mini|Ortslage Köttichau um 1893
Köttichau war ein ehemaliges Kirchdorf im heutigen Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt. Der Ort lag drei Kilometer südöstlich von Hohenmölsen und neun Kilometer nordwestlich von Zeitz. In Auswirkung des Braunkohlebergbaus wurde zwischen 1960 und 1963 die Einwohnerschaft umgesiedelt, die Gemeinde devastiert und anschließend vollständig überbaggert. Die Rekultivierung der Abraumkippenfläche begann ab dem Jahr 1988. Im Umkreis der Wüstung entstand als Bergbaufolgelandschaft der Freizeitpark Pirkau. Am nordwestlichen Rand der früheren Ortslage befindet sich heute der aus einem Tagebaurestloch entstandene sichelförmige Mondsee.
Siedlungsgeschichte Die Siedlung lag in einer fruchtbaren Niederung, ursprünglich umgeben von sieben Hügeln. Diese Sieben Hügel von Köttichau waren später Gegenstand verschiedener archäologischer Forschungen. Sie wiesen auf eine sehr frühe Besiedlung hin, da nach Meinung verschiedener Forscher die Existenz von sieben Hügeln im Altertum bei der Gründung von Orten nicht bedeutungslos gewesen sei. So symbolisierte die Sieben schon vor der christlichen Jahreszählung in allen Kulturen eine magische Zahl mit mehreren Begleiterscheinungen. Die Sieben Hügel von Köttichau dienten nachweislich als Grabstätte, wovon aufgefundene Urnen mit Asche sowie Brakteaten und Speerspitzen aus verschiedenen frühzeitlichen Epochen zeugten.
Das Abtragen dieser Hügel begann schon vor dem 20. Jahrhundert. Mit der sandigen Erde wurden Teiche verfüllt, Felder entwässert und Unebenheiten begradigt. Wie in alten Landkarten eingezeichnet, existierten gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch drei der sieben Hügel. Zwei davon hatten mit 177 Metern exakt die gleiche Höhe und lagen nordöstlich der Dorfmitte. Auf einem dieser beiden Hügel befand sich zumindest noch im Jahr 1832 ein riesiger uralter Rüster. Der dritte damals noch erhaltene Hügel war 189 Meter hoch und befand sich in rund 400 Meter Entfernung südöstlich des Dorfes. Er trug die offizielle Bezeichnung Sieben Hügel. Darauf stand mindestens noch im Jahr 1893 eine Windmühle, was ebenfalls alten Landkarten entnommen werden kann.Hans von und zu Aufseß: Anzeiger für Kunde des deutschen Mittelalters. Band 1. Verlag George Jaquet, München, 1832, S. 293–294.Gerhard Billig: Der Siebenhügel bei Köttichau, Kreis Hohenmölsen. in: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte. Band 46. Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1962, S. 77–136.Gustav H. Heydenreich: Kirchen- und Schul-Chronik der Stadt und Ephorie Weißenfels seit 1539. Leopold Kell, Weißenfels, 1840, S. 260 f.
Einer Vermutung zufolge soll die Ortsbezeichnung auf den Namen des Oberhauptes einer slawischen Familie (Catechov, Coetche, Kotzschauw, Kötge, Gedsche etc.) zurückzuführen sein. Belege dafür existierten zu keiner Zeit. Ferner wird angenommen, dass in der Umgebung von Köttichau vor unserer Zeitrechnung germanische Stämme (Hermunduren) siedelten. Aus den Niederschriften Wiprechts von Groitzsch (1050–1124) lässt sich ableiten, dass später im Laufe der Völkerwanderung in das von den Germanen verlassene Gebiet Wenden eindrangen und im 6. oder 7. Jahrhundert n. Chr. eine kleine Gruppensiedlung gründeten. Grundlage dieser Annahme sind die Funde in den Sieben Hügeln sowie ebenfalls in Köttichau vorhanden gewesene Steinkisten. In diesen wurden im 18. Jahrhundert unter anderem ein Skelett sowie eine Armspange und Sporen aus Bronze geborgen.Friedrich Kruse: Deutsche Alterthümer. Band 3. Verlag Friedrich Ruff, Halle, 1828, S. 39–40.
Durch den Ort floss die Grunau. Dieser Bach hatte in den Wiesen von Köttichau seine Ursprungsquellen.August Schumann: Vollständiges Staats-, Post- und Zeitungslexikon von Sachsen. Verlage Gebrüder Schumann, 1816, S. 593–594. Er floss in Richtung Bösau, ab da beginnt er heute und trägt die Bezeichnung Grünebach. Die ältesten, heute noch vorliegenden, schriftlichen Hinweise über Köttichau stammen aus dem 12. Jahrhundert. Zu dieser Zeit besaß die Familie von Bünau zumindest Teile des Dorfes als Lehen. Davon übertrug am 17. Januar 1206 der Bischof von Naumburg-Zeitz, Berthold II., im Auftrag von Günther von Bünau zwei Hufe an das Kloster St. Stephan zu Zeitz, dessen Tochter dort als Nonne aufgenommen werden sollte.Martina Schattkowsky: Die Familie von Bünau. Adelsherrschaften in Sachsen und Böhmen vom Mittelalter bis zur Neuzeit. Leipziger Universitätsverlag, 2008, S. 136.
