mini|Auf dem Filmset zur Arbeit Charming For The Revolution (Werner Hirsch, Pauline Boudry, Renate Lorenz) Pauline Boudry / Renate Lorenz sind ein Berliner Künstlerinnen-Duo, das seit 2007 zusammenarbeitet. Sie produzieren filmische Installationen, die historisches Material, eine Partitur, ein Musikstück, einen Film, eine Fotografie oder Performance zitieren und bearbeiten. Sie reflektieren in ihren Arbeiten ebenfalls die kritische Geschichte der Fotografie und des Bewegtbildes selbst. 2019 stellen sie im Schweizer Pavillon auf der 58. Biennale von Venedig aus.
Frühes Leben und Ausbildung Renate Lorenz wurde in 1963 in Bonn geboren und studierte Theater am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, unter anderem gemeinsam mit René Pollesch. Der Hintergrund in der Performancekunst prägte das Interesse an Zusammenarbeit, Bühne, Musik und nichtkonventionellen Formen des Schauspiels. Renate Lorenz schloss einen Master an der Kunsthochschule für Medien Köln ab. In den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren arbeiteten Jochen Becker und Renate Lorenz in der Künstlergruppe Büro Bert. Von 1992 bis 1996 arbeitete Lorenz in der Shedhalle Zürich zusammen mit Silvia Kafehsy, Marion von Osten und Ursula Biemann an einem radikalen feministischen Programm, das eine ganze Generation von Kuratorinnen und Kuratoren beeinflusste, die mit forschungsbasierten Ausstellungen arbeiteten.
Pauline Boudry wurde 1972 in Lausanne geboren und studierte an der Genfer Kunstakademie HEAD. In dem Film copy me i want to travel verweist sie auf ihren familiären Hintergrund, ihre bulgarischen Wurzeln. Sie beschreibt ihre Herkunft und das künstlerische Erbe ihrer Familie – darunter ihren Urgroßvater, den symbolistischen Maler C. C. Olsommer – als prägende Einflüsse. Ihr Interesse an kollektiven Arbeitsformen führte zu einem Engagement für Gruppenprojekte. 1997 war sie Mitkuratorin der feministischen Ausstellung Environ 27 ans in Genf, wo sie Kontakte zu Künstlerinnen wie Julie Ault oder Renée Green knüpfte. 1999 war sie Mitbegründerin der queeren Elektronik-Band Rhythm King and her Friends in Berlin, mit der sie bis 2008 aktiv war und ausgedehnt tourte.
Werk Ihre konzeptuelle künstlerische Arbeit beschäftigt sich vor allem mit performancebasiertem Film. Installationen zeigen neben Film und Skulpturen auch programmierte Elemente, zum Beispiel bewegliche Vorhänge, Bühnen und Jalousien oder animierten Rauch. Die Performermenden, zu denen sie langfristige Beziehungen aufbauen, haben ihren Hintergrund in der bildenden Kunst, in Tanz, Choreografie und Musik. Sichtbarkeit und Opazität sowie queere Sozialität sind wiederkehrende Themen in ihren Präsentationen.
Ausstellungen und Rezeption mini|Pauline Boudry & Renate Lorenz mit der Kuratorin Charlotte Laubard. Swiss Pavillon, 58t. Biennale di Venezia, 2019 Ihre Arbeiten wurden international gezeigt, unter anderem am l’Istituto Svizzero Rom (2025); am MUAC – Museo Universitario Arte Contemporáneo Mexico (2025); am Leeum Museum of Art Seoul (2024); Philadelphia Museum of Art (2024, 2025); auf der 35. Biennale von São Paulo (2024); Centre Pompidou Paris (2021, 2023); Korean Museum of Art (2023); Kunstnernes Hus Oslo (2023); Van Abbemuseum Eindhoven (2023); im Palacio Cristal / Museo Reina Sofía in Madrid (2022/23); CA2M Centro de Arte Dos de Mayo (2022); Whitechapel Gallery London (2022); Hammer Museum Los Angeles (2021); KunstRaum Innsbruck (2021); Seoul Mediacity Biennale / Seoul Museum of Art (2021) auf der 58. Biennale von Venedig im Schweizer Pavillon (2019), Kuratorin war Charlotte Laubard. Zu den Einzelausstellungen zählen auch Improvisation télépathique, am Centre Culturel Suisse, Paris, 2018; Everybody talks about the weather... we don’t bei Participant Inc., New York, 2017; Loving, Repeating, Kunsthalle Wien, 2015; Portrait of an Eye, Kunsthalle Zürich, 2015; Aftershow, CAPC, Bordeaux, 2013; Toxic Play in Two Acts, South London Gallery, 2012; Contagieux! Rapports contre la normalité, Centre d’Art Contemporain, Genf, 2011.
