mini|Dietrich Klagges
Dietrich Klagges (Pseudonym Rudolf Berg) (* 1. Februar 1891 in Herringsen; † 12. November 1971 in Bad Harzburg) war ein deutscher Lehrer und Politiker, der zuerst in der DNVP und dann in der DVFP tätig war. Ab 1924 baute er die neugegründete NSDAP mit auf. In der Zeit des Nationalsozialismus machte er Karriere: Von 1933 bis 1945 amtierte er als von den Nationalsozialisten ernannter Ministerpräsident des Freistaates Braunschweig. Ab 1942 bekleidete er in der SS den Rang eines Obergruppenführers.
Jugend, beruflicher Werdegang und politischer Werdegang Klagges war das jüngste von sieben Kindern eines Waldwärters. Nach dem Besuch der Volksschule wurde er am Lehrerseminar in Soest zum Volksschullehrer ausgebildet und arbeitete als solcher ab 1911 in Harpen bei Bochum. Klagges kam in Kontakt zu Theodor Fritsch und schloss sich dem Reichshammerbund anHans-Christian Harten; Uwe Neirich; Matthias Schwerendt: Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reichs. Bio-bibliographisches Handbuch (=Veröffentlichung des Zentrums für Zeitgeschichte von Bildung und Wissenschaft der Universität Hannover, Edition Bildung und Wissenschaft, Bd. 10). Akademie Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-05-004094-3. S. 222.. Während des Ersten Weltkrieges wurde er 1915 bei Neuve-Chapelle schwer verwundetAuszug aus den Deutschen Verlustlisten (preuß. Nr. 205) vom 22. April 1915 und deshalb aus dem Heeresdienst entlassen.Reinhard Bein: Juden in Braunschweig. 1900–1945. Materialien zur Landesgeschichte. 2. Auflage, Braunschweig 1988, S. 51. 1918 trat er der DNVP bei, deren Mitglied er bis 1924 blieb. Nach Kriegsende wurde er 1918 Mittelschullehrer in Wilster/Holstein. Nach seinem Austritt aus der DNVP war Klagges für kurze Zeit Mitglied der Ende 1922 gegründeten rechtsextremen Deutschvölkischen Freiheitspartei (DVFP), die er bald wieder verließ, um bereits zum 13. Juni 1925 in die NSDAP einzutreten (Mitgliedsnummer 7.646).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/20401246 Von 1926 bis 1930 arbeitete er als Konrektor einer Mittelschule in Benneckenstein (Harz), wo er von 1928 bis 1930 gleichzeitig Leiter der NSDAP-Ortsgruppe war. Aufgrund seiner Position in der NSDAP wurde er während der Weimarer Republik 1930 ohne Pensionsansprüche aus dem preußischen Schuldienst entlassen. Im selben Jahr trat er erstmals im Freistaat Braunschweig in Erscheinung, wo er sich als Propagandaredner für die NSDAP betätigte. Klagges gehörte 1933 zu den Gründungsmitgliedern der nationalsozialistischen Akademie für Deutsches RechtJahrbuch der Akademie für Deutsches Recht, 1. Jahrgang 1933/34. Hrsg. von Hans Frank. (München, Berlin, Leipzig: Schweitzer Verlag), S. 254. Hans Franks.
Autorentätigkeit Ab 1921 betätigte sich Klagges als Autor völkischer, antidemokratischer und antisemitischer Schriften, die in entsprechenden Zeitungen u. Ä. erschienen. Er schrieb beispielsweise für Die völkische Schule oder Deutschlands Erneuerung und war selbst Herausgeber der Zeitschrift Nordlicht. Seine z. T. theosophischen Veröffentlichungen wie z. B. Das Urevangelium Jesu vermitteln ein gnostisch-dualistisches Weltbild.
In braunschweigischen Diensten Aus den Kommunalwahlen im Freistaat Braunschweig vom 1. März 1931 war die NSDAP wider Erwarten nur als drittstärkste Partei (mit 10 Sitzen) hinter SPD und KPD (mit zusammen 28 Sitzen) hervorgegangen.
Ernennung zum Regierungsrat Am 1. Januar 1931 wurde Klagges vom Innen- und Kultusminister des Freistaates Braunschweig und ebenfalls NSDAP-Mitglied Anton Franzen zum Regierungsrat im Volksbildungsministerium ernannt. Nach längeren politischen Querelen und Ränkespielen musste Franzen aber schon wenige Monate später wegen Begünstigung eines Parteigenossen zurücktreten, desgleichen der Vorsitzende der NSDAP-Fraktion Franz Groh, was eine innenpolitische Krise im Freistaat auslöste, da nun ein Bruch der Koalition drohte.
