mini|Öffentlicher Geniza-Container in Jerusalem Eine Geniza [], im Deutschen meist Genisa geschriebenBeide Schreibweisen sind laut Duden üblich, empfohlen wird Genisa (Duden online) (hebr. גניזה gənīzā, pl.: Genizoth; mit der Bedeutung: Lager, Depot, Speicher), ist ein manchmal vermauerter Hohlraum zur Aufbewahrung verbrauchter jüdischer liturgischer Schriften. Hier werden nicht mehr lesbare Torarollen oder andere Texte, die man nicht mehr benutzt, verschlossen abgelegt. Texte, die das Tetragrammaton (JHWH) oder andere Bezeichnungen Gottes enthalten, dürfen nicht einfach weggeworfen werden. So haben wichtige Schriftstücke der jüdischen Liturgie und der jüdischen Geschichte überdauert. Hinzu kommen zahlreiche profane Schriften überwiegend in judäo-arabischer Sprache.
Geniza der Ben-Esra-Synagoge in Kairo Die wohl berühmteste Geniza befand sich in Kairo und wurde 1890 bei einer Renovierung der Ben-Esra-Synagoge entdeckt, die nach ihrer Zerstörung unter dem Fatimidenkalifen al-Hākim bi-amr Allāh († 13. Februar 1021) im Jahre 1025 wiederaufgebaut worden war.Heinz Halm: Die Kalifen von Kairo: die Fatimiden in Ägypten 973–1074. S. 130. Verlag C. H. Beck. München 2003 In einem abgesonderten Hohlraum unter dem Dach, der nur über eine Leiter zu erreichen war, fanden sich während der letzten Renovierungsarbeiten rund 200.000 Schriftstücke ab dem Jahr 800, wie beispielsweise Das Buch Jesus Sirach (Altes Testament) in hebräischer Sprache oder die berühmte Damaskusschrift, deren Teile später auch in Qumran gefunden wurden, eine jiddische Handschrift mit dem Fragment einer deutschen Heldensage (Dukus Horant), Heiratsurkunden und weitere profane Briefe, die über die Belagerung Jerusalems (Kreuzzüge) aus der Sicht der damaligen jüdischen Bevölkerung Auskunft geben. Der Raum, der nur durch eine Luke zu erreichen war, ist vom 11. bis zum 19. Jahrhundert offenbar nie geleert worden, während die hinterlegten Bestände anderer Synagogen von Zeit zu Zeit feierlich „beerdigt“ worden sind. Auf dem Friedhof, in den sogenannten Basātīn (Gärten), in der Nähe der Ben-Esra-Synagoge, sind weitere Bestände entdeckt worden.
Das Wissen um die Existenz der Kairoer Geniza begann sich seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Westen zu verbreiten. 1752 besuchte Simon von Geldern, ein Großonkel von Heinrich Heine, Ägypten und vermerkte in seinem Tagebuch, er sei in der Synagoge Elias gewesen und habe die dortige Geniza durchsucht. Auf seiner zweiten Nahostexpedition (1863–65) besuchte der karäische Geistliche, Reisende und Manuskriptsammler Abraham Firkowitsch (1787–1874) aus Russland im Jahre 1864 unter Begleitung des Oberrabbiners Elias Israel Shirizly die Ben-Esra-Synagoge. Er durchsuchte die dortige Geniza und brachte zahlreiche wertvolle Manuskripte an seinen Wohnort Çufut Qale auf der Krim, von wo sie 1876, zwei Jahre nach seinem Tod, an die Russische Nationalbibliothek in St. Petersburg verkauft wurden und dort bis heute mit über 10.000 Exemplaren den weltweit größten und bedeutendsten Bestand an judäo-arabischen Manuskripten bilden.Yehoshua Horowitz / Menahem Ben-Sasson in: Encyclopaedia Judaica, 2nd edition, Artikel Genizah, Cairo, S. 462 Etwa zur selben Zeit, im Spätsommer 1864, hat der Gelehrte Jakob Saphir aus Jerusalem zwei Tage in der Synagoge verbracht und den desolaten Zustand des Geniza-Raumes kurz beschrieben. Dessen Dach war eingebrochen, die schriftlichen Materialien mit Staub und Steinen bedeckt. Der Inhalt der Materialien konnte jedoch nicht genau geprüft werden.S. D. Goitein (1967–1968), Bd. 1. S. 395. Anmerkung 3. Die für die wissenschaftliche Forschung bedeutende Entdeckung ist mit dem Namen von Solomon Schechter verbunden. Er kam im Dezember 1896 in Kairo an; nach seiner Bekanntschaft mit dem Kairoer Oberrabbiner Raphael Aaron Ben Shimʿon (1848–1928), der Schechter bat, den Materialienbestand zur Konservierung nach Cambridge zu überführen, hatte er uneingeschränkten Zugang zu der Sammlung der Synagoge und durfte von dort beliebige Mengen mitnehmen.Stefan C. Reif: A Jewish archive from old Cairo: the history of Cambridge University’s Genizah Collection. Cruzon Press 2000. S. 78–79. Eine der bedeutendsten Entdeckungen war damals die Identifizierung zahlreicher Fragmente aus dem Buch von Simeon ben Jeshua Ben Eleazar, die die Forschung über Jahrzehnte beschäftigen sollten.Pancratius Cornelis Beentjes: The book of Ben Sira in modern research: proceedings of the first international Ben Sira conference 28–31 July 1996. de Gruyter, Berlin, New York 1997. (Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft. Band 255)