Ihre Arbeiten sind Gegenstand von Texten von Theoretikerinnen und Theoretikern wie André Lepecki, Gregg Bordowitz, Antke Engel und Mathias Danbolt.
Arbeitsweise und Werkgruppen
Temporal Drag Die Konzepte Temporal Drag und queere Archäologie werden mit ihren frühen Arbeiten verbunden. Ihre ersten Filminstallationen knüpfen an Figuren, Spuren, Songs oder Fotografien aus der Vergangenheit an die als „Partituren“ für eine zeitgenössische Performance agieren. Boudry & Lorenz setzen sich mit Figuren aus der Vergangenheit auseinander, um mehrere Zeitlichkeiten gleichzeitig in den Vordergrund zu rücken, wobei sie sich auf Underground-Drag-Performance-Praktiken sowie auf Performance-Strategien stützen, die normative Zeitvorstellungen aufbrechen. Mathias Danbolt beschriebt in Bezug auf die Arbeit von Boudry & Lorenz, wie „Queer Archeology“ als Praxis des Zurückblickens revolutionäre Momente reaktiviert, die nie verwirklicht wurden, und so zuvor nur imaginierte Zukünfte nachträglich realisiert. In Anlehnung an Elizabeth Freeman bezeichnet Temporal Drag eine queere Form von Zeitlichkeit, die vergangene politische und kulturelle Momente in der Gegenwart neu aktiviert. mini|Renate Lorenz, mit Yvonne Rainer and Wu Tsang bei den Dreharbeiten zum Film Salomania in 2008 In Normal Work (2007) setzen sie sich mit einem wenig bekannten Archiv fotografischer Selbstporträts eines Dienstmädchens im viktorianischen London auseinander, das zwischen Arbeit und sadomasochistischer Sexualität verortet ist. Dieses Material wurde zum Ausgangspunkt für eine Performance von Werner Hirsch. In N.O. Body (2008) greift Werner Hirsch in einem von Jack Smith beeinflussten Setting auf ein fotografisches Archiv sexueller und geschlechtlicher Vielfalt zurück, das der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld in den 1930er-Jahren angelegt hatte. Der Film Salomania (2009) bringt die Choreografin Yvonne Rainer, eine zentrale Figur des postmodernen Tanzes, und der Künstlerin Wu Tsang als Performer zusammen und bezieht sich auf den teilweise vergessenen Stummfilm Salomé nach Oscar Wildes Buch von Alla Nazimova aus dem Jahr 1923.
In diesen drei Installationen tritt die zeitgenössische Performance in einen Dialog mit Objekten aus der Vergangenheit, die im Ausstellungsraum häufig zusammen mit dem Film präsentiert werden. In Toxic (2012) verschiebt sich die Perspektive. oudry & Lorenz beziehen sich zwar weiterhin auf Geschichten der Visualität, die sich Praktiken der Überwachung wie des sogenannten Mugshot oder Polizeifoto arbeiten, doch inszenieren sie innerhalb der gefilmten Performances ihr eigenes fiktives Archiv.
Partituren Zwischen 2013 und 2017 produzierten Boudry & Lorenz eine Reihe von Filminstallationen, die von wegweisenden experimentellen Scores inspiriert sind. In To Valerie Solanas and Marilyn Monroe in Recognition of Their Desperation (2013), einer Partitur von Pauline Oliveros, laden sie fünf Musikerinnen ein, die radikalfeministische Komposition in einer gefilmten Interpretation neu aufzuführen, in der die Kamera selbst die Rolle einer zusätzlichen Performerin übernimmt. Im Dialog mit Oliveros’ Werk lotet der Film die Möglichkeiten und Grenzen einer queeren Politik aus, die auf abstrakten Formen gründet. In Silent (2016) interpretiert die Performerin Aérea Negrot John Cages Partitur 4´33´´ aus dem Jahr 1952, die von den Ausführenden verlangt, still zu bleiben. Laut Maya Hoberman untersucht diese Arbeit die Trennung zwischen Stille als etwas Subversivem und Befreiendem (wie bei stillen Protesten) und dem Zum-Schweigen-Bringen, wo Stille das Ergebnis von Gewalt oder Überwachung ist. Telepathic Improvisation (2017), basierend auf Pauline Oliveros’ gleichnamiger Partitur von 1975, bezieht sich auf die Macht der Telepathie und fordert das Publikum, das die Filminstallation im Ausstellungsraum betrachten, paradoxerweise auf, telepathisch Musik und Handlungen an die Darstellerinnen im Film zu übertragen.
