Der Echte Seidelbast (Daphne mezereum), auch Echt-Seidelbast, Gewöhnlicher Seidelbast oder Kellerhals genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung Seidelbast (Daphne) innerhalb der Familie der Seidelbastgewächse (Thymelaeaceae). Er ist die einzige stammblütige Art Mitteleuropas und der in diesem Gebiet am weitesten verbreitete Vertreter seiner Gattung. Wegen der attraktiven, schon im Vorfrühling erscheinenden Blüten wird der Echte Seidelbast auch als Zierpflanze geschätzt.

Beschreibung mini|Echter Seidelbast blühend mini|Weißblühende Form

Erscheinungsbild Der Echte Seidelbast wächst als kleiner, wenig verzweigter, aufrechter bis aufsteigender, sommergrüner Strauch mit rutenförmigen zähen Ästen, der Wuchshöhen von 40 bis 125 Zentimetern erreicht. Die Rinde junger Zweige ist gelblich-braun, später reißt sie auf und nimmt eine braun-graue Farbe an. mini|Zweig mit Blüten mini|Zweig mit reifen Früchten Knospe und Blatt Die Blattknospen des Echten Seidelbasts sind länglich bis eiförmig und zugespitzt. Die Ränder der Knospenschuppen sind mit weißen Wimpern besetzt.

Die nur an den Zweigspitzen und wechselständig sowie spiralig angeordneten Laubblätter sind in Blattstiel und -spreite gegliedert. Der Blattstiel ist relativ kurz. Die einfache, ganzrandige Blattspreite variiert ihrer Länge nach von 4 bis 9 Zentimeter, in ihrer Breite von 1,5 bis 2,5 Zentimeter und in ihrer Form von länglich bis verkehrt-lanzettlich. Am Spreitengrund verschmälert sie sich keilförmig. Die Blattoberseite ist frischgrün und die Blattunterseite grau-grün. Die dünnen Laubblätter fühlen sich relativ weich an und sind nach dem Laubaustrieb behaart.

Blüte Die Blüten sitzen meist in Dreiergruppen seitenständig unmittelbar der Sprossachse an. Der Echte Seidelbast ist die einzige cauliflore Art Mitteleuropas; gewöhnlich ist direkte Stammblütigkeit nur bei Tropenpflanzen verbreitet. Die Blüten bilden sich direkt über den Narben der abgefallenen Blätter des Vorjahres und unterhalb einer Gipfelknospe, die nach dem Abblühen einen langen Laubtrieb ausbildet.

Die stark duftenden, rosafarbenen bis purpurroten Blüten sind 7 bis 9 Millimeter lang. Eine weitere Besonderheit ist, dass keine Blütenkrone entwickelt wird, sondern die Blütenhülle allein von der zylindrischen, außen seidig behaarten Kelchröhre des vierzipfeligen, kronblattähnlichen, rosafarbenen bis purpurroten Kelchs gebildet wird. Die Länge der Kelchröhre entspricht in etwa der der Kelchzipfel. Da die Schaufunktion auf den Kelch übergegangen ist, hat dieser die Aufgabe, die langrüsseligen Insekten zur Bestäubung anzulocken. Eine Seidelbastgewächs-Blüte besitzt acht Staubblätter, die in zwei Kreisen untereinander in der Kelchröhre angeheftet sind. Der oberständige Fruchtknoten ist kahl und geht in einen kurzen Griffel über und bleibt in der Kelchröhre verborgen. Gewöhnlich sind die Blüten zwittrig, gelegentlich wurden jedoch auch rein weibliche Blüten beobachtet; der Echte Seidelbast ist also gynodiözisch.

Frucht Die mit einem Durchmesser von etwa 10 Millimetern erbsengroßen, leuchtend roten, selten gelben, sehr giftigen, beerenartigen Früchte reifen von August bis September. Sie ähneln mit ihrem schwarzen Steinkern einsamigen Steinfrüchten. Da sie nicht nur aus den Fruchtblättern, sondern auch unter Beteiligung der Blütenachse entstehen, sind sie Scheinfrüchte.

Chromosomenzahl Der Echte Seidelbast ist diploid mit einer Chromosomenzahl von 2n = 18.