Die Originale der Kairoer Geniza sind heute verstreut; zum Beispiel (allein etwa 110.000) in der Taylor-Schechter-Sammlung der Universitätsbibliothek Cambridge, in der Princeton University, wo Mark R. Cohen (Near Eastern Studies Department) federführend zum Thema forscht, in der Bodleian Library in Oxford und in Sankt Petersburg. David Kaufmann († 1899) erwarb rund 700 Stücke aus dem Kairoer Bestand, die nach seinem Tod durch Schenkung der Familie in den Besitz der Bibliothek der Ungarischen Akademie der Wissenschaften gelangten.Max Weisz: Katalog der hebräischen Handschriften und Bücher in der Bibliothek des Prof. Dr. D. Kaufmann. Frankfurt am Main 1905. M. S. Löwinger: Report on the Hebrew Mss in Hungary with special regard to the Hungarian fragments of the Cairo Genizah. In: Actes du XXIe Congrès International des Orientalistes. Paris 23–31 Juillet 1948. Paris 1949. S. 117–123; Solomon Dob Fritz Goitein: A Mediterranean Society …, Band 1. S. 3 Der amerikanische Semitist und Professor für Rabbinische Literatur Richard Gottheil beschrieb mit William H. Worrell die in der Freer-Collection (Washington D. C.) erhaltenen Geniza-Fragmente.
Fragmente aus dem Bestand hat der deutsche Orientalist Eugen Mittwoch im Jahre 1899 erworben. Mit Ausnahme der liturgischen Texte und einiger Gedichte sind die Schriftstücke in der Kairoer Geniza in arabischer Sprache, aber mit hebräischen Buchstaben abgefasst.Mark R. Cohen: On the interplay of Arabic and Hebrew in the Cairo Geniza letters. In: Jonathan P. Decter, Michael Chaim Rand (Hrsg.): Studies in Arabic and Hebrew letters: in honor of Raymond P. Scheindlin; Gorgias Press 2007; S. 17–36 Eines dieser von E. Mittwoch erworbenen Fragmente handelt auf vier Seiten über die Unzulässigkeit der Beschäftigung mit der Wissenschaft. Die Abhandlung entstand nach der Schaffungsperiode von Maimonides, über den und dessen Vater der anonyme Verfasser einige Bemerkungen macht.Eugen Mittwoch: Ein Genīza-Fragment. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (ZDMG), Bd. 57 (1903), S. 61ff
Die Kairoer Geniza hat ganz entscheidend zum Verständnis sowohl der mittelalterlichen jüdischen Geschichte als auch der wissenschaftlichen Erschließung des Judäo-Arabischen und zur Kenntnis der Kultur des Mittelmeerraumes beigetragen. Es ist das Verdienst des Orientalisten Shlomo Dov Goitein, mit seinem fünfbändigen Werk A Mediterranean Society diese wichtigen Materialien der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben.
Nicht nur die Sprache der meisten profanen Geniza-Texte ist arabisch; auch Stil und Aufbau vieler Bittschriften, der sogenannten „Bettlerbriefe“Alexander Scheiber: Beggars’ Letters from the Geniza In: Alexander Scheiber: Geniza Studies. Georg Olms Verlag, Hildesheim 1981. S. 75–84 sind dem entsprechenden Schrifttum arabischer Bittsteller der Fatimidenzeit entlehnt worden: a) Vorstellung, b) Basmala, in aramäischer Sprache: bi-shmakh raḥmanā, c) Segenswünsche für den Herrscher; Ausdruck der Unterwerfung: der Diener / Dein Sklave küsst den Boden, d) Einleitung, e) Antrag / Bitte, f) Hinweis, dass die Entscheidung allein beim Herrn / Herrscher liegt, g) Abschluss.Geoffrey Khan: The historical development of the structure of medieval Arabic petitions. In: Bulletin of the School of Oriental and African Studies (BSOAS) 53 (1990), S. 8–30. (Digitalisat bei JSTOR) Es liegen auch Schreiben vor, in denen die islamische Basmala in arabischen Buchstaben, einmal auch in hebräischen Buchstaben, erscheint. Diese Dokumente gehen auf die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts zurück.Mark R. Cohen: Four Judaeo-Arabic petitions of the poor from the Cairo Geniza. In: Jerusalem Studies in Arabic and Islam (JSAI), 24 (2000), S. 446–471; hier S. 450, Anm. 13. – Weitere Dokumente hat bereits Samuel Miklos Stern (1920–1969) untersucht und publiziert: Three petitions of the Fatimide period. In: Oriens 15 (1962), S. 172–209.