Tanz In den 2020er Jahren setzen sich Boudry & Lorenz intensiver mit der transformativen Macht von Bewegung auseinander und beginnen langfristige Zusammenarbeiten mit verschiedenen Choreografinnen und Tänzerinnen. Sie realisieren drei große Installationen, die sich auf unterschiedliche Weise mit Tanz und queeren Zeitlichkeiten befassen. Ausgehend von dem Gefühl, von politischem Backlash an die Wand gedrängt zu werden, untersucht Moving Backwards (2019) Praktiken des Widerstands. Der Film kombiniert postmoderne Choreografie und urbanen Tanz mit Guerilla-Techniken und Elementen der queeren Underground-Kultur. Die konzeptuelle Kamera bewegt sich unerbittlich mit gleicher Geschwindigkeit von rechts nach links und von links nach rechts. Einige Gänge, Soli und Tanzschritte werden rückwärts ausgeführt, während andere in der Postproduktion digital umgekehrt werden, was Zweifel an ihrer räumlichen und zeitlichen Ausrichtung entstehen lässt. In (No) Time (2020), stören extreme Langsamkeit, Kreisbewegungen, Asynchronität, Pausen oder Stillstand normalisierte Vorstellungen von Zeit. Les Gayrillères(2022) verbindet das Konzept der Opazität mit Tanzbewegungen. Die Kamera führt eine Kreisbewegung aus und folgt dabei einer kontinuierlichen Choreografie mit sechs Personen, die den Grad ihrer Sichtbarkeit mithilfe kleiner Lampen steuern, die Teil ihrer Kostüme sind. Immer wieder verschwinden oder erscheinen ihre Körper, weil sie entweder zu dunkel oder zu hell sind.
Kooperationen mit Chelsea Manning I Want (2015) zeigt eine Performance der Künstlerin Sharon Hayes, die in einer einzigen Einstellung, jedoch mit zwei parallel aufgebauten Kameras gefilmt wurde, deren Ausschnitt und Bewegung sich teilweise unterscheiden. Der Text ist eine Collage aus den Schriften von Kathy Acker und Chelsea Manning. In dieser Installation regen Ackers poetische Strategien der Aneignung und Neukombination von Textfragmenten sowie des Identitätswechsels zu einer Neuinterpretation von Mannings öffentlichen Enthüllungen an. Im Jahr 2025, einige Jahre nach Mannings Freilassung, luden Boudry & Lorenz sie ein, ein DJ-Set in dem legendären, queeren Club SchwuZ in Berlin zu spielen. Sie produzierten die Filminstallation All The Things She Said (2025), in der Manning ein DJ-Set in dem ansonsten leeren Raum aufführt. Der Ton wurde sehr detailliert und mit großer Sorgfalt aufgenommen und eine Anzahl von Mikrofonen wurden so platzierten, dass das Publikum der Installation wechselweise den Ton des DJ-Pults, Mannings Kopfhörer, den Backstage-Bereich, die Perspektive der Discokugel oder die Perspektive der Tanzfläche hören kann. Das Sounddesign des Komponisten und Produzenten Rashad Becker betont die Bedeutung der klanglichen Perspektiven für das kollektive Erlebnis des Zuhörens, Tanzens und Feierns.
Opazität und Echos: Interventionen in historischen Architekturen Im Jahr 2022 realisierten Boudry & Lorenz Glass Is My Skin, eine Installation aus verspiegelten Bühnen, verbunden mit einer Choreografie von Rauch, im Crystal Palace Madrid/Museo Reina Sofía, einem kolonialen Gebäude, das vollständig aus Glas besteht. Die Arbeit setzt sich mit der Transparenz des Gebäudes auseinander. Die Künstlerinnen beschreiben diese Transparenz als visuelle Verkörperung des Wunsches, die Kolonien besser zu verstehen und zu kontrollieren. Mehrmals täglich füllte sich der gesamte Raum mit Rauch und wurde opak, während ein Song von Aéréa Negrot in dieser verwandelten Umgebung widerhallte.