Die Werraaue bei Berka und Untersuhl wird von der mäandrierenden Werra, verlandeten Altarmen mit Schilfröhrichten und Auwaldresten sowie von feuchten Senken und Flutmulden geprägt. Die weitgehend ebene, naturnahe und vielgestaltige Landschaft an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze im westthüringischen Wartburgkreis ist zum Lebensbereich von schutzwürdigen Tier- und Pflanzenarten geworden. Seltenen Vögeln bietet die Aue Lebensraum, sie wird zu den wertvollsten Wiesenbrütergebieten Thüringens gezählt. Um das auentypische Grünland zu schützen und zu bewahren, wurde der Bereich im April 1996 zum Naturschutzgebiet erklärt. Als Teilbereich eines Flora-Fauna-Habitat-Gebiets und eines Vogelschutzgebiets gehört die Werraaue zu dem länderübergreifenden Schutzgebietsnetz Natura 2000, das auf europäischer Ebene die ökologische Vielfalt erhalten und fördern will. Eine besondere Bedeutung haben die Aue und die benachbarten Naturschutzgebiete auch im Biotopverbund des „Grünen Bandes“.Holm Wenzel, Werner Westhus, Frank Fritzlar, Rainer Haupt und Walter Hiekel: Die Naturschutzgebiete Thüringens. S. 462 f.
Lage Das Naturschutzgebiet liegt in einer breiten Talweitung am Mittellauf der Werra. In diesem Bereich ist der Verlauf der Landesgrenze zum hessischen Landkreis Hersfeld-Rotenburg besonders verwinkelt. Das Schutzgebiet erstreckt sich am westlichen Rand des Wartburgkreises zwischen Dippach im Süden und Gerstungen im Norden und gehört administrativ zu den Gemarkungen von Berka, dem Verwaltungssitz der Stadt Werra-Suhl-Tal und Untersuhl, einem Ortsteil von Gerstungen. Unmittelbar an die Werraaue bei Berka und Untersuhl schließt sich das hessische Naturschutzgebiet Obersuhler Aue mit Feuchtwiesen und Kiesteichen an und westlich das thüringische Naturschutzgebiet Dankmarshäuser Rhäden.
Naturräumlich wird die Aue dem Berkaer Becken zugeordnet, an das im Osten Oberellener Hügelland und Frauenseer Hügelland angrenzen. Es sind Untereinheiten des Salzunger Werraberglands im Osthessischen Bergland.Naturräumliche Gliederung nach der Geographischen Landesaufnahme des Instituts für Landeskunde. Blatt 126 Fulda. Bearbeitung durch Werner Röll. Nach dem innerthüringischen, nur landesweit einteilenden System der Landesanstalt für Umwelt und Geologie liegt das Naturschutzgebiet in dem Bereich der Einheiten „Bad Salzunger Buntsandsteinland“ und „Werraaue Gerstungen-Creuzburg“.Die Naturräume Thüringens auf der Webseite der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie; abgerufen am 28. Juni 2021.
Die Aue mini|links|Motiv aus dem nördlichen Teil des Naturschutzgebiets zwischen Berka und Obersuhl mini|links|Das „Baggerloch“ in der Aue bei Untersuhl mini|Entwässerungsgraben im nordöstlichen Bereich Der Untergrund der Aue besteht aus den im Zeitabschnitt des Pleistozäns abgelagerten Sand- und Kiesschichten, über denen sich sandige, auch schluffig-tonige, teilweise muddig-torfige Sedimente des Holozäns befinden. Bis in das 16. Jahrhundert wuchsen hier ausgedehnte Auwälder, bis mit der wachsenden Bevölkerung und der Ausdehnung der Kulturlandschaft die Flächen trockengelegt und als Grünland genutzt wurden. Die Flussbegradigungen zwischen 1850 und 1860, die die Werra bei Untersuhl um etwa 1,2 km verkürzten, führten zu einer vermehrten Eintiefung mit Auswirkungen auf die Uferstruktur und den Grundwasserspiegel. Die Aue wird über ein System von Gräben entwässert. Die bedeutendsten unter ihnen sind der Rheden- oder Rhädengraben im Norden und der Erlichsgraben im Süden. Im Nordteil des geschützten Bereichs sind noch mehrere abgeschnittene Altarme zu finden, die teilweise zu feuchten Senken verlandet sind und teilweise auch renaturiert wurden. Hier liegt auch das „Baggerloch“, eine ehemalige Kiesgrube. Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis etwa 1930 wurden die Kieslager innerhalb des heutigen Naturschutzgebiets ausgebeutet. Nach der beendeten Auskiesung und nach intensiver ackerbaulicher Nutzung begann im Jahr 1994 die Renaturierung der Feuchtlebensräume. Zu den Maßnahmen gehörten die Wiederherstellung von Grünland, die Entmüllung und Sanierung eines Altarms, die Herstellung von zwei Bachschlingen am begradigten Rhedengraben sowie der Bau von Einrichtungen zum gezielten Einstau und Ablassen von Wasser zur Simulation der früher regelmäßig vorkommenden Hochwasserereignisse.Informationen von den Schautafeln im Schutzgebiet.
