Die Geschichte der Sinfonieorchester in Schleswig-Holstein gibt Auskunft über die Entstehung und Weiterentwicklung der großen Orchester im nördlichsten Bundesland Schleswig-Holstein und ihren Beitrag zur Kulturszene des Landes.
Sinfonieorchester in Schleswig-Holstein Zu den ständigen Orchestern im Lande zählen: das Philharmonische Orchester Kiel, das Sinfonieorchester des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters, mit den Spielstätten Flensburg, Schleswig und Rendsburg, sowie das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck. Alle drei Orchester bestreiten regelmäßige Veranstaltungsreihen, bieten Sonderkonzerte und bespielen zugleich die örtlichen Musiktheater.
Daneben existieren Sinfonie- und Kammerorchester auf semiprofessionellem Niveau, die an mehreren Orten ebenfalls durch regelmäßige Konzertreihen das Musikleben bereichern. Etwa 200 volksmusikalische Orchester werden vom Musikerverband Schleswig-Holstein und der Spielmannsvereinigung betreut.
Außerdem gibt es noch: Das Schleswig-Holstein Festival Orchestra. Es versammelt jährlich etwa 120 internationale Musikstudenten im Alter von höchstens 26 Jahren, die bei weltweiten Probespielen in 30 Städten in Nord- und Südamerika, Asien, Europa sowie im Nahen Osten ausgewählt werden. Das Landesjugendorchester Schleswig-Holstein, ein sinfonisches Auswahlorchester jugendlicher Instrumentalisten aus Schleswig-Holstein. Es besteht aus bis zu 100 jungen Musikern im Alter von 14 bis 25 Jahren. Die Norddeutsche Sinfonietta, eine Orchesterwerkstatt mit Sitz in Rendsburg. In diesem Kammerorchester haben Schüler und Studenten die Möglichkeit, an der Seite von professionellen Musikern Orchestererfahrungen zu sammeln. Seit ihrer Gründung 2000 hat die norddeutsche sinfonietta neben zahlreichen Konzerten in Schleswig-Holstein und Hamburg auch internationale Konzertreisen durchgeführt.
Ein ehemaliges professionelles Sinfonieorchester war das Schleswig-Holsteinische Konzertorchester GmbH mit Sitz in Eckernförde.
Zur Geschichte der Orchester
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck Das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck wurde vor 120 Jahren, im Jahre 1897, durch den Verein der Musikfreunde Lübeckhttps://die-gemeinnuetzige.de/182-0-Verein+der+Musikfreunde+Luebeck.htm gegründet. Elf Jahre danach übernahm das Orchester neben den Sinfoniekonzerten auch die Opern-Dienste im neu eröffneten Lübecker Theaterbau, der 2008 sein 100. Jubiläum feierte. Eine Vielzahl namhafter Dirigenten arbeitete in der Hansestadt Lübeck und formte die hohe Qualität des Klangkörpers, so u. a. Hermann Abendroth (1905–1911), Wilhelm Furtwängler (1911–1915), Eugen Jochum (1928/29), Christoph von Dohnányi (1957–1963), Gerd Albrecht (1963–1966) oder Bernhard Klee (1966–1973).
Unter seinem langjährigen GMD Erich Wächter (1989–2001) bezog das Philharmonische Orchester 1994 seine neue sinfonische Heimstatt, die höchsten akustischen Ansprüchen genügende Musik- und Kongresshalle Lübeck (MuK). Unter Roman Brogli-Sacher, der von 2001 bis 2012 die Führung des Orchesters übernahm, erhielten die Lübecker Philharmoniker renommierte Auszeichnungen, wie etwa 2011 den Preis der deutschen Schallplattenkritik und ein Jahr darauf den ECHO-Klassik für die DVD-Produktion von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“. Von 2013 bis 2017 war Ryusuke Numajiri GMD des Orchesters. Für die unter seinem Dirigat am Theater Lübeck entstandene „Don Carlos“-Inszenierung wurde die Regisseurin Sandra Leupold 2014 mit dem renommierten Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet. In der Spielzeit 2017/18 leitet Andreas Wolf als Kommissarischer GMD die Geschicke des Orchesters. 2019 wurde Stefan Vladar zum GMD der Lübecker Philharmoniker berufen.
