoffraketen in großer Zahl ein, die Topol und die RT-23. Diese Systeme waren zum Teil mobil auf Straßenfahrzeugen und Eisenbahnwaggons stationiert und somit schwer lokalisierbar. Die USA führte keine mobilen landgestützten Systeme ein, obwohl es mehrfach geplant war, so bei der Minuteman I, MX Peacekeeper und zuletzt bei der gestoppten Midgetman-Entwicklung.
SALT I von 1972 konnte den weiteren Ausbau der strategischen Arsenale nicht verhindern; zwischen Anfang der 1970er Jahre und 1980 wuchs die Zahl der Sprengköpfe für ICBM und SLBM der beiden Supermächte von jeweils rund 2.000 – mit leichtem Vorsprung der USA – auf mehr als 10.000 (USA) bzw. etwa 9.000 (UdSSR).Gert Krell, Dieter S. Lutz: Nuklearrüstung im Ost-West-Konflikt. Potentiale, Doktrinen, Rüstungssteuerung, Baden-Baden 1980, S. 109
In den 1980er Jahren setzte sich der Anstieg sogar noch fort, bis er Ende des Jahrzehnts infolge der weltpolitischen Entwicklungen gestoppt werden konnte und seitdem schrittweise Reduzierungen möglich wurden.
Das einzige Land, welches neben den USA und der UdSSR/Russland Interkontinentalraketen in Dienst gestellt hat, ist die Volksrepublik China. Seit Anfang der 1960er Jahre betrieb das Land Forschung im Bereich ballistischer Raketen und konnte 1981 die DF-5 in Dienst stellen, eine Rakete mit lagerfähigen flüssigen Treibstoffen. Durch die südlichere Lage im Vergleich zur Sowjetunion/Russland müssen chinesische Raketen eine erheblich höhere Reichweite haben, um Ziele in Nordamerika erreichen zu können. Die DF-5 hat eine Reichweite von 13.000 km, während sowjetische/russische Raketen in der Regel nur für Reichweiten von 8.000 bis 11.000 km ausgelegt sind.
Das Ende des Kalten Krieges brachte eine drastische Abrüstung von Interkontinentalraketen der Supermächte mit sich, dennoch wurde weiterhin an Verbesserungen gearbeitet. Russland stellte die Topol-M als modernisierte Version der Topol in Dienst. China entwickelte die mobilen feststoffgetriebenen DF-31 und DF-31A. Die USA entwickelten keine neuen Interkontinentalraketen, führten aber ein massives Modernisierungsprogramm an ihrem Minuteman-III-Arsenal durch. Weitere Staaten, die derzeit an landgestützten Interkontinentalraketen arbeiten, sind Nordkorea und Indien.
Am 21. November 2024 wurde erstmals eine ICBM in einem Krieg (im Russisch-Ukrainischen Krieg) eingesetzt – wenn auch die Rakete (eine Oreschnik, die eine abgewandelte RS-26 ist und eher als Mittelstreckenrakete gilt) keine Sprengstoffe mit sich führte und eine rein politische Signalwirkung haben sollte. Kurz vor dem Einsatz am 21. November benachrichtigte Russland die USA, damit diese den Start der Rakete nicht mit einem Angriff gegen sich verwechselt.
Die USA verfügen ebenso wie China über rund 400 landgestützte Interkontinentalraketen, Russland über etwa 350 und Nordkorea über weniger als zehn (Stand: 2026).Defense Intelligence Agency: Golden Dome for America: Current and Future Missile Threats to the U.S. Homeland (PDF), abgerufen am 19. März 2026
Reichweite mini|Geschätzte Reichweiten der chinesischen Interkontinentalraketen Dongfeng und JL-2 Mit einer ballistischen Flugbahn sind Reichweiten bis ca. 13.000 km üblich. Die nicht mehr im Truppendienst befindliche sowjetische R-36-Rakete hatte in einer ihrer Varianten sogar einen teilorbitalen Sprengkopf, der von einem stabilen Orbit aus ferngesteuert jeden Punkt der Erde erreichen konnte (FOBS).
Aufgrund der hohen Leistungsfähigkeit der Raketen werden veraltete oder außer Dienst gestellte Interkontinentalraketen auch zum Start von Satelliten eingesetzt, beispielsweise die russischen UR-100N als Rockot-Trägerrakete.
Sprengkopf