Das Melanchthon-Gymnasium Nürnberg ist ein humanistisches Gymnasium in Nürnberg. Es geht auf eine von Philipp Melanchthon initiierte Gründung der Reichsstadt Nürnberg 1526 zurück und war eine der führenden Schulen des protestantischen Deutschlands der Frühen Neuzeit; nach der vorübergehenden Schließung des Ernestinums Gotha gilt es als das älteste Gymnasium im deutschsprachigen Raum.Startseite. In: melanchthon-gymnasium.de, abgerufen am 12. November 2018.Anna Günther, Hans Kratzer: „Humanistische Bildung gibt es auch ohne Latein und Griechisch“. In: sueddeutsche.de, 18. April 2017, abgerufen am 12. November 2018. Aufgrund ihrer damaligen Unterbringung im früheren Egidienkloster war die Schule lange als Aegidianum oder Egidiengymnasium„Gymnasium St. Egidii“ und „“. Markus Paul: Reichsstadt und Schauspiel. 2002, S. 245 (). bekannt; seit 1933 trägt sie den Namen des Schulgründers Melanchthon.

Heute befindet sich die Schule in staatlicher Trägerschaft und liegt im Stadtteil Wöhrd. Als eine der letzten Schulen in Bayern bietet das Gymnasium ausschließlich den humanistischen Zweig an, d. h. Latein als erste, Englisch als zweite und Altgriechisch als dritte Fremdsprache. Das Logo der Schule ist die Eule der Athene sowie die Totenmaske des Schulgründers.

Geschichte Einzug des Humanismus Da Nürnberg keine Universität besaß, seine Führungsschicht kaufmännisch ausgerichtet war und somit den Humanisten kritisch gegenüberstand, war das geistige Klima der Stadt für die Aufnahme des Humanismus zunächst eher ungünstig. Im Zuge der Ausbildung, zu der die Patriziersöhne ins humanistisch geprägte Italien geschickt wurden, gewannen seine Ideen aber einen immer größeren Einfluss auf die Reichsstadt.

Mit dem Beschluss des Rates im März 1496, eine Poetenschule einzurichten, entstand aufbauend auf den vier Lateinschulen St. Sebald, St. Lorenz, Heilig Geist und St. Egidien eine neue Schule, die sich unabhängig vom kirchlichen Einfluss auf die humanistischen Prinzipien ausrichtete. Zur Leitung der Schule wurde Heinrich Grieninger aus München berufen, der in Italien studiert hatte und gute Kenntnisse der lateinischen, griechischen und auch hebräischen Literatur besaß. Im Jahr 1509 musste die Schule jedoch auf Grund mangelnder Schülerzahlen geschlossen werden,Hartmut Fritz: Schulgeschichte des Melanchthon-Gymnasiums. 500 Jahre Bildungstradition in Nürnberg. In: melgym.de – Schulgeschichte, abger. am 9. November 2025. weil inzwischen auf Ratsbeschluss die beiden kirchlichen Schulen St. Sebald und St. Lorenz selbst einen Kurs für Poesie und Oratorie eröffneten, der auf den humanistischen Grundsätzen beruhte.Hugo Steiger: Das Melanchthongymnasium in Nürnberg (1526–1926). R. Oldenbourg, München 1926, S. 19.

Gründung mini|Aegidienkirche und ehemalige Klostergebäude im 16. Jahrhundert, Rekonstruktion von Gottlieb Bäumler (1846) mini|links|Philipp Melanchthon (1543), Mitbegründer und Namensgeber der Schule Im August 1518 kam Philipp Melanchthon zum ersten Mal bei einem Besuch des Ratsherren und Humanisten Willibald Pirckheimer, mit dem er in ständigem Briefkontakt sowohl zuvor als auch danach stand, nach Nürnberg. Mit Hieronymus Baumgartner kehrte 1523 ein junger Patrizier von seinem mehrjährigen Studium aus Wittenberg unter Melanchthon zurück in die Stadt, um Nürnbergs Politik, insbesondere die Kirchen- und Schulpolitik entscheidend mitzugestalten. 1524 veröffentlichte Martin Luther sein Sendschreiben An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, das sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen. Nürnberg reagierte als eine der ersten Städte:Hugo Steiger: Das Melanchthongymnasium in Nürnberg (1526–1926). R. Oldenbourg, München 1926, S. 20. Auf Grund des Wunsches eine neue höhere Schule als Übergang von der Lateinschule an die Universität einzurichten, beschloss der Rat am 18. Oktober 1524, also noch vor dem offenen Übertritt Nürnbergs zur lutherischen Lehre, Melanchthon für den Schulunterricht in der Stadt zu gewinnen. Diese Übergangsschule sollte zum einen den Lateinschulabgängern gründlichere Kenntnisse der griechischen und lateinischen Literatur verschaffen, die die Professoren an den Universitäten immer wieder bemängelten, zum anderen aber auch den oft noch sehr jungen Studenten ermöglichen nicht im Alter von 13 oder 14 Jahren die Heimatstadt verlassen zu müssen. Mit den Verhandlungen wurde Baumgartner beauftragt, dessen Angebot Melanchthon jedoch ablehnte, da er sich Martin Luther und der Universität Wittenberg zugehörig fühlte.