In den letzten Jahren konnte eine Vielzahl international gefeierter Dirigenten nach Lübeck eingeladen werden, u. a. Wolfram Christ, Marc Piollet, Michael Sanderling, John Nelson, Michail Jurowski, Leif Segerstam, und Stefan Vladar.
Das Philharmonische Orchester Lübeck musizierte bereits mit vielen namhaften Solisten, darunter Mario Brunello, Gerhard Oppitz, Reinhold Friedrich, Heinrich Schiff, Martin Stadtfeld, Sabine Meyer, Juliane Banse, Anja Harteros, Arabella Steinbacher, Mischa Maisky, Lise de la Salle.
Philharmonisches Orchester Kiel Das Philharmonische Orchester Kiel wurde 1907 vom Verein der Musikfreunde Kiel gegründet und ist noch heute mit einer mehr als 100-jährigen Tradition ein wichtiger Bestandteil des klassischen Musiklebens in Kiel.
Bereits in der Vergangenheit konzertierte das Orchester häufig mit namhaften Solisten und Gastdirigenten. So waren gemeinsam mit den Kieler Philharmonikern z. B. Max Reger, Claudio Arrau, Pierre Fournier, Géza Anda, Dietrich Fischer-Dieskau, Grace Bumbry, Agnes Baltsa, David Geringas und Antje Weithaas zu erleben; am Dirigentenpult standen u. a. Richard Strauss, Jean Sibelius, Eugen Jochum, Bruno Maderna, Michael Gielen, Gerd Albrecht und Fabio Luisi.
Zu der Liste der Generalmusikdirektoren, die das Orchester ebenso entscheidend wie wegweisend geprägt haben, gehört neben dem Multitalent Peter Ronnefeld, der die letzten zwei Jahre vor seinem tragisch frühen Tod als damals jüngster GMD Deutschlands in Kiel wirkte (1963–65), z. B. auch der angesehene Komponist und Dirigent Hans Zender, der mit der Reihe „musica nova“ in den frühen 1970er Jahren die sogenannte Neue Musik in Kiel etablierte; daneben u. a. Klaus Tennstedt, Klaus Weise und Klauspeter Seibel bis hin zu Georg Fritzsch, der das Orchester als innovativer GMD von 2003 bis 2019 leitete.
Zu den Einspielungen der Kieler Philharmoniker zählen neben der Lázaro-DVD die hochgelobten Live-Mitschnitte der Schreker-Opern Christophorus sowie Das Spielwerk und die Prinzessin; letztere Einspielung wurde sogar mit dem „Preis der deutschen Schallplattenkritik 2003“ ausgezeichnet. Darüber hinaus vereint eine weitere CD den Live-Mitschnitt einer Aufführung von Mahlers 6. Sinfonie mit der Uraufführung von BlueGreen für Saxophon Quartett und Orchester von Bernd Franke aus einem Konzert des Philharmonischen Orchesters Kiel mit dem renommierten Raschèr Saxophone Quartet im Jahr 2004.
Die Nachwuchsförderung ist eine der Hauptaufgaben des Orchesters, die sich in jüngster Zeit u. a. in einer Orchesterakademie http://www.akademien-am-theater-kiel.de/orchesterakademie/ueber-uns/ spiegelt, in der auf ihrem Instrument fortgeschrittene Jugendliche, oft auch im Rahmen gemeinsamer Auftritte mit Orchestermitgliedern, die zahlreichen Facetten künstlerischer Arbeit kennenlernen können.
Flensburger Städtisches Orchester 1920 gründete die Stadt Flensburg aus 40 qualifizierten Musikern der aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrten Militärmusikregimenter das „Flensburger Städtische Orchester“ unter der Leitung von Musikdirektor Viktor Wolfgang Schwarz. Das Orchester entwickelte sich zu einem leistungsfähigen Klangkörper, der in den Sinfoniekonzerten große romantische Literatur (Wagner, Liszt, Strauss, Berlioz) spielte und daneben pro Saison noch 30 Volkskonzerte (Walzer, Märsche, Operettenmelodien) und sechs Kammerkonzerte gab. Nach vierjähriger Tätigkeit wurde Schwarz von Musikdirektor Klaus Barth abgelöst, der den Schwerpunkt auf Händel, Haydn und Mozart legte. Er führte als Neuerung pro Saison sieben Volksbildungskonzerte ein, in denen er dem Publikum ausführliche Erläuterungen zu den gespielten Werken gab. Das Orchester konzertierte jetzt auch in Schleswig, Husum, Eiderstedt und Nordschleswig und übernahm zusätzlich die Musik im Stadttheater. Seit 1923 kam das sommerliche Engagement als Kurorchester u. a. auf den Nordfriesischen Inseln, Helgoland und in Bad Ems hinzu. Die Weltwirtschaftskrise wirkte sich jedoch auch auf das kulturelle Leben in Flensburg negativ aus, sodass die Stadt aus finanzieller Not den Klangkörper 1930 auflöste.