Anfang 2020 begannen weitere Arbeiten zur Renaturierung der links der Werra zufließenden Gewässer. Im Rahmen von Ausgleichsmaßnahmen der Thüringer Fernwasserversorgung zur Kompensation, der durch den Bau der Trinkwassertalsperre Leibis-Lichte entstandenen Eingriffe in die Natur im Thüringer Schiefergebirge, sollen Teile des Rhedengrabens und der Weihe naturnaher gestaltet und ihr alter Verlauf teilweise wiederhergestellt werden. Die beiden Bäche waren im Lauf der historischen Entwicklung an der innerdeutschen Grenze mehrfach umgelegt und begradigt worden. Künftig sollen sich flache und tiefere Abschnitte sowie langsam und schneller fließende Bereiche abwechseln. Zudem soll ein „Entwicklungskorridor“ geschaffen werden, in dem sich die Bäche mit Laufumlagerungen, Uferabbrüchen und Anlandungen eigendynamisch entfalten können.Informationen von der Schautafel der Thüringer Fernwasserversorgung zur Renaturierung der Werraaue bei Untersuhl.
Die Vegetation in der Aue wird geprägt von relativ artenarmen Fettweiden, in denen das Deutsche Weidelgras dominiert. Die steilen Ufer, der durch die Einleitung von Salzen über Produktionsabwässer der weiter südlich angesiedelten Kaliindustrie stark belasteten Werra, sind zumeist von Stickstoff liebenden Staudenfluren bedeckt, vorherrschende Art ist hier die Glanz-Melde. Die „Baggerloch“ genannte ehemalige Kiesgrube ist von einem breiten Schilf-Röhricht gesäumt und im Bereich der verlandeten Altwasserreste haben sich Flutrasen ausgebildet. Als bemerkenswert angesehen wird das massenhafte Auftreten des Kurzähren-Quellers zwischen Berka und Dippach sowie der Strand-Aster, was auf die hohen Salzkonzentrationen zurückgeführt wird. Große Grünlandflächen werden mit Robustrinderrassen extensiv beweidet und nur eingeschränkt gedüngt. Mahd und Beweidung dürfen auf bestimmten Flächen erst sehr spät erfolgen, um Gelegezerstörungen der Wiesenbrüter zu minimieren.
Fauna mini|Um die Gelege der Wiesenvögel zu schützen, werden einige Flächen erst sehr spät gemäht oder beweidet Zu den Arten, die die Aue als Brutvögel nutzen, gehören Braunkehlchen, Schafstelze, Teichralle und Wiesenpieper. Bei Beutelmeise, Neuntöter und Rohrweihe besteht Brutverdacht. Dem Weißstorch dient die Werraaue als Nahrungshabitat. Beobachtet wurden hier auch Eisvogel, Rot- und Schwarzmilan, Schwarzstorch und Zwergtaucher. Das Naturschutzgebiet wird als wichtiger Bestandteil eines der wertvollsten Gebiete für Wiesenbrüter Thüringens angesehen. Diese Vogelarten des Offenlands haben es in der heutigen Landschaft schwer. Sie sind „Verlierer“ der fortschreitenden Intensivierung der Landwirtschaft und der unaufhaltsamen Flächenzerschneidung durch Verkehrs- und Infrastrukturprojekte. So musste der Bestand des Großen Brachvogels in Thüringen als erloschen eingestuft werden und deutlich abnehmende Bestände haben Kiebitz und Bekassine. Negative Bestandsentwicklungen zeigen ebenfalls Brachpieper, Braunkehlchen, Rebhuhn, Raubwürger, Steinschmätzer und Wiesenpieper.Rote Liste der Brutvögel Thüringens auf der Webseite der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie; abgerufen am 28. Juni 2021.