Ökologie Beim Echten Seidelbast handelt es sich um einen Nanophanerophyten. Man hat schon Exemplare beobachtet, die am Wurzelhals 25 Zentimeter dick und 38 Jahre alt waren. Der Echte Seidelbast kann auch Wuchshöhen von 2,5 Metern mit einem Kronenumfang von 2,5 Metern und einem Stammdurchmesser von 10 Zentimetern. erreichen. Der Echte Seidelbast lebt in Gemeinschaft mit einem Wurzelpilz.

Blütenökologie Mehrheitlich bildet der Echte Seidelbast zwittrige Blüten aus, zuweilen kommen auch Pflanzenexemplare mit rein weiblichen Blüten vor.

Blütenbiologisch sind die Blüten des Echten Seidelbastes reichlich Nektar absondernde „Stieltellerblumen mit verborgenen Staubbeuteln und Narben“. Die Bestäubung erfolgt durch langrüsselige Insekten. Insbesondere für im Falterstadium überwinternde und zeitig im Frühjahr fliegende Schmetterlinge, wie beispielsweise Zitronenfalter, Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge oder C-Falter, stellt der Echte Seidelbast eine wertvolle Nektarquelle dar. Auch Bienen und Hummeln profitieren von dem frühen Nektarangebot. Die Bestäubung erfolgt über den Insektenrüssel. Über den durch Nektar klebrigen Rüssel bleibt der Pollen beim „Rückziehen“ aus dem röhrenförmigen Blütenbecher haften. Neben der Insektenbestäubung ist auch spontane Selbstbestäubung erfolgreich. Blühreife wird mit dem vierten bis fünften Jahr erreicht, kann aber bereits bei 30 Zentimeter hohen Exemplaren gegeben sein.

Ausbreitungsökologie Die Samen enthalten bis zu 31 % fettes Öl. Die Ausbreitung der Diasporen erfolgt besonders als Mundwanderer u. a. durch die Bachstelze, das Rotkehlchen und Echte Drosseln, die offenbar gegen das giftige Fruchtfleisch immun sind und die Steinkerne wieder ausspeien. Die Samen passieren deren Verdauungstrakt unbeschadet und werden so weiter ausgebreitet. Fruchtreife ist von Juni bis August. Die Samen sind Dunkelkeimer.

Vorkommen Der Echte Seidelbast hat ein eurasisches Verbreitungsgebiet, das in der gemäßigten und der borealen Klimazone liegt. In Europa fehlt er in den äußersten westlichen und nördlichen Gebieten mit ozeanischer oder arktischer klimatischer Prägung. Im Mittelmeerraum beschränken sich seine Vorkommen auf die Gebirge von den Pyrenäen über Süditalien, den Balkan bis zum Kaukasusraum. Im Osten erreicht er den Baikalsee in Sibirien, im Süden den Iran. Verwildert findet man die Art auch auf den Britischen Inseln und in Nordamerika. In Europa kommt der Echte Seidelbast in allen Ländern vor außer in Portugal, Irland, Island und Spitzbergen.

In Deutschland ist der Echte Seidelbast vor allem im Alpenraum und den Mittelgebirgen deutlich belegt. Im Norddeutschen Tiefland und anderen Tieflagen werden die Vorkommen sehr sporadisch. Der Echte Seidelbast ist in Bayern, Baden-Württemberg, dem Rheinland, dem östlichen und südlichen Teil Nordrhein-Westfalens, Hessen, Thüringen, dem Süden Sachsens, den südwestlichen Regionen Sachsen-Anhalts und Süd-Niedersachsen verbreitet vorhanden. Zerstreute Vorkommen befinden sich in Nord-Sachsen, seltene im Nordwesten Nordrhein-Westfalens, im Norden und Osten Sachsen-Anhalts und in Ost-Brandenburg. Als Neophyt ist der Echte Seidelbast selten im westlichen und mittleren Teil Brandenburgs, in Nord-Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein anzutreffen. Der Echte Seidelbast ist in Deutschland nach der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt. Auch in der Schweiz ist er in allen Kantonen geschützt.

In Österreich ist der Echte Seidelbast häufig bis zerstreut in allen Bundesländern vertreten. Der Echte Seidelbast steht in zumindest einem Bundesland unter vollständigem gesetzlichen Naturschutz und gilt im pannonischen Gebiet als gefährdet.