Wahl zum Staatsminister Aufgrund der immanenten Krise im Freistaat griff Adolf Hitler selbst in das Geschehen ein und stellte der DNVP ein Ultimatum, was schließlich dazu führte, dass Klagges am 15. September 1931 vom Braunschweigischen Landtag zum Staatsminister für Inneres und Volksbildung gewählt und somit Mitglied der braunschweigischen Landesregierung wurde; kurz darauf wurde Klagges 1932 in den Reichstag gewählt. Bereits 1931, zwei Jahre vor der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten, verhängte Klagges im Land Braunschweig erste Berufsverbote gegen Sozialdemokraten und Juden, wovon u. a. auch zahlreiche Lehrende der Technischen Hochschule Braunschweig betroffen waren.
Die Einbürgerung Adolf Hitlers
Hitler hatte die österreichische Staatsbürgerschaft 1925 abgegeben und war seitdem staatenlos. „Politische Freunde“ versuchten mehrfach, ihm die deutsche Staatsangehörigkeit zu verschaffen. Dies gelang aber erst 1932 in Braunschweig, als der Freistaat neben Thüringen das einzige Land der Weimarer Republik war, in dem die NSDAP mitregierte und so die „Einbürgerung“ Hitlers in ihrem Sinne steuern und beeinflussen konnte.
Verantwortlich für diese Einbürgerung nach § 14 des Reichs- und StaatsangehörigkeitsgesetzesReichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz. war allerdings nicht die Stadt Braunschweig, sondern das Land, der „Freistaat Braunschweig“ – in persona: Staatsminister für Inneres und Volksbildung und NSDAP-Mitglied Dietrich Klagges. Er erhielt als Regierungsvertreter des Freistaates Braunschweig offenbar einen direkten Auftrag der NSDAP-Parteiführung zur Einbürgerung Hitlers. Joseph Goebbels notierte darüber am 4. Februar 1932 in seinem Tagebuch: „Diese Frage muß übrigens in Kürze noch gelöst werden. Der Führer muß ja Staatsbürger sein, um kandidieren zu können. Klagges wird damit beauftragt, diese Frage zu lösen.“zitiert nach: Rudolf Morsey: Hitler als Braunschweigischer Regierungsrat. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Jg. 8 (1960), Heft 4, S. 422 (PDF).
Professor Hitler Zunächst versuchte Klagges, Hitler eine außerordentliche Professur für den konstruierten Lehrstuhl „Organische Gesellschaftslehre und Politik“ an der Technischen Hochschule Braunschweig zu verschaffen. Der Plan, der vereinzelt auf Goebbels zurückgeführt wird,Walter Görlitz, Alfred Quint: Adolf Hitler. Eine Biographie. Stuttgart 1952, S. 335. rief den erbitterten Widerstand der SPD-Fraktion im Landtag hervor und scheiterte letztlich am Veto der deutschnationalen Koalitionspartner. Hitlers vielfach verspottete Bemühungen, sich einbürgern zu lassen, wurden erneut Gegenstand der Satire.Roloff: Bürgertum und Nationalsozialismus 1930–1933. 1961, S. 92.
Regierungsrat Hitler Auf Vorschlag des DVP-Abgeordneten Heinrich Wessel wurde Hitler schließlich am 25. Februar eine Ernennung zum Regierungsrat beim Landeskultur- und Vermessungsamt angetragen und er mit der „Wahrnehmung der Geschäfte eines Sachbearbeiters bei der Braunschweigischen Gesandtschaft in Berlin“ beauftragt.Morsey: Hitler als Braunschweigischer Regierungsrat. 1960, S. 440. Die Nachricht traf noch am selben Tag im Berliner Hotel Kaiserhof ein: „Wir sind alle überglücklich“, hielt Goebbels im Tagebuch fest.zitiert nach Morsey: Hitler als Braunschweigischer Regierungsrat. 1960, S. 440, Fn32. Am 26. Februar 1932 leistete Hitler den Amtseid in der braunschweigischen Gesandtschaft. Gleichzeitig erhielt er die braunschweigische Staatsangehörigkeit, wodurch er nach § 1 des Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes zum Deutschen wurde. Das ermöglichte seine bereits am 22. Februar verkündete Kandidatur bei der Reichspräsidentenwahl.
In der Braunschweigischen Landeszeitung erklärte Klagges kurz darauf:
Offensichtlich erschöpfte sich damit aber auch schon die Tätigkeit Hitlers für die Gesandtschaft des Landes Braunschweig in Berlin. Am 16. Februar 1933 ersuchte der nunmehr amtierende Reichskanzler Adolf Hitler in einem kurzen Telegramm um Entlassung aus dem braunschweigischen Staatsdienst. Dies wurde ihm umgehend „mit sofortiger Wirkung“ gewährt.
