Die Martin-Luther-Rezeption umfasst die Aneignung und Deutung der Theologie und der Person des Reformators Martin Luther (1483–1546) im Lauf der Jahrhunderte. Diese Rezeption begann mit seinem überregionalen Wirken ab 1517 und setzt sich bis in die Gegenwart unvermindert fort. Luther gehört zu den am meisten zitierten, verehrten und umstrittenen Persönlichkeiten der Geschichte. mini|Traum Friedrichs des Weisen vom Thesenanschlag, reformatorischer Holzschnitt, datiert 1591 mini|hochkant|„Siebenköpfiger Luther“, antireformatorische Karikatur

Wissenschaftliche Rezeption, Forschung Luthers Theologie wird seit 1800 erforscht, systematisch seit etwa 1900. Ihre Deutung war stets eng mit der Zeitgeschichte verbunden. Wichtige Lutherforscher waren Theodosius Harnack (konfessionelle preußisch-konservative Restauration), Albrecht Ritschl und Wilhelm Herrmann (neukantianischer Individualismus), Karl Holl und Erich Seeberg (Lutherrenaissance); wichtige Lutherinterpreten waren Friedrich Gogarten, Rudolf Bultmann, Gerhard Ebeling (existentiale Interpretation), Walther von Loewenich, Ernst Wolf und Hans Joachim Iwand (sozialkritisches Luthertum nach 1945). In den 1980ern war Martin Brecht ein bedeutender Kirchenhistoriker, der sich mit Luther und dessen Erbe beschäftigte.

Die kritische Weimarer Gesamtausgabe entstand seit 1883. Bis 1920 wurden viele Luthermanuskripte entdeckt (Vorlesungen 1509–1518, Predigtnachschriften, Disputationsprotokolle 1522–1546). 1918 wurde die Luther-Gesellschaft gegründet, die sich der Erforschung des Lebens und Wirkens Martin Luthers widmet und die Zeitschrift Luther sowie die Lutherjahrbücher herausgibt. Seit 1945 finden im mehrjährigen Turnus interkonfessionelle und internationale Kongresse für Lutherforschung in verschiedenen Städten weltweit statt. Ein Wendepunkt war der 3. Internationale Kongress für Lutherforschung in Helsinki 1966; seitdem nehmen katholische Fachleute an diesem Austausch auf allen Ebenen teil.

Zahlreiche Studien zu bestimmten Lebensabschnitten oder Einzelfragen erschienen. Dabei wurde auf evangelischer Seite lange vorrangig die reformatorische Wende erforscht. Neuere Textfunde und interkonfessionelle Forschungsprojekte hellten allmählich das differenzierte und komplexe Verhältnis Luthers zur katholischen Tradition auf. Der Kirchenhistoriker Otto Scheel stellte als erster fest, dass Luther vor seinem Theologiestudium mit keinen häretischen, humanistischen und kirchenkritischen Strömungen seiner Zeit in Berührung gekommen war.Otto Scheel: Die Entwicklung Luthers bis zum Abschluß der Vorlesung über den Römerbrief. Leipzig 1910; Dokumente zu Luthers Entwicklung (bis 1519). Tübingen 1911. Dazu K. D. Schmidt, S. 276. Der Psychoanalytiker Erik H. Erikson versuchte 1958, Luthers Theologie aus frühkindlichen Deformationen seiner Sexualität und angestauten Schuld- und Hassgefühlen gegen seinen Vater zu erklären.Erik H. Erikson: Der junge Mann Luther. Eine psychoanalytische und historische Studie. Für die neuere katholische Lutherforschung ist der Ansatz von Joseph Lortz wichtig, dessen Spitzensatz lautete: „Luther rang in sich einen Katholizismus nieder, der nicht katholisch war.“ Gemeint war der Ockhamismus und die fehlende Vertrautheit mit Thomas von Aquin, während Luthers lebenslange Bezugnahme auf Augustinus als „katholisches Erbe“ des Reformators von Lortz begrüßt wurde.

Nationaler Mythos mini|Hermann Wislicenus (1825–1899): Luther auf dem Reichstag zu Worms 1521

Im 19. Jahrhundert entstand in Deutschland ein nationaler Mythos, der Luther zum Vorkämpfer deutscher Sprache, Unabhängigkeit und Identität stilisierte.Monika Flacke: Die Begründung der Nation aus der Krise. In: Monika Flacke (Hrsg.): Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama. Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl. Begleitband zur Ausstellung vom 20. März 1998 bis 9. Juni 1998. Köhler & Amelang, München/Berlin 1998, S. 111–115. So fand beim Wartburgfest am Reformationstag 1817 auch eine Bücherverbrennung statt, die an Luthers Verbrennung der päpstlichen Bannbulle und des kanonischen Rechts im Jahre 1520 anknüpfte.

Die nationalistische Vereinnahmung Luthers bestimmte den Kulturkampf mit. Zum Jubiläumsjahr 1883 besuchten Zehntausende die Stätten seines Wirkens. Der Historiker Heinrich von Treitschke behauptete in seinem Vortrag Luther und die deutsche Nation ein germanisches Erbe als Erfolgsbedingung der Reformation und fasste so seine antikatholische, antirepublikanische und implizit antifranzösische Lutherdeutung zusammen.Hartmut Lehmann: „Er ist wir selber: Der ewige Deutsche“. Zur langanhaltenden Wirkung der Lutherdeutung von Heinrich von Treitschke. In: Gerd Krumeich, Hartmut Lehmann (Hrsg.): „Gott mit uns“. Nation, Religion und Gewalt im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, S. 91–104. Auch die Hohenzollern arbeiteten an diesem Mythos mit.

Der Schriftsteller Ernst Jünger, der sich unter dem Eindruck des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges eigentlich von der Idee des Nationalstaates abgewandt hatte, deutete Luther noch im November 1947 in einem Tagebucheintrag im Sinne des nationalen Mythos:Ernst Jünger: Jahre der Okkupation, Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1958, S. 289.„‚Ein feste Burg ist unser Gott‘, 1529. Wenn die Völker Heersäulen auf dem Marsch ins Unbekannte gleichen, steigt dieses Lied aus der germanischen Zunge auf. Es ist die genaue Fortsetzung des Heliand. Gott ist der Schirmherr im Kampf und Waffenspender, sein Sohn ‚der rechte Mann‘, der Vorkämpfer. Die Spuren Luthers bleiben in unserem Schicksal unauslöschlich; er tritt in jede unserer großen Entscheidungen ein. Viel weniger an seiner Lehre und an seinen Reformen als an seiner zum Wort gewordenen Gestalt wird jede Wiedergeburt der Una sancta scheitern, wenn anders sich nicht ein Papst der Zukunft finden sollte, der die Autorität aufbrächte, ihn zu kanonisieren und unter die Kirchenväter einzureihen.“

Bilder mini|hochkant|Martin Luther, Holzschnitt von Albrecht Altdorfer, vor 1530

Luther gehört zu den am häufigsten abgebildeten Personen der deutschen Geschichte. Zu Lebzeiten schuf die Cranach-Werkstatt rund 500 Bilder von ihm, davon mindestens 306 Porträts. Viele davon beruhen auf elf Porträts, die Lucas Cranach der Ältere und seine Söhne als Hofmaler des sächsischen Kurfürsten herstellten und für die Luther Modell saß. Originale Federzeichnungen erstellte außerdem Johann Wilhelm Reifenstein, der auch die Lutherrose schuf. Zudem malten fast alle damalige wichtigen Künstler nicht persönlich autorisierte Lutherbilder. Nur Albrecht Dürer, der Luthers Lehren seit 1520 anhing und wünschte, ihn abbilden zu dürfen, fehlt aus unbekannten Gründen. Man vermutet eine hohe Dunkelziffer verschollener Lutherbilder aller Art.Günter Schuchardt: Cranach, Luther und die Bildnisse. Thüringer Themenjahr „Bild und Botschaft“ Katalog zur Sonderausstellung auf der Wartburg, 2. April bis 19. Juli 2015. Schnell & Steiner, Regensburg 2015, ISBN 978-3-7954-2977-5, S. 9. Neben vielfach kopierten Totenmasken und Handabgüssen entstanden Totenbilder wie das von Lucas Furtenagel.

Die von Cranach d. Ä. geprägten Luthertypen wurden im Laufe der Jahrhunderte jedoch nicht nur kopiert, sondern auch interpretiert. So nahmen Künstler Luther für die eigene historische Situation und Position affirmativ oder kritisch in Anspruch. „Erkennbar wird die Geschichte einer Nation im Spiegel der Bildnisgeschichte eines Individuums.“ (Albrecht Geck) Auf einem Bildnis Gottfried August Gründlers (1710–1775) erscheint Luther z. B. als milde lächelnder Pietist. Johann Martin Preissler (1715–1794) bildete ihn als Aufklärer ab, Ludwig Emil Grimm (1790–1863) als romantisches Genie, Karl Bauer (1868–1942) als Visionär des Kaiserreiches, Otto von Kursell (1884–1967) als ,Nationalsozialisten‘. Darstellungen aus der DDR zeigen ihn als Parteigänger der Herrschenden. Aktuellere Bearbeitungen verwenden Luther als Werbeträger (BILD-Zeitung) oder als Medium digitaler Kunstwerke (Matthias Missfeldt). Marc Taschowskys (geb. 1973) Ölgemälde, das Luther als mediales Icon darstellt, entstand für die Recklinghäuser Ausstellung „Luther im Visier der Bilder“ im Jubiläumsjahr der Reformation 2017.

Verschiedene Bildmerkmale kennzeichnen bestimmte Aspekte seiner Biografie: Luther als Mönch (mit Tonsur und Mönchskutte), Theologe (mit Doktorhut), Junker Jörg (mit Vollbart), Ehemann (mit Katharina von Bora), Prediger bzw. Kirchenvater (in schwarzem Gewand, mit Buch oder Schriftrolle), Professor (in SchaubeDie Schaube, sie wurde vorn stets offen getragen, war ein verbreitetes Kleidungsstück im 16. Jahrhundert, vor allem bis um 1550. Als Herrenkleidungsstück war sie anfänglich knöchellang, nahm aber seit 1510 allmählich in der Länge ab und reichte später nur noch bis knapp über die Knie. Verbreitet waren sowohl ärmellose Schauben als auch solche mit Armschlitzen. Letztere ermöglichten es, den Ärmel unterhalb des Ellenbogens lose herabhängen zu lassen, so dass das darunter getragene Wams zum Vorschein kam. Das Schulterstück war glatt, daran wurde der Stoff in Falten angesetzt. Der Kragen war oftmals mit Pelz verbrämt und reichte nicht selten bis über die Schultern. Obwohl die Schaube über dem Untergewand getragen wurde, war sie in ihrer Funktion kein Mantel, den man im Haus ablegt; vielmehr trug man sie als Obergewand, das in Kombination mit den Untergewändern eine Art Garnitur bildete. mit Pelzkragen).Johannes Ficker: Die Bildnisse Luthers aus der Zeit seines Lebens. In: Lutherjahrbuch. 1934, S. 103–161.

Häufig findet sich der Schwan als Attribut auf Lutherbildern,Lutherbilder mit Schwan nach einer Überlieferung, der zufolge Jan Hus vor seiner Verbrennung beim Konzil von Konstanz gesagt haben soll: „Heute verbrennt ihr eine Gans (tschechisch hus), aber in hundert Jahren kommt ein Schwan, den müsst ihr singen hören“.Die Prophezeiung wird sehr unterschiedlich zitiert. Luther selbst bezog sie auf sich ().

Im 19. Jahrhundert trugen massenhaft hergestellte Lutherbilder zu einem national-heroischen Lutherimage bei.Regine C. Hrosch: Das Bild als historische Quelle? Abbildungen zur Reformation in Geschichtsbüchern. Dissertation. Universität Oldenburg, 2006. Vielerorts entstanden Lutherdenkmäler, die ihn als unbeugsamen Lehrer der biblischen Wahrheit zeigen.

Kunstaktion mini|Kunstaktion Der nackte Luther „Luthers Ratschläge gegen die Juden hat Hitler genau ausgeführt“ in Nürnberg 2023

Die Kunstaktion Der nackte Luther widmete sich der Rolle von Luther und dem „Beitrag des christlichen Judenhasses zum Holocaust“. Sie zeigte eine Luther-Plastik mit geöffnetem Mantel. Auf der Vorderseite steht die Aufschrift „Luthers Ratschläge gegen die Juden hat Hitler genau ausgeführt“ und auf der Rückseite werden sieben von Luther empfohlene Maßnahmen aus seinem Werk Von den Juden und ihren Lügen zitiert. Sie wurde von der Giordano-Bruno-Stiftung zum 500-jährigen Reformationsjubiläum im Jahr 2017 und bei anderen Anlässen gezeigt.

Film

Seit der Stummfilmzeit wurde Luthers Biografie mehrfach verfilmt und war Gegenstand mehrerer Dokumentationen. Der bisher neueste Spielfilm Luther (2003) stellt sein Leben vom Ordenseintritt 1505 bis 1530 dar. Martin Luther – Ein Leben zwischen Gott und Teufel, ebenfalls aus dem Jahr 2003, ist eine bekannte Dokumentation.

Theater