Struktur und Aufbau dieser Bittschriften und Petitionen sprechen für eine im 12. und 13. Jahrhundert anerkannte Praxis der Bittsteller, um dadurch in ihren Notsituationen auf die Wohltätigkeit von Einzelpersonen oder von Gemeinden appellieren zu können. Sie sind mit den sogenannten „Schnorrerbriefen“, die in der Mitte des 17. Jahrhunderts in Mittel- und Osteuropa aufgekommen sind, nicht gleichzusetzen.Mark R. Cohen: The voice of the poor in the Middle Ages: an anthology of documents from the Cairo Genizah. (Introduction). Princeton University Press 2005; ders.Poverty and charity in the Jewish community of medieval Egypt. (S. X–XI). Princeton University Press 2005.
Ein Wörterbuch der Materialien in der Geniza in arabischer Sprache nach Goiteins A Mediterranean Society haben die deutschen Orientalisten Werner Diem und Hans-Peter Radenberg im Jahre 1994 herausgegeben (siehe Literatur). Den Forschungsstand bis 1964 hat Shaul Shaked von der Hebräischen Universität Jerusalem bibliographisch erfasst.
Genizafunde in Deutschland Franken. Veitshöchheim mini|Fragment (Bl. 46r) der jiddischen Bibelparaphrase Tze'ena u-Re'ena (Frankfurt/Main ca. 1750)Vgl. das vollständige Exemplar der Universitätsbibliothek Frankfurt/Main; Signatur: Jud. Germ. 948: aus der Geniza in der Synagoge in Schwabach (Mittelfranken) In den letzten Jahrzehnten sind vor allem im süddeutschen Raum – und hier insbesondere in Franken – Genizafunde aus ehemaligen Synagogengebäuden geborgen und erforscht worden.Elisabeth Singer-Brehm: Moderne Genisaforschung in Deutschland. In: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 32 (2022), S. 429–463. Sie sind vor allem deshalb von Bedeutung, weil sie durch ihre versteckte Lage in vielen Fällen die Zerstörung der Synagogen und ihres Inventars im Dritten Reich überdauert haben und daher häufig das einzige materielle Zeugnis ausgelöschter jüdischer Gemeinden bilden. Eine der umfangreichsten fränkischen Genizoth wird im Jüdischen Kulturmuseum Veitshöchheim aufbewahrt. Die Veitshöchheimer Geniza befand sich im Dachboden der ehemaligen Synagoge von Veitshöchheim und wurde etwa von 1730 bis 1900 belegt. Zahlreiche Drucke und Handschriften sind älter, was auf eine lange Verwendung der Texte schließen lässt. Der schriftliche Bestand setzt sich aus religiösen Schriften wie Bibeln, Gebetbüchern, Einzelgebeten oder rabbinischen Auslegungen aber auch aus nichtreligiöser Literatur wie Märchen, Erbauungsliteratur oder historischen Abhandlungen zusammen.
Die Literatur, die in der Veitshöchheimer Geniza gefunden wurde, ist hauptsächlich in hebräischer, jiddischer oder deutscher Sprache verfasst. Etwa ein Drittel der Texte ist in Hebräisch geschrieben, ein weiteres Drittel in Jiddisch. Einige deutsche Texte sind mit hebräischen Buchstaben geschrieben.
Neben den Druckwerken, zu denen noch Buchstabiertafeln, Lehrbücher der hebräischen Sprache, Taschen- und Wandkalender gerechnet werden müssen, auch Texte in deutscher Sprache (Zeitungen), gibt es auch einen größeren Teil handschriftlicher Texte. In der Mehrzahl handelt es sich um Briefe, rabbinische Gutachten, Quittungen, Rechnungen oder private Aufzeichnungen wie Notizbücher.
Auch Textilien wie etwa Torawimpel, Tefillinbeutel, Gebetsmäntel, Kippot und weitere Kopfbedeckungen und Kleidungsstücke oder Schuhe wurden gefunden.