Spätestens seit dem 13. Jahrhundert existierte in Köttichau ein Gutshof. Dieser gehörte zeitweise der Familie Bose zu Kotzschauw.Joachim Schneider: Spätmittelalterlicher deutscher Niederadel. Hiersemann, 2003, S. 514, Fußnote 289. Das Vorwerk wurde im Jahr 1354 von den Gebrüdern Berthold, Dietrich und Hans von Poserna betrieben, die den Zehnt der Erträge des Hofes in Naturalien an die Bischöfe von Naumburg entrichteten.Heinz Wiessner: Das Bistum Naumburg. Walter de Gruyter, 1998, S. 849. Als Mutterkirchdorf fand der Ort seine erste urkundliche Erwähnung durch Withego I. von Ostrau im Jahr 1344 und gehörte bis 1562 zum Bistum Naumburg-Zeitz. Der erste Kirchenbau erfolgte somit lange vor der Reformation. Zur Parochie Köttichau gehörte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Kirche in Döbris.Gustav H. Heydenreich: Kirchen- und Schul-Chronik der Stadt und Ephorie Weißenfels seit 1539. Leopold Kell, Weißenfels, 1840, S. 260 f.
Während der heftigen reformatorischen Auseinandersetzungen im damaligen Kurfürstentum Sachsen fand in der Gemeinde eine Hexenverfolgung statt. Betroffen war ein reicher Bauer namens Simon Seiffart aus Köttichau nebst seiner Frau. Ihnen wurde Zauberei mit Bilsensamen vorgeworfen. Das Bischöfliche Probsteigericht in Zeitz befand die Angeklagten für schuldig und verkündete den Feuertod. Der Schöppenstuhl in Leipzig bestätigte das Urteil. Die Vollstreckung erfolgte an einem Mittwoch vor dem Thomastag 1549 auf einem Scheiterhaufen in Zeitz.Manfred Wilde: Die Zauberei- und Hexenprozesse in Kursachsen. Böhlau Verlag, 2003, S. 649. Noch im 19. Jahrhundert existierte in Köttichau ein heute in Akten nicht näher beschriebener Kreuzstein. Diese mussten überwiegend zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert bei Gewaltverbrechen von tatsächlichen oder vermeintlichen Tätern vor der Vollstreckung ihrer Urteile als Sühnekreuz erworben und aufgestellt werden.Kreuzsteine Burgenlandkreis kreuzstein.eu, abgerufen am 8. Februar 2019
Vor dem Dreißigjährigen Krieg zählte der Ort 58 Häuser. 1632 wurden das Dorf und die Kirche von Kaiserlichen Truppen und 1635 von kursächsischen Soldaten geplündert. Durch Brand verlor Köttichau während des Dreißigjährigen Krieges 33 Häuser. Eine weitere Plünderung der Kirche fand 1654 statt. Ab 1657 übte die Gerichtsbarkeit über die Flur das Amt Weißenfels aus. Der Ort selbst verblieb vorerst bei dem nun reformierten Stift Zeitz. 1661 wurde Köttichau vollständig dem Amt Weißenfels zugeordnet, wobei die Kirche sowie die zur Reformationszeit gegründete Dorfschule Bestandteile der Superintendentur Zeitz blieben. Zwischen 1714 und 1750 erfolgte eine Grunderneuerung und Vergrößerung der Kirche. Nach einem Blitzeinschlag im Jahr 1787 erhielt das Gotteshaus einen neuen Turm mit Uhr. In dem Kirchturm befanden sich drei Glocken, wovon die größte 1596 von Melchior Mörinck in Erfurt gegossen wurde. Die mittlere Glocke stammte aus dem Jahr 1607 und die kleine gemäß einer schlecht erhaltenen Inschrift vermutlich aus dem 13. Jahrhundert.Friedrich Kruse: Deutsche Alterthümer. Band 3. Verlag Friedrich Ruff, Halle, 1828, S. 38–46.Gustav H. Heydenreich: Kirchen- und Schul-Chronik der Stadt und Ephorie Weißenfels seit 1539. Leopold Kell, Weißenfels, 1840, S. 260 f.