Das Verhältnis zwischen Hitler und Klagges Die Auswirkungen dieser Episode auf das Verhältnis von Hitler und Klagges sind ungeklärt. Für ein insbesondere von Ernst-August Roloff behauptetes Zerwürfnis sind keine stichhaltigen Primärquellen bekannt.Gunnhild Ruben: „Bitte mich als Untermieter bei Ihnen anzumelden!“ – Hitler und Braunschweig 1932–1935: die Brisanz der Braunschweiger Einbürgerung: Hitlers Überraschungsbesuch 1935: das Lehndorfer Aufbauhaus. Norderstedt 2004, S. 92. Hitler bewertete sein Wirken als braunschweigischer Regierungsrat im Januar 1945 als sehr erfolgreich: „Ich habe dem Lande großen Nutzen gebracht.“Helmut Heiber (Hg.): Hitlers Lagebesprechungen. Die Protokollfragmente seiner militärischen Konferenzen 1942–1945. Stuttgart 1962, S. 882.
Eine besondere Nähe zur NS-Führung setzte auch voraus, dass Ministerpräsident Klagges bereits ab Februar 1937 außerhalb seines Freistaats als Exeget des Hitlerschen Vierjahresplans in Erscheinung treten konnte.Arbeit in Frieden und Freiheit. In: Hamburger Fremdenblatt. 26. Februar 1937 (siehe Pressemappe 20. Jahrhundert der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften [ZBW], Dokument 0005). Wie aus den Akten der Parteikanzlei der NSDAP hervorgeht, trug er bis in die 1940er Jahre hinein Anliegen mehrfach direkt bei Hitler vor.Helmut Heiber (Bearbeiter): Die Akten der Partei-Kanzlei der NSDAP. Bd. 1, Teil 1, München 1983, S. 560, 583, 659, 688. Das deutet auf ein privilegiertes Verhältnis hin. Akten und zuverlässige Quellen über den kurzen Braunschweig-Besuch Hitlers am 17. Juli 1935 fehlen.
Der Freistaat Braunschweig nach der Machtergreifung Fast unmittelbar nach dem 30. Januar 1933 kam es in Braunschweig zu ersten Terroraktionen gegen politisch Andersdenkende, denen im Laufe der Jahre weitere folgten.
Ernennung zum Ministerpräsidenten des Freistaates Braunschweig Am 6. Mai 1933 wurde Klagges von Reichsstatthalter Wilhelm Loeper zum Ministerpräsidenten des Freistaates Braunschweig ernannt, nachdem er sich selbst für das Amt vorgeschlagen hatte. Klagges’ klar formuliertes Ziel war die Schaffung eines NS-Musterlandes. Am 10. Mai fand die erste Bücherverbrennung am Schlossplatz in Braunschweig statt.
Nationalsozialistisches Musterland mini|Die ehemalige Akademie für Jugendführung der Hitlerjugend, heute: Braunschweig-Kolleg und Abendgymnasium mini|Gebäude des ehemaligen Luftflottenkommandos 2, heute: IGS Franzsches Feld
Klagges’ Planungen für ein NS-Musterland hatten das Ziel, Braunschweig weiterhin so unabhängig wie möglich vom Berliner NS-Dirigismus zu halten, sodass er, Klagges, weiterhin nach Belieben und Gutdünken in seinem „Reich“ schalten und walten konnte.Helmut Weihsmann: Bauen unterm Hakenkreuz. Architektur des Untergangs. Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien 1998, ISBN 3-85371-113-8, S. 305–324. Eine Integration des Landes (und damit dessen faktische Auflösung) in Preußen lehnte er strikt ab. Hitler selbst hatte Klagges zugesichert, dass Braunschweig als kulturelles Zentrum erhalten bleibe und nicht etwa in einem „Reichsgau Hannover“ aufgehen würde. Auch sollte das Land Braunschweig nach dem Krieg weiter fortbestehen. Zum eigenen Machterhalt und -ausbau versuchte Klagges deshalb, einen neuen Gau ins Leben zu rufen – auch um von Hannover unabhängig zu bleiben. Dieser „Gau Ostfalen“ sollte Braunschweig als Gau-Hauptstadt und ihn selbst als Gauleiter haben. Unterstützung fand Klagges für seine Pläne im braunschweigischen Bildungsbürgertum, im bürgerlichen Mittelstand, bei der IHK und bei der evangelischen Kirche.