Der Echte Seidelbast gilt als typischer Buchenbegleiter. Als Standorte werden kalkhaltige und nährstoffreiche Böden von Laubmischwäldern, insbesondere Buchen- und Eichen-Hainbuchenwaldgesellschaften, Hochstaudenfluren, Nadelmisch- und Bergwäldern oder auch Hartholz-Auenwäldern bevorzugt. Er ist eine Charakterart der Ordnung Fagetalia und kommt vor allem in Gesellschaften der Verbände Fagion oder Carpinion, man findet ihn aber auch in Gesellschaften des Verbands Alno-Ulmion oder Adenostylion. Der Echte Seidelbast erreicht seine obere Höhengrenze meist bei etwa 2000 Metern. In den Allgäuer Alpen steigt er im Tiroler Teil zwischen Vordere und Hinterer Mutte bei Holzgau bis zu einer Höhenlage von 2170 Metern auf. In Liechtenstein erreicht er am Sareiserjoch 2030 Meter, im Kanton Wallis auf der Fluhalp bei Zermatt 2730 Meter.

Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 3w (mäßig feucht aber mäßig wechselnd), Lichtzahl L = 2 (schattig), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 3 (montan), Nährstoffzahl N = 3 (mäßig nährstoffarm bis mäßig nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 3 (subozeanisch bis subkontinental).

Taxonomie, Etymologie und Systematik Daphne mezereum (von griechisch mezereon „Kellerhals“, „Echter Seidelbast“Vgl. Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 147 (Mezereon).) wurde 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum Tomus I, S. 356 erstveröffentlicht. Schon Simon von Genua (latinisiert Simon Januensis) nannte die Pflanze 1290 im von ihm übersetzten Aggregator (Pseudo-Serapion)Johannes Gottfried Mayer, Kurt Hans Straub: Gegen Pest und Laienmedizin. Der niederrheinische Pesttraktat „Regimen de epidemia“ von 1490. In: Konrad Goehl, Johannes Gottfried Mayer (Hrsg.): Editionen und Studien zur lateinischen und deutschen Fachprosa des Mittelalters. Festgabe für Gundolf Keil zum 65. Geburtstag. Königshausen & Neumann, Würzburg 2000 (= Texte und Wissen. Band 3), ISBN 3-8260-1851-6, S. 167–192, hier: S. 169 mit Anm. 12. unter dem Namen 'Mezerion'.Vgl. auch Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 172 („Coconidion – kellershals, camelea, mezereon – Camelea – macarion, ... dy rinde von kebres halse – Laureola – […] bulbast“ = Daphne-Arten)

Daphne ist in der griechischen Mythologie der Name einer Nymphe, die von ihrem Vater, dem Flussgott Peneios, in einen Lorbeerbaum verwandelt wurde, als Apoll, der Sohn des Zeus, von seiner unerwiderten Liebe zu ihr nicht lassen konnte.

Im Mittelalter galt der Echte Seidelbast, im Gegensatz zum Lorbeer-Seidelbast, als männlich.Wouter S. van den Berg (Hrsg.): Eene Middelnederlandsche vertaling van het Antidotarium Nicolaï (Ms. 15624–15641, Kon. Bibl. te Brussel) met den latijnschen tekst der eerste gedrukte uitgave van het Antidotarium Nicolaï. Hrsg. von Sophie J. van den Berg, N. V. Boekhandel en Drukkerij E. J. Brill, Leiden 1917, S. 241.

Die deutschsprachige Trivialname „Seidelbast“ könnte verschiedene Ursprünge haben. Eine Deutung ist, dass die (früher auch CameleaOtto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 173 (zu Coconidion und Camelea). genannte) Rinde des Strauchs genutzt wurde, um daraus „seidige Schnüre“ herzustellen. Andererseits verweist die altgermanische Bezeichnung ziolinta auf die Gottheit Ziu, auch eine Herleitung des Wortteils „Seidel“ von zidal (= Biene) ist denkbar, da der Seidelbast im nahrungsarmen Vorfrühling eine starke Anziehung auf Bestäuberinsekten ausübt.

Giftigkeit mini|Strukturformel von Mezerein mini|Strukturformel von Daphnetoxin