Unterschutzstellung Naturschutzgebiet mini|links|Im April 1996 wurde der Auenbereich zum Naturschutzgebiet erklärt Nach einer einstweiligen Sicherstellung in den Jahren von 1990 bis 1995 als Naturschutzgebiete „Werraaue bei Untersuhl“, „Werraaue südwestlich Berka“ und „Werraaue östlich Dankmarshausen“ folgte die endgültige Unterschutzstellung am 30. April 1996. Mit Verordnung vom 2. April 1996 des Thüringer Landesverwaltungsamtes in Weimar wurden 255,8 Hektar unter dem Namen „Werraaue bei Berka und Untersuhl“ als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Die Verordnung formulierte neben anderen als besondere Schutzzwecke: Den naturnahen Abschnitt der Werraaue mit auentypischen gefährdeten und geschützten Lebensräumen zu erhalten und zu pflegen sowie die Alleen als landschaftsprägendes Element zu schützen. das Gebiet als Lebensraum, Brut, Nahrungs- und Rastplatz für Vogelarten wie Wiesenbrüter, Schilfbewohner und Zugvögel sowie als Lebensraum, Laich- und Nahrungsplatz für Amphibien zu sichern und zu entwickeln sowie Störungen und Beunruhigungen fernzuhalten. die für die Werraauen charakteristischen weiten Auenwiesen zu schützen und sie mit der traditionellen Nutzungsform der extensiven Grünlandbewirtschaftung zu pflegen.Thüringer Verordnung über das Naturschutzgebiet „Werraaue bei Berka und Untersuhl“ vom 2. April 1996. In: Thüringer Staatsanzeiger, Ausgabe: Nr. 17/1996 vom 29. April 1996, S. 915–918.
Das Naturschutzgebiet hat die thüringeninterne Kennung 216 und den WDPA-Code 166255.„Werraaue bei Berka und Untersuhl“. In: Weltdatenbank zu Schutzgebieten; abgerufen am 28. Juni 2021.
Flora-Fauna-Habitat-Gebiet mini|Kopfweiden in der Untersuhler Aue Mit 206,9 Hektar liegt das Naturschutzgebiet zum größten Teil im FFH-Gebiet „Werra bis Treffurt mit Zuflüssen“, das sich mit vielen Teilflächen von den Quellbereichen bis zur Landesgrenze bei Treffurt erstreckt. Das Natura-2000-Gebiet repräsentiert ein ausgedehntes Fließgewässersystem mit einer flutenden Wasserpflanzenvegetation und der hieran angepassten Fauna. Angrenzend haben sich wertvolle Lebensraumkomplexe entlang des Flusses ausgebildet. Zu den Schutzzielen gehören die Erhaltung des naturnahen Flusslaufs der Werra und einiger ihrer Nebengewässer mit den für Thüringen bedeutsamen Populationen der Westgroppe und des Bachneunauges sowie dem Vorkommen des Fischotters, der Auslaugungsseen, Altarme und anderer Gewässer, der Lebensräume der Gelbbauchunke und des Kammmolchs, der extensiven Mähwiesen und einer Binnensalzstelle mit Habitaten des Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläulings sowie der Lebensräume der Fledermäuse, unter ihnen Kleine Hufeisennase, Bechstein-, Mops- und Teichfledermaus. Mit der Bechstein- und der Mopsfledermaus beherbergt das Auengebiet zwei sogenannte Verantwortungsarten, für deren Erhalt und Schutz sich Deutschland nach der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt besonders verpflichtet hat.
In dem europäisch vernetzten Schutzgebietssystem Natura 2000 hat das insgesamt 2.260 Hektar große Gebiet die Nummer 5328-305, den WDPA-Code 555520705 und landesintern die Kennung 111.Steckbrief des FFH-Gebiets 5328-305 „Werra bis Treffurt mit Zuflüssen“ auf der Website des Bundesamtes für Naturschutz (BfN); abgerufen am 28. Juni 2021.„Werra bis Treffurt mit Zuflüssen“. In: Weltdatenbank zu Schutzgebieten; abgerufen am 28. Juni 2021.Verordnung zur Festsetzung von Europäischen Vogelschutzgebieten, Schutzobjekten und Erhaltungszielen vom 29. Mai 2008 In: Online-Verwaltung Thüringen; abgerufen am 28. Juni 2021.
Europäisches Vogelschutzgebiet