Im September 1525 ersuchte der Rat Melanchthon erneut, diesmal mit der Bitte, bei der Gründung einer neuen Schule behilflich zu sein. Nach seiner Zusage, die von seinem Landesherren Kurfürst Friedrich dem Weisen bewilligt wurde, kam er im November 1525 mit seinem Freund Joachim Camerarius erneut nach Nürnberg. Diesen hatte er als Rektor der neuen Schule vorgesehen und besprach mit ihm und dem Rat den Lehrplan und machte sich reich beschenkt auf die Suche, neue Lehrer für die Schule zu gewinnen. Neben der Leitung der Schule übernahm Joachim Camerarius das Griechisch-Lehramt, Helius Eobanus Hessus die Lehre der römischen Dichterliteratur, Michael Roting die Schulung in der lateinischen Rhetorik und Dialektik sowie Johannes Schöner die Lehre der Mathematik. Melanchthon berechnete mit Schöner den günstigsten Zeitpunkt für die Gründung des Gymnasiums mit astrologischen Methoden.

Am 22. Mai 1526 wurden alle Bürger über die Einrichtung einer neuen Schule informiert. Sie wurde im ehemaligen Kloster am Egidienberg untergebracht, dessen Schottenmönche 1525 ausgezogen waren und in dem auch schon die Lateinschule St. Egidien ihren Sitz hatte. Der Rat forderte die Bürger auf, begabte Kinder auf Kosten der Stadt dorthin zu schicken. Somit wurde die sogenannte „Obere Schule“, „Hohe Schule“ oder „Patrizierschule“ als erste Schule Deutschlands nach den humanistischen Prinzipien Philipp Melanchthons eingerichtet, der deren Studienordnung mit den neu eingeführten Fächern Griechisch und Mathematik entworfen hatte. Auf Einladung des Rates kam Melanchthon am 23. Mai 1526 ein drittes Mal nach Nürnberg und eröffnete dort mit einer lateinischen Rede die Obere Schule bei St. Egidien.

Der Betrieb litt nach einigen Jahren darunter, dass Hesse 1533 nach Erfurt ging und Camerarius 1535 nach Tübingen. Der Restbetrieb bestand in je einer Stunde Mathematik durch Johannes Schöner und Griechisch durch Michael Roting pro Tag, nach Schöners Rücktritt aus Krankheitsgründen übernahm Joachim Heller die Mathematik. 1552 kam Melanchthon erneut in die Stadt und hielt im Auditorium der Oberen Schule 30 Vorlesungen.Hugo Steiger: Das Melanchthongymnasium in Nürnberg (1526–1926). R. Oldenbourg, München 1926, S. 186.

Die bisherige Egidienschule wurde als Trivialschule (Lateinschule) weitergeführt, die den Zugang zur Oberen Schule eröffnete.

Verlegung nach Altdorf mini|Die Universität Altdorf im Jahr 1714 (hinten das Kollegiumsgebäude (1575 errichtet), links der Ostflügel (1582), vorne das Torhaus (1583)) Nach einem Schreiben des Gründungsrektors Joachim Camerarius im Jahr 1565 an den Rat, in dem er die Verlegung des Gymnasiums St. Egidien an einen Standort in der Nähe von Nürnberg vorschlug, entschied sich eine Delegation des Nürnberger Rates für Altdorf bei Nürnberg.

Die Grundsteinlegung des Kollegiengebäudes, dessen Finanzierung durch Spenden von Nürnberger Patriziern sichergestellt wurde, erfolgte am 30. September 1571. Im Gegenzug erhielten die Spender ein Wohnrecht für ihre studierenden Söhne. Am 29. Juni 1575 wurde das Egidien-Gymnasium unter dem Namen „Nürnberger Landschule“ somit in Altdorf eingeweiht, wo die Ablenkung für die Schüler nicht so groß war. 1578 wurde die Schule zur Akademie erhoben. Die Verleihung dieses Titels hatten Nürnberger Vertreter am kaiserlichen Hof in Prag erreicht. In den darauffolgenden Jahren wurde der Ostflügel mit dem größten Hörsaal (1582) sowie das Torhaus mit einem Buchladen und der Wohnung des Pedells (1583) errichtet.

1622 wurde die Akademie durch kaiserliches Privileg zur Universität Altdorf erhoben und der Lehrbetrieb zwischen der Schule und der Universität getrennt. Für die Schule wurde erstmals der Begriff Gymnasium verwandt. Gleichzeitig war in Nürnberg eine schola privatae entstanden, die sich an den humanistischen Ideen orientierte und in Konkurrenz zur jetzt Gymnasium genannten ehemaligen Landschule in Altdorf trat. Dessen Bedeutung und die Schuldisziplin verfielen.

Zurückverlegung nach Nürnberg mini|Frontansicht 1733 mini|links|Gymnasium mit der 1711 neuerbauten Egidienkirche. Kupferstich von Johann Adam Delsenbach. 1633 wurde das Gymnasium aus Altdorf nach Nürnberg zurückverlegt und mit der dortigen Schola privata vereinigt. Das „Gymnasium Aegidianum“ nutzte wieder die Bauten des ehemaligen Egidien-Klosters. 1639 bis 1642 erfolgte unter der Ägide Johann Michael Dilherrs der Anbau des sogenannten auditorium magnum oder „Gymnasium St. Egidii“ und „“. Markus Paul: Reichsstadt und Schauspiel. 2002, S. 245 (). , in dem neben dem Unterricht auch Vorlesungen nach Art der Universitäten angeboten wurden. Auch Theateraufführungen in diesem auditorium gehörten zum Schulleben; Johann Klaj verfasste Stücke eigens für diesen Zweck.Markus Paul: Reichsstadt und Schauspiel. 2002, S. 235–280 (). Nach der Zerstörung des Schulgebäudes durch einen Brand im Jahre 1696 zog die Schule 1699 in den Neubau am Egidienplatz 10.

Die Schule legte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in besonderem Maße Wert auf einen zeitgemäßen Bildungskanon und war für die modernen belles lettres aufgeschlossen: Unterricht in der Landessprache, im Briefstil und Poesie gehörten zum Kanon. Samuel Faber entfaltete hier von 1690 bis 1716 Einfluss. Gleichzeitig – hier war die Verbindung zur Sternwarte gegeben – kam moderne Mathematik und Naturwissenschaft in den Unterricht.

Berühmte Schüler in dieser Zeit waren u. a. Johann Christoph Arnschwanger (1625–1690), Nicolaus Hieronymus Gundlingius (1671–1729), Peter Kolb (1675–1726), Johann Gabriel Doppelmayr (1677–1750), späterer Mathematikdozent am Gymnasium, Johann Friedrich Riederer (1678–1734), Johann Leonhard Rost (1688–1727). Für das 17. Jahrhundert gilt die Schule als eine der führenden im protestantischen Deutschland.

mini|Enthüllung der Melanchthon-Statue anlässlich der 300-Jahr-Feier am 23. Mai 1826. Als die Reichsstadt Nürnberg in das Königreich Bayern eingegliedert wurde, wurde das Egidiengymnasium 1808 verstaatlicht. Als Rektor amtierte 1808 bis 1816 der später weltberühmte Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel,Hugo Steiger: Das Melanchthongymnasium in Nürnberg (1526–1926). R. Oldenbourg, München 1926, S. 26 f. der das Gymnasium 1810 im Zuge der großen humanistischen Erneuerung des 19. Jahrhunderts reformierte.

1874 fasste man Lateinschule und Gymnasium zu einem neunklassigen humanistischen Gymnasium zusammen. Aufgrund der gestiegenen Schülerzahlen wurde das Gymnasium 1889 in ein Königliches Altes Gymnasium (heute: Melanchthon-Gymnasium) und ein Königliches Neues Gymnasium aufgeteilt.

Umzug an die Sulzbacher Straße mini|links|Das Schulgebäude Anfang Mai 2014 von Nordwesten fotografiert, auf dem Dach die Sternwarte und mit vorbeifahrender Straßenbahn.