Das Orchester hatte jedoch durch Aufnahmen für den Rundfunk große Anerkennung gefunden, und so konnten mit Hilfe von Geldern aus Berlin die entlassenen Musiker, die sich mittlerweile dem neu gegründeten „Verein der Musikfreunde in Flensburg“Verein der Musikfreunde Flensburg angeschlossen hatten, neue Verträge angeboten werden. Die Konzerte der Saison 1932/1933 fanden erstmals im neu eröffneten Deutschen Haus statt.
Grenzland-Orchester 1933 wurde Klaus Barth, der sich auch um die umstrittene zeitgenössische Musik verdient gemacht hatte, von den Nationalsozialisten abgesetzt. Sein Nachfolger war bis 1937 Johannes Röder, der sich als Chorleiter und Organist von St. Nikolai einen Namen gemacht hatte, die volkstümlichen Konzerte wurden von Konzertmeister Albert Nocke geleitet. Das „Städtische Orchester Flensburg“ wurde in „Grenzland-Orchester“ umbenannt. Die Konzerte wurden häufig im Reichssender Hamburg direkt aus dem Deutschen Haus übertragen. Heinz Schubert, Erster Kapellmeister am Stadttheater, leitete das Grenzland-Orchester für eine Saison, von 1938 bis 1944 übernahm Musikdirektor Otto Miehler die Leitung. Als das Orchester 1944/1945 durch Einberufung vieler Musiker und Miehlers nicht mehr spielfähig war, wurden als Ersatz im Stadttheater Solistenkonzerte angeboten.
Flensburg Municipal Orchestra Nach Kriegsende erhielt Miehler von der britischen Militärregierung den Auftrag, ein „Flensburg Municipal Orchestra“ zu gründen. Die ersten Konzerte im Deutschen Haus, das damals noch als Hilfslazarett diente, waren zunächst nur dem britischen Militär zugänglich. Das erste öffentliche Konzert fand am 15. September 1945 in der Turnhalle der Marineschule Mürwik statt. Die Spielzeit 1946/1947 bot bereits wieder 18 Sinfoniekonzerte im Deutschen Haus an. Unter Miehlers Leitung wurden auch wieder moderne Werke gespielt. 1950 beschloss die Flensburger Ratsversammlung, das Orchester aus finanziellen Gründen aufzulösen.
Nordmark-Sinfonie-Orchester Ein neu gegründeter Zweckverband sorgte für den Erhalt des Ensembles, das von nun an den Namen „Nordmark-Sinfonie-Orchester“ trug. Heinrich Steiner, der als Generalmusikdirektor die Leitung der Konzerte im Deutschen Haus und auch der Musiktheateraufführungen im Stadttheater Flensburg übernahm, prägte während seiner 23-jährigen Tätigkeit in dieser Funktion das Orchester maßgeblich. Neben den Abonnementskonzerten und einigen Sonderkonzerten veranstaltete Steiner Schülerkonzerte, in denen er mit Erläuterungen Schüler an die klassische Musik heranführte. Das Orchester wirkte weit über die Landesgrenzen hinaus, gab Gastspiele in Kopenhagen und Malmö. Steiner initiierte die Gemeinschaftskonzerte mit dem Sønderjyllands Symfoniorkesterhttps://sdjsymfoni.dk/, die zu Höhepunkten der Saison und zu einer bis heute gepflegten Tradition wurden.
Es gelang, das Orchester, das neben dem normalen Konzert- und Theaterbetrieb im Sommer auch als Kurorchester in Westerland wirkte, auf 55 Musiker aufzustocken. Eine drastische Erhöhung der Eintrittspreise 1972/1973 führte erneut zu einer Diskussion um die Kosten des Orchesters, deren Hauptanteil nach wie vor die Stadt Flensburg trug. Eine Änderung der Trägerschaft wurde unumgänglich, was zu Steiners Abschied führte.
Schleswig-Holsteinisches Landestheater und Sinfonieorchester