Im Bearbeitungsgebiet war die große Glocke nicht nur die meistverzierte Glocke der Mörinck-Werkstatt, sondern die meistverzierte Renaissanceglocke überhaupt. Es liegt nahe, dass die aufwendig geschmückte Glocke im Auftrag der Stadt Erfurt gegossen wurde. Der Grund für ihre Verbringung nach Köttichau ist nicht überliefert. Die Glocke existiert noch und ist heute in der nördlichen Portalvorhalle der Sankt-Petri-Kirche in Hohenmölsen abgestellt. Der Verbleib der beiden kleineren Glocken ist unbekannt.DI 62, Weißenfels (Landkreis), Nr. 192 (Franz Jäger) Deutsche Inschriften Online, abgerufen am 7. Januar 2019 Zum Altar der Köttichauer Kirche gehörte ein hochwertiges Kruzifix sowie ein im Jahr 1618 angefertigter fünfseitiger Kanzelkorb aus Holz mit vielen geschnitzten Verzierungen. Der Verbleib dieser Kulturgüter ist nach Abbruch der Kirche (1961) ungeklärt. Eine Fotografie des Kanzelkorbes befindet sich im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt.DI 62, Weißenfels (Landkreis), Nr. 243†(?) (Franz Jäger) Deutsche Inschriften Online, abgerufen am 7. Januar 2019
Nach dem Wiener Kongress wurde Köttichau im Zuge der preußischen Verwaltungsreformen zum 1. Oktober 1816 dem Landkreis Weißenfels zugeordnet, der zum Regierungsbezirk Merseburg der preußischen Provinz Sachsen zählte. Im Jahr 1828 lebten in Köttichau rund 280 Menschen, die bis dahin ausschließlich Getreideanbau und Viehzucht betrieben. Die Dorfschaft setzte sich aus einigen Großbauern, mehreren Kleinbauern und Beschäftigten auf dem Gutshof zusammen. Das Gut Köttichau, seit der Reformation als sogenannte Schöppenhufe steuerfrei, wurde 1815 zu einem preußischen Staatsgut, welches ein verbeamteter Verwalter leitete.Die Schöppenhufe zu Köttichau (1715) Landesarchiv Sachsen-Anhalt, abgerufen am 10. Januar 2019 Zudem gab es im Dorf einen Hufschmied, einen Gasthof und einen Krämerladen, etwas später eine Kolonialwarenhandlung. Darin befand sich nach 1871 eine Posthülfstelle, die dem Postamt Hohenmölsen unterstand.Friedrich Kruse: Deutsche Alterthümer. Band 3. Verlag Friedrich Ruff, Halle, 1828, S. 43. 1840 zählte der Ort 88 Häuser mit insgesamt 580 Bewohnern.Gustav H. Heydenreich: Kirchen- und Schul-Chronik der Stadt und Ephorie Weißenfels seit 1539. Leopold Kell, Weißenfels, 1840, S. 260.Gottlob Heinrich Heydenreich: Geographisches Reise- Post- und Zeitungs-Lexicon von Teutschland. Verlag Johann Heinrich Schulzens, Jena, 1756, S. 644.Thomas Berger: Ahnenliste Berger. Ein Geschlecht aus dem Verwandtschaftskreis des Rudolf Stoye. Stiftung Stoye, Marburg, 2008, S. 148.
Während der Gründerzeit zogen mehrere Köttichauer Familien aufgrund der besseren Verdienstmöglichkeiten in die wachsenden Industriestädte. Dementsprechend verzeichnete im Jahr 1877 die Ortschaft einen Rückgang auf 367 Einwohner.Oberpräsidium Provinz Sachsen (Hrsg.): Handbuch der Provinz Sachsen. 1877. Verlag E. Baensch jun., Magdeburg, 1877. S. 348. In verschiedenen Publikationen ist für Köttichau für das Jahr 1888 die Einwohnerzahl mit 1170 beziffert. Diese Angabe ist falsch. Sie entstammt dem Standesamtslexikon von Preußen, bezieht sich jedoch auf den kompletten Standesamtsbezirk Köttichau.Königliches Statistisches Bureau: Standesamts-Lexikon für das Königreich Preußen. Verlag des Königlichen Statistischen Bureau, 1884, S. 175. Hintergrund: Ab 1875 wurden im Deutschen Reich aus kleinen benachbarten Gemeinden einheitliche Standesamtsbezirke mit einem gemeinsamen Standesamt gebildet. Neben der Gemeinde Köttichau selbst, zählten zum Standesamtsbezirk Köttichau die Gemeinden:
Mutschau (1957 devastiert) Döbris (1967 devastiert) Schwerzau (1967 devastiert) Zetzsch Jaucha ZembschenOberpräsidium Provinz Sachsen (Hrsg.): Handbuch der Provinz Sachsen. 1877. Verlag E. Baensch jun., Magdeburg, 1